Recherche – Detailansicht

Ausgabe:

1926 Nr. 8

Spalte:

233-234

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Gutmann, Bruno

Titel/Untertitel:

Gemeindeaufbau aus dem Evangelium. Grundsätzliches f. Mission u. Heimatkirche 1926

Rezensent:

Rendtorff, Heinrich

Ansicht Scan:

Seite 1

Download Scan:

PDF

233

Theologische Literaturzeitung 1926 Nr. 8.

234

Gutmann, D. Bruno: Gemeindeaufbau aus dem Evangelium.

Grundsätzliches f. Mission u. Heimatkirclie. Leipzig: Verl. d.

Evang.-Ulth. Mission 1925. (214 S.) 8°. geb. Rm. 5—.

Eine gedrängte, an Eigenbildungen reiche, in ihrer
Eigenwilligkcit oft an Unverständlichkeit grenzende
Sprache und das Fehlen weiterführender Literaturhinweise
machen das Buch schwer lesbar; der zweite
Mangel ist um so bedauerlicher, als der Verfasser sich
mit missionswissenschaftlicher, völkerkundlicher und
soziologischer Literatur tatsächlich gründlich auseinandergesetzt
hat. Aber diese Formmängel sind nur
Nebenerscheinungen einer stark ausgeprägten und wertvollen
Eigenart. Auswertende Schilderung exakter Beobachtungen
und Erfahrungen aus der Heidenmission,
wissenschaftliche Durchdenkung soziologischer Grundfragen
in ihrer Bedeutung für das Verständnis von Evangelium
und evangelischer Gemeinde und endlich daraus
sich ergebende weitreichende Forderungen an Mission
und Heimatkirche, diese drei Hauptbestandteile des
Buches durchdringen und befruchten sich gegenseitig.
Die weitschauende profetische Forderung gibt das letzte
entscheidende Gepräge. Der besondere Wert des Buches
liegt aber darin, daß keine Forderung erhoben wird, die
nicht mit ausführlichen Beispielen veranschaulicht und
eingehend aus einer Gesamtanschauung heraus begründet
wird.

Den Kern des Buches bilden die Missionserfah-
rungen unter den Wadschagga am Kilimandscharo. Zwei
Pole ihrer Arbeitsrichtung kennzeichnen nach G. gesunde
lutherische Mission: feinstes Einfühlungsvermögen in
die fremden Volkstümer und die selbstgewisseste Beharrung
beim alten Saatgute (S. 90). Solchem Einfühlungsvermögen
erschließen sich allmählich die religiös
-sittlichen Eigenwerte des fremden primitiven Volkes
und können nun fruchtbar gemacht werden als
wurzelechte Aufbaustoffe für das Evangelium. Bei den
Wadschagga kommt ihre Ahnung von einem Gott über
der Welt, ihre das Gemeinschaftsbewußtsein ausdrückende
und verfestigende Opfergewöhnung, ihr unbefangen
lebendiger Gebetstrieb und ihre Ehrfurcht vor
den Lebenskräften der Schöpfung als Ahnung um letzte
Lebenseinheit, als Sehnsucht nach allumfassender Gemeinschaft
dem Evangelium mächtig entgegen (S. 64 ff.).
Innigste Kenntnis des Volksbodens mit starker Gestaltungskraft
und demütigem und doch hartem Schaffenswillen
läßt es zu guter christlicher Sitte kommen, die als
bodenständige, organische Sitte Träger neuer Sittlichkeit
werden kann (S. 90 ff). Die Hüttenweihe der Dschagga
und ihre Hochzeitsbräuche werden u. a. mit Liedern,
Texten und Symbolhandlungen ausführlich geschildert
(S. 103 ff. und 144 f.). Das klar verfolgte Missionsziel
ist die Gemeinde nicht als neue Organisation neben
andern Organisationen, sondern als neues Leben in den
wachstümlichen organisch gegliederten Lebenseinheiten.
Wohl ist Gemeindegründung ohne Einzelseelengewinnung
nicht möglich, aber entscheidend ist, wie sich die
aus Einzelgliedern werdende Gemeinde im Volksverbande
entwickelt, ob als eine wenn auch noch so leutselige
Fremdgestalt oder als durch Gottes Kräfte verwirklichte
Eigengestalt (S. 114 ff.). Nicht Wahlbeamte tragen das
Gemeindeleben, sondern aus dem Wurzelboden der Abstammungseinheit
und des Bodenverbandes hervorgewachsene
Organe wie die Ältesten, die Ackerpfleger, die
Jugendwarte. Die Erneuerung der an volksorganischer
Bedeutung die Kleinfamilie weit überragenden Sippe fördert
die Heranpflegung organischen Führernachwuchses.

Das hier geschilderte anziehende Bild einer christlichen
Gemeinde unter den Wadschagga, die sich ansieht
als die Neugestalt des ganzen Volkes, unter der
Pflege des Christentums zu seiner von dem Sündhaften
gereinigten Eigenart voll entfaltet, erhebt sich bei G.
auf dem Grunde einer Gesamtanschauung, die er kurz
als volksorganisches Denken bezeichnet. „Zivilisation"
als die Ersetzung der urtümlichen organischen Bindungen
in Familie, Sippe, Volk durch organisatorische
sekundäre Bindungen und das „Ideal der Persönlichkeit"

j als ein Scheinideal, das Sonderung und Loslösung aus
i dem Lebensgrunde der Erstverbindungen und damit
| Preisgabe an die Vermassung bedeutet — das sind seine
leidenschaftlich bekämpften Gegner. Besonders treibt
| zu solchem unerbittlichen Kampfe das Evangelium. Als
sein Zentralbegriff, besonders für ein an Luther orientiertes
Verständnis, wird der der „Kindschaft" bezeichnet
(S. 16 ff.). „Jesus hat nicht die Persönlichkeit,
sondern die Kindschaft gebracht . . . Die Gesamtheit
j aller mit Christus verbundenen Menschen ist also die
i Kindschaft . . . Auf die gliedliche Verbundenheit unter-
! einander durch Christus kommt alles an" (S. 157). Die
urtümliche Abstammungs- und Entstehungseinheit, die
das Luthertum als schöpfungsmäßige göttliche Setzung
ehrt, und die Neustammungs- oder Erlösungseinheit, an
deren Verwirklichung durch Christus es glaubt, sind
die zwei göttlichen Unmittelbarkeiten, die aufeinander
hinweisen und in deren Durchdringung Gottes Reich
sich verwirklicht.

Schicksalsfrage an die Mission ist, ob sie auf solche
Einstellung ihre Arbeit gründet, ob sie vor Allem die
weltgeschichtliche Größe des Kampfes versteht, den
die Völker Afrikas und Indiens gegen die Zivilisation
führen als die Mörderin ihrer organischen Lebensver-
bände in Sippe und Kaste. Schicksalsfrage an die Heimatkirche
ist, ob sie ihre Stellung als „Randkirche"
(S. 176 ff.), die fortlaufende Verengerung und Verflüchtigung
ihres Geltungs- und Wirkungsbereiches
weiter ertragen will, oder ob sie Glaubensmut und
Glaubenskraft genug haben wird, in dem Evangelium
die Grundlage des gesamten Volkslebens zu sehen. Diese
Frage entscheidet sich in der Gemeinde. Alles kirchliche
Handeln ist in Bezug zur ganzen Gemeinde zu setzen
als dem selbstmächtigen Handlungsträger des kirchlichen
Lebens, als der Darstellung des Leibes Christi
(S. 194 ff.).

Die naheliegende Kritik an Einzelheiten tritt zurück
hinter der Geschlossenheit des ganzen Buches, das
eine gründliche Auseinandersetzung mit dem in ihm vertretenen
bedeutsamen Grundgedanken fordert und er-
i möglicht.

Preetz. Heinrich Rcndtorff.

H a e r 1 n g, Prof. Dr. Theodor I..: Philosophie der Naturwissenschaft.

Versuch e. einheitl. Verständnisses d. Methoden u. Ergebnisse der
(anorgan.) Naturwissenschaft. Zugleich e. Rehabilitierung d. vor-
wissenschaftl. Weltbildes. München: Rösl 8: Ci«. 1923. (788 S.) S°.

Rm. 6—.

Das Werk hat an sich mit Theologie nichts zu tun.
l Es will eine „Philosophie der Naturwissenschaft" dar-
j bieten. Dennoch wird jeder Theologe, der irgendwie
Apologetik treibt und etwa gar zu dem Wort Kierkegaards
sich bekennt „Alles Verderben wird zuletzt von
den Naturwissenschaften kommen" es nicht nur mit
gespanntem Interesse lesen, sondern auch Anregung und
reichen Gewinn davon haben, selbst wenn er allen Ausführungen
des. übrigens klar und möglichst gemeinverständlich
geschriebenen, Buchs bis in alle Einzelheiten
hinein zu folgen nicht geneigt wäre oder sich nicht imstande
fühlte.

Verf. setzt mit der Frage ein, was denn Sinn, Bedeutung
und Ziel des „naturwissenschaftlichen Erkennens
" sei; und erteilt darauf die Antwort: wie das
wissenschaftliche Erkennen überhaupt sich das Ziel setzt,
die Wirklichkeit oder einen Teil der Wirklichkeit zu
„verstehen" und zu „erklären", so auch das naturwissenschaftliche
Erkennen. Und zwar ist der Gegenstand des
letzteren speziell „d e r Teil der Wirklichkeit, den wir
den anorganisch-materiellen nennen", mit andern Worten
, die „materielle Wirklichkeit", die „materielle Natur
". Die anorganisch-materielle Wirklichkeit wird aber
„in ihrem Tatbestande am tiefsten und damit exaktesten
im Ganzen und im Einzelnen, wie die Erfahrung gezeigt
hat, dann verstanden, wenn und soweit sie stets
als das Produkt gesetzmäßiger, rein quantitativ-räumlicher
Umsetzungen (Bewegungen) letzter, unverändert