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Ausgabe:

1926

Spalte:

409-413

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Mattiesen, Emil

Titel/Untertitel:

Der jenseitige Mensch 1926

Rezensent:

Koepp, Wilhelm

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Theologische Literaturzeitung

Begründet von Emil Schürer und Adolf von Harnack
Herausgegeben von Professor D. Emanuel HlFSCh unter Mitwirkung von
Prof. D. Dr. G. Hölscher, Prof. D. Hans Lletzmann, Prof. D. Arthur Titius, Prof. D. Dr. G. Wobbermin

Mit Bibliographischem Beiblatt in Vierteljahrsheften, bearbeitet von Priv.-Doz. Lic. theol. Kurt Dietrich Schmidt, Göttingen
Jährlich 26 Nrn. — Bezugspreis: vierteljährlich Rm. 9.—. — Verlag: J. C. Hinrichs'sche Buchhandlung, Leipz.ig.

lahffT M«- ih Manuskripte und gelehrte Mittellungen sind ausschließlich an Professor D. Hirsch in Göttingen, 7 Aiirriisf 1076

Olm Jdiirg. iu. 10. Bauratgerberstr. 19, zu senden, Rezensionsexemplare ausschließlich an den Verlag. ' • MUgUal I ?L).

Spalte

Mattiesen, Der jenseitige Mensch (Koepp) 409

Graebner, Das Weltbild der Primitiven
(Bertholet)............, . . . . 413

Scherke, Über das Verhalten der Primitiven
zum Tode (Ders.)..........415

Sydow, Ahnenkult und Ahnenbild der
Naturvölker (Ders.)............416

Hölscher, Die Ursprünge der jüdischen
Eschatologie (Volz)............417

Spalte

Levy, Wörterbuch über die Talmudim und

Midraschim (Kittel)............ 418

Midrash Sifre on Numbers (Ders.)..... 419

Hebrew Union College Jubilee Volume (1875

bis 1925) (Dalman)............ 420

Bchm, Pneumatische Exegese? (Oepke) . 420

Nolloth, The Fourth Evangelist (Kittel) 422
G i n z ä, Der Schatz oder das Buch der

Mandäer (Bauer) ............. 424

Spalte

Harnack, Die Brielsammlung d. Apostels
Paulus u. die anderen vorkonstantinischen
christlichen Briefsammlungen (Dibelius) . 425

Müller, Die religiöse Frweckung in Württemberg
am Anfang d. 19. Jahrh. (Bossert) 427

K a d e , Schleiermachers Anteil an der Entwicklung
des preullischen Bildungswesens
von 1808- 1818 (Wehrung).......427

Pfennigsdorf, Das Problem des theologischen
Denkens (Ders.)........429

Mattlesen, Dr. Emil: Der jenseitige Mensch. Eine Einführung
in die Metapsychologie der mystischen Erfahrung. Berlin: W. de
Oruyter & Co. 1925. (VIII, 815 S.) gr. 8°. Rm. 28—; geb. 30—,

Das umfangreiche Buch ist ein Zeugnis für eine
große Belesenheit in 1. dem naturalistischen und sub-
jektivistischen Psychologismus und seinen Religionstheorien
, 2. der mystischen Weltliteratur unter Bevorzugung
der katholischen Mystik und der englisch-amerikanischen
Ervveckungsfrömmigkeit, 3. der jungen, erst
halb fertigen Wissenschaft der Parapsychologie und
Parapsychophysik. Diese drei Gebiete werden in der
Tendenz zusammengefaßt, über die teilweise doch nur
vorläufig zureichenden herkömmlichen naturalistischen
Religionstheorien hinaus auf dem Wege über die grade
der ausgesprochenen Mystik aller Religionen gern anhangenden
okkulten Tatsachen Zugänge zu eröffnen zu
einer ergänzenden und vertiefenden metapsychologischen
Betrachtung der religiösen Erfahrungen, die
im Begriff des „jenseitigen Menschen" als eines nicht nur
der Erdenwelt abgewandten, sondern einer tatsächlichen
höheren objektiv-realen Überwelt zugewandten Menschen
gipfelt. Es handelt sich also um eine die „binnenpsychologischen
" Religionstheorien sprengende „Nutzbarmachung
der parapsychologischen Tatsachen", um
„die Einführung der Metapsychik in die Religionspsychologie
durch eine entschlossene positive Arbeit". Der
Verfasser glaubt alles Ernstes, in der Welt der Parapsychologie
und Parapsychophysik „die einzige Tatsachenwaffe
" in der Hand zu haben, die „den Vertreter
des Naturalismus schließlich zur Aufgabe seines Standpunktes
zwingen" kann!

Schon bei dieser rohen Skizzierung legen die erheblichsten
Einwände gegen den Ausgangspunkt des
Ganzen sich nahe. Weniger noch würde ich dazu rechnen
die fast radikale Unkenntnis oder doch Nichtachtung
der theologischen Literatur, die seltsam von der sonstigen
Belesenheit des Verfassers absticht. Zur Orientierung
über das Christentum werden nur die Vertreter der
älteren religionsgeschichtlichen Fortdeutung des Christentums
: Carus, Robertson, Smith, Lublinski, Drews mit
ihren zwischen 1900 und 1910 liegenden Schriften
empfohlen. Die neueren mehr astralmythologischen Veröffentlichungen
von Drews sind unbekannt [S. 325 A;
vgl. daneben die ganz anders orientierten Hinweise auf
O. Holtzmann S. 119 und 280]. Das möchte immerhin
sein! Aber im engsten Zusammenhang damit steht als
ganz schwere sachliche Aussetzung, daß der Verfasser
neben der mystischen und der mystisch interpretierten
flisch - methodistisch - erwecklichen Religiosität den

großen Strang der prophetischen und Neutestamentlichen
„Glaubens"frömmigkeit überhaupt nicht kennt. Die
ganze Welt der Neutestamentlichen Frömmigkeit wird
allenfalls einmal ganz gelegentlich gestreift. Von Paulus
ist, wenn ich recht sehe, überhaupt nie die Rede. Von
Luther wird, abgesehen vom zweimaligen Zitat eines
nicht grade besonders eigentümlichen Wortes, nur eine
psychasthenische Analyse seiner Angstzustände im Kloster
(natürlich!) versucht. Selbst eine in manchem der Tendenz
des Autors doch so entgegenkommende Gestalt
wie Blumhardt ist offenbar unbekannt. Der Verfasser
steht der ganzen „Glaubenslinie" in der Geschichte der
Frömmigkeit mit einem solchen Unverständnis gegenüber
, daß er die Dinge überhaupt nicht sieht, daß er an
der der Mystik weit überlegenen Höchstform der christlichen
Frömmigkeit völlig vorübergeht.

In den einleitenden Kapiteln wird zunächst der Umkreis der
wichtigsten Arten mystisch-religiösen Lehens abgesteckt. Bei den erwecklichen
wie bei den Vergottungserfahrungen liegt das psychologische
Charakteristikum in den seelischen Spaltungserscheinungen
(altes und neues Ich; Ich-Lösung; Entselbstung; Entbindung einer
jenseitigen seelischen Haltung in der Bekehrung) und in den naheliegenden
Erfahrungen von einer ichfremden und doch ichverwandten
„Gegenwärtigkeit". Für all dies hat die moderne Tiefenpsychologie aus
profanen Parallelen die Lehren von der Mehrstöckigkeit des Seelenlebens
, von den unterbewußten Komplexbildungen und abnormen Persönlichkeitsspaltungen
bereit. Die höchste Steigerung findet das
mystische Leben in den deutlich anormalen Zuständen des mystischen
Rausches, in dem Ich und Welt verlöschen, in den Visionen und
Automatismen, bei denen der neue unterbewußte seelische Fremdkomplex
in das Wachleben sich einmischt, und in den Höchstformen der
Exstase, als der „zweiten Phase neuer Persönlichkeitsbildung, und der
Vergottung, als einer Art abschließender Dauer-Exstase. — Man kann
schon hieraus ersehen, in welchem Sinne nun in der ersten großen
Hauptkapitelreihe des Buches die naturalistisch-psychologistischcn Religionstheorien
der Gegenwart zu Worte kommen. In immer neu sich ablösenden
Versuchen soll hier zum mindesten das krasse religiöse Erleben
auf krankhaft-pathologische Vorgänge der Seele zurückgeführt
werden, als rein subjektiver Natur, als unterschwellige Binnenbildung
rein innerhalb der mystischen Persönlichkeit. Alie Möglichkeiten von
der mystischen Jenseitigkeit als Wahnerkrankung, oder als Psychas-
thenie, oder mit der „tiefer grabenden" psychanalytischen Deutung als
hysterischer Maskierung höchst natürlicher Seeleneinstellungen und
Seelenstrebungen, sei es der Kindlichkeit, oder der Primitivität, oder
der Weiblichkeit, oder des seelischen Zwittertums, oder der eigentlichen
Geschlechtlichkeit, oder der sozialen Reifung, werden sorgsam
durchgesprochen. Die ursprüngliche, engere, rein sexuale Theorie
Freud's wird zu einer erweiterten Theorie von der Libido im Sinn
des allgemeinen Lebens-, Liebes- und Schaffenstriebes, wie schon vielfach
, umgewandelt [vgl. Kap. XXVI] und in dieser Form in der
Religionspsychologie für weithin anwendbar erklärt. — Schließlich ist
bei allen Theorien das Urteil das Gleiche: Viel läßt sich durch sie
deuten; aber anderes im mystischen Leben widersetzt sich hartnäckig

410

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