Recherche – Detailansicht

Ausgabe:

1926 Nr. 12

Spalte:

323-326

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Headlam, Arthur C.

Titel/Untertitel:

Jesus Christ in History and Faith 1926

Rezensent:

Loofs, Friedrich

Ansicht Scan:

Seite 1, Seite 2

Download Scan:

PDF

323

Theologische Literaturzeitung 1926 Nr. 12.

324

Vollkommenheit und Unvergänglichkeit des Menschen
der durch den Fall verlorene und durch die Erlösung
wiedergewonnene Urzustand ist, und der apologetisch-
moralistischen Betrachtungsweise, die beides nur als
Ziel und Bestimmung des Menschen ansieht, entscheidet
K. dahin, daß beide Gedankengänge letztlich doch eine
Einheit darstellen. Denn eine ursprüngliche Verwirklichung
der menschlichen Vollkommenheit kennt Ire-
näus nicht, sondern von Anfang an war es vorgesehen,
daß die Bestimmung des Menschen zu Vollkommenheit
und Unvergänglichkeit durch Christus verwirklicht werden
sollte. — Gottfried Kittel (Pastor in Altencelle
bei Celle) behandelt auf S. 215—237 „Die Wirkungen
des christlichen Abendmahls nach dem Neuen Testament
"; bei den Synoptikern handelt es sich um ein
bloßes, nicht zur Wiederholung bestimmtes, Abschiedsmahl
Jesu. Auch im Joh.-Ev. ist vom Abendmahl nicht
die Rede. Das Brotbrechen der Apostel-Gesch. bezieht
sich auf die Agapen, nicht aufs Abendmahl. Paulus hat
auf eine ihm vom Herrn gewordene Offenbarung (duo
tov kvqiou 1. Kor. 11,23) hin das Abendmahl geschaffen
als eine Feier, bei der man sich den Heilswert
des Todes Jesu vor Augen stellte. — Auf S. 238—262
folgt ein Aufsatz von Leonhardt Fendt über „Das
Gebet", eine selbständigen Wert besitzende Übersicht
über das gleichnamige Buch von Friedrich Heiler.
F. verteidigt den Heiler der 1. Auflage mit ihrer scharfen
Gegenüberstellung von prophetisch-biblischer und mystisch
-außerchristlicher Frömmigkeit, von prophetischem
Gebet und mystischem Gebet gegen den Heiler der 4.
und 5. Aufl., die diese Gegenüberstellung gemildert hat.
Wie mir scheint, wird Fendt der Eigenart des Biblisch-
Christlichen eher gerecht als Heiler. — Roland
Schütz bringt „Kritisches zur Theologie der Krisis"
(S. 263—288). Er erkennt die Bedeutung dieser Theologie
als einer religiösen Bewegung nachdrücklich an,
weist ihr aber wissenschaftliche Mängel nach: Mangel
an Schärfe in der Bestimmung der Begriffe (Offenbarung
, Welt, Gericht), willkürliche Auswahl aus den
Offenbarungs-Zeugnissen und unzutreffende Exegese (1.
Kor. 1, 18ff.; 1. Kor. 15, 3. 4; Gal. 2,20). Man merkt,
daß hier ein philosophisch gut geschulter Neutestament-
ler redet, und hat den Wunsch, daß er zu solchen Fragen
öfter das Wort ergreifen möge. — Lic. Dr. Hugo
Grün (Pfarrer in Oberauroff bei Idstein) behandelt
sodann „Die Leichenrede im Rahmen der kirchlichen
Beerdigung im 16. Jahrhundert". Unter Benutzung reichen
Quellenmaterials entwirft er ein anschauliches Bild
aus der Kultus- und Kulturgeschichte, das auch für die
prinzipielle Wertung der protestantischen Leichenrede
und ihre praktische Handhabung von Wichtigkeit ist. —
Unter „Gedanken und Bemerkungen" erörtert Lic. N i c.
Friedrich Freese (Pfarrer in Brake, Oldenburg)
„Die Versuchlichkeit Jesu", wobei er Hebr. 4,15 b exe-
gesiert, und bietet Otto Albrecht „Zwei versprengte
Konzepte Luthers, aus den Originalen zum erstenmal
veröffentlicht" dar, samt einer ebenso knappen wie inhaltreichen
Erklärung.
Halle a. S. Otto Eißfeldt.

Headlam, Rt. Rev. Arthur C.: Jesus Christ in Hlstory and Faith.

Being the William Beiden Noble lectmres, delivered in Harvard
University, 1924. London: J. Murray 1925. (XVIII, 232 S.) 8°.

sh. 6/—.

Arthur C. Headlam (geb. 1862), bei uns am bekanntesten
durch den „Headlam-Sanday", d. h. durch den
von ihm unter Mitwirkung von W. S a n d e y (f 1920) herausgegebenen
Kommentar zum Römerbrief, ist einer der
fruchtbarsten und geschätztesten Schriftsteller unter den
Bischöfen der anglikanischen Kirche. Seine Werke sind,
abgesehen von dem Römerbrief-Kommentar, nicht eigentlich
gelehrter Art, so gute und selbständige Sachkenntnis
auch hinter ihnen steht. Er wendet sich in ihnen an
einen weiteren Kreis von Lesern. Insonderheit hat ihn
neben seiner Gelehrsamkeit die Klarheit seiner Gedankenführung
und die Durchsichtigkeit seiner Sprache

zu einem begehrten Redner für Stiftungsvorlesungen gemacht
. Auch das oben genannte Buch stellt eine Reihe
solcher Vorlesungen dar. Sie sind in der Adventszeit
des Jahres 1924 an der Harvard-University (U. S. A.)
gehalten und weisen alle Vorzüge auf, die den Werken
H.'s nachgerühmt werden. Die erste Vorlesung behandelt
die Vertrauenswürdigkeit der Quellen (S. 1—44),
die zweite das Leben Jesu bis zur letzten Reise nach
Jerusalem (45—74), die dritte die Lehre Jesu (75 bis
105), die vierte Jesu Persönlichkeit (107—125) — den
Stoff dieser Kapitel umspannte schon das (mir nicht zugängliche
) ältere Buch des Verf.'s „The life and teaching
of Jesus the Christ" —; die fünfte Vorlesung bespricht
die letzte Reise nach Jerusalem und den Tod Jesu
(127—155), die sechste die Auferstehung und die Jungfrauengeburt
(157—180), die siebente die Frage von
Matth. 22, 42 (181—205), die letzte die christliche
Kirche als Stiftung Jesu (207—227). Ein kurzer Index
(229—232) macht den Schluß, gleichwie eine Notiz über
die „William Beiden Noble Lectures" (S. V sq.), eine
Vorrede (VI—XII) und ein Inhaltsverzeichnis (XIII bis
XVIII) das Buch eröffnen. Es ist in der Natur solcher
Vorlesungen, wenn sie nicht (wie die eben erschienenen
Vorlesungen Harnack's über die vorkonstantinischen
christlichen Brief Sammlungen, Leipzig 1926) einem beschränkteren
Stoffe gelten, begründet, daß sie wissenschaftlich
etwas Unbefriedigendes haben. Ich mag daher
meine Haskell-Lectures über den von H. behandelten
Gegenstand nur nach der ausgeführteren deutschen Bearbeitung
(„Wer war Jesus Christus?", 1916, 2. Aufl.
1922) beurteilt wissen. Aber kein billig Denkender
wird Vorlesungen dieser Art mit einem andern Maßstab
messen, als dem, der ihnen ziemt.

Verf. ist über die alte Inspirationslehre und ihre
Harmonistik (z. B. bei Mark. 6, 34 ff. und 8, 1 ff.)
hinaus; er behandelt die Evangelien wie die Quellen
sonstiger geschichtlicher Darstellungen und nimmt keinen
Anstoß daran, daß Ungenauigkeiten und Unrichtigkeiten
im einzelnen bei ihnen vorliegen oder vorliegen
können. Seine kritischen Voraussetzungen träfen, so sagt
er selbst (S. VIII sqq.), in vielem mit den Untersuchungen
Dr. Streeter's (vgl. diese Zeitung 1926
Sp. 73—77) zusammen. Wie Streeter, rechnet er
offenbar, obwohl er die Frage eines direkt- oder indirekt-
johanneischen Ursprungs des vierten Evangeliums nie
ausdrücklich entscheidet, nur mit der Gewährsmanns-
Hypothese. Die Reden Jesu im vierten Evangelium sind
ihm nur „Interpretationen" dessen, was Jesus gesagt hat,
wenn auch „treue" (S. 85 u. 103); und ob das Gespräch
mit der Samariterin geschichtlich ist, oder eine dramatisierte
Form der Lehre Jesu, bleibt dahingestellt (S. 97).
Markus ist dem Verfasser für das äußere Leben Jesu der
Hauptzeuge. Er behandelt ihn im ganzen so, als ob
Petrus für die Darstellung bürge (vgl. S. 55: „Peter teils
us"); und selbst aus Einzelheiten des Ausdrucks entnimmt
er geschichtlich wichtige Erkenntnisse (S. 134;
Mk. 10, 32: itdliv). Im einzelnen gestaltet sich die
Kritik mit Hilfe von allerlei Erwägungen psychologischer
und geschichtlicher Art sehr konservativ. Ich
denke mannigfach anders. Daß der Bericht des Tacitus
auf heidnischen Quellen ruht (S. 72), ist mir sehr
zweifelhaft; daß Jesus (persönlich oder durch die 12
und die 70) die Botschaft vom Gottesreich „in alle
Teile des heil. Landes" gebracht hat 1S.137; vgl. S. 155:
the whole of the sacred land had heard), glaube ich
nicht; die Würdigung der Tempelreinigung als einer
Sicherung der Position Jesu im Tempel (S. 137f.; vgl.
S. 138: he had taken possession of the temple) vermag
ich nicht zu teilen, usw.; und andre werden inbezug auf
andere Aufstellungen und wahrscheinlich in weiterem
Umfange, als ich, abweichender Meinung sein. Aber
eine Erörterung von Einzelheiten wäre sinnlos; und des
Verf.'s Auseinandersetzung mit der „Kritik" läßt mit
einer Ausnahme — Harnack's Stellung zur Auferstehungsfrage
in seinem „Wesen des Christentums"