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Ausgabe:

1926

Spalte:

327-328

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Radermacher, Ludwig

Titel/Untertitel:

Neutestamentliche Grammatik. 2., erw. Aufl 1926

Rezensent:

Schmiedel, Paul

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Seite 1

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327

Radermacher, Prof. Dr. I .udwig:NeutestamentlicheGrammatik.

Das Oriccliisch des N.T. im Zusammenhang mit der Volkssprache
dargest. 2., erw. Aufl. Tübingen: J. C. B. Mohr 1925. (VIII,
248 S.) 4°. = Handbuch /. N. T. 1.

Rm. 6.40; geb. 7.40; Subskr.-Preis 5.75; geb. 6.75.
Aus den 207 Seiten der 1. Auflage, die Ref. im Jahrgang
1911, Sp. 745—747 besprochen hat, sind 248 geworden
, aber nur zum Teil durch die wesentlichste
Aenderung, daß „jedes Kapitel Anhänge erhalten hat,
in denen die besonderen Verhältnisse des N. T. zusammenhängend
dargestellt werden". Das Buch ist also
nach wie vor, wie Meillet in der Revue de l'histoire des
religions über die 1. Auflage sagte, une sorte d'essai sur
la xoivi] en general. Der Theolog wird daher nur die
Anhänge studieren und sich verwundert fragen, warum
er für diese wenigen Seiten so viel Geld bezahlen soll.
Die Hauptmasse des Buches ist zwar ganz interessant,
aber zu besitzen braucht er sie nicht. Obendrein wird er
schwer enttäuscht, wenn er wahrnimmt, daß die Berücksichtigung
des N. T. auch jetzt noch ganz ungenügend
ist. „Die Stellung der neutestamentlichen Autoren
ist dem gegenüber schwankend und unklar": zu
diesem und ähnlichen Sätzen folgt in den Anhängen über
das N. T. oft überhaupt keine Ausführung. Geradezu
ausgeschlossen wird das Vorkommen einer Form im
N. T. (Acta 24, 21) z. B. S. 87: „Der Aorist «zexpaSa in
der Septuaginta". Innerhalb eines der erwähnten Anhänge
heißt es z. B. S. 49: „Die neutestamentlichen
Handschriften schreiben ... <so statt attisch vt mit wenigen
Ausnahmen", die aber nicht folgen und übrigens
recht beträchtlich sind. Dies nur je 1 Beispiel für eine
ganze Klasse von Lücken. S. 78 heißt es sodann: „Eine
Obersicht über die Entwickelung [der Flexion des Verbums
] erfolgt am besten in Tabellen." Die darf man
sich aber selbst machen; der Verf. liefert sie nicht. Und
wenn einmal ein Sprachgebrauch angegeben ist, steht
oft nur der Name des biblischen Buches oder gar nur
der des Autors dabei; Kapitel und Vers, ja, den Brief
darf man sich selbst suchen. Über die 1. Auflage
schrieb Ref.: „Noch nie hat eine neutestamentliche
Grammatik dies von ihren Benutzern verlangt". Jetzt
kehrt es unverändert wieder. Es fehlt nach allem Erwähnten
vollständig die eigentliche Liebe zu der auf
dem Titel genannten Sache und das Gefühl für die
Pflicht, die Leser über das, was er verspricht, ordentlich
zu informieren.

Aber auch von der xoivrj bekommen diese trotz
aller eingestreuten Bemerkungen, eine Form, ein Sprachgebrauch
sei jung, vulgär usw., eine ganz falsche Vorstellung
. Der Verf. geht geflissentlich darauf aus, die
weitestgehenden Abweichungen nicht bloß von der klassischen
, sondern auch von der im N. T. noch gewahrten
nachklassischen Sprache hervorzuziehen, und seine
Sammlung dieser Singularitäten und Exzentrizitäten muß
unfehlbar den Eindruck erwecken, in der xotrr) (und
somit auch im N. T.) sei geradezu Alles erlaubt. Wir
brauchen nur das Futur etfttoei von tircov herauszugreifen
oder den Artikel o an Stelle des Relativs og,
wovon es S. 75 sogar heißt: „dem N.T. scheint [NB:
scheint] dieser Gebrauch fremd", ohne daß im Anhang
eine Aufklärung folgt.

Am Bezeichnendsten sind wohl 2 Beispiele, de der Verf. gar
nicht Vorgefunden, sondern selbst geschaffen hat. In einem Pariser
Papyrus, der übrigens schon in der 1. Auflage nicht nach der Uraus-
gabe von 1858, sondern nach der ganz neuen Textgestaltung von
Witkowski in den epistulae privatae zu zitieren war, erklärt R. S. 92
noch immer rjxcef/ey für Imperfect mit Aoristendung (was 153 vor
Chr. eine grolle Rarität ist), obgleich ihm Nachinanson mit vollem
Recht entgegengehalten hat, daß einfach das Präsens vorliegt, das
wegen seiner perfeclischen Bedeutung wenigstens im Plural Perfect-
endungen angenommen hatte. In der 1. Auflage verlautete von diesem
häufigen Gebrauch und seinem Vorkommen im N.T. noch nichts. In
der zweiten wird er S. 94 und 96 angeführt und mit Witkowskis Erklärung
desselben Papyrus gestützt, in dem eben dieses 'i^xauiy laut
S. 92 Imperfect sein soll. Sodann erklärt R. S. 63 in ntc&ots aotplas
Xöyois l. Kor. 2, 4 so: in Worten der Überredungskunst, über welche
aoq>ia verfügt; ntläols sei Genetiv von ltlltrti> , statt tlti&ovs nach

Analogie des Dativs nttttot gebildet. Und wirklich bringt er einen
Beleg hierfür in ArjloTf aus einer lydischen Inschrift des 2. christlichen
Jahrhunderts. Aber was beweist das für Paulus, vor dessen Kenntnis
des Griechischen doch auch R. einigen Respekt hat? Nein, die Theologie
kann wirklich nicht wünschen, mit solchen neuen Genetiven beschenkt
zu werden.

Zürich. Paul W. Schmiede 1.

M e i j b o o m , Adriaan : Die Pilgerfahrt des träumenden Mönchs.

Nach der Kölner Handschrift hrsg. Bonn: K. Schroeder 1926. (V,
388 S.) 8°. = Rhein. Beiträge u. Hülfsbücher z. german. Philol.
u. Volkskde., Bd. 10. Rm. 10—.

Das Gedicht des französischen Zisterziensers Guil-
laume de Deguileville aus der Abtei zu Ghalis, in der
Nähe von Senlis, im Departement Oise, Le Pelerinage de
j Vie Humaine, entstanden in den Jahren 1330 und 1331,
j ist in verschiedenen Sprachen, auch der deutschen, im
Mittelalter weit verbreitet worden, auch in verschiedener
Fassung schon gedruckt. Es ist ein Traumgedicht, in
dem die Personifikationen der menschlichen Laster und
Tugenden, die der Pilger auf seiner Wanderfahrt nach
dem himmlischen Jerusalem antrifft, und der göttlichen
Gnade, seiner steten Begleiterin, mit ihm in Verbindung
treten und ratend und fördernd aber auch hindernd und
versuchend auf ihn einzuwirken suchen. Damit wird ein
sehr interessantes Bild des religiösen inneren Lebens gegeben
, zugleich auch eine Seite der mittelalterlichen
j Denkart, sich die Begriffe verkörpert vorzustellen, trefflich
illustriert. Das Gedicht ist von einem Kölner Kleriker
Peter de Merode an S. Severin in Köln um 1430
mit selbständigen Bemühungen in deutsche Verse gebracht
worden (13645 an Zahl). Die Bearbeitung geht
so weit, daß sich der Übersetzer in der Gestalt des Pilgers
sieht und dabei Angaben über seine Person und die
Zeit seiner Übersetzung macht. Sie wird hier in einer
allem Anschein nach sauberen und sorgfältigen Ausgabe
vorgelegt aus einer aus dem Kreuzherrenkloster in
I Köln stammenden, jetzt im historischen Archiv der
! Stadt Köln befindlichen Handschrift, die vollendet wurde
von Johannes Dursten im Jahr 1444. Der Text wird von
I dem Herrn Herausgeber als ein echt ripuarischer bezeichnet
, der dem Mittelniederländischen sehr nahe steht,
j Die Einleitung berichtet in präziser, knapper Form über
die verschiedenen Bearbeitungen des französischen Gedichts
und über die kritischen Fragen, die der voi-
j liegende Text stellt. Sehr nützlich ist die Inhaltsangabe
am Kopf der Seiten und das Namen- und Wörterverzeich-
j nis (Glossar) am Schluß. Leider fehlt eine theologische
! oder kulturgeschichtliche Würdigung. Da aber der Einfluß
j des französischen Gedichts sich noch in Bunyans PH«
grim's Progress zeigt, wird die vorliegende Ausgabe
der deutschen Übertragung den Theologen sehr willkommen
sein.

Kiel. O. Ficker.

Thery, O., O l'.: Autour du decret de 1210: I. David de
Dinant. Etudc sur son p;mttieismc matcrialiste. Kain: I.e SaulthOir
1925. (160 S.) gr. 6°. = Biblkdhecpie Thomiste, VI.

Diese Monographie sammelt sorgfältig und mit erschöpfender
Kenntnis und Verwertung der Literatur, was
über das Leben und die Lehre des auf dem Konzil von
Paris 121(1 verurteilten Pantheisten David von Dinant
sich erhalten hat. Insbesondere wird die Sammlung der
in der Hauptsache in den Schriften Alberts des Großen
erhaltenen Fragmente seiner Schrift de tomis s. de divi-
sionibus (= den 1210 verurteilten Quaternuli) willkommen
sein sowie ihre Wiederherstellung im Anhang
(S. 120—145). Da Nikolaus von Kues wie es scheint
noch eine selbständige Kenntnis der Schrift gehabt hat,
ist es nicht ausgeschlossen, daß sie sich irgendwo noch
findet; doch haben die Bemühungen des Verfassers, sie
zu entdecken, bisher noch zu keinem Ergebnis geführt.
Eins der wichtigsten Ergebnisse der Untersuchungen
des Verfassers ist, daß der materialistische Pantheismus
Davids nichts mit Amalrich von Bena, mit dem David
nur mehr wie zufällig in dem Dekret von 1210 zu-