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Ausgabe:

1925 Nr. 7

Spalte:

154-155

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Wolkan, Rudolf (Hrsg.)

Titel/Untertitel:

Geschicht-Buch der Hutterischen Brüder 1925

Rezensent:

Bossert, Gustav

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Theologische Literaturzeitung 1925 Nr. 7.

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die heidenchristlichen Gemeinden gestellt wurde. Ausgeschieden
blieb, wie in der 1. Aufl., alles rein Dogmengeschichtliche
und Literargeschichtliche. In ersterer Hinsicht
ist der Verf. in der Entsagung wohl zu weit gegangen
. So erfährt der Leser nichts davon, wie man
sich in diesen Jahrhunderten das Verhältnis Jesu Christi
zu Gott zurechtgelegt hat, nichts von der tragischen Entwicklung
, die dazu geführt hat, daß die Mutter, das !
Judenchristentum, von ihrer Tochter, dem Heidenchristentum
, schließlich verleugnet und verketzert wurde.
Ist doch sogar in dem Kapitel über das Ende des Judenchristentums
der Abschnitt über ,die Auseinandersetzung
zwischen Kirche und Synagoge', worin freilich die
christologische Seite auch nicht berücksichtigt war, der
Kürzung zum Opfer gefallen. Auch die Umwandlung
der kirchlichen Vorstandschaft in ein Priestertum, der
eucharistischen Mahlfeier in ein dingliches Opfer hätte
wohl deutlicher hervorgehoben werden dürfen (S.
186f.). Und wenn es S. 246 heißt: ,Man faßte noch
immer die christliche Gemeinde als die Nachfolgerin des
alttestamentlichen Priestertums auf usw.', so könnte
dies die Vorstellung erwecken, als ob diese Auffassung
die ursprüngliche wäre und noch nachgewirkt hätte, !
während sie doch erst mit I. Clem. einsetzt und sich in
der Folgezeit immer stärker auswirkt. Endlich dürfte der
Unterschied der kirchlichen Entwicklung im Westen
und im Osten, wie ihn Karl Müller so fein herausgearbeitet
hat (Kirchengeschichte l* i. Lief. 1924), auch
bei A. etwas mehr zur Geltung kommen. Doch ist dabei
natürlich seine Zwecksetzung und die Beschränkung,
die er sich auferlegen mußte, in Anschlag zu bringen.

Was A. bietet, ist vorzüglich. Es ist ihm gelungen,
die Anfänge der christlichen Kirche, ihre äußere und
innere Entfaltung, ihre Leiden und Kämpfe, ihre Hoffnungen
und Stimmungen in den ersten drei Jahrhunderten
aus den Quellen heraus mit feiner seelischer Einfühlung
in anschaulicher, lebensvoller Sprache darzustellen
. Die Bilder sind mit großer Liebe und mit weitgehendstem
Verständnis für das Notwendige und Unvermeidliche
in der Entwicklung gezeichnet. Auch wo
die Kirche unter dem Zwange der Verhältnisse von
einem ursprünglichen Hochziel Abstriche machen mußte,
ist die Tatsache nicht vergessen, daß sie immer noch die
christliche Zucht mit Ernst und Nachdruck gewahrt
hat. Bezüglich der heidenchristlichen Gemeinden ist A.
sogar der Anschauung, daß sie sich später mehr in
die Forderungen der christlichen Sittlichkeit hineingefunden
haben, als es noch zur Zeit Pauli der Fall war
(S. 114. 215 ff. 232). Das mag für die nächste Folgezeit
zutreffen, aber seit dem 3. Jahrhundert ist doch ein
Rückgang unverkennbar, und es ist, wie v. Harnack einmal
treffend bemerkt, ein trauriges Zeichen, daß in
dieser Zeit Kleriker, wenn sie in Streit geraten, einander
sofort die schwersten Vergehen und Verbrechen vorwerfen
. Auch sonst habe ich mir aus der Darstellung
in diesem Werk manches angemerkt, was ich anders
auffasse oder beurteile, möchte aber, wie seinerzeit
Preuschen, darauf verzichten, es hier .auszukramen'.
München. Hugo Koch.

Calvin: Um Gottes Ehre! Vier kleinere Schriften, übers, u. hrsg.
von Matthias Simon. München: Chr. Kaiser 1924. (XV, 300 S.) 8°.

Gm. 4.50; Halbl. 5.70.
Über eine offizielle, amtliche Stellung des Verfassers
zur Theologie und Kirche erfahren wir in der Schrift,
die uns nur den Namen des Autors und seinen Aufenthalt
mitteilt, noch auch in dem der Schrift angehängten
Verlagsbericht der Verlagsbuchhandlung, der an und für
sich schon sehr interessant ist, lediglich gar nichts. Wir
sind also allein auf Vermutungen angewiesen, in
uieser Beziehung zeigt uns das Vorwort, mit dem der
Verf. sein Werk einleitet, einen überaus eifrigen und
auch in der Literatur der Reformation gut orientierten
Protestanten, dem es wirklich darum zu tun ist, Schätze
dieses Schrifttums, die ihm mit vollem Rechte von

ganz besonderem Wert erscheinen und die, weil in
Fremdsprachen abgefaßt, dem deutsch-protestantischen
Volke nicht verständlich sind, durch Übersetzung
ins Deutsche zugänglich zu machen. Zu diesem Zwecke
hat er sich nun an Calvin gewagt und mit treffendem
Verständnis vier Schriften ausgewählt und übersetzt,
die nicht nur für die persönliche Stellung des französischen
Reformators und sein Verständnis des Christentums
sehr bezeichnend, sondern ganz besonders
durch ihre Verteidigung der Reformation und ihre überaus
gewandte und sichere Polemik gegen die römischkatholische
Kirche auch heute noch von ganz besonderer
Bedeutung sind. Denn abgesehen von dem Großen
Katechismus, der auf grund der lateinischen und französischen
Urausgabe übersetzt ist, enthalten die drei
andern Schriften 1., die Anrede an König Franz I. von
Frankreich, die ja Calvin allen von ihm veranstalteten
Ausgaben seiner institutio vorangestellt hat, 2. seine
Schrift gegen Jakob Sadoleto, die seine Rückberufung
nach Genf bewirkt hat, und endlich 3., seine große Ermahnung
an Kaiser Karl V. aus dem Jahre 1543, so
reiche Schätze nicht bloß des persönlichen „Verständnisses
des Reformators vom Christentum, sondern insbesondere
der Kritik und Polemik gegen die römischkatholische
Kirche, daß die Auffrischung ihrer Kenntnis
gerade heutzutage von ganz besonderer Bedeutung ist,
wo diese Kirche sich offenbar zu einem systematischen
Kampf der Gegenreformation erhoben hat.

Dem Vorwort folgt eine Einleitung, in welcher in
kurzer, aber für den praktischen Zweck durchaus genügender
und zuverlässiger Weise über die Entstehung
der 4 Schriften Bericht gegeben wird. Der Druck ist
korrekt und gerade darum für eine Volksschrift sehr
geeignet.

Wenn der Verf. die besondere Art von Calvins
Theologie mit der Losung „Um Gottes Ehre" bezeichnet
, so entspricht das der gewöhnlichen Auffassung
von Calvins Verständnis des Christentums; sie ist aber
nur halb richtig, denn wie jüngst Karl Holl in seinem
Lutherbuche überzeugend nachgewiesen hat und früher
schon August Lang, wohl der beste Kenner Calvins
in Deutschland, ist diese energische Hervorhebung, daß
es sich bei allen drei Reformatoren, Luther, Zwingli
und Calvin eben um die Ehre Gottes handelt, Gemeingut
aller drei Reformatoren gewesen, so daß Calvin
hierin nur der Nachfolger der andern ist.

Bei einer neuen Bearbeitung wäre hie und da eine
Revision der Übersetzung sehr am Platze. Die Konstruktion
„auf etwas vergessen" statt „etwas vergessen" ist
bayrischer Provinzialismus und nicht zulässig.

Cannstatt. D. August Baur.

Geschicht-Buch der Hutterischen Brüder, herausgegeben von den
Huttcrischen Brüdern in Amerika, Canada, durch Prof. Dr. Rudolf
Wolkan. Wien: C. Fromme in Komm. 1023. (VIII, 697 S.)

gr. 80.

Das treffliche Werk Jos. Becks „Geschichtsbücher
der Wiedertäufer" (Fontes rerum Austriacarum. Dipl.
XLIII) 1882 ist vollständig vergriffen. Darum entschlossen
sich die Hutterischen Brüder in Amerika, das
von Beck vermißte Geschichtsbuch, das sie aus Rußland
nach Amerika gebracht hatten, drucken und zu diesem
Zweck durch Professor Wolkan bearbeiten zu lassen, in
dem er besonders die Orthographie modernisierte und
Akten und Briefe beifügte. Leider konnte er das Original
nicht benutzen, weil es die Hutterischen Brüder
nicht einer Seereise anvertrauen wollten, sondern nur
eine Abschrift, die für sehr sorgfältig galt, aber S.
695—697 zahlreiche Verbesserungen forderte.

Das Geschichtbuch wurde von Kaspar Breitmichel,
einem Beamten der Brüder, begonnen und bis 1542 fortgeführt
. Er schickte aber eine mit der Weltschöpfung
beginnende Chronik voran. Dann setzten es Hans Kräl,
der spätere Vorsteher der Gemeinde, und der Schreiber
Haupprecht Zapff bis 1593 fort. Dann schrieb eine