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Ausgabe:

1926 Nr. 16

Spalte:

424-425

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Lidzbarski, Mark (Übers.)

Titel/Untertitel:

Ginza, Der Schatz oder das Buch der Mandäer 1926

Rezensent:

Bauer, Walter

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Theologische Literaturzeitung 1926 Nr. 16.

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blems von streng „konservativem" Standpunkt aus, in
gewisser Weise ein Gegenstück zu Jacksons Werk. Auch
dieser Verfasser ist nicht wenig von der deutschen Theologie
abhängig, in der Position ebenso wie in der Negation
. Die Männer, mit denen er sich besonders auseinandersetzt
, sind Bousset, Holtzmann, Heitmüller, Eduard
Meyer — neben ihnen vor allem noch Loisy —; die,
deren Spuren er am stärksten folgt, sind Zahn, Schlatter,
Bernhard Weiß, teilweise auch Procksch.

Damit ist ungefähr der Standpunkt des Verfassers
gekennzeichnet, der in oft selbständig gewendeter Begründung
dargelegt wird. Er hält den vierten Evangelisten
für einen palästinischen Juden, für einen Mann
aramäischer Muttersprache, für aus Gründen sowohl der
inneren Kritik wie der Tradition mit dem Zebedaiiden
identisch. Das Evangelium ist von diesem als altem
Mann in Ephesus verfaßt. Die Legende von dem frühen
Martyrium des Johannes — die ja in der Tat auf außergewöhnlich
schwachen Füßen steht — wird abgelehnt,
ebenso die „Grundschrift"- und andere Quellenhypothesen
. Die „johanneischen" Schriften, auch Evangelium
und Apokalypse, gehören demselben Verfasser an.
Weder Erzählung noch Redestil der drei ersten und des
vierten Evangeliums schließen sich aus, die Unterschiede
in beiden sind vielmehr aus der verschiedenen Situation
zu erklären. Für die Beurteilung der Erzählung ist
wesentlich, daß dies Evangelium nicht zu missionarischen
Zwecken, sondern für die Gläubigen verfaßt ist. Während
das Interesse bei der synoptischen Erzählung überwiegend
in die Darstellung des irdischen Lebens Jesu gelegt
ist, liegt es bei Johannes „not only in the historic
truth to which its writer makes solemn claim, but in the
inspired interpretation which he places upon his narra-
tive". Worum es sich handelt, ist: „spiritualising of
historic fact without impairing its actuality"; das Evangelium
ist: „a meditation rather than a set narrative, an
old man's reproduction of an ever-living and unfor-
gotten past, the record of a personal experience" (S.
134). Das Problem der Reden, das heißt vor allem, das
Problem der Identität von Verfasserstil in Evangelium
und Briefen und Christusstil, wird als Problem durchaus
anerkannt. Würde es bei einem der Synoptiker, die der
Geschichte Jesu relativ nahe stehen, in annähernd ähnlichem
Ausmaße begegnen, so erschiene es auch Nolloth
unerträglich. Hier dagegen scheint es ihm durch den
starken zeitlichen Abstand gemildert. Dazu kommt aber
wieder, daß der Evangelist auch bei den Reden ein völlig
von dem der Synoptiker verschiedenes Ziel hat. „There
was no need for another Sermon on the Mount, or of
a repetition of the one which we possess. The Fourth
Evangelist had other ends in view. His mind played
round the mystery of his Master's Person; Who and
whence He was; His relation to the Father and its signi-
ficance and bearing upon the salvation of men, with the
call it made upon them. It was these deeper aspects of
his subject, suggested by actual words of Christ, that
arrested the Evangelist's attention and constitute a mar-
ked contrast to the general character of Synoptic reports
of His teaching" (S. 169).

Selbstverständlich bleibt für die Beurteilung des
Buches die eigene Stellung des Beurteilers zur johanneischen
Frage nicht ohne Einfluß. Wer, wie der -Referent,
die Grundpositionen Nolloth' in der Hauptsache für
richtig hält, wird sich seiner ruhigen und besonnenen,
dazu in der Polemik vornehmen, Darstellung freuen.
Besonders wertvoll sind die Kapitel über die johanne-
ische Theologie. Sie soll nicht erschöpfend umschrieben,
sondern nur ihre Einordnung in das geschichtliche Entstehungsbild
des Evangeliums versucht werden: aus
der Abwehr des beginnenden Doketismus heraus entsteht
die für das johanneische Christusbild charakteristische
Spannung zwischen krasser „humanity" und
ganz ebenso stark unterstrichener „deity" Christi. Bedenken
habe ich gegen die starke Betonung des palästinischen
Hintergrundes der Logosphilosophie. Mindestens
der Zusammenhang mit dem „Memra Jahwes" ist
nach Billerbecks großem Exkurs im zweiten Bande seines
Kommentars, sowie nach G. F. Moore's Feststellungen
in Harv. Theol. Rev. XV (1922) kaum noch festzuhalten.
Ebenso wünschte ich, der Verfasser hätte mit etwas geringerer
Selbstverständlichkeit die ephesinische Herkunft
des Evangeliums behandelt und neben ihr auch der
antiochenischen Möglichkeit den ihr gebührenden Platz
gelassen. Die neuesten „mandäischen" Wendungen der
johanneischen Frage (Bultmann, Bauer2) sind ihm noch
nicht bekannt.

Greifswald. Gerhard Kittel.

Ginzä, Der Schatz oder das Buch der Mandäer. Übers, u. erkl. v.
Mark Lidzbarski. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht; Leipzig:
J. C. Hinrichs 1925. (XVIII, 619 S.) 4°. = Quellen d. Religionsgeschichte
, Gruppe 4, Bd. 13. Rm. 36—; geb. 39.60.

Mit der Verdeutschung der beiden Teile des Ginzä
hat Lidzbarski seine Übersetzung der mandäischen Literatur
beendet. 1905 und 1915 haben wir das „Johannesbuch
der Mandäer" erhalten, zuerst den Urtext in den
eigentümlichen Schriftzügen der Mandäer, dann die
Übertragung. 1920 erschienen „Mandäische Liturgien",
der Grundtext diesmal in hebräischen Lettern gedruckt.
' Das Hauptwerk, der „Schatz", macht jetzt den Beschluß
; doch hat sich L. in diesem Fall auf die Mitteilung
des deutschen Wortlautes beschränkt, über dessen
textliche Unterlage er p. XIV f. Auskunft erteilt. Nunmehr
ist das gesamte erhaltene mandäische Schrifttum,
soweit es Anspruch auf allgemeine Teilnahme erheben
kann, den für Rcligionsgeschichte interessierten Kreisen
zugänglich geworden.

Von den Lesern dieser Zeitschrift wird schwerlich
viele die Lust anwandeln, die philologische Seite der
Leistung L.s einer kritischen Prüfung zu unterziehen.
Wer ein paar Seiten aus dem bequem lesbaren Urtext der
Liturgien, etwa unter Zuhilfenahme von Nöldekes Man-
däischer Grammatik (1875) durchstudiert, wird sich einen
ausreichenden Eindruck von der Schwierigkeit wie
von der Gründlichkeit der Arbeit L.'s verschaffen können
und sich voll Vertrauen seiner Führung überlassen.
Eingehende Register, zahlreiche Noten unter dem Strich
und zusammenfassende Erörterungen vor dem Ganzen
der Bücher wie vor den einzelnen Stücken erleichtern es
dem Leser, zu folgen. Dabei ist der Druck von musterhafter
Übersichtlichkeit und geradezu erstaunlich frei
von Versehen. Die dichterischen Stücke sind in Verszeilen
abgesetzt.

Die nicht sehr umfangreiche Einleitung zum Ginzä
(p. V—XVII) streift, frühere Untersuchungen weiterführend
, einige die Mandäer und ihre Religion betreffende
Fragen und endet mit dem Hinweis auf gewisse
Probleme, die zunächst der Erledigung bedürfen. Es
„sind genaue Untersuchungen darüber wünschenswert,
inwieweit bestimmte Wörter und Wendungen sich nur in
einzelnen Schriften finden. Man wird dann vielleicht
gewisse Traktate zu Gruppen vereinigen können, vielleicht
auch Anhaltspunkte für eine chronologische Anordnung
einer Anzahl von Schriften gewinnen" (XVI f.).
Es ist nicht das geringste Verdienst von L.'s Übertragung
, daß sie so exakt gearbeitet ist, daß man auf
ihrer Grundlage ohne jede Besorgnis in derartige sprachliche
Untersuchungen eintreten kann. Soweit das überhaupt
möglich ist, ersetzt die deutsche Gestalt wirklich
die Urform.

Die Erledigung solcher philologischer und literar-
kritischer Fragen bildet die notwendige Voraussetzung
für eine genaue Ermittlung des Inhaltes der mandäischen
Schriften sowie der Art der durch sie bezeugten Religion
. Hierfür wird die Forschung stets dankbar die Arbeiten
von W. Brandt zu Rate ziehen. Aber eine wirkliche
Nutzbarmachung des weitschichtigen Stoffes hat ihr
doch erst L. ermöglicht. Auch die neueren bahnbrechenden
Untersuchungen Reitzensteins haben, soweit sie sich
auf die mandäischen Schriften stützen, L.s Übersetzungen
zur Grundlage.