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Ausgabe:

1925 Nr. 6

Spalte:

137

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Tersteegen , Gerhard

Titel/Untertitel:

Schriften, Lieder und Sprüche. Eine Auswahl 1925

Rezensent:

Clemen, Otto

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137

Theologische Literaturzeitung 1925 Nr. 6.

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Dieses dem Andenken des Danziger Kaufherrn und Kirchenvor-
stehers von St. Johann Zacharias Zappio (f 1680) gewidmete,
hübsch ausgestattete Büchlein enthält eine bereits 1831 erschienene
Erzählung des Danziger „Naturdichters" Wilhelm Schumacher, wie
der zugewanderte Schneidergesellc Z. Z. in Bremen die Liebe eines
Ratsherrntöchterleins gewinnt und sie entführt, und dann in seiner
Heimat Danzig zu Reichtum und Ansehen kommt, ferner Geschichtliches
über Z.Z., seine Stiftungen und Testamente, größtenteils aus
den Kirchenbüchern der St. Johanneskirche, endlich Einiges über die
von Z. testamentarisch gestiftete Bibliothek bei der genannten Kirche
(gegenwärtig über 3500 Bände, unter den Foliobänden einige 60
Inkunabeln).

Zwickau i. S. O. C leinen.

Windel, Rudolf: Mystische Gottsucher der nachrefor-
matorischen Zeit. Halle a.S.: Buchh. des Waisenhauses 1925. (52 S.)
In der Bibliothek der Franckeschen Stiftungen hat W. zahlreiche
mystische Schriften der nachreformatorischen Zeit gefunden, aus denen
er Auszüge und Proben bietet. Liest man die einzelnen Aufsätze:
Zur Schriftauslegung Kaspar Schwenckfelds und des Weigelianis-
mus, Zur Mystik des Holländers Coornhert (f 1590), Zur Mystik
des schlesischen Edelmannes Abraham von Franckenberg, Der cherubinische
Wandersmann des Angelus Silesius (1657), Gottfried Arnold
als mystischer Dichter, Christian Hohburgs Angriff auf das evangelische
Predigtamt, Zu Gerhard Tersteegens quietistischer Mystik
usw. — so wird der Wunsch rege, daß diese Schriften systematisch
verarbeitet und ausgebeutet und zusammengefaßt worden wären. Aber
das ist leichter gedacht als getan. Zunächst bringt die Seltenheit und
Verstecktheit, Pseudo- und Anonymität dieser Schriften große Schwierigkeiten
mit sich. Vor allem aber ist es unmöglich, die Abhängigkeitsverhältnisse
darzulegen (natürlich müßte die vorreformatorische
Mystik hinziigenommen werden), festzustellen, wo ein Gedanke, eine
allegorische Deutung einer Bibelstelle (vgl. z. B. gleich S. 6 und 10
die Deutung der Männer der Samariterin Joh. 4 bei Valentin
Weigel und bei Coornhert), eine Erweichung oder Umdeutung einer
dogmatischen Formel original ist und zum ersten Male auftaucht. So
wird es bei der monographischen Darstellung bleiben müssen.

Zwickau i. S. O. C lernen.

Tersteegen, Gerhard: Schriften, Lieder und Sprüche. Eine
Auswahl, besorgt von Tim Klein. München: Chr. Kaiser 1925.
(375 S.) 8". Gm. 5—; geb. C.50.

Der Herausgeber will Tersteegen „zum Genossen des evangelischen
Hauses machen". Seine Schriften erscheinen ihm besonders
geeignet, den unsrer Zeit eigenen Drang nach Mystik und Metaphysik
in gesund christlich-evangelischen Bahnen zu erhalten. Das Buch enthält
in trefflicher Auswahl, in angenehm lesbarer Form folgendes:
die alte, zuerst 1775 erschienene treuherzige Lebensbeschreibung, die
zugleich den großen Kreis, den Tersteegen beeinflußt hat, uns vor
Augen führt, Auszüge aus dem „Weg der Wahrheit" (zuerst 1735 erschienen
, eine Sammlung von 12 vordem gesondert gedruckten Traktaten
), den „Geistlichen Krämer", der das Verwachsensein Tersteegens
mit der mittelalterlichen Mystik zeigt, Seelsorgebriefe, drei Er-
weckungsreden, Sprüche und Lieder aus dem „Blumengärtlein" (zuerst
1729 erschienen), endlich die 1853 durch O. Kerlen wiederausgegrabene
Schrift „über die Werke des Philosophen von Sanssouci".
Zwickau i. S. O. Giemen.

N i e s s e n, Josef: Landesherr und bürgerliche Selbstverwaltung
In Bonn von 1244—1794. Bonn: Kurt Schroeder 1924. (133 S.)
gr. 8°. = Rheinisches Archiv V. Gm. 2.20.

Mehr als fünf Jahrhunderte deutscher Stadtgeschichte
ziehen an dem Leser vorüber, der dem Verfasser
für seine sichere Führung und seine sachkundige Anregung
dankbar ist. Wachstum und Niedergang bürgerlicher
Freiheit in der vorabsolutistischen und absolutistischen
Zeit werden auf Grund eines reichen, meist ungedruckten
Quellenmaterials und unter umsichtiger Verwertung
auch der allgemeinen Literatur so anschaulich
und eindringlich geschildert, daß die Bedeutung der aus
der vortrefflichen Schule H. Aubins hervorgegangenen
Nießenschen Studie weit über die Orts- und Landesgeschichte
hinausreicht. Dem Kirchenhistoriker wird das
sechzehnte Jahrhundert am meisten bieten. Es ist lehr-
reich, zu sehen, wie sich Bonns damalige geistliche !
Landesherrn, die kirchlich-religiös sonst stark von ein- !
ander abweichen, in ihrer gegen die Freiheit ihrer Residenz
gerichteten Politik gegenseitig überbieten.

Bonn. J. Hashagen.

Zezschwitz, Gertrud von: Persönliches Erlebnis protestantischer
und katholischer Frömmigkeit. Ergänzung zu .Warum
katholisch?" Freiburg i. Br.: Herder 8t Co. 1925. (VII, 52 S.) 8".

G. v. Z. ergänzt ihre früheren Darlegungen über
die Beweggründe ihres Übertritts zur katholischen
Kirche durch einige mehr ins Persönliche hineingreifende
Mitteilungen. Als Tochter des bekannten Erlanger
Theologen geboren, bekennt sie doch, daß ihrer
Kindesseele die „Liebe zum Religiösen" völlig gefehlt
habe. Etwa 20 Jahre alt, hat sie bei einer Conference
de l'Alliance chretienne in Bern „ein erstes starkes religiöses
Erlebnis". Der Tod des Vaters bewirkt zunächst
erneute Entfernung vom Göttlichen. 23 Jahre alt geht
sie ins Diakonissenhaus Neuendettelsau, dem sie 27
Jahre lang angehört, meist außerhalb im Schuldienst
tätig. „Langsam und allmählich" nimmt die kath.
Kirche von ihr Besitz. Das Studium katholischer theologischer
Werke, besonders der Sakramentslehre, führt
sie hinüber. Das Sakramentale wurde ihr „die Lichtspur
", die sie weiter auch durch das Viele hindurchleitete
, das ihr unklar und unfaßbar geblieben war. Allgemeine
Betrachtungen beschließen das ohnehin an persönlichen
Daten keineswegs reiche, das Äußerlich-Persönliche
aufs Sparsamste behandelnde Büchlein. Daß
Polemik gegen den Protestantismus nur maßvoll zu
finden ist, wirkt sympathisch. Daß die innere Entwicklung
wirklich verständlich würde, vermag ich nicht zu
sagen. Man hat es anscheinend mit einer anima natu-
raliter mystica zu tun. Zu Luthers „rücltfialtlosen Be-
kennern" hatte sie sich nie gerechnet (S. 19). Das
„Mais Luther est votre pere", das ihr ein französischer
Priester entgegenhielt, klang „störend" in ihr nach. Mit
Luthers Temperamentsausbrüchen geht sie streng ins
Gericht; merkwürdigerweise kritisiert sie das Persönliche
an der Gegenseite nicht. Aber es wird ja immer so
sein, wie es auch bei dieser anscheinend ganz durch
Studium zu katholischer Überzeugung gelangten Frau
gewesen sein wird: den letzten Ausschlag geben Stimmungen
des Gemüts, unwägbare, oft halb unbewußte
Empfindungen. Eine große Frage aber drängt sich auf:
Wie war es möglich, daß sich dieser Lutheranerin das
tiefste Verständnis des Wesens evangelischen Glaubens
anscheinend niemals erschlossen hat?

Breslau. M. Schi an.

Schlund, Erhard : Religiöse Bilanz der Gegenwart. Revolutionspredigt
an die deutschen Christen. München: Dr. Fr. A. Pfeiffer
& Co. 1924. (36 S.) 8°. = Zur religiösen Lage der Gegenwart ,
Heft 5. Gm. —80.

Während der Rätezeit hat E. Schlund OFM diese
neun kleinen „Vorträge", durchschnittlich 3 Druckseiten
füllend, in der Klosterpfarrkirche St. Anna in München
vor gebildeten Zuhörern gehalten. Sie sind als Denkmal
jener Zeit, aber auch noch unserer Zeit beachtens-
i wert, obwohl sie sich ganz auf das Religiös-Ethische be-
] schränken. Zeitgeschichtlich am interessantesten ist
Nr. 4: Das Religionsbedürfnis des Revolutionärs; als
| Muster einer packend formulierten Ansprache für Groß-
! städter kann gelten Nr. 3: Das Religionsbedürfnis der
Großstadtseele. Gewandte Diktion eint sich mit der
Gabe anschaulicher Darstellung. Dagegen findet man
nicht, was mancher nach dem Titel vielleicht erwartet:
Eingehen auf die Vielgestaltigkeit der religiösen Strömungen
unserer Zeit und Versuche, sie zu erklären und
zu würdigen.

Breslau. M. Schi an.

S tu der, Dr. iur. Bernhard: Der konfessionelle Friede. Begriff
und Stellung im öffentlichen Recht des Bundes und der Kantone.
Paderborn: F. Schöningh 1924. (XX, 189 S.) gr. 8°. Gm. 4.80.
Das Buch will eine juristische» Untersuchung über
den Begriff und den Zweck des „konfessionellen Friedens
" im öffentlichen Recht der Schweiz bieten. Dabei
ist der kantonal-rechtliche Schutz nur soweit einbezogen,