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Ausgabe:

1926 Nr. 7

Spalte:

184-185

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Goguel, Maurice

Titel/Untertitel:

Jésus de Nazareth. Mythe ou histoire? 1926

Rezensent:

Dibelius, Martin

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183

Theologische Literaturzeitung 1926 Nr. 7.

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ligen Stätte des Ostjordanlandes zu weisen, Kana ist
ein bevorzugter Ort der Christen, Ainon Ort der Täufer
(nebenbei: wie fern ist uns heute die Kritik einer
gar nicht so weit zurückliegenden Zeit, die die Existenz
von Täufergemeinden in nachchristlicher Zeit überhaupt
bestritt!) Die Brotrede zeigt, daß Kapernaum die Hochburg
des christlichen Sakramentalismus war, ein Vergleich
von Kap. 9 und Kap. 5 dagegen, daß die Christen
den Siloahteich, Nichtchristen, Juden oder Heiden
aber den Bethsathateich benutzten. In der Leidensgeschichte
fällt auf, daß die Topographie der Innenszenen
schlecht, die der im Freien spielenden dagegen deutlich
ist; es ist die Anschauung des zerstörten Jerusalem
, die hier zur Geltung kommt: man kennt die Lage
der Gebäude, weiß aber nicht mehr, wie es in ihnen aussah
.

Es ist also im wesentlichen eine ätiologische Deutung
, die der Vf. vorschlägt; wenn man von gewissen
kultgeschichtlichen Beobachtungen absieht, so ist es
vorwiegend eine gemeinde- und missionsgeschichtliche
Ätiologie, auf die sich sein Augenmerk richtet. Er sieht
im Evangelium die literarische Bearbeitung einer tief
im Volksglauben und im üemeindebewußtsein wurzelnden
, an hervorragende Stätten der christlichen Tradition
gebundenen frommen Überlieferung. Ich habe den Eindruck
und möchte ihn auch durch die Ausführlichkeit
dieser Besprechung zum Ausdruck bringen, daß die
relativ kleine Schrift einen wesentlichen Fortschritt unserer
Erkenntnis darstellt, und daß sie nicht nur gute
Einzelbemerkungen (z. B. über das Grab Jesu, wie es
Joh. 20 vorausgesetzt ist) enthält, sondern eine Gesamtbetrachtung
, die der Aufmerksamkeit und der sorgfältigsten
Erwägung wert ist. Mein Widerspruch geht
in doppelter Richtung. Erstlich scheint mir bei K. eine
wesentliche Überschätzung der Ortsangaben vorzuliegen
, wenn er etwa in der Lazarusgeschichte und der
Pilatusszene die Ortsangaben für Hauptmotive erklärt.
Denn die besondere Eigentümlichkeit der Lokalberichte
an beiden Stellen, das Hin- und Hergehen des Pilatus
und das Verweilen Jesu an einem Ort vor Bethanien,
dem Ort „der Begegnung" (nach dem Bericht der
Pilgerin Ätheria) erklärt sich beide Mal aus typisch
johanneischen, also vom Verf. des Evangeliums stammenden
Kompositionen: der Szene mit Martha bei jener
und den zwei Verhören mit echt johanneischer Themastellung
bei dieser Gelegenheit. Damit habe ich auch
schon den zweiten Einwand berührt: wenn „Johannes"
nicht frei erfunden, sondern auch außersynoptische Traditionen
benutzt hat, dann muß die topologische Untersuchung
stärker differenziert werden, als es K. getan hat.
Es muß gefragt werden, ob nicht einige Ortsangaben,
zumal in der Leidensgeschichte, bereits mit überliefert
waren; und in diesem Fall, ob sie auf legendären Benennungen
früher unbenannter Örtlichkeiten beruhen
(dann kommt Kundsins Lösungsversuch in Betracht) oder
auf alter selbständiger Kunde (der Garten jenseits des
Kidron anstatt des „Ortes" Gethsemane am ölberg bei
den Synoptikern). Von all diesen Angaben sind die
Bemerkungen zu scheiden, die der Evangelist komponiert
hat; sie sind entweder belanglose Kompositions-
inotive — die Steinigungsversuche sollte man wirklich
nicht topologisch deuten! — oder Einfügungen von
Namen, die zu seiner Zeit in der Christenheit eine Rolle
spielen, wie wahrscheinlich Ephraim Joh. 11,54; in
solchem Fall dürfte die Methode Kundsins die allein
richtige sein. Aber eine gedeihliche Fortsetzung dieser
Untersuchungen hat eine Klärung des Problems „Tradition
und Komposition bei Johannes" zur Voraussetzung
, auf dessen Wichtigkeit in der Leidensgeschichte
ich früher (in der Baudissin-Festschrift) gelegentlich
schon hingewiesen habe. Diese Arbeit müßte nun endlich
in Angriff genommen werden. Dann werden auch die'
wertvollen Untersuchungen Kundsins zu ihrem Recht,
wenn auch zu einem beschränkten Recht kommen.
Heidelberg. Martin Dibelius.

Goguel, Maurice: JeTus de Nazareth. Mythe ou histoirc P
Paris: Payot 1025. (314 S.) gr. 8°. Bfclioth&qüe Historiquc.

fr. 15- .

Der Verfasser hat eine Art Handbuch geschrieben,
das in kluger und selbständiger Weise die Argumente
gegen die sogenannte mythische Theorie vom Leben
Jesu zusammen faßt, jene Theorie, die bei uns in den
letzten zwei Jahrzehnten am eindrucksvollsten durch
Arthur Drews vertreten worden ist; während sie jetzt
in Deutschland vor der Behandlung anderer Probleme
in den Hintergrund getreten zu sein scheint, hat sie
während der letzten drei Jahre in Frankreich durch
Arbeiten von P. L. Couchoud (L'Enigme de Jesus,
Mercure de France, 1923; Le Mystere de Jesus, Paris
1924) und R. Stahl (Le Document 70, 1923) eine neue
Rechtfertigung erfahren. Gogucls Auseinandersetzung
hat vor allem diese neuesten Bestreitungen der Geschichtlichkeit
Jesu im Auge, sucht aber darüber hinaus
durch eine umfassende Diskussion der Gründe für und
wider dem Leser zu einer selbständigen Beurteilung der
Dinge zu helfen; auch der des Griechischen nicht kundige
Laie wird sich des flüssig geschriebenen Buches
bedienen können.

Der Verfasser behandelt nach einem historischen
Überblick über die Vertreter der mythischen Theorie
die Zeugnisse in der üblichen Weise. Von den nicht-
| christlichen Texten schätzt er die Stellen in den Annalen
| des Tacitus höher ein, als man es heut gewöhnlich tut,
! weil er hier eine heidnische Quelle zu erkennen meint;
! ich bin nach wie vor der Überzeugung, daß Tacitus das
i wiedergibt, was man zu seiner Zeit und iij seinen
Kreisen vom Christentum wußte oder doch leicht erfahren
konnte. Bei der Behandlung des „vorchristlichen
Christentums" möchte G. eine Vermischung der Ausdrücke
nazarenos und nazoraios annehmen, von denen
j der erste ursprünglich die Herkunft Jesu aus Nazareth
bezeichnete, der andere aber ein Name der Täuferjünger
I war. In den beiden dem Zeugnis des Paulus gewidmeten
| Kapiteln ist mir die Betonung des sehr richtigen Ge-
i dankens aufgefallen, daß Paulus kraft seiner Autonomie
den Autoritäten von Jerusalem nicht so relativ versöhnlich
begegnet wäre, wenn sie nicht den Zusammen-
; hang mit dem Erdenleben des Erlösers- gehabt hätten
j und damit einen Rang, den Paulus trotz Ii. Kor. 5,16
respektierte. Es folgt dann eine Übersicht über die an-
I deren Bücher des Neuen Testaments und eine Unter-
; suchung des Osterglaubens.

Im allgemeinen nimmt G. in den Einz.elausführun-
i gen einen der kritischen Theologie Deutschlands vor
I dem Kriege verwandten Standpunkt ein. Die neueren
Fragestellungen der deutschen Wissenschaft spielen in
dem Buch nahezu keine Rolle. Das ist vor allem in der
Behandlung der Christologie des Paulus zu spüren; G.
nimmt im wesentlichen den Standpunkt des Brückner«
schen Buches ein, ohne daß bei der Behandlung des
Kolosserbriefes und der Ascensio Jesaiae die neuerschlossenen
Texte (Oden Salomos, Epistula apostolorum,
manichäische Fragmente, Ginza) berücksichtigt werden.
Auch der Abschnitt über den Weissagungsbeweis ist
nach meinem Gefühl zu kurz geraten, ebenso die an
sich sehr dankenswerte Behandlung der eventuellen
legendenbildenden Faktoren (z. B. aus der Liturgie —
die Möglichkeit wird von G. mit dem Hinweis auf die
späte Einführung einer kultischen Lesung von Evangelien
abgelehnt). Auch bei der Behandlung der Evangelien
wäre ein gründlicheres Eingehen auf die Vorgeschichte
der l radition wünschenswert.

Der deutsche Leser wird dem französischen Buch mit Dank den
Hinweis auf eine Reihe von französischen Arbeiten entnehmen, die
ihm zur Zeit ihres Erscheinens innerhalb der letzten 10 Jahre
unbekannt geblieben sind. Da ich das gleiche Interesse auf der
Gegenseite voraussetze, möchte ich, nicht um Fehler zu verbessern,
sondern um mögliche Lücken auszufüllen, den Verf. auf ein paar deutsche
Arbeiten aufmerksam machen, die O. nicht erwähnt und, wie
mir scheint, auch nicht indirekt gekannt hat. Zu Plim'us wäre auf
den Aufsatz von Lietzmann in der Festschrift für Hauck zu ver-