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Ausgabe:

1926 Nr. 10

Spalte:

285-286

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Schafft, Hermann

Titel/Untertitel:

Vom Kampf gegen die Kirche für die Kirche 1926

Rezensent:

Rendtorff, Heinrich

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285

Theologische Literaturzeitung 1926 Nr. 10.

286

Deus non denegat gratiam nach Bonaventura und Thomas als von der
Gnade hervorgerufenes Mitwirken gedeutet; die Heiden stimmen durch
ihr natürliches Wirken der Gnade zu und kommen so bis zur Erlösung
. Darum die Lehre des Tridentinums: gratia excitat (= vo-
catio), homo recipit inspirationem (== assentit), nun coopcratio mit der
Gnade bis zum Heil. Weist der Mensch die Gnade zurück, so ist
nicht die Gnade schuld, sondern der Mensch; Newmans „first
principles" (etwa Charaktergrundlagen) werden zur Erklärung
dieser Behauptung herangezogen, die für die Heidcnwelt günstig sei,
da z. B. die Heidenjugend bessere first principles mitbringe als die
Kulturjugend des Abendlandes. Den Glauben, der um des Heiles willen
von den Heiden zu fordern ist, schränkt einmal der error invincibilis
ein, dann erst recht die Distinktion: necessitate medid — necessitate
praecepti Dei oder ccclesiae, denn nur was necessitate medii zu
glauben ist. muß der Heide glauben, also das Dasein Gottes, seine
Vergeltung des Guten und Bösen. Die Begierdtaufe gilt als vorhanden
auch bei einem bloßen Votum implicitum. Die ohne Taufe sterbenden
unvernünftigen Kinder erleuchtet Gott in der Todesstunde, so daß
sie sich entscheiden können: diese von Klee und Laurent vertretene
Meinung zieht Pies dem limbus puerorum vor, von dem man nicht
wisse, ob er ein Departement des Himmels oder der Hölle sein
solle. Das extra ecclesiam nulla Salus deutet Pies so: es heißt nicht,
alle Katholiken würden selig, sondern jeder Gerechtfertigte gehöre
zur Kirche! „Unsichtbar" sagt der Bischof Schneider; nun gebe es
zwar keine unsichtbare Kirche, aber die eine sichtbare Kirche habe
unsichtbare Mitglieder! Und trotz allem Mission, denn Jesus befiehlt
es, er will, daß die unsichtbaren Mitglieder der Kirche zu sichtbaren
gemacht werden, er will, daß die Begierdtaufe im Wasser sich erfülle
; und die unsichtbaren Glieder der Kirche sind größten Gefahren
ausgesetzt, solange sie nicht sichtbar zur sichtbaren Kirche gehören
und von ihr erzogen werden.

So ist die katholische Arbeit an dem Problem
„Das Heil der Heiden" eine kluge Gedankenarbeit,
die den Zweck erfüllt, einerseits die Milde der katholischen
Anschauungen zu illustrieren, anderseits die Notwendigkeit
gerade der katholischen Kirche und ihres
Sakramentalismus zu betonen. Aber eben diese Ausgeglichenheit
birgt einen Kräfteverfall in sich; denn
wenn man unter Christen davon redet, daß man immer-

ben muß sich in jedem Augenblick seines unsichtbaren
Quells bewußt sein; eben an diesem Bewußtbleiben
hängt ihre Wirksamkeit. Das macht eine Überschätzung
aller Form unmöglich — das Bibelwort „Christus ist
des Gesetzes Ende" gilt hier. Aber das gibt auch die
Richtlinien und Kräfte für den nötigen Neubau der
Kirche: wo die Rechtfertigung aus dem Glauben die
verbindende Lebenshaltung ist, wo in Freiheit und Mannigfaltigkeit
der Darbietung Wort und Sakrament als
die bestimmenden Lebenskräfte wirksam sind, wo von
solchem Leben aus Verdunkelungen des Evangeliums
unerbittlich abgetan werden, da wächst die Gemeinde,
die ihre Sendung an die Welt bejahen kann. — Die
nicht leichte Sprache und Gedankenführung der Vorträge
werden sie den Weg in die weitere Gemeinde
schwerlich finden lassen; aber sie bieten einen wertvollen
Beitrag zur Durchdenkung der Frage nach der
Kirche.

Preetz (Holstein). Heinrich Rendtorff.

Binder, Julius: Philosophie des Rechts. Berlin: G. Stilke 1925.
(LIH, 1063 S.) 8°. Rm. 30—.

Geht eine Philosophie des Rechts den Tneologen
an? Der Verfasser selber wendet sich an den Juristen
und Rechtsphilosophen. In der Tat wird sich der theologische
Leser nur schwer durch die Fülle der Einzelausführungen
über Theorie, Begriff und Kategorien,
Wirklichkeit und Geltung des Rechts, Rechtswissen-<
schaft, Rechtsanwendung und Rechtsgeschichte hindurchfinden
, geschweige denn daß er sich berufen fühlen
dürfte, hier sein Urteil abzugeben. Auf der andern Seite
wieder ist das Monumentalwerk des Göttinger Gelehrten
so ganz auf das Ethisch-Menschliche eingestellt, dazu
so durchsichtig im Stil, daß auch der Nichtjurist und
Nichtphilosoph, sofern er denn überhaupt imstande ist,

seine Fachbildung in den menschlichen Kreis der Kulturhin
auch auf heidnisch zum Heile kommen könne, so

nin aucn aur neianiscn zum neue Kommen Könne so problemc einzuordnen, das Buch nicht ohne den großen

ist die christliche Forderung nicht mehr rem. Luther | bewinn der Klärung aus der Hand legen wird; hier seien

und Kalvin haben ausschließlich.der Reinheit der chnst- ! nur dje R itd üger Kulturphilosophie, die Ideologie

liehen Forderung gedient und sie haben im Neuen j d Parteien die Begriffe Freiheit, Zwang, Gerechtigkeit,

i etil in j>nt Lrf *i nnr i«m r i-l nn hn ic vi i r HArahfiatTlinrr Hificoi« t ' - . , t t j • r» j

Staat und Gesellschaft und das Recht im System der GeTestament
keinerlei Erlaubnis zur Herabsetzung dieser
Forderung entdeckt, sondern das Gegenteil. Wie sollen
denn Christen über Religion anders urteilen denn nach

meinschaftswerte genannt. Was aber den Theologen in

besonderem Maße angeht, das ist der rote Faden, der,

Piems ™ ere^meHt?, ?5 ^ d"T ^ ^ 3^^"» d.. W sentli hste skh durch

W n Tf Z inS dCr tiÄe!; ^"Z,l8t-T das Ganze hindurchschlingt: das persönliche Bekenntnis

ührt rlfn' 7 "sc-hwung im B.be Studium" zurück- erarbeiteter Weltanschauung, das philosophische System

tunrt. Gerade aus der reinen christlichen Forderung . «. . • • ■• u • ■ u a • a

kann Hann in R+ärl«. HPr „»««.Ikrhn Mi.cionc^H»^ innerhalb des juristischen, wie es insbesondere in der

k„__ j„.,„ • ca- i j ■ • _i__w a i Ii lieruaiu ues iiriswsciieii, wie eh nihuesunuei e in uci

ann dann n Starke der evangelische Missionsgedanke , „ <_. 7; 1 A ,, , .__. -u

,v, r- aa a a ia -a gvuau i philosophischen Grund egung, den Ausfuhrungen über

entstehen. Was Gott mit den Heiden tut, wissen wir 1

nicht; aber was er mit den Christen tut und was er von

ihnen will, das hat er uns kundgetan.

Magdeburg. Leonhard Fendt.

Schafft, Pfanei Hermann: Vom Kampf gegen die Kirche für

die Kirche. Fünf Vorträge z. evang. Kirchenfrage f. d. Glieder

unsrer Gemeinden. Schlüchtern: Neuwcrk-Verl. 1925. (108 S.)

8°. Rm. 2—.

Der Inhalt der Vorträge rechtfertigt ihren gewagten
Titel. Die hier von den Gedanken des Neuwerk-
Kreises aus an der Kirche geübte Kritik ist scharf, in

der Form manchmal überscharf, aber sie fließt aus Dem Religionsphilosophen ist Binder schon durch

die Rechtsidee, Individualismus und Transpersonalismus
und das System der Werte sowie in der Schlußbetrach-
tung zum Ausdruck kommt. Denn dies System ist getragen
von dem Drang, nach einem Unbedingten,
aus dem die Empirie des Rechts denkend abzuleiten
wäre und nicht sie allein, sondern zugleich mit ihr, als
die höhere Kulturgestaltung, diejenige der Sittlichkeit
und der Religion. Wenn aber der Theologe Wissenschaftler
sein will, das ist nicht allein Glaubens h ü te r ,
sondern auch Glaubens f o r s c h e r , wie könnte seine
Aufgabe letztlich eine andere sein?

Leidenschaft für die Kirche und ist deshalb ernster ! seine Festrede über „Kants Bedeutung für das deutsche

Geistesleben" (Beiträge zur Phil, des deutschen Idealismus
Bd. 3, Heft 2/3) bekannt, in welcher er sich bereits
dadurch vom Standort des strengen Kritizismus entfernt,
daß er sowohl über die Synthese wie über das irrationale
Moment in der Sinnesempfindung hinweg den Weg aus
dem Transzendentalen ins Metaphysische offen sieht.
Seine Entwickelung hat ihn vom Positivismus zum Kritizismus
und von diesem, in Auseinandersetzung vornehmlich
mit Stammler, weiter zum Idealismus geführt.

Beachtung wert. Getragen sind die Ausführungen von
dem Glauben, daß die Kämpfe und Nöte der Gegenwart,
die geschaut wird als Zeitenwende, eine Frage nach der
Kirche, an die Kirche sind. Aufgabe der Kirche ist von
hier aus gesehen, „Hinweis" zu sein, die große ihr drohende
Gefahr, daß das Salz dumm werde. Damit ist
ein kritischer Maßstab gegeben, den die Bibel selbst
darreicht in dem das Alte Testament durchziehenden
Kampf Gottes gegen die Religion, d. h. gegen jede

Form der Frömmigkeit, bei der Gott irgend zum Mittel Die denkende Verwurzelung des Empirischen in das Un-
gemaent wird (Moses, Arnos, Jeremia). Diesen Maß- ; bedingte einer positiven Geistwirklichkeit, in der Festrede
stao naoen alle Lebensäußerungen der Kirche sich ge- vorbereitet, findet im vorliegenden Werk ihre systema-
ranen zu lassen. Sie bedarf der sichtbaren Gestalt, um tische Gestaltung. Das Apr'iori des Rechts soll aufge-
wirKsam werden zu können, aber dieses sichtbare Le- I funden werden, aber nicht mehr durch kritische