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Ausgabe:

1926 Nr. 18

Spalte:

471-474

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Teeuwen, St. W. J.

Titel/Untertitel:

Sprachlicher Bedeutungswandel bei Tertullian 1926

Rezensent:

Koch, Hugo

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471

Theologische Literaturzeitung 1926 Nr. 18.

472:

Theologie anzusprechen ist", oder grundsätzlicher gesagt
, wie Theologie als Wissenschaft „möglich" sei.
Darüber „sind die Akten heute weniger als je geschlossen
. Alles, was heute wir Alle treiben, sind Notarbeiten
einer Übergangszeit". Man wird noch schärfer
sagen müssen: Darüber sind die Akten niemals geschlossen
, und recht verstanden ist alle wissenschaftliche
Arbeit eine solche der Übergangszeit. Denn sie ist eingeordnet
in den niemals abgeschlossenen dialektischen
Prozeß, in dem sich wissenschaftliche Erkenntnis und
wissenschaftliche Wahrheit gestaltet. Aber diese Einordnung
begründet auch die Gültigkeit ihrer Erkenntnis.
Wohl kann und darf sich der Glaube in diesen fortschreitenden
Gang niemals einordnen — um so schärfer
aber ist zu betonen, daß auch die Theologie sich diesem
Prozeß einfügen kann und muß, will sie Wissenschaft
sein. Es fruchtet deshalb nichts auf die „Vorläufigkeit"
der Forschungsarbeit hinzuweisen, vollends nicht wenn
diese Vorläufigkeit währen soll „bis zum Auftreten
des großen Mannes der diesen Zustand überwinden
soll". Alle Erkenntnis ist grundsätzlich „vorläufig",
sie ist es als Ausdruck des dialektischen Prozesses, aber
eben ihre Vorläufigkeit ist ihre Gültigkeit und Notwendigkeit
. Fern aber ist diesem Prozeß alle Erkenntnis,
die auf den Glauben sich begründet als der „allein entscheidenden
" Voraussetzung, weil der Glaube diesem
Progressus selbst fern ist. Sie ist deshalb niemals „ein
Korrektiv für die historische Forschung"; sie ist glaubensmäßige
Wertung und Deutung, aber nicht wissenschaftliche
Forschung. Das mindert ihren eigentümlichen
Gehalt und Sinn nicht, es weist ihm nur den
ihm gebührenden Ort an. Das mindert auch den eigentümlichen
Wert dieser Schrift nicht. Was sie geben
kann, das gibt sie mit starkem Impuls, aber sie gibt es
wie andere Dokumente des Glaubens oder auch der
Kunst geben, die persönliche Förderung und den persönlichen
Trieb zu dem eigenen Werk des Forschers,
das seinen eigenen Gesetzen Untertan bleibt.

Noch eine Frage bleibt kurz zu berühren. Es könnte scheinen,
als sei damit „das Verbot einer prinzipiell nach-denkenden und
selbst-denkenden Exegese überhaupt" ausgesprochen, für das Barth
„taube Ohren zu haben" erklärt. Doch das Gegenteil ist der Fall.
Denn gerade eine Exegese, die auf den Glauben als letzte Instanz
sich beruft, verzichtet darauf, prinzipiell, d. h. den Prinzipien der
Forschung gemäß „nach- und selbstzudenken". Ihre Erkenntnis ist,
weil sie glaubensbestimmt ist, eben Glauben, Handeln, sie bedeutet
jene persönliche Entscheidung, von der Barth wiederholt in beredten
Worten spricht. Historische Erkenntnis aber bedarf deren nicht als
eines „Korrektiv" sie braucht nur die Besinnung auf ihre eigenen
methodischen und sachlichen Grundlagen. Ihre Aufgabe ist es, „darzustellen
, wie es eigentlich gewesen ist". Jedes Wort dieser alten
Rankeschen Dcfiniton, die von jedem historischen Posifivismus weit
entfernt ist, ist von Wichtigkeit. Nicht das Gewesensein bestimmt
ihren Gegenstand allein, sie muß auch wissen und sagen können, was
dieses „Es" in sachlichem Sinne ist, das da gewesen ist. Sie muß
im Geschichtlichen den unverlierbaren sachlichen Gehalt bestimmen,
um seine Geschichtlichkeit fassen zu können; aber sie darf es nicht
durch Setzung des Glaubens, sondern auf methodisch gesichertem
Wege. Dann, aber auch nur dann ist sie, um auf den Gegenstand
des 1. Korintherbriefes zurückzukommen, „prinzipiell nach- und selbstdenkende
Exegese", der Barthschen Forderung gemäß. So viel eine
Exegese des Glaubens an ihrem Orte zu geben vermag, so sehr sie
auch die Liebe und den Enthusiasmus zu eben dem Gegenstande des
Glaubens in Geschichte und Gegenwart zu wecken imstande ist —
und das vermag auch die Erklärung Barths in hohem Maße zu tun
— so scharf bleibt sie auch von einer wissenschaftlichen und das
heißt in weitestem, aber auch bestimmtesten Sinne einer historischen
Exegese geschieden.

Breslau. Ernst Lohmeyer.

Teeu wen, Gymn.-Lehrer Dr. St. W. J.: Sprachlicher Bedeutungswandel
bei Tertullian. Ein Beitrag z. Studium d. christl. Sondersprache
. Paderborn: F. Schöningh 1926. (XVI, 147 S) gr. 8°. =
Studien z. Gesch. u. Kultur d. Altertums, 14. Bd., Heft 1.

Rm. 8—.

Tertullian hat durch sein Schrifttum für die lateinische
Kirchensprache bahnbrechend gewirkt. Es war
darum ein glücklicher Gedanke, an der Hand seiner
Schriften den Bedeutungswandel mancher Wörter und

die gesellschaftlichen und seelischen Ursachen, die zu
dieser Begriffsumbildung und damit zu einer christlichen
Sondersprache' geführt haben, an ausgewählten
Beispielen aufzuzeigen. Der Verf. leistet diese Aufgabe
unleugbar mit großem Verständnis und voller Beherrschung
der Schriften des afrikanischen Meisters. Nachdem
er sich über die Sprache Tertullians im allgemeinen
geäußert, das Vorhandensein einer christlichen Sondersprache
bei ihm nachgewiesen und ihre Ursachen und
Quellen dargelegt hat, zeigt er an einer stattlichen Zahl
von Beispielen, wie Wörter aus der Allgemeinsprache,
aus der Rechtssprache, aus der Soldatensprache und
aus andern Sondersprachen unter dem Einfluß christlichen
Denkens und Fühlens eine besondere Bedeutung
erhalten haben, die sich meistens auf die Folgezeit vererbt
hat, in einzelnen Fällen aber auch Sondergut Tertullians
geblieben ist. Dabei entwickelt er eine Reihe
trefflicher Beobachtungen, z. B. über passio, crux, con-
tesserare, confiteri und negare, confessor, designatus.
candidatus und Candida u. a. Ausgezeichnet sind seine
Darlegungen über ,statio' (S. 101 ff.), worin er zeigt,

I daß- mit diesem Wort von Anfang an neben dem Begriff
des Fastens bezw. Halbfastens der einer gottesdienst-

I liehen Versammlung verbunden war. Darüber freilich,
ob diese oder die andere Bedeutung vorherrschte, äußert
er sich schwankend, fast sich widersprechend (S. 109.
113 A. 1. 115). In der Herleitung' der ,statio' von der
Synagoge trifft übrigens Baumstark (S. 119 f.) mit
Bonsirven zusammen (Rech, de Science relig. 1925,
S. 258—266). S. 35 macht T. mit Recht darauf aufmerksam
, daß Tertullian wenig der Kultussprache entnommen
hat, und er sieht in dieser Tatsache einen
Fingerzeig dafür, daß er nicht Priester gewesen sei.
Seine Unterscheidung aber von Christenlatein als
der Umgangssprache der Christen schlechthin und
Kirchenlatein als der amtlichen und liturgischen
Sprache (S. 8 ff.) scheint mir nicht recht durchführbar
zu sein, da die Grenzen zu fließend sind. Wohin gehören
z. B. Schriften wie Tertullians de baptismo u. de paeni-
tentia, die aus Lehrvorträgen erwachsen sind, oder die
cyprianischen Traktate, die mehr oder weniger Predigten
waren? Wenn man hier unterscheiden will, dann
muß man noch mehr unterscheiden und von einer
Sprache der Liturgie und des Kultus, des Rechts und
amtlichen Verkehrs, der Predigt und Katechese, der
Theologie, des täglichen Lebens reden. Aber auch da
können natürlich die Grenzen nicht scharf gezogen werden
, da die Begriffe, Vorstellungen und Bilder von einem
Bereich ins andere hinüber- und herübergehen und auch
in der Christensprache des Alltags nachklingen. S. 7 A. 4
bekämpft T. die herrschende Ansicht, daß Tertullian der
eigentliche Schöpfer der lateinischen Kirchensprache
sei, u. a. mit dem Hinweis auf den Anteil der ältesten
lateinischen Bibelübersetzer. Um so mehr hätte er Anlaß
gehabt, den Vorgang der Bibel öfters anzuführen als er
es (z. B. zu confiteri und negare S. 81 f.) tut, so S. 20
bei ,magnalia' (vgl. Act. 2, 11 u. a.), S. 44 f. bei
,passio' im Sinne von Leiden bis zum Tode' (vgl. Act.
1, 3. 3, 18. Luk. 22, 15 u. a.), S. 45 A. 2 bei ,lignum'=
Kreuz. (Mit diesem ,lignum', §vlov, verbindet sich seit
Irenäus die Erinnerung an den verhängnisvollen Baum
des Paradieses bezw. den Lebensbaum). Zu ,dormire' (S.
43) wäre neben Joh. 11, 11 auf 1. Thess. 14, 12ff„ Act.
7, 60 zu verweisen. Das Verhältnis der ecclesia', zu den
,ecclesiae' ist nicht in seiner urchristlichen Tiefe erfaßt
(S. 60). Am widerspruchvollsten aber sind die Ausführungen
über „pax" (S. 62 ff.), weil sie von dem theologischen
Vorurteil ausgehen, daß Tertullian in de paenit.
eine kirchliche Wiederaufnahme bezeuge. Zwar hat T.
richtig beobachtet, daß ,pax' — übrigens ebenso ,com-
municatio' und ,eommunicare — nie in de paen., wohl
aber in de pud. vorkommt. Daraus folgert er nun aber,
daß der Gebrauch dieses Wortes bei "Tertullian unter
dem Einfluß seiner montanistischen Anschauungen stehe,
obwohl er gleich in einer Anmerkung (S. 62 A. 2) bei-