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Ausgabe:

1926

Spalte:

223-225

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Neubauer, Ernst

Titel/Untertitel:

Goethes religiöses Erleben im Zusammenhang seiner intuitiv-organischen Weltanschauung 1926

Rezensent:

Petsch, Robert

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'223

Theologische Literaturzeitung 1926 Nr. 8.

'224

das erste Mal selbst die Monstranz getragen), wird von H. so geschildert
(S. 41): Die starre Orthodoxie der Lutheraner rang mit
der finsteren Wut der Papisten, und kein Mittel war den beiden Parteien
zu schlecht, ihre gottfernen Interessen mit einer geradezu erstaunlichen
Intoleranz zu verfechten. Fochten aber die Lutheraner
eingehüllt in den starren Panzer ihrer unhaltbaren Vorurteile, so
kämpften die Papisten mit der ganzen Wucht ihrer glänzenden
Tradition. Schoben die Lutheraner das schwere Geschütz ihres schwerfälligen
Luther ins Feld, so brauste der Christus der Papisten auf
weißem Rosse einher, und, trunken dieser farbigen Leidenschaft,
inehrte sich das Gefolge des göttlichen Reiters. Ekstatisch, entzündet
von den unterirdischen Feuern des rastlos strömenden Jesuitismus,
schwur das Volk zur phantastischen Fahne des Katholizismus, der der gelangweilten
Menge als ein minniger, seliger Freund erschien." —
ß) Der geistigen Welt des Cherubinischen Wandersmanns
gilt folgender Satz (S. 104): „Plato und Dionysius, Augustinus und
Paulus, Skotus Erigena und Eckehart, S. Bernhard und Tauler, Thomas
von Aquino und Ruysbrock, die deutsche Theologie und Böhme, Wei-
gel und Frankenberg sind die Er/e, die — wesensgleichen Inhalts —
dem Wesen des Cherubinischen Wandersmanns Sinn und letzte Gründe
geben."

Die zweite Probe, welche alle Unterschiede der Geistesgeschichte
ins Massengrab alleinigen mystischen Lebens
versenkt, für sich allein rechtfertigt schon das Urteil
, daß H. nicht in der Lage ist, Eigenart von Sch.'s
Persönlichkeit und Dichtung und Lebensanschauung klar
herauszuarbeiten. So sei auf Wiedergabe und Erörterung
seiner Gesamtauffassung Sch.'s verzichtet. Genug, daß
auf dem chaotisch stürmischen Meere dieser Schefflerdarstellung
zahlreiche solide Planken einer schiffbrüchig
gewordenen Philologie schwimmen, die die ein festes
Haus zimmernde historische Wissenschaft sich herauszufischen
nicht unterlassen sollte.

Göttingen. E Hirsch.

Neubauer, Lic. theol. Dr. phil. Ernst: Goethes religiöses Erleben
Im Zusammenhang seiner intuitiv-organischen Weltanschauung
. Tübingen: J. C. B. Mohr 1925. (IV, 84 S.) gr. 8°.

Rm. 3—; geb. 4.50.

Hans von Schubert darf das hohe Verdienst
für sich in Anspruch nehmen, in seiner Schrift über
„Goethes religiöse Jugendentwicklung" (Leipzig, Quelle
und Meyer 1925) zum ersten Male mit voller Beherrschung
des Materials und mit gründlichster Quellenkritik
einen einzelnen und zwar den eigentlich entscheidenden
Abschnitt dieser Entwicklung wirklich er- I
hellt zu haben; wenn er damit für eine wirklich philo-
logisch-histexrische Behandlung des Problems eine feste
Grundlage gelegt und die Wege gewiesen hat, so darf
man die vorliegende Promotionsschrift N.'s (die der j
theologischen Fakultät zu Marburg 1923 vorlag) als
einen der wert- und gehaltvollsten Beiträge zur phänomenologischen
Erfassung von Goethes Religiosität und
zur systematischen Ausbeutung der Quellen begrüßen.
Schon der Standpunkt, den der Verfasser einnimmt, ist
um so ergiebiger, je seltener er in der Gegenwart ist.
Die Behandlungen des Problems durch Lütge rt,
Korff und Loew (Goethe als religiöser Charakter,
München, Chr. Kayser 1924) leiden alle mehr oder
weniger an der Fragestellung: „Religion oder Idealismus
"?, die sie dann mit sehr verschiedener Einschätzung
bald nach der einen, bald nach der andern Seite
entscheiden. Die beiden genannten Denkrichtungen sind
aber keine ausschließenden Gegensätze, am wenigsten
in einer Zeit wie derjenigen um die Wende des 18.
Jahrhunderts und vollends bei einer Persönlichkeit von
der starken innerlichen Polarität wie Goethe. Sein
scheinbarer immanenter Monismus weist ja immer wieder
auf letzte Hintergründe und unlösbare Rätsel und auf
Widersprüche hin, sein angeblicher Pantheismus macht
immer wieder ehrfürchtig Halt vor dem „Plus" des
Göttlichen, das sich nicht in die Summe der Lebensvorgänge
auflösen läßt, wie in jedem Individuum, in
jedem Organismus ein Plus jenseits aller seiner Wirkungen
im einzelnen übrig bleibt. Die letzte große
„Rune" ist ihm Glaubenssache, aber sie ist nicht in der
Welt der Wirklichkeit gegeben, der allein sein Forschen
gilt. Und indem Goethe jene ewigen Hintergründe
nicht bloß gelten läßt, sondern sie „verehrt", indem
er aus jenen verborgensten Quellen seine tiefsten Anregungen
, Probleme und Kräfte zieht, indem er aus der
Welt der Wirklichkeit immer wieder in eine andere
Welt der Rätsel hinübertritt, in der seine Seele eigentlich
zuhause ist, nimmt er teil an wirklichem religiösem
Leben, wenn er auch nur ein einziges Mal mit
geschichtlich-positiver Religiosität in wirklich innige Berührung
gekommen ist. Freilich ist die Religiosität
als abgegrenzter Bezirk menschlichen Innenlebens und
menschlicher Betätigung nicht Goethes Sache: insofern
ist er nichts weniger als ein homo religiosus. Aber
Religion durchdringt gerade seine tiefsten Erlebnisse
und spricht immer wieder aus seinen hervorragendsten
Leistungen zu uns, nicht etwa bloß aus dem „Ewigen
Juden" oder den „Geheimnissen", ebenso aus „Faust"
und „Iphigenie", aus den großen Romanen und aus
einer unabsehbaren Fülle seiner Gedichte.

Neubauer ist es weniger um die dichterischen Schöpfungen
Goethes als um seine gesamte Weltanschauung zu tun, aus der ja seine
Werke hervorquellen. In 6 Kapiteln sucht er von immer neuen Seiten
und mit wohlberechneter Steigerung immer wieder zu der Religiosität
Goethes vorzustoßen: die beiden ersten Abschnitte behandeln,
einander ergänzend und durchdringend, Goethes „organische Natur-"
und „Selbstanschauung". Die beiden nächsten zeigen Ausweitung und
Einschränkung seines prometheischen Schöpferdrangcs in ihren gedanklichen
Spiegelungen: „Gesetz, und Idee"; „das individuelle Gesetz
"; „Schicksal und Entsagung". In den beiden letzten Kapiteln
antwortet dem die „ganymedischc" Tendenz zur Auflösung des Ich:
„kosmische Sehnsucht und Liebe"; „Gemeinschaft und Erlösung".

Es ist ein wohlbekanntes Material, mit dem N. arbeitet, und viele
der hier erörterten Zusammenhänge sind uns längst bekannt und gerade
in der letzten Zeit auch weiteren Kreisen recht eindringlieh dargelegi
worden, vor allem in der wichtigen Schrift von E. Michel: Weltanschauung
und Naturdeutung. Vorlesungen aus G.'s Naturanschauuug
(Jena, Diederichs 1925). Dennoch sieht N. vieles mit frischen Augen
und entdeckt neue Töne und neue Tiefen, von denen wir gestern noch
nichts ahnten. Wie ein geheimer Grundton, der nur kräftiger hätte herausgearbeitet
werden sollen, geht durch sein ganzes Buch von Anfang
an (S. 4) die Gewißheit Goethes von der gegenseitigen Bezogen-
heit des Makrokosmos und des Mikrokosmos, wonaeh „jeder neue
Gegenstand, wohl beschaut, ein neues Organ in uns aufschließt"
(Vgl. hierzu etwa S. 10, 15, 18, 19f., 28, 33, 41, 51, 58, 59, 68). Die
Bedeutung des Organismusbegriffs für Goethes gesamtes Denken tritt
klar genug hervor: in seinen letzten Auswirkungen wehrt dieser Begriff
, wie G. ihn faßt, jedem krassen Rantheismus: im All wie in
jedem einzelnen Lebendigen gewahrt Goethe jenes geheimnisvolle Pius,
den Gott, der „über allen Kräften thront". (Vgl. besonders S. 28,
32, 39, 60). Von hier aus gewinnt auch Neubauer immer neue Gesichtspunkte
zu einer (leider nicht im Zusammenhang durchgeführten
) Scheidung zwischen G. und Spinoza (vgl. besonders 1,
5, 13, 19, 27, 75), zur Würdigung von „Goethes echt germanischdeutschem
Gotterleben". N. entwickelt ausführlich die beiden Grundbegriffe
von Goethes Weltanschauung: Individualität und Natur und
ihre organische Verbundenheit in dem höchsten Prinzip alles Ler
bendigen. Goethes Auffassung dieses „Lebendigen" ist weit entfernt
von jedem „autonomen Vitalismus", der etwa die „reine Funktion
des Weiterschreitens" als den Sinn des Lebens verherrlichte
Oberall weist seine Weltbetrachtung über das Sinnliehe, Erfahrbare
und Berechenbare, Begreifliche und Behcrrschhare hinaus und ist insofern
schon „der religiösen Tiefe innerlieh verwandt" (S. 30).
Religiös aber ist auch Goethes Glaube daran, daß die Natur, wie sie
göttlich ist, auch selbstverständlich gut ist und die Kräfte des Outen
und zum Guten in sich birgt und aus sich hervorbringt (S. 41). Unter
diesem Gesichtspunkt gewinnt selbst die „Geschichte", der G. an sich
fremd gegenübersteht, einen religiösen Wert für ihn: sie ist der Boden,
auf dem wir uns mit „Zuversicht und Ergehung" in das Schicksal
fügen lernen, das auch im „Zufalligen" waltet (S. 49ff.). Wir rühren
hier an den Kern aller Religiosität Goethes, an die Lehre von der
Ehrfurcht, die bei ihm geradezu als Organ für das Transzendente
erscheint (S. 52).

Wie in dieser Gedankenreihe (Idee-üesetz-Schicksal-Entsagung-
Glaube), so blickt das Religiöse in der andern, sie ergänzenden, immer
wieder durch. Mit einer bisher nicht erreichten Klarheit und Tiefe
entwickelt N. (S. 56 ff ), wie in Goethes problematischem Liebesleben
als eigentlich positive, treibende Kraft seine kosmische Sehnsucht
sich auswirkt, fdic in Wahrheit über alles Geschaffene, Greifbare hinausreicht
; doch hätten sich seine ganzen Gedankenreihen noch wesentlich
vertiefen lassen durch den Hinblick auf Goethes Bekenntnis zu
Riemer (1809), „daß er das Ideelle unter einer weiblichen Form oder
unter der Form des Weibes konzipiere" (vgl. den Schluß des