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Ausgabe:

1926 Nr. 17

Spalte:

448-449

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Gilg, Arnold

Titel/Untertitel:

Sören Kierkegaard 1926

Rezensent:

Geismar, Eduard

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Theologische Literaturzeitung 1926 Nr. 17.

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erstens, daß mir hier die Betrachtung von der Hineintragung
moderner Fragestellung nicht frei zu sein
scheint, sodann, daß die ganze evangelische Bekenntnisbildung
, an deren Quelle wir hier stehen, ein Versuch
ist, gegenüber dem Katholizismus das „Wesentliche",
d. h. das Unentbehrliche und absolut Gewisse des
Christentums von dem neuen Kernverständnis aus festzustellen
; drittens, daß man, wenn man vom Aufwerfen
der Wesensfrage im Abendmahlsstreit reden will, m. E.
den befreienden Fortschritt nicht so ausschließlich auf
Seiten des humanistisch gebildeteren Zwingli sehen und
dem Humanismus gut schreiben sollte. Die größere
humanistische Bildung konnte auch — ebenso wie die
Rücksicht auf die politische Lage — zu einer Trübung
der religiösen Erkenntnis, mithin einer Verkennung des
„Wesentlichen" führen. So war es doch wohl:
schriftgebunden waren beide, Zwingli und Luther, aber
beide legten die Schrift anders aus, Zwingli seiner
Vorbildung entsprechend „geistiger", auch das Abendmahl
nach Joh. 6, 63, mit der Gefahr des Bloß-Subjektiven,
beide sahen aber auch die Verbindung des Abendmahles
mit dem „Kern" des Evangeliums, der Sündenvergebung,
verschieden eng, Luther nach Matth. 26, 28 sehr viel
enger, mit der Gefahr des Rein-Objektiven, und hielten
danach Verschiedenes für „wesentlich" oder besser unentbehrlich
zu der Menschen Seligkeit. Hätte es sich
etwa um die Prädestination gehandelt, wie später zwischen
Calvin und Boise, wer weiß, ob nicht, bei ebenso
ursprünglich gleicher Stellungnahme Luther dem philosophisch
und religiös hier gebundeneren Zwingli
gegenüber sich als der freiere gezeigt hätte, und die
Differenz für „unwesentlich" d. h. die brüderliche Gemeinschaft
nicht aufhebend angesehen hätte, trotz de
servo arbitrio, wenn nur peccatum, lex et gratia festgehalten
wurde? Was Köhler S. 837/38 selbst als Verbindung
der beiden Standpunkte in der Abendmahlsfrage
für die Gegenwart gibt, ist schön; in der Tat,
auf beiden Seiten war wesentliche Wahrheit.

Da die große Stoffmasse in den 14 Kapiteln, die
sich wieder in vier Hauptkomplexe gliedern lassen
(Zwingli bis 1525, die Lage vor dem Kampfe, der
Streit bis zu Luthers Eingreifen und die direkte Auseinandersetzung
), völlig übersichtlich vor uns ausgebreitet
wird und außerdem ein Schlußkapitel Gang und Ergebnis
vollständig zusammenfaßt, so wird man dem Verfasser
den Vorwurf nicht machen können, daß er dem
Leser die Durcharbeitung des starken Bandes nicht erleichtert
habe. So selbstverständlich es ist, daß, wer auf
lutherischem Bekenntnisboden groß geworden ist, an der
starken dem Verfasser übrigens bewußten und sachlich
begründeten Hervorhebung Zwingiis zu überwinden hat
— es wird keinem noch so überzeugten Lutheraner
schaden, wenn er die S. 838 f. ausgesprochenen Gedanken
sehr ernst beherzigt und sich vornehmlich des
Gemeinschaftscharakters des Abendmahles erinnert, der,
sicher urchristlich, von Zwingli und den Seinen hochgehalten
und gerettet, bei den Lutheranern aber sehr zum
Schaden der Sache rasch zurückgedrängt wurde. Ist es
nicht überhaupt eine unabweisbare Forderung, nachdem
erst Luther, dann Calvin von vielen Seiten in neue, kraftvolle
und fruchtbare Bearbeitung genommen ist, ebenso
den dritten der großen Reformatoren, der in vieler Beziehung
zwischen jenen beiden steht, und doch eine
Figur für sich ist, auch von deutscher Seite nachdrücklicher
in den Kreis der Forschung aufzunehmen? Freilich
wird man dann wünschen müssen, daß die Neuausgabe
der Werke Zwingiis rascher fortschreitet. In
diesem Zusammenhang wird es gewiß willkommen sein
zu hören, daß der Verein für Reformationsgeschichte
soeben eine große als Festschrift der Basler theo!.
Fakultät gedachte Edition der „Briefe und Akten zum
Leben Oekolampads" (durch Staehelin) in Druck gegeben
hat und daß in allernächster Zeit der erste Briefband
der Melanchthon-Supplementausgabe (bis 1528,
durch Otto Clemen) erscheinen wird.

Heidelberg. H. von Schubert.

Gilg, Arnold: Stiren Kierkegaard. München: Chr. Kaiser 1926.
(VIII, 231 S.) gr. &°. Rm. 5—; geb. 6.50.

Mit großem Interesse habe ich dieses Buch über
Kierkegaard gelesen, namentlich die ersten 173 Seiten.
Es kommt mir vor, als ob das Werk nicht aus einem
Guß sei. Dieser erste Teil läßt die ethischen Probleme
in den Vordergrund treten; die zwei letzten Stücke,
„Die Sünde" und „Offenbarung und Glaube" heben nur
die dogmatischen Gesichtspunkte hervor. Und es kann
nicht genügend betont werden, daß es für die Auffassung
von Kierkegaards Lebenswerk das Allerwichtigste ist,
das Dogmatische und das Ethische in eine ganz enge
Beziehung zu einander zu stellen. Bei ihm hat kein Gedanke
Bedeutung, der nicht in Handlung übersetzt werden
kann und soll. Die völlige Einheit dieser beiden
Seiten ist das eigentümlichste bei Kierkegaard.

Der Mangel in dieser Beziehung hat nun seine
Entschuldigung darin, daß weder die erbaulichen Schriften
noch die Tagebücher denen zugänglich sind, die
nicht dänisch lesen können. Doch hängt dieser Mangel
auch damit zusammen, daß der Verfasser die Tatsache
| lange nicht scharf genug als Problern empfindet, daß
I Kierkegaards Leben mit dem Angriff auf die Kirche
| endete, der durch viele Jahre gereift war. Hätte Gilg
| eindringlicher dieses Problem gefühlt, dann hätte er auch
i darstellen müssen, auf welche Weise dieser Angriff
| von den dogmatischen Anschauungen bedingt ist, weil
I grade diese dogmatischen Anschauungen bei Kierkegaard
als Lebensbasis der Christen verstanden werden:
Der Schmerz Gottes, der in Philosophischen Brocken
hervorgehoben wird, wird, wenn Christus Lebensbasis
des Christen wird, der innere Schmerz, der einem das
ganze Leben fern rückt; und wenn diese weltferne
Lebensstimmung die Grundstimmung der heutigen
Christen nicht ist, dann muß Kierkegaard urteilen, daß
das neutestamentliche Christentum nicht da ist.

Diese Vorbemerkungen dürfen nicht verschleiern,
daß der weitaus größte Teil des Werkes das Wesen
Kierkegaards dem Leser sehr packend darstellt. Sein
Leben wird in dem ersten Abschnitt erzählt, und alles
wesentliche wird hervorgehoben.

Doch wenn S. 8 erzählt wird, daß der Vater Kierkegaards
Mynster als Beichtvater gehabt hat, dann ist diese Behauptung in
Streit mit der Tatsache, daß der alte Mann sich grade nach einem
Beichtvater gesehnt hat und daß er sich vor keinem Menschen zu
offenbaren wagte. In der Darstellung der Zeit, wo Kierkegaard sich
beinahe vom Christentum getrennt hatte, wird es nicht genügend gewürdigt
, daß die Bewegung von der religiösen Seite angefangen ist.
Das Zerwürfnis mit dem Christentum hat ihm auch den festen moralischen
Halt geraubt (S. 21—23). Die Rolle, die Hamann für seine
Lehensentwickelung gespielt hat, wird nicht genau gekennzeichnet;
und ebenso wenig die Bedeutung, die der dänische Schriftsteller Poul
Martin Möller gehabt hat. In der Anordnung des Stoffes hätte das
ganze an Klarheit gewonnen, wenn die Magisterarbeit vor der Verlobung
behandelt worden wäre; deren Gedanken rühren von der Zeit
vor den Leiden der Verlobung her; und durch eine solche Anordnung
wäre der innige Zusammenhang der Schriflstellcrci mit der Verlobung
noch deutlicher geworden. Hätte der Verfasser die Entstehungsgeschichte
Enten-Ellcrs gekannt, wie P. A. Heiberg sie entdeckt hat,
dann hätte er diesen Zusammenhang auch in seiner Bedeutung für das
Verständnis der Pseudonymität würdigen können. Übrigens ist grade
die Erklärung der Pseudonymität sehr gut gelungen; ebenso die Beschreibung
der Wirkung des Corsarangriffes. Dagegen ist die überaus
große Bedeutung, die die Beschäftigung mit dem Fall Adler gehabt
hat, nicht vom Verfasser aufgefaßt worden; sonst hätte er gesehen, wie
grade durch alle diese Gedanken die Spannung zwischen Kierkegaard
und der bestehenden Kirche mächtig gesteigert ist, und wie das
Pseudonym Anticlimacus aus der Not dieser Oedanken entstanden ist.

Der nächste Abschnitt, „Die Stadien des Ästhetischen
und Ethischen" liest man mit großer Freude.
Überall ist das Rechte getroffen.

Nur an einer Stelle scheint mir die Betonung ein wenig falsch
zu sein. Der Aufsatz über die soziale Klugheitslehre ist nicht so humoristisch
aufgefaßt, wie sie gemeint ist; sie ist, neben der Bedeutung,
die mit Recht hervorgehoben ist, auch ein Waffe gegen die Langeweile
, die für den Ästhetiker eigentümlich ist, ein ästhetisches Genießen
der fatalen Langeweile. Oberhaupt ist mehr Einheit in das
ästhetische Meinung gebracht, als nach Kierkegaards Meinung darin ist.