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Ausgabe:

1926 Nr. 1

Spalte:

22-23

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Spranger, Eduard

Titel/Untertitel:

Psychologie des Jugendalters 1926

Rezensent:

Goltz, Eduard Alexander

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Theologische Literaturzeitung 1926 Nr. 1.

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stehender ontologischer Tendenz hat die aristotelische
Logik nur als formalistische Urteilslogik sich ausgewirkt.
Kant erobert durch die transzendentale Logik das Gebiet
des Gegenständlichen zurück, und Fichte versucht die
Kluft zwischen Dingen und Vorstellungen bei Kant zu
überwinden, indem er den Begriff selber als durch
Tätigkeit des Ich erzeugten Gegenstand auffaßt. Aber
alle Setzung ist fragmentarisch und setzt ein unbestimmtes
Anderes mit. So hat auch das Fichtesehe Denken an
sich selber seine Grenze, und die Romantik langt aus
nach dem .,Chaos außerhalb des Systems". In kurzen
Abschnitten über Novalis, Goethe und Sendling entrollt
Verf. die Tendenzen der romantischen Philosophie,
um dann in Hegel den Denker zu finden, der die Fülle
des romantischen Ideen-Chaos erlebt hatte und sie im
System „aufzuheben" unternahm.

Der Begriff innerhalb der Hegeischen Philosophie
wird nunmehr vom Verf. in seinen drei Phasen als Verstandesbegriff
, als Idee und als Geist entwickelt. Die
logische Gestalt der Begriffe hält ein Aggregat von
Bestimmungen fest. An dem Aggregat die Ganzheit zu
entdecken ist Aufgabe der Vernunft. Wo aber die Ganzheit
entdeckt ist, da bedarf sie selber „einer Anderen,
aus dem sie sich als Gestalt heraushebt". Also „das
Ganze ist nicht mehr Alles". Dem Denken ist damit die
Aufgabe gestellt wieder „alles" zu werden. In dem der
Geist diese Aufgabe erkennt, erkennt er sich selbst als
das absolute Ich jenseits des Zwiespalts leh-Nicht ich
und als das Apriori aller möglichen Gegenstände. Insofern
ist Hegels Philosophie zugleich Metaphysik und
Metalogik. Verf. schließt, in dem er durch den von ihm j
herausgearbeiteten Gehalt des Hegeischen Denkens den j
Ausgangspunkt, das „Chaos außerhalb des Systems" zu |
deuten unternimmt. Die Spannung zwischen dem ver- j
standesmäßigen Begreifen und der Identitätsphilosophie, j
die die Ganzheit jenseits aller Gegensätzlichkeit meint, j
löst sich für den Verf. nicht theoretisch, sondern in i
einem „Weltverhalten", einem nicht in vergegenständlichenden
„Zustand"'. Auf dieses Weltzustündliche durch
Aufweis der Problematik der Gegenständlichen hinzudeuten
ist die Aufgabe der Philosophie. In diesem Sinne
bekennt sich Verf. zur Philosophie des absoluten Idealismus
im Gegensatz zu dem Idealismus, der das Ganze
durch die Funktion theoretischer Synthesis aufbauen
will. Damit hat Verf. sachlich an die Schwelle
seines anderen bereits 1922 erschienenen Werkes über die
ethisch-politische Persönlichkeit der Philosophen geführt.

Die mit Scharfsinn geschriebene, prägnante Schrift
führt tief in das Problem des Metalogischen hinein, um
das Chaos außerhalb des Begriffs nicht vergewaltigend
zu bändigen, sondern ihm aufgeschlossen und denkend
seinen Sinngehalt abzugewinnen.

Die Arbeit ist eine systematische Arbeit. Sie will
den Gehalt des Hegeischen Denkens erfassen. Verf.
findet diesen diesseits des Panlogismus der „Logik",
des „theoretischsten" Werkes von Hegel, wo die überlogische
Ganzheit bereits wieder logisiert ist. In der
Anknüpfung an den jüngeren Hegel ist auch die Möglichkeit
gegeben über den Quietismus der rein kontemplativen
Philosophen hinwegzukommen zu einer kontemplativen
, d. h. Sinngehaltserfassung, die, des ewig
Einen zuständlich gewiß, gerade auch das Handeln sinngebend
zu normieren unternimmt. Dringlich meldet
sich hier das vom Verf. nicht erörterte Problem des
Bosen. Der nüchterne Realismus der Geschichtsphilosophie
Hegels wird nicht in den Bereich der Erörterung
gezogen. Die Eule der Minerva, die am Abend ihren
Flug beginnt, erkennt den absoluten Geist in den Spannungen
der Wirklichkeit. Ist aber das Absolute nur zuständlich
gegeben und allein die Spannung gegenständlich
, so wird der absolute Idealismus selber von einer
Dialektik durchsetzt, die anstelle der von Glockner versprochenen
„Versöhnung" die Tragik nicht nur des
Denkens, sondern auch des „Weltverhaltens" setzt. Verf.
spricht von der Tragik des Gegenstandes. Hinter der

von ihm aufgewiesenen Versöhnung lauert die Tragik
des Subjekts. M. a. W. wird Hegels Panlogismus aufgegeben
, so ist das Problem der Grenze der Humanität
neu aufgegeben.

Jena. Ttt Siegfried.

Spranger, Eduard: Psychologie dei Jugendalters. Leipzig:

Quelle & Meyer 1924. (XVI, 356 S.) gr. 8°. Rm.7.40; geb. 9—.

Dies Buch Eduard Sprangers hat sich längst seinen
Weg gebahnt, ehe diese Anzeige erscheinen konnte. Es
erschien 1925 schon die fünfte Auflage. Es bedarf auch
keiner besondern Empfehlung, denn es empfiehlt sich
selbst. Diese Anzeige kann auch keine wissenschaftliche
Auseinandersetzung mit dem Verf. bringen. Ich
kann nur hervorheben, worin der Wert des Buches
gerade für den Theologen besteht. Mit Recht lehnt es
Spr. ab, seinem Buch moralische oder pädagogische Erörterungen
einzufügen. Er wird es aber nicht hindern
wollen, daß der Ethiker, der Pädagog, auch der Prediger
und Seelsorger sehr viel von ihm lerne. Das Wesentliche
ist, daß Spranger in seiner Darstellung psychologischer
Tatbestände weder bei der Wertung psychologischer Einzelorgane
noch der einzelner Individuen stehen bleibt.
Noch weniger begnügt er sich mit einer eklektischen Plauderei
über „Typen" der Jugendlichen, wie sie jetzt oft beliebt
ist. Die physiologisch orientierte Psychologie erkennt
er in ihrem Ganzen als wertvoll an — aber er sieht in ihr
nur einen Beitrag zur Erkenntnis organischer Begleiterscheinungen
, die eigentlich nichts „erklären" sondern
nur eine begrenzte Seite der Sache beschreiben. Der
Psychanalyse der Freudschen Schule entnimmt er wertvolle
Einzelbeobachtungen, lehnt aber ihre einseitige
Wertschätzung des sexuellen Faktors mit Energie ab.
Ihm kommt es darauf an, den ganzen werdenden Menschen
in seiner Jugendzeit zu verstehen. Er will „die gesamte
typische Scelenlage eines Lebensalters" beleuchten
und hat dabei in erster Linie die Psychologie der deutschen
Jugendlichen im Auge, so wie er unserer Kulturepoche
erkennbar ist, d. h. in der Geistesepoche, die
auf den Grundlagen der Aufklärung ruht und durch die
Einflüsse der deutsch-idealistischen Bewegung einerseits,
des französisch-englischen Positivismus andrerseits hindurchgegangen
ist.

Zuerst bespricht er seine Aufgabe und Methode
unter den vier Gesichtspunkten : der verstehenden Psychologie
, der Strukturpsychologie, der Entwicklungspsycho
logie und Typenpsychologie. Dann macht er zunächst
einen Versuch einer Gesamtcharakteristik des Jugendalters
, nicht um das Schlußresultat vorwegzunehmen,
sondern um die eigentliche Werdezeit abzugrenzen gegen
•das Kindesalter einerseits und den relativ fertigen Menschen
andrerseits. Er sieht die drei entscheidenden
Kennzeichen der seelischen Organisation in dieser Periode
1.) in der Entwicklung des Ich, 2.) in der allmählichen
Entstehung eines Lebensplans und 3.) in dem
j Hineinwachsen in die einzelnen Lebensgebiete.

Dem ersten Punkt entsprechen in den folgenden
| Abschnitten in der Hauptsache der über Phantasieleben
j und Phantasieschaffen, der über Erotik und Sexualleben
uiid der über den Zusammenhang von Erotik und Sexu-
: alität, die Spr. wohlgemerkt zunächst scharf von einander
unterscheidet. Dem zweiten und dritten Punkt entsprechen
die Abschnitte über das Hineinwachsen in die
Gesellschaft, die sittliche Entwicklung, das Rechts-
I bewußtsein, das politische Interesse, die Gestaltung des
; Berufs, Wissen und Weltanschauung und die religiöse
! Entwicklung des Jugendlichen. Den Schluß macht eine
j zusammenfassende Erörterung über „Typen des jugend-
; liehen Lebensgefühls".

Schon diese Übersicht zeigt den Reichtum der Ge-
| Sichtspunkte, unter denen Spr. immer wieder diese
ganze Periode der Werdezeit betrachtet. Eltern, Erzieher
und Seelsorger können viel Geduld, Weisheit und
Besonnenheit aus dieser ruhigen Betrachtung der durch-
I schnittlichen naturgemäßen Einstellung des Jugendlichen