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Ausgabe:

1926 Nr. 17

Spalte:

453

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Liertz, Rhaban

Titel/Untertitel:

Harmonien und Disharmonien des menschlichen Trieb- und Geisteslebens 1926

Rezensent:

Winkler, Robert

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453

Theologische Literaturzeitung 1926 Nr. 17.

454

wir aus der heutigen, allen Vernünftigen zum Ekel gewordenen
Parteimisere herauskommen. Was den politischen
Individualismus in allen seinen Schattierung beherrscht
, vom Liberalismus bis zur Demokratie und
zum Sozialismus, das ist ja doch die Negation, die Furcht
vor dem Staate, der dabei als Staat natürlich gar nicht
begriffen ist. Was wir brauchen, ist die Bejahung des
Staates, der kategorische Wille zum Staate; dann
werden alle individualistischen Parteiprogramme und
Staatsgebilde zusammenfallen und wird der „wahre
Staat" von selbst erstehen, der Staat der Staatsgesinnung
und nicht irgendwelcher leerer Formen. Freilich, werden
wir zu diesem Staatswillen noch erwachen?

Der Verf. erweckt uns am Schlüsse seiner Darstellung eine
Hoffnung (S. 146ff.). Der Wille zum Staate setzt das Bewußtsein
der Gemeinschaft voraus, das allem Individualismus notwendig verschlossen
ist. Dieses Bewußtsein aber sieht der Verf. erwachen in
der Jugendbewegung, in der er selbst einmal gestanden hat und von
der er eine interessante und anziehende Darstellung gibt. Sie erscheint
ihm als Trägerin eines neuen Lebens, eines neuen Zusammengehörigkeitssinnes
, eines neuen geschichtlichen, nationalen und vor allem auch
religiösen Bewußtseins. Und darin sieht er gerade eine Gewähr für
seine Hoffnungen; denn weit entfernt von einer bekannten Richtung
der neuesten protestantischen Theologie und Religionsphilosophie, die
„die Beziehung zwischen Religion und Kultur, Religion und Staat,
Religion und Volkstum überhaupt" leugnet, glaubt der Verf. mit
Hegel an die Gemeinschaft des Menschen mit Gott im absoluten Wesensgrunde
(S. 182) und an die Fruchtbarkeit der religiösen Gesinnung
für alles Leben und Wirken des Menschen. Und so schließt
diese treffliche Arbeit mit der wohlbegründeten Ansicht, „daß eine
religiöse Erziehung in diesem Sinne die stärksten Antriebe zum
sittlichen Handeln gibt und damit auch die Staatsgesinnung weckt,
die in der Arbeit und im Leben für das Ganze die Erfüllung unseres
Berufes in der Welt erblickt". Und so erscheinen ihm schließlich,
und wir stimmen ihm darin zu, Luther und Hegel als die Rettungsanker
, an die wir das Schifflein unserer Zukunftshoffnung anbinden
müssen.

Göttingen. Julius Binder.

Liertz, Dr. med. Rhaban: Harmonien und Disharmonien des
menschlichen Trieb- u. Geisteslebens. München : J. Kösel tv.
Fr. Pustet 1925. (VII, 257 S.) 8°. Rm. 3.75; geb. 5—.

Das Buch enthält nach einem einleitenden Vortrag über pastoralmedizinische
Krankenseelenkundc fünf Abhandlungen mit den Themen:
1. Über das Triebleben des Menschen; 2. Aus dem Bereich des Selbsterhaltungstriebes
; 3. Über einige seelenkundige Fragen aus dem Wirkungsbereich
des menschlichen Liebeslebens; 4. Besinnliches zum
Charakterbild des Neurotikers; 5. Über die Abhängigkeit der seelischen
und leiblichen Vorgänge. Sie haben sämtlich das Grenzgebiet des
Körperlichen und Seelisch-Geistigen zum Untersuchungsgegenstand und
stehen unter dem gemeinsamen Leitgedanken, daß bei Behandlung derartig
Kranker „Heilwissenschaft und Gotteswissenschaft zusammenarbeiten
müssen". Im Gegensatz zum psychophysischen Parallclis-
mus mit seiner Behauptung vom bloßen Nebeneinanderherlaufen
geistig-seelischer und körperlicher Vorgänge wird unter Anführung
von beachtenswertem Beobachtungsmaterial die These von einer
geistig-körperlichen Wechselwirkung vertreten. Dann darf aber dem
Seelsorger zwecks wirkungsvoller Beeinflussung der Seele eine gründliche
Kenntnis ihrer leiblichen Grundlage und der allgemeinsten
Richtlinien für ihre sachgemäße Behandlung nicht gleichgiltig sein.
Und hier will der bekannte Nervenarzt dem Seelsorger eine Handhabe
bieten. Vom katholischen Standpunkt aus geschrieben kann das für
medizinische Laien berechnete Buch auch dem evangelischen Seelsorger
wertvolle Anregungen für ersprießliche Arbeit an Seelenkrankcn geben,
um so mehr, als die Gebundenheit an die römisch-katholische Dog-
matik, wie sie sich in den Voraussetzungen zeigt, sich in der Darbietung
von Beobachtungen und ihrer wissenschaftlichen Verarbeitung
nicht weiter auswirkt.

Heidelberg. Robert W i n k 1 e r.

Matth es, D. Heinrich: Christus-Religion oder philosophische

Religion ? Zugleich Grundzüge d. Wesens d. evangel. Christentums.
Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 1925. (110 S.) S°.

Rm. 3—.

M. will unserem Geschlecht zum Bewußtsein
bringen, daß Christusreligion und philosophische Religion
verschiedene Dinge sind. Es handele sich um ein
EntWeder-Oder. Er selbst steht zur „Christusreligion"1;
ejn großer Teil seiner Schrift ist dem Nachweis ihrer
Überlegenheit gewidmet. Zu diesem Zweck setzt er
sie in Beziehung zu Volksbildung, Kunst, Moral, Wirtschaftsleben
, Sozialismus und Freiheit; wozu bemerkt
werden muß, daß eine schärfere systematische Ordnung
zu wünschen wäre. Stärker noch arbeitet Abschnitt
7: „Christus-Religion und Philosophie" das
Wesen der ersteren heraus, indem er ihre drei großen
Gewißheitsgründe darlegt: der erste kommt aus der
göttlichen Offenbarung in der in objektiver Wirklichkeit
vor uns liegenden Geschichte (vor allem in
Christus), der zweite aus den Wirkungen des Geistes
Jesu in unserem inneren Leben, der dritte aus der Kraft
der Lebens- und Weltgestaltung, die von ihr ausgeht.
Bei dieser Gesamthaltung kommt natürlich alles darauf
an, was man unter den beiden in Gegensatz gestellten
Größen versteht. M. denkt bei philosophischer Religion
vor allem an pantheistische und mystische Frömmigkeit
, aber auch den Deismus bezieht er ein. Die
Christus-Religion aber ist ihm diejenige, „in der das
Heilige und Ehrfurchtgebietende bei Jesus erlebt
wird". Dazu wäre viel zu sagen. Ich kann den Begriff
„philosophische Religion" nicht als völlig deutlich
anerkennen; die Tatsache, daß M. ihr sehr verschiedene
Religionsarten zuweist, scheint darauf zu
weisen, daß hier noch manches zu klären bleibt. Vielleicht
würde sich dabei ergeben, daß weder Pantheismus
noch Mystik eigentlich als „philosophische Religionen"
zu bezeichnen sind; Hauptwort wie Eigenschaftswort
stimmen nicht ganz. Daß bei den Darlegungen über
das Wesen der Christusreligion an manchem Punkt
Widerspruch einsetzen kann, versteht sich für den, der
die ungeheure Schwierigkeit dieses Problems erwägt,
von selbst. Aber M. will ja nicht die eigentlich wissenschaftliche
Erörterung fortführen; er will unmittelbar
praktisch wirken; und dazu können seine lebhaft und
warm geschriebenen, gerade die praktische Kraft der
Christusreligion sehr nachdrücklich hervorhebenden Ausführungen
trefflich helfen. Sie treffen in eine Situation,
die jede solche Hilfe dankbar begrüßen läßt. Daß die
Schrift mit sehr zahlreichen Zitaten zumal aus der zeitgenössischen
Literatur durchsetzt ist und sich mit oft
genannten modernen Wortführern auseinandersetzt, ist
besonders hervorzuheben. Eine Fülle von Anmerkungen
verweist auf verwandte und gegnerische literarische Erscheinungen
; ein Namenregister fehlt nicht.

Breslau. M. S c h i a n.

Sternberg, Kurt: Die Geburt der Kultur aus dem Geiste
"der Religion. Entwickelt an Gerhart Hauptmanns Roman „Die
Insel der Großen Mutter oder das Wunder von He des Dames".
Berlin-Grunewald: Dr. W. Rothschild 1925. (VII, 92 S.) 8°.

Rm. 3—; geb. 4.80.

Die Religionswissenschaft darf an Gerhart Hauptmanns neuem
Roman nicht vorübergehen. Zwar erscheint es mir zweifelhaft, ob der
Dichter mit diesem Werk eine Religionsphilosophie geben will; auch
läßt er, wie stets, seine eigene Stellung zu den letzten Dingen in einer
eigentümlich schillernden Unklarheit. Ohne Frage aber sind zahlreiche
religionsphilosophische Gedanken in den Roman verwoben, und
jedenfalls werden viele „Gebildete" sich aus ihm ihre Anschauung über
Entstehung und Bedeutung der Religion holen. Zur Erhebung des
„religionsphilosophischen" Gehaltes aus dem Roman ist obige Schrift
ein brauchbarer Führer. Nur möge man sie — eine wohl nicht ganz
überflüssige Ermahnung! — nicht vor dem Roman selbst lesen. Sie
stellt die religionswissenschaftlichen Anschauungen, die in dem Werk
liegen, klar und rational heraus; zuweilen holt sie allerdings auch
etwas heraus, was der unbefangene Leser wirklich nicht darin finden
kann; überhaupt hinterläßt eine solche intellektualistische Zerpflückung
eines Kunstwerks einen peinlichen Eindruck. Daß Hauptmann die
Berechtigung der Religion in ihrer kulturschaffenden Bedeutung sieht,
verwundert uns nicht, da er ja, als Naturalist sowohl wie als Romantiker
, ein Dichter der Kultur ist. Daß damit aber die Religion eine
hohe Bewertung erfahre (wie St. meint), können wir nicht finden. Die
Kultur geht hier wohl (genetisch) aus der Religion hervor, wird aber
(kritisch) der Religion übergeordnet, wenn Wert und Sinn der
letzteren in ihrer kulturschaffenden Bedeutung gefunden wird. Auch
das unwürdige Motiv des Ganzen und die vielfache Ironie (hinter
der nach St. heiliger Ernst "stehen soll!) lassen auf eine niedere
Bewertung der Religion schließen: die Religion ein Irrtum, der ganz
gute Wirkungen hat! Der Aufriß erinnert an Comte und Spencer.
Heidelberg. W. Knevels.