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Ausgabe:

1926 Nr. 14

Spalte:

375-376

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Paffrath, Tharsicius

Titel/Untertitel:

Die Sekte der Ernsten Bibelforscher 1926

Rezensent:

Loofs, Friedrich

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Seite 1

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375

Theologische Literaturzeitung 1926 Nr. 14.

376

Unter voller Anerkennung der religiösen Werte,
die Kierkegaard durch das Paradox zu verteidigen intendiert
, zeigt Bohlin, daß dennoch durch diesen Gedanken
etwas der religiösen Erfahrung fremdes in den Glaubensbegriff
eingedrungen ist. Wie ist nun das geschehen?
Das hat seinen Grund nicht bloß in der persönlichen
Eigentümlichkeit der Frömmigkeit Kierkegaards, daß
Gottes tremenda majestas hervorherrschend ist, sondern
noch mehr in einer Eigentümlichkeit bei Kierkegaards
Gottesbegriff. Gott wird als der menschlichen Natur
entgegengesetzt aufgefaßt, und doch ist die Forderung
von Gottes Seite die Umbildung der menschlichen Natur
in die göttliche. Und diese Aufgabe ist unter dieser Voraussetzung
eine unmögliche Aufgabe. Doch — und
dieses ist nach meiner Ansicht das Wertvollste in dem
ganzen Werke — doch ist dieses Metaphysische im
Gottesbild nie Kierkegaard in dieser Reinheit zum Bewußtsein
gekommen. Durch die metaphysischen Wendungen
hat er immer etwas tief religiös-ethisches ausdrücken
wollen. (Diese Bemerkung ist für die Art und
Weise, wie Barth Kierkegaard verwendet, überaus wertvoll
.)

Wenn man sich für diese Schiefheit bei Kierkegaard
genauer Rechenschaft geben will, dann muß man vor
allem darauf Acht geben, daß Kierkegaards Gedanken
alle in dem Kampfe mit Hegel zugespitzt sind. Er
hat den hegelschen Kulturpantheismus und die hegel-
sche Auflösung der Heilsgeschichte in Idee prinzipiell
überwinden wollen, ihnen den Todesstoß geben wollen.
In dieser Polemik gegen Hegel hat er wesentlich Recht
gehabt. Die Kampfstellung gegen Hegel hat ihn aber
gezwungen, die hegelsche Sprache und die hegelschen Begriffe
zu verwenden. Er hat, sagt Bohlin, mit dem
Hegelschen Monismus auch das Richtige in der hegelschen
dynamischen Auffassung der Offenbarung verworfen
, wodurch die Konzentration der Offenbarung
in Christus gleichbedeutend mit der Negierung aller
positiven Offenbarung außerhalb Christus geworden ist.
Und dieses im Widerstreit mit seiner persönlichen Frömmigkeit
. Dadurch ist es geschehen, daß das Paradoxe mit
einer metaphysisch-logischen Ungereimtheit identifiziert
worden ist. Wir stehen vor einem intellektualistischen
Antiintellektualismus, der gegen die religiösen Intentionen
Kierkegaards geht. Dieses wird in Kapitel VII
dargestellt. Das letzte Kapitel, VIII, gibt eine sehr wertvolle
Vergleichung zwischen Kierkegaard und Luther.
Sowohl die tiefe Übereinstimmung als der entscheidende
Unterschied wird gezeigt. In einem gewissen Sinne hat j
Kierkegaard eine Korrektur des Lutherischen gegeben, in- |
dem er das Verhältnis zwischen Glauben und Werken ver- j
tieft hat, und doch hat er nicht vermocht, die geistliche !
Freiheit und den Reichtum der lutherischen Auffassung
der Gnade sich anzueignen, indem ihm der Glaube das
Streben des Menschen nach dem Unmöglichen geworden
ist.

Ich habe mich wesentlich auf das Referieren einschränken
wollen. In der dänischen Theologischen Zeitp
schrift habe ich meine Gegenbemerkungen gegeben.
Trotz allem, was gegen Bohlins Gedanken eingewendet
werden kann, meine ich, daß sein Werk so bedeutungsvoll
ist, daß jede künftige Behandlung von Kierkegaards
Christentumsanschauung sich gründlich mit Bohlins Werk
auseinandersetzen muß und sehr vieles durch die Beschäftigung
damit lernen kann.

Kopenhagen. E. Geismar.

Paffrath, P. Dr. Tharsicius, O. F. M.: Die Sekte der Ernsten

Bibelforscher. Paderborn: Bonifacius-Druckerei 1925. (176 S.)

8°. Rm. 3—; geb. 4—.

Dies Buch verhältnismäßig beträchtlichen Umfangs bekundet, daß
es auch auf römisch-katholischem Gebiete nötig oder wenigstens zeitgemäß
erschienen ist, dem aufdringlichen Werben der „Internationalen
Vereinigung Ernster Bibelforscher" (IVEB) entgegenzutreten. Das
ist nicht überraschend, aber beachtenswert. Und es ist nicht ohne
Reiz, zu sehen, wie ein römisch-katholischer Theologe sich dieser
Aufgabe angenommen hat. Er wird nicht wenigen seiner Kirchengenossen
einen Dienst getan haben. Aber es liegt in der Natur der

Dinge, daß die Brauchbarkeit seines Buches für evangelische Christen
eine beschränktere ist. — Der Verf. hat gute Sachkenntnis und
geht nach einer Einleitung über den „Stifter", die „Organisation",
die „Propaganda" und das „Schrifttum" der IVEB in weiteren 12
Abschnitten mit großer Geduld und ohne alle Gehässigkeit den Gedanken
der „Ernsten Bibelforscher" (EB) nach (II: „Der göttliche
Plan der Zeitalter", III: Berechnung des Alters der Menschheit,
IV: Das Werk der Erlösung, usw.). Zuerst wird dabei stets „Die
Lehre der EB" dargelegt, dann folgt die „Antwort". Als Leser sind
nach der Vorrede zunächst offenbar alle diejenigen gedacht, denen
„zur Abwehr" hier das nötige „Material zur Verfügung gestellt"
werden soll; doch denkt Verf. auch an einen „weiteren Leserkreis".
Letzterer muß an Geduld noch mehr aufwenden als der Verf.; und an
seine Fähigkeit, dogmatischen und exegetischen Ausführungen zu
folgen, werden ziemlich hohe Anforderungen gestellt. — Die Aufgabe
, das Unrecht der törichten und willkürlichen Weisheit der
IVEB darzutun, ist für einen römisch-katholischen Theologen subjektiv
leichter, als für einen evangelischen. Was in allen Einzelfragen
„die Wahrheit" ist, weiß er zumeist ganz genau, — nur vereinzelt
zieht er sich auf gottgewollte Schranken unseres Wissens oder auf
„Dunkelheiten" zurück (vgl. S. 87: „Daniel hat viele große Dinge geweissagt
, es ist nicht alles in seinem Buche klar"), und inbezug auf die
Scbrifterklärung kann er darauf hinweisen, daß „die Bibel nicht die
einzige Glaubensquelle ist" (S. 167) und daß durch das Dasein der
Kirche und ihres unfehlbaren Lehramts all die Irrtümer ausgeschlossen
seien, zu denen die „freie Auslegung der Bibel" mit Notwendigkeit
führe (S. 168). Objektiv hat's die römisch-katholische Stellung zur
Schrift schwerer, als die wissenschaftlich-protestantische, wenn sie
die Bodenlosigkcit der Anschauungen der IVEB dartun will. Aber es
wäre übel angebracht, dabei hier zu verweilen. Richtiger ist es, der
Freude darüber Ausdruck zu geben, daß hier, wie bei der Gegenwirkung
gegen manche Wirrnisse der Gegenwart, katholische und
evangelische Theologen praktisch zusammenarbeiten können. Mein
Büchlein ist als „durchweg zuverlässig" bezeichnet (S. 93; gemeint ist
natürlich nur das Tatsächliche, nicht meine — übrigens nie bekämpfte
— theologische Argumentation) und vertrauensvoll benutzt.

Daß die „EB bei Psalmstellen nach der hebräischen Bibel zitieren
" (S. 5), hätte der Verf. nicht sagen sollen. Wer kennt von
ihnen hebräische Zahlen! Die Vulgata hat die Zählung der LXX beibehalten
; die englische Übersetzung folgt (wie die Luthersche) der
masorethischen Abteilung der Texte.

Halle a. S. Friedrich Loofs.

Cronau, Rudolf: Drei Jahrhunderte deutschen Lebens in

Amerika. Ruhmesblätter der Deutschen in den Vereinigten Staaten.

2., neu bearb. Aufl. Berlin: D. Reimer 1924. (IX, 696 S. m.

Abb.) 4°. geb. Rm. 36—.

Die erste, allgemein bekannt gewordene Auflage erschien 1909,
die zweite sollte grade erscheinen, als der Krieg ausbrach. Nun hat
der Verfasser das Buch bis auf die Jetztzeit ergänzt, auch seine Ansicht
über die wahren Ursachen des Krieges und die Leiden der
Deutschamerikaner während dieser Zeit hinzugefügt. Hier interessiert
natürlich nur, was er zur Geschichte der deutschamerikanischen
Kirchen beizutragen weiß. Darin ist sein Werk leider
sehr unvollständig, nur die Abschnitte über die deutschen Sektenniederlassungen
des 17. und 18. Jahrhunderts (46—85) bieten manches
Interessante. Er spricht über die Ursachen der Sektenauswanderung,
die Mennoniten, Labadistcn, Rosenkreuzer, die Tunker, die Salzburger
in Georgia und die Mennoniten. Nachher ist auf S. 146—50 ganz kurz
die Rede von der Entstehung der ersten evangelischen Gemeinden, der
Hilfe des Halleschen Waisenhauses für die Lutheraner, (wobei A. H.
Francke und G. A. Francke fälschlich stets zu Brüdern gemacht
werden!) und der Deutschschweizer für die deutschen Reformierten.
Vor allem ist es bedauerlich, daß in dem zweiten Abschnitt: Die
Deutschamerikaner seit Aufrichtung der Union bis heute, unter den
kulturellen Bestrebungen der Deutschamerikaner und ihr Einfluß auf
die amerikanische Bevölkerung von allem Möglichen die Rede ist,
aber gar nicht von den deutschamerikanischen Kirchen. Sollten sie
wirklich gar keinen Einfluß auf die amerikanische Bevölkerung und
die amerikanischen Kirchen geübt haben? Und wenn nicht, waren sie
im 19. Jahrhundert so unbedeutend, daß sie unter den kulturellen Bestrebungen
keine Erwähnung verdienten? Es wäre wünschenswert,
wenn der Verfasser selbst oder ein kompetenter Mitarbeiter bei einer
neuen Auflage in dieser Beziehung sein Werk vervollständigen würde.

Das Buch ist vorzüglich ausgestattet und mit vielen schönen
Bildern versehen.

Ahlden/Aller. E. W. Bussmann.

Schomerus, Miss.-Insp.P.Chr.: Die Heldenmission in der Heide.

Festschrift ;um 75jährigen Jubiläum der Hermannsburger Mission.
Mit e. einlcit. Rückblick v. D. G. Haccius. Hermannsburg:
Missionshandlg. 1924. (136 S. m. Abb.) 8°. Rm. 1.50.

Nach einem von Missionsdirektor Haccius gegebenen
Rückblick namentlich auf die letzten 25 Jahre