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Ausgabe:

1926 Nr. 16

Spalte:

425-426

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Harnack, Adolf v.

Titel/Untertitel:

Die Briefsammlung des Apostels Paulus und die anderen vorkonstantinischen christlichen Briefsammlungen 1926

Rezensent:

Dibelius, Martin

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425

Theologische Literaturzeitung 1926 Nr. 16.

426

Bei mehrfachem Lesen dieses eigenartigen Schrifttums
und besonders des Qinzä ist mir immer stärker zum
Bewußtsein gekommen, wie nahe es sich inhaltlich mit
der urchristlichen Literatur und Geisteswelt berührt.
Nur um den Eindruck zu vermeiden, als handle es sich
um vereinzelte Anklänge, verzichte ich darauf, Proben
aus meiner Sammlung vorzulegen. Aber im Neuen Testament
ist von den Synoptikern bis zur Apokalypse hin
kaum ein Buch ausgenommen. Und über seine Grenzen
hinüber erstreckt sich die Verwandtschaft auf die apostolischen
Väter, besonders Ignatius von Antiochien. Bis
diese Beziehungen alle erkannt, richtig bestimmt und
religionsgeschichtlich ausgewertet sind, wird es noch
eindringender Arbeit bedürfen. Es geht nicht an, sich ihr
entziehen oder ihre Bedeutsamkeit abschwächen zu
wollen, indem man das Alter der mandäischen Schriften
bemängelt. Am wenigsten ist das einer Zeit gestattet,
die immer wieder, und zwar mit Recht, den Talmud
samt Zubehör als eine Hauptquelle für unser Verständnis
des Urchristentums empfiehlt. Machen wir Ernst
mit der Ausbeutung unserer Schriften, so werden wir
für zahlreiche heute noch unerledigte Probleme der
frühchristlichen Religionsgeschichte mindestens neue
Möglichkeiten der Lösung gewinnen, uns freilich auch
vor Fragen gestellt sehen, die es bisher nicht gegeben
hat. Für beides wäre es von größtem Wert, wenn L.
sich entschließen wollte, auf Grund seiner für niemand
sonst erreichbaren Quellenkenntnis die mandäische Religion
auf dem Hintergrund ihrer Zeit darzustellen.
So sehr wir begreifen, daß man mandäermüde werden
kann, so herzlich bitten wir ihn, seinem Werke diese
Krönung und uns diese Gabe nicht zu versagen.

Göttinnen. W. Bauer.

Harnack, Adolf v.. Die Briefsammlung des Apostels Paulus
und die anderen vorkonstantinischen christlichen Briefsammlungen
. Sechs Vorlesungen aus d. altkirchl. Literaturgeschichte.
Leipzig: J. C. Hinrichs 1°2(>. (VII, 87 S.) gr. 8°. Km. 3.60.

In einer Reihe von Gastvorlesungen an der Universität
München hat Adolf von Harnack das interessante
Thema der altkirchlichen Briefsammlungen unter literar-
geschichtlichem Gesichtspunkt behandelt. Mit der durchsichtigen
Klarheit, wie sie nur eine „meisterliche" Beherrschung
des Stoffes ermöglicht, mit weiser Abgrenzung
des Sicheren und des Problematischen und mit
jugendlicher Elastizität im Aussprechen neugewonnener
Erkenntnisse und im Setzen neuer Ziele untersucht H.
die erhaltenen Sammlungen: Paulus, Ignatius, Cyprian,
und dazwischen diejenigen, von denen wir uns nach erhaltenen
Resten wenigstens eine Vorstellung zu machen
vermögen: Dionysius von Korinth, Origenes, Dionysius
von Alexandria. Während bei der Behandlungader Paulusbriefe
einzig die literarischen Fragen im Vordergrund
stehen, hat H. aus wohl verständlichen Gründen bei den
anderen Themen eine Charakteristik der Autoren gegeben
; die unausbleibliche Folge ist, daß das bescheidenere
literarische Thema im Bewußtsein des Lesers
etwas zurückgedrängt wird. Gerade diese Abschnitte aber
bilden die eigentlichen Glanzpartien des Buches, und
ich wäre der letzte, der die meisterliche Charakteristik
Cyprians missen möchte, des Schriftstellers von hoher
Vollendung der Sprache, der doch durch seine Gedankenbildung
eine verhängnisvolle Wirkung hervorgebracht
hat und in dem „die langsam sich vorbereitende Identifizierung
von Christlichkeit und Kirchlichkeit durch
einen gewaltigen Sprung nahezu zum Abschluß gekommen
ist".

Die literarische Frage des Themas ist, wie begreiflich
, am ausführlichsten bei Paulus behandelt. Neben
Erkenntnissen, die H. schon früher vorgetragen und begründet
hat, findet man hier allerlei neue Bemerkungen
ausgesprochen: der katholische Charakter des Präskripts
im 1. Kor.-Brief wird aus den Tendenzen der Sammlung
erklärt, die in Korinth veranstaltet wurde, und 1. Kor.

voranstellte; mit diesem Präskript wird die Katholizität
der ganzen Sammlung behauptet. Unseren zweiten Ko-
rintherbrief hält H. jetzt, nicht zuletzt durch Windischs
Kommentar überzeugt, für eine Zusammenarbeirung von
zwei Korintherbriefen; dagegen nimmt er gegen die Abtrennung
des letzten Römerbrief-Kapitels ausdrücklich
Stellung. Außer der Entstehung der Sammlung wird
auch ihr späteres Schicksal und die Frage ihrer Kanonisierung
berücksichtigt.

Was ich an diesem grundlegenden Teil vermisse, ist
eine Behandlung der Publikationsfrage. Ich weiß natürlich
, daß sich hier wenig sagen läßt, aber ich meine,
gerade ein Vergleich mit den späteren Briefsammlungen
der christlichen Kirche müßte die Erwägung
dieses Problems nahe legen. Denn es ist für die Geschichte
der Paulusbriefe sehr wichtig zu wissen, ob
sie wie gebildete Bücher „auf den Markt" (wenn auch
nur den begrenzten Markt der christlichen Gemeinschaft)
kamen oder ob ihre Verbreitung zunächst Sache der privaten
Vermittelung war. H. hält den Austausch zwischen
Kolossä und Laodicea nicht für den Anfang einer Sammlung
der Paulusbriefe; er denkt an eine planmäßige Zusammenstellung
in Korinth und nicht an ein allmähliches
Wachstum. Gerade dann erhebt sich die Frage, ob die
Urheber der Sammlung etwa — abgesehen von dem
Nutzen für die Gemeinden — auch schon biographischliterarische
Interessen an der schriftlichen Hinterlassenschaft
des Apostels hatten und ob sie dementsprechend
für „literarische" Verbreitung Sorge trugen. Wenn dem
so wäre — ich bin vorläufig nicht davon überzeugt —,
dann würde die Sammlung der Paulusbriefe als literarisches
Ereignis den späteren entsprechenden Vorgängen
innerhalb der alten Kirche näher stehen als wir bisher
glaubten. Dann müßten wir uns das Zustandekommen
der Sammlung ähnlich denken wie es uns im Fall der
Ignatiusbriefe durch Polykarp bezeugt ist. Andernfalls
aber stellt das Begehren der Philipper nach Ignatiusbriefen
aus Interesse an der Person des Schreibers und
am Briefinhalt einen Einzelfall dar, der dadurch erklärlich
wird, daß der Charakter der Ignatiusbriefe sehr
gleichartig und die Briefsituation immer nahezu dieselbe
ist.

Mit der Frage der Publikation hängt die Frage der
Falsifikate eng zusammen. Dionysius von Korinth mußte
es erleben, daß Exemplare der wahrscheinlich von ihm
selbst veranstalteten Ausgabe seiner Briefe durch Auslassungen
und Zusätze verfälscht wurden. Hier wäre

! wichtig zu wissen, wie man sich den Umlauf dieser
Exemplare vorstellen soll. Und noch wesentlicher erscheint
es mir, die Situation mit den Verhältnissen

[ zur Zeit des Paulus zu vergleichen. Was man zu Lebzeiten
des großen und weithin angesehenen Bischofs

wagte, sollte das zu Lebzeiten oder gleich nach dem
Tode des Paulus unmöglich gewesen sein? Die Organisation
der Christenheit war noch nicht so weit vorgeschritten
, daß jede Fälschung sofort hätte entdeckt werden
können. H. schließt aus 2. Thess. 3, 17 und 2, 2,
daß Paulus selbst mit der Möglichkeit gefälschter Briefe
rechnet. Dann ist es aber auch gut möglich, daß eine
Generation nach dem Tode des Paulus Falsifikate in die
Sammlung der Paulusbriefe Aufnahme fanden, und ich
sehe nicht recht ein, daß man von da aus, wie es H. tut,
die Pseudonymität von Eph. bestreiten kann.

Diese Desiderien sollen die Wichtigkeit des literarischen
Problems der Briefsammlungen bezeigen. Sie
bestätigen zugleich den Wert des von H. eingeschlagenen
Verfahrens, die altkirchlichen Sammlungen mit einander
zu behandeln. Sie zeigen aber auch, daß hier noch
mancherlei Fragen zu beantworten sind; und das gilt
auch von verwandten Problemen der altchristlichen Literaturgeschichte
. Es ist sehr erfreulich, daß H. selbst uns
im Vorwort die Fortsetzung dieser Studien verspricht.
Heidelberg. Martin Dibelius.