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Ausgabe:

1926

Spalte:

12-13

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Kroll, Wilhelm

Titel/Untertitel:

Studien zum Verständnis der römischen Literatur 1926

Rezensent:

Koch, Hugo

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im Brevier verwendete lateinische Übersetzung der Psalmen ein Werk
des Hieronymus; und zwar nicht seine erste Bearbeitung der Itala-
psalmen (Psalterium vetus) nach dem Septuagintatext, auch nicht seine
dritte von 302, die die Psalmen aus dem Urtexte neu übersetzte,sondern
seine zweite Bearbeitung des Psalterium vetus mit Hilfe der Hexapla des
Origenes. Von der ersten Bearbeitung (Psalterium Komanum) sind Reste
im Brevier: das Invitatorium, die Antiphonen und Versikeln; bis zum
16. Jahrhundert betete man in der Stadt Rom das ganze Brevier nach
dieser ersten Bearbeitung. Die zweite Bearbeitung (Psalterium Galli-
canum) liefert heute den Text aller Psalmen außer den genannten
Resten. Als Gelehrtenarbeit des 4. Jahrhunderts verdient sie hohe
Achtung; hingegen für den Beter der Psalmen ist sie an vielen Stellen
ein Wortgestrüpp, durch das er nur mit Wunden hindurchkommt.
Das Buch von Stephan hat die Absicht, dem Beter des Breviers zu
helfen; es ist aber philologisch so tüchtig unterbaut, daß es in Wirklichkeit
eine Studie über die Übersetzungsweise des Hieronymus
darstellt.

Im 1. Teil wird die Schwierigkeit dargelegt, die für die Septua-
ginta und nun erst recht für die Itala und die Vulgata der Unterschied
der hebräischen Syntax und Formenlehre von der (griechischen und)
lateinischen begründet. Die undurchdringliche Tempus-Mischung der
Vulgata, die Relativsätze, die keine sind und die Hauptsätze, die
eigentlich Relativsätze sind, die Futura, welche ein Können, Müssen,
Dürfen, Mögen, Brauchen, Wollen besagen sollen, das Perfekt in der
Bedeutung „du mußt" (perfectum confidentiae), die Subordination der
Sätze durch et oder ohne jedes äußere Zeichen, die Tätigkeitsworte
ohne Objekt (z. B. ponam in salutari Ps. 11,6), die falschen Kasus
(z. B. sagittas ardentibus effecit 7, 14), das Femininum als
Ersatz des Neutrum z. B. unam petii, hanc requiram 26, 4 =
27,4), die sonderbaren Umschreibungen der Komparative und Superlative
(z. B. in barbam barbam Aaron 132,2 — 133,2), das quare
in Ps. 2,1, das auch zu 2,2 gehört als ein Beispiel von vielen ähnlichen
unsichtbaren Abhängigkeiten, die nicht kenntlich gemachten
Zitate, die Fragesätze mit dem Sinn „wenn doch" oder „wohl mag
es sein" — alle diese Eigentümlichkeiten des hieronymianischen
Übersetzungsstils werden so durchsichtig gemacht. Es folgt dann
ein richtiges Lexikon (S. 15—114) des Psalmenlateins mit deutscher
Übersetzung und Erklärung der Sonderlichkeiten nach dem hebr.
Urtext. Z.B.: „multiplex in 67,18 (= 68,18): currus Dei decem
millibus multiplex, Dominus in eis (heißt nach dem Hebräischen)
CUrruS Dei! decem millia, multa millia! Dominus in eis = (da
kommt) der Triumphwagen (mit der Bundeslade, s. Deus)! Aber und
aber Tausende (der Prozession umringen ihn)! Der Herr ist auf
ihm (d.h. auf dem Triumphwagen in der Bundeslade; wegen der
Mehrzahl eis siehe m)". Im 2. Teil gibt Stephan den lat. Text der
Psalmen mit Sperrdruck der Stellen, die im Lat. keinen Sinn geben,
daneben die deutsche Übersetzung, die überall den Urtext berücksichtigt
und ihn da unter Nichtachtung des Lat. zugrundclegt, wo der
Lat. keinen Sinn ergibt. Die Übersetzung ist gutes Deutsch, so, daß
man sie beten kann, in feierlichem Stil. Wo die christlichen Beter
gewöhnt sind christliche Gedanken einzutragen, steht im deutschen
Text Sperrdruck. Im Lat. sind außerdem diejenigen Wörter durch
Fettdruck des 1. Buchstabens kenntlich gemacht, über die im vorausgehenden
Lexikon gehandelt ist.

Was man nicht in dem Buche Stephans suchen darf, das
ist vor allem wissenschaftliche Arbeit am hebräischen oder griechischen
Psalter selbst; aber auch nicht textkritische Beiträge zur
Vulgataforschung. Sondern Aufhellung der Hieronymianischen Übersetzungsweise
und ein zum katholischen Beten brauchbarer Text.
Aber diesen zwei Zielen dient das Buch ausgezeichnet.

Magdeburg. Leonhard Fendt.

Holl, Prof. D. Dr. Karl: Reformation und Urchristentum. Vortrag
, geh. am 1. Sept. 1924. (Sonderabdruck aus: „Reden und
Vorträge, geh. bei der 28. Generalversammlung d. Ev. Bundes in
München 1924".) Berlin: Verl. d. Ev. Bundes 1924. (14 S.)
gr. 8°. Rm. —50.

Dieser Vortrag vom 1. September 1924 bietet eine
willkommene Ergänzung zu den „apologetischen" Vorlesungen
, die Holl kurz zuvor in Wernigerode über das
Thema: „Urchristentum und Religionsgeschichte" gehalten
hatte und über die in Nr. 20 dieser Zeitschrift
Bericht erstattet worden ist. Da der Verfasser den Anspruch
der Reformation Luthers eine Rückkehr zum
Urchristentum zu bedeuten rechtfertigen will, muß er vor
allem feststellen, was denn eigentlich die Religion des
Urchristentums gewesen ist. Wie in jenen Vorlesungen,
so gibt er auch hier, kurz resümierend, eine Zusammenfassung
derjenigen religiösen Erscheinungen im Urchristentum
, für welche die Religionsgeschichte eine
Ableitung aus anderen antiken Religionen teils nachgewiesen
hat, teils wenigstens als möglich behaupten

durfte. Demgegenüber findet er das Kernstück, das
schlechthin Neue im Urchristentum, neu auch der alt-
testamentlichen Religion gegenüber in der Liebe Gottes
zu den Sündern, gerade und nur zu den Sündern, wie sie
Jesus im Evangelium ergreifend predigt. Er zeigt dann
weiter, wie schon vor Beginn des Mittelalters diese
Grundidee in den Hintergrund zu treten drohte. Sie ist
nie völlig aufgegeben worden; zu keiner Zeit sogar hat
man so viel von Gnade gesprochen, wie im Mittelalter
der Hochscholastik, aber sie wird doch überall, auch
bei Augustin verdunkelt durch den Sakramentalismus
und den Verdienstgedanken. Wie der letztere auch in
den edelsten Formen der Mystik nicht überwunden
wird, erst recht nicht im Mönchtum, veranschaulicht
uns Holl, um dann die einzelnen Phasen des Kampfes
aufzuzeigen, in dem Luther sich das Vertrauen auf den
die Sünder liebenden Gott des Evangeliums wiedergewonnen
hat. Feine Arbeit des Religionsphilosophen,
speziell des Religionspsychologen, liegt hinter dieser
Skizze. Fü:- das donum superadditum, den Nachweis,
daß die Struktur der christlichen Ethik Luthers nur
auf dem Grunde der erfahrenen Sünderliebe zu verstehen
ist, wird der Leser dem bewährten Luther-Interpreten
nur dankbar sein.

Wenn der Verfasser mit dem Satze schließt, weder
Paulus noch Luther seien im höchsten Sinne des Wortes
schöpferische Geister, sie seien Jesu gegenüber nur
Jünger, aber seine echten Jünger gewesen, so wird man
ihm mit dem, was er meint, freudig beipflichten. Daß
über das Verhältnis von Urchristentum und Reformation
daneben noch anderes zu sagen wäre, versteht sich von
selbst. Mehr und Gewichtigeres als hier gesagt wird,
konnte in einem kurzen Vortrag gar nicht gesagt werden.
Marburg a. L Adolf Jülicher.

Kroll, Wilhelm: Studien zum Verständnis der römischen
Literatur. Stuttgart: J. B. Metzlcr 1924. (VII, 390 S.) gr. 8°.

Rm. 8.50; geb. 10- .

Der Breslauer Philologe behandelt hier mit seiner
umfassenden Belesenheit und Sachkenntnis und seiner
sicheren Linienführung die Gegenstände: Römer und
Griechen, das dichterische Schaffen, den Stoff der Dichtung
, die moralische Auffassung der Poesie, grammatisch
-rhetorische Theorien, Dichter und Kritiker, die
Nachahmung (Exkurs: Anachronismen), das Lehrgedicht
, die Kreuzung der Gattungen, das Gedichtbuch,
die Dichtersprache, die Unfähigkeit zur Beobachtung^
Wissenschaft und Pseudowissenschaft, Zur Historiographie
(Curtius, Livius, Tacitus. Exkurs: Direkte und
indirekte Charakteristik). Auf die altchristliche Literatur
nimmt er zwar nur da und dort ausdrücklich Bezug, wie
S. 114 auf Sulpicius Severus, S. 172 auf Firmicus, S.
202 A. 1 auf Philostorgius, S. 308 A. 1 auf Clemens AI.
(Hypomnemata, Stromateis), S. 322 auf die „Erfinder-
kataloge christlicher Eiferer", S. 325 auf Julius Afri-
kanus, S. 329 auf Arnobius. Aber auch ohne dies fallen
auf gewisse ähnliche Erscheinungen in der altchristlichen
Literatur lehrreiche Lichter, so S. 76ff.: Allegorie und
Umdeutung, S. 95: consuetudo, ratio und auetoritas,
S. 108f.: rednerischer Schulunterricht, S. 145ff.: Plagiatsbeschuldigungen
, S. 170: Selbstwiederholungen, S
174f.: Höflichkeitszitate, S. 252f.: secta, S. 308: Hypomnemata
, S. 313: die Bezeichnung „Exegetikon" (es
„spricht sich darin aus, daß eigentlich nur Priester auf
Grund ihrer Tradition und Erfahrung über diese Dinge
schreiben konnten"), S. 317 f. und 381: Aufmerksamkeit
auf Todesarten. Bei der Unterscheidung von tfyi'ij und
dvva/Lti.g beim Dichter bzw. Redner (S. 35) fällt einem
unwillkürlich Mt. 7, 29 ein, wobei freilich sofort auch
der Unterschied ins Auge springt. S. 111 und 248 A. 4
erinnert man sich, daß auch Lukas die iprtvku ovöficcxa
des Matthäus durch bessere ersetzt. Von der Frömmigkeit
, näherhin von der „Eidestreue" der Elefanten (S.
284 f.) ist auch im kXiftifi Uyog des Celsus die Rede.
Von literarhistorischen Sündern, die Schriftstellernamen