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Ausgabe:

1926 Nr. 1

Spalte:

10-11

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Titel/Untertitel:

Stephan, Psalmenschlüssel. Einführung in die sprachlichen Eigentümlichkeiten und in den Gedankengang der Brevierpsalmen. 3. Aufl 1926

Rezensent:

Fendt, Leonhard

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Theologische Literaturzeitung 1926 Nr. 1.

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kanonischen, sondern auch — freilich in aller Kürze —
die apokryphischen und die pseudepigraphischen Bücher
des A. T. "behandelt. Insofern als analytische Einleitung,
nicht synthetische Literaturgeschichte geboten wird, ist
für unsere Begriffe der Titel des Gesamtwerkes, das
aus den genannten drei alttestamentlichen und zwei neu-
testamentlichen, ebenfalls von Longo und Comba
geschriebenen, Bänden besteht, Storia letteraria della
Biblia, mißverständlich.

Das Werk verfolgt den Zweck, das gebildete italienische
Publikum mit den Ergebnissen der modernen
Bibel-Wissenschaft vertraut zu machen, ein Unternehmen,
das für Italien etwas ganz Neues bedeutet, da es hier
derartige Bücher kaum gibt. Zugleich will das Werk
als Leitfaden für die Vorlesungen an der Waldenser
Theologischcn Fakultät in Rom dienen. Diesem Zweck
entsprechend beschränken sich die Verf. auf das Wichtigste
, vermeiden die Erörterung von strittigen Einzel-
Problemen und bemühen sich, überall mehr die
communis opinio als ihre eigene Auffassung mitzuteilen.
Die wissenschaftliche Richtung der das A. T. behandelnden
Bände ist gemäßigt kritisch. Die Ergebnisse der
literarischen Kritik — beim Pentateuch, bei Jes. 40—66,
bei Daniel usw. — werden rückhaltlos anerkannt; bei
der Verteidigung der neueren Urkunden-Hypothese im
Pentateuch gegen Versuche, sie durch eine neue Fragmenden
-Hypothese zu ersetzen, macht sich sogar eine
gewisse Leidenschaftlichkeit bemerkbar (I, 29. 40). Viel
vorsichtiger aber sind die Verf., wenn es sich darum
handelt, aus den literarkritischen Prämissen die historischen
Konsequenzen zu ziehen. Gelegentlich entsteht
ein Mißverhältnis zwischen der Anerkennung der literarischen
Kritik und dem Versuch, historisch doch zu
retten, was zu retten ist (I, 48. 65. 85 u. ö.); und wo
die Konsequenzen gezogen werden, bemühen sich die
Verf. darzutun, daß das keine Erschütterung des Glaubens
bedeute. Pietätvolle Rücksicht auf ihr Publikum
einerseits und ehrliches Wahrheitssuchen andererseits
bestimmt diese Haltung der, Verf. So haben sie denn
ihrem Werk gleichsam als Motto ein Wort eines pio
teologo, Franz Delitzsch', vorangestellt, das
dieser bei der Aufgabe seiner früheren Ansichten und
der Anerkennung neuerer kritischer Ergebnisse ausgesprochen
hat, das Wort, daß Gott ein Gott der Wahrheit
sei, und daß die Unterwerfung unter die Wahrheit und
die Preisgabe unhaltbar gewordener Meinungen heilige
Pflicht bedeute.

Wenn man nun die drei Bände mit dem Maßstabe
mißt, den wir in Deutschland an derartige Veröffentlichungen
zu legen gewohnt sind, so wird man sagen
müssen, daß sie im ganzen diese Prüfung wohl bestehen
können. Im einzelnen aber wären folgende Einschränkungen
zu machen: 1. Die Behutsamkeit, mit der auf die
traditionellen Vorstellungen über das Werden und das
Alter des A.T. und seiner Teile, über die Glaubwürdigkeit
von Erzählungen usw. Rücksicht genommen wird,
geht etwas zu weit und nimmt oft Platz in Anspruch,
der durch Eingehen auf mehr zur Sache gehörige Fragen
besser ausgefüllt werden könnte. Jedenfalls pflegen
bei uns derartige Bücher den Lesern mehr „Speise" und
weniger „Milch" zu geben; vor allem trauen wir unseren'
Studenten mehr zu. 2. Die Stoff-Auswahl ist — namentlich
im 2. Band — allzusehr durch das Bemühen bestimmt
, die Stücke des A. T., die im N.T. und in der Geschichte
des Christentums eine Rolle spielen, herauszuheben
: Zeph. 1,14—18 (dies irac); Jer. 31,31—34 (der
neue Bund); Jes. 53 usw. An sich ist das berechtigt,
aber es bedeutet doch eine irreführende Verteilung der
Accente, wenn Jona 9 und Daniel gar über 20 Seiten
erhalt weil beide fürs N.T. wichtig sind, während
Jes- 1— 3,9 auf nur 13 Seiten unzureichend behandelt
werden. 3. Die mit den einzelnen Büchern und Bücher-
Gruppen verbundenen Probleme — die Quellen der Erzählung
des Pentateuchs, die deuteronomische Frage,
Komposition des Hesekiel-Buches, Zeit des Habakuk

usw. — erscheinen als viel einfacher, denn sie in Wahrheit
sind. Von den neuesten Erörterungen über die Zweiteilung
des Jahwisten, von der sehr lehhaft gewordenen
Diskussion über das Alter des Deuteronomiums usw.
erfährt der Leser gar nichts. Im allgemeinen wird der
Stand der Forschung am Anfang unseres Jahrhunderts
mitgeteilt; damals sahen in der Tat die Probleme viel
einfacher aus als heute. Nun erklärt sich die genannte
Art der Bände zweifellos auch aus weiser pädagogischer
Beschränkung, aber nicht allein daraus. Vielmehr sind
offenbar die neueren Erörterungen jener Probleme den
Verf. z. T. unbekannt geblieben. 4. Oft verzichten die
Verf. — und zwar der von Band 2 und 3 viel mehr als
der von Band 1 — auf die Abgabe eines eigenen Urteils
und teilen statt dessen die Auffassung eines angesehenen
französischen, englischen oder deutschen Fachgenossen
mit. Insofern übersetzen die Bände die Werke
von Forschern anderer Länder ins Italienische. Das ist
bei einer Arbeit wie der vorliegenden, die ja fast die
Begründung einer selbständigen italienischen Einleitungs-
Wissenschaft bedeutet, berechtigt, aber in Zukunft wird
man mehr auf eigenen Füßen stehen lernen müssen.
5. Von strittig bleibenden Thesen abgesehen, finden sich
doch auch einige Fehler. II, 55 wird gesagt, daß
Manasse seinen Sohn dem Moloch (so!) dargebracht
habe, indem er ihn auf den feurigen Armen des ehernen
Moloch-Bildes verbrennen ließ. Aber nach den Arbeiten
von G. F. Moore und Graf Baudissin darf von
einem solchen Moloch-Bilde nicht ohne Kritik gesprochen
werden. II, 88 findet sich die Angabe, daß
Jes. 40—66 erst seit dem Ende „des vorigen Jahrhunderts
" dem Jcsaja abgesprochen werde. Das ist
falsch; das Ende des 18. Jahrhunderts wäre zu nennen

J gewesen. Hier scheint der Verf. von einem im 19. Jahrhundert
geschriebenen Buche abhängig zu sein.

Auf der anderen Seite darf nun aber nicht verkannt
werden, daß von den drei Bänden auch mancherlei zu

| lernen ist. Ein Teil ihrer Schwächen sind zugleich auch
Vorzüge. Ihre Autoren verfügen über großes pädagogisches
Geschick, das sich des öfteren in der Fähigkeit

I klarer Einführung in die Probleme äußert. So ist I, 90
der Erzählungsgang des P treffend und knapp wiedergegeben
, I, 142 die deuteronomistische Geschichtsschreibung
gut charakterisiert, III, 13—26 das Hiob-Problein
vortrefflich dargestellt. Nachahmenswert ist besonders
auch die reichliche Mitteilung von Tabellen, so der am
Schlüsse des 3. Bandes gegebenen Übersicht über die in
Daniel c. 8, c. 9, c. 11 erwähnten Ereignisse. — Weiter
finden sich nicht selten gute Formulierungen, teils aus
der Feder der Verf., teils von anderen übernommen,
durchweg aber romanischen Geistes. I, 20 der Pentateuch
ein Mosaik, aber nicht ein Werk von Mose.

I, 96 der Jahwist der Paulus, der Deuteronomiker der
Johannes, der Verfasser von P, der Jakobus des A. T.

II, 72 Jeremia eine Eiche und keine Trauerweide. 11,97
Jes. 53 das 5. Evangelium.

Was die benutzte Literatur angeht, so sind — außer
wenigen italienischen Büchern — in erster Linie französische
, in zweiter englische, in dritter deutsche Arbeiten
zu Rate gezogen. Vor allem wird die Einleitung ins
A.T. von Lucien Gautier (2. Aufl. 1914) verwertet
und oft ausgeschrieben. Aber auch die französischen
Bibel-Werke von Eduard R e u s s werden
oft zitiert. Sonst werden von deutschen Forschern genannt
: Franz Delitzsch, Well hausen, Smend,
Cornill, Kittel, Sellin, einmal auch Gunkel
und Greßmann.

Halle a. S. Otto Eißfeldt.

Stephan, Pfarrer Dr.: Psalmenschlüssel. Einführung in die
sprachlichen Eigentümlichkeiten und in den Gedankengang der Brc-
vierpsalmen (einschließlich der im Brevier vorkommenden Cantica).
Mit kirchlicher Druckerlaubnis. 3. Aufl. Regensburg: J. Kösel & F.
Pustet 1925. (344 S. m. e. Anlage [Kurzer Grundriß u. Aufbau des
Wochcnpsaltcriums nach seinem Inhalt |.) gr. 6°. Rni.4.50; geb. 0.50.
Bekanntlich beten die katholischen Geistlichen im Brevier
| jede Woche einmal den ganzen Psalter durch; und bekanntlich ist die