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Ausgabe:

1926 Nr. 1

Spalte:

413-415

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Graebner, Fritz

Titel/Untertitel:

Das Weltbild der Primitiven 1926

Rezensent:

Bertholet, Alfred

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Theologische Literaturzeitung 1926 Nr. 16-

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kanern, so auch einigen andern von Eindruck werden,
so landen sie gewiß nicht bei der Religion, auch nicht
bei der Mystik, sondern beim Spiritismus, oder allenfalls
bei der Anthroposophie!

Es gehört mit zu den Seltsamkeiten des Buchs, daß
es von der Anthroposophie, mit deren Anschauungen
die seinen eigentlich am meisten sich decken, gar-
nichts weiß. Manche Züge freilich an dem vorliegenden
psychologisch-spiritualistischen Panentheismus, die, bei
denen der Autor sich besonders gern auf den jetzt stark
erörterten Jakob Boehme, auf den deutschen Idealismus
und auf Fechners Metaphysik beruft, mögen auch für
bestimmte theologische Tendenzen, die einmal wieder
lebendig werden könnten, nicht ohne Interesse sein. —
Den eigentlichen Vater dieser seiner Grundanschauung
, W. James (vgl. auch dessen Methode der
„ausgezeichneten Fälle") verleugnet Mattiesen sehr zu
Unrecht halb und halb in seinem Vorwort. Die Grundidee
eines pluralistischen Idealismus, bei dem die Einbrüche
aus der höheren Welt (die religiösen Erfahrungen
) aus dem und über das „Unterbewußte" des Menschen
erfolgen, ist bei Mattiesen einfach von James
übernommen. Wenn James, selbst halb Spiritist, die Mat-
tiesensche metapsychische Untergründung dieser
Position nicht besonders betont und ausgeführt hat,
so war er sicher der überlegenere Geist. Denn grade
hierdurch wird nun Mattiesen mit seiner theoretisieren-
den Scholastisierung der Parapsychologie zu jener zweiten
, oben schon deutlich gewordenen Seite seiner Grundposition
geführt, die man nur als phantasienreiche',
abstruse und verworrene spiritistische und anthroposo-
phische Ausweitung und Verzerrung seines pluralistischen
Idealismus und Panentheismus bezeichnen kann.
So zeigt sich bis zum Schlußresultat, daß das Unternehmen
schon im Grundansatz verfehlt ist. Die Religion
ist nur einseitig und extrem verzerrt gefaßt. Es
entsprechen dem die gewählten Methoden. So werden
die „Rettungen des jenseitigen Menschen" in keinem
Lager die gewünschte Anerkennung finden. Der Theologie
können sie jedenfalls nur zeigen, daß auch sie das,
was sie ihrerseits braucht, freilich weder eine Meta-
psychologie der Mystik, noch eine Religionspsychologie
, sondern eine eigentliche „Phänomenologie1
des Glaubens", trotz der Ansätze von Girgensohn noch
nicht besitzt. Auch in den wissenschaftlichen Hinsichten,
um die es sich hier handelt, wird die Selbstdarstellung
und Selbstbehauptung (nicht „Rettung") der Religion
nicht auf dem Wege über ihre zersetztesten, dekadentesten
und zweifelhaftesten Erscheinungen, sondern nur
auf dem Weg über ihre letzten Höhen gefunden werden.
Greifswald W. Koepp.

1) Nicht etwa im erkenntnistheoretischen Sinn, sondern in Fortführung
der Religionspsychologie und „vergleichenden" religionsgeschichtlichen
Arbeit als „kritisch-reale Wesensschau".

Graebner, Prof. Fritz: Das Weltbild der Primitiven. Eine
Untersuchung d. Urformen weltanschaulichen Denkens bei Naturvölkern
. Geschichte der Philosophie in Einzeldarstellungen. Abt. I.
Das Weltbild der Primitiven und die Philosophie d. Morgenlandes.
Bd. I. Mit 4 Karten z. Genealogie d. Kulturformcn. München:
E. Reinhardt 1924. (173 S.) 8°. Rm. 3—.

Graebncrs Buch bietet mehr, als was sein Titel erwarten
lassen könnte. Wenn man unter „Weltbild" gerne
die Vorstellungen des Menschen von Bau und Ordnung
des äußeren Weltganzen versteht, so steckt sich Gr. hier
das weitere Ziel, vom Standpunkt einer kulturgeschichtlichen
Richtung in der Ethnologie aus in die Tiefe
menschlicher Geisteskultur überhaupt zu leuchten, indem
er den Versuch unternimmt, die in philosophisches
Denken ausmündenden Gedankengänge bis auf die Anfänge
des Menschentums zurück zu verfolgen.

Dabei erhebt sich als erste und wichtigste Frage die,
<>b die ältesten Formen menschlicher Weltanschauung
alle durch die gleichen Denkformen zu Stande gekommen
sind oder nicht. Gr. vertritt die Ansicht, daß
die Kulturformen der Naturvölker nicht Phasen einer

sondern mehrerer verschiedenartiger Entwicklungen darstellen
. Darnach ergibt sich die Einteilung seines Buches.
Er unterscheidet die folgenden „Weltanschauungen":

a) die magische der Primitiven (Sammler und Jäger),
vertreten durch Australier und Buschmänner (Kap.I);

b) die animistische der älteren Bodenbauvölker (mutterrechtliche
Kulturen) in Melanesien (älteste Form im
Osten, jüngere in Neu-Guinea), in Südostasien, in
Inner-Afrika (Kongogebiet mit einem Küstenstreifen bis
Senegambien), in Süd-Amerika (Tiefländer des Amazonenstroms
und Orinoco), in Nord-Amerika (Pueblo-
Indianer, Irokesen, Maskoki u. s. w.) (Kap. II); c) die
Persönlichkeitsweltanschauung der vaterrechtlichen Kulturen
(Malayopolynesier, afrikanische Viehzüchter, Indo-
germanen, Semitohamiten) (Kap. III); d) die schama-
nistische der Arktiker (Kap. V); e) die Weltanschauung
älterer Hochkultur als Verquickung mehrerer älterer Kulturen
(Kap. VI). Dazwischen handelt Kap. IV über Weltanschauungen
und Sprachen, wobei Gr. nachzuweisen
versucht, wie die Verschiedenheit der zwei hauptsächlichen
Sprachtypen inbezug auf ihre psychologische
Grundlage der Verschiedenheit vater- und mutterrechtlicher
Kulturen entspricht. Wenn er in diesem Zusammenhang
das Chinesische als Paradigma der Objektiv
-, das Arabische als dasjenige der Subjektivsprache
verwendet, so ergibt sich daraus (wie aus Kap. VI) übrigens
, wie wenig auch das Wort „Primitive" im Titel
dieses Buches in engstem Sinne gefaßt sein will.

Gr.'s Buch zeigt, wie souverän sein Verfasser das
ethnologische Material beherrscht. Ich kann mich freilich
des Eindruckes nicht erwehren, daß er ihm einem gewissen
Schematismus zu liebe gelegentlich etwas Gewalt
antut. Zwar ist er wohl im Recht, wenn er mit der Ansicht
Ernst macht, es sei das Mutterrecht niemals eine
allgemeine Erscheinung in der gesamten menschlichen
Kultur, sondern stets auf ganz bestimmte Kulturformen
beschränkt gewesen. Ich weiß aber nicht, ob der Kreis
mutterrechtlicher Kulturen nicht weiter zu ziehen ist als
Gr. will. Ich würde es (entgegen S. 52) z. B. für Arabien
annehmen. Abgesehen von dem Material, das namentlich
Rob. Smith zum Beweis zusammengetragen hat, fällt
mir auf, wie in arabischen magischen Formeln, in denen
sich doch wohl uraltes Gut erhalten haben dürfte, der
Name der Mutter eine Rolle spielt (vgl. Doutte, Magie
et Religion dans l'Afrique du Nord 1908, S. 61 f. 299).
Namentlich aber überspannt Gr. m. E. die Differenzierung
der religiösen Kultur innerhalb des Vater- und des
Mutterrechtlichen. Schon den Zusammenhang von
(mutterrechtlicher) Bodenbaukultur und Totenglauben
bezw. animistischen Vorstellungen scheint er mir zu
hoch anzuschlagen, hat doch für die Entstehung einer
animistischen Weltanschauung die räumliche Nähe der
Ruhestätten der Toten ungleich weniger zu besagen als
die von der Seßhaftigkeit unabhängigen Erfahrungen von
Traum und Sterben. Und wenn er gelegentlich (S. 110)
von der „früheren unanimistischen Vorstellung" der
Inder spricht, die nach ihm auf Seiten der vaterrechtlichen
Kultur stehen, so ließe sich jener Ausdruck z. B.
an Hand des Werkes von Oldenberg: Die Religion des
Veda3 (nam. S. 523 ff.) doch wohl an einer Fülle von
Beispielen widerlegen. Ist andererseits der Totemismus
wirklich eine vaterrechtliche Bildung (S. 54)? Gr. gibt
freilich selber zu (S. 55), daß es auch mutterrechtlichen
gebe; er hält aber den Nachweis für gelungen, daß die
vaterrechtlichen Formen vermutlich die älteren seien
(ebenda). Wie verhält sich indessen dazu, daß man bereits
auf der folgenden Seite wieder von den „älteren
mutterrechtlichen Kulturen" liest (S. 56)?

Trotz solcher Fragezeichen, mit denen ich verschiedene
Ausführungen Gr.'s zu versehen hätte (ich würde
z. B. auch das Verbrennen nicht zu den ältesten Be-
stattungsarten zählen, S. 98 f.), betone ich gerne die
vielen wertvollen Anregungen, die sein Buch auch dem
Religionshistoriker bietet, wäre es nur schon, daß es mit
seiner scharfen Scheidung vater- und mutterrechtlicher