Recherche – Detailansicht

Ausgabe:

1925 Nr. 5

Spalte:

116-117

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Pichler, Hans

Titel/Untertitel:

Zur Logik der Gemeinschaft 1925

Rezensent:

Wehrung, Georg

Ansicht Scan:

Seite 1, Seite 2

Download Scan:

PDF

115

Theologische Literaturzeitung 1925 Nr. 5.

116

folgte Sonderausgabe der Jugendschriften also nicht
vollständig ist. Dazu kommen auch jetzt noch, wo das
Niveau der Editionen sich gehoben hat, vielleicht Fehler
: daß Nietzsche den Geschichtsschreiber der Gothen
so willkürlich durcheinander Jornandes und Jordanes
genannt habe, wie der Druck es tut, ist nicht leicht zu
glauben; S. 141 Z. 2 der Jugendschriften ist offenbar
ein „nenne ich" in ein ganz sinnloses „meine ich" verlesen
; auch sonst hat man da und dort das Bedürfnis
in die Handschrift zu gucken. Kurz, man würde an sich
vor diesen beiden Bänden weinend sein Haupt verhüllen
, — wenn man nicht plötzlich bedächte, daß man
doch jetzt unvergleichlich viel besser daran ist als bisher
, und daß es eine große Gnade der Schwester ist,
nicht länger mehr die Verarbeitung dieses ihr gesetzlich
zur Verfügung stehenden Horts sich allein vorzubehalten
.

Ein andrer großer Mangel der Ausgabe ist, daß sie keinerlei
Muhe auf die Verifizierung von Zitaten wendet. Z. B. wenn Nietzsche
„Gutzkow" zitiert, so fühlt der Herausgeber keine Pflicht festzustellen
, wo das Wort bei Gutzkow steht. — S. 51 der Jugend-
schriften ist bemerkt, daß Nietzsche die zu seinem Byronvortrag vorgelesenen
Stellen großenteils nur mit Seitenzahlen angegeben habe,
man aber die Ausgabe nicht habe feststellen können. Ein andrer
Herausgeber hätte in solchem Fall die Seitenzahlen dennoch mitgeteilt
, weil einem Leser ja die ihm mißlungene Feststellung hätte
glücken können. Nun ist diese Feststellung vielleicht sehr einfach. Es
handelt sich, wie aus den von Nietzsche ausgeschriebenen Stellen sich ergibt
, um die Obersetzung der sämtlichen Werke durch Adolf B ö 11 -
ger und von der ist 1861 bei Otto Wigand in Leipzig eine billige „Diamantausgabe
" erschienen — also in eben dem Jahr, in dessen Ende
Nietzsche's Byronvortrag fällt. Nur an einer Stelle (S. 43 oben),
hat Nietzsche eine stilistische Verbesserung vorgenommen, an einer
andern beim Abschreiben (S. 41 wie wahr statt wahr wahr) wohl
unwillkürlich geändert, wenn hier nicht Lesefehler des Herausgebers
vorliegt; S. 40 unten verzeiht statt verzieht ist ein Schnitzer, der den
Sinn entstellt und wohl auf Kosten des Herausgebers kommt.

Soviel von der Ausgabe. Von der sachlichen Bedeutung
der endlich erschlossenen Dokumente hoffe ich
an einem andern Orte ausführlich zu handeln. Hier
sei nur das Wichtigste gesagt: sie legen endlich die
Krise bloß, von der Nietzsche's eigne geistige Bewegung
ausgeht: seinen Bruch mit dem Christentum. Was
bis ins Jahr 1861 vorhanden ist, zeigt einen frommen
lieben Jungen, ganz in Harmonie mit seiner Umgebung
lebend, und dieser Harmonie auch bedürfend, ihre
Sprache und ihre Anschauungen gerne teilend, ein wenig
zu zierlich und zu vollkommen; und man staunt nur
darüber, mit welcher Beherrschung der Kunstmittel er
zu schildern und zu malen weiß, mit welcher feinfühligen
Besonnenheit er sich selbst und überhaupt innere
Stimmungen im Verse festzuhalten vermag. Allein
die Vollendung, die die persönliche und ästhetische Aneignung
des Ideals seiner Umgebung hat, läßt ahnen,
daß hier eine tiefere Kraft, die Sturineswogen werfen
wird, zunächst ihrer selbst unbewußt leicht kräuselnde
Wellen macht. Dann kommt, Anfang 1862, also beim
Siebzehnjährigen, deutlich erkennbar, der Zusammenbruch
des Kinderglaubens. Es ist dabei deutlich, daß
mehr als alles andre ein lebendiger Eindruck von der
Antike ihn hervorgerufen hat. Genauer läßt sich
sagen: der Eindruck, daß hinterm Berg, will sagen
in andern religiösen Vorstellungen auch lebendige Menschen
wohnen, die Erkenntnis, daß sämtliche Vorstellungen
des Christentums unbeweisbare Voraussetzungen
enthalten, die an antike Ideen sich anlehnende, höchstens
ein wenig von radikaler Zeitliteratur (Gutzkow) angeregte
Konzeption einer autonomen Moral, all das wirkt
zusammen. Und nun ist's merkwürdig zu sehen, wie
leidenschaftlich die Wogen aufeinanderprallen. Das
fromme Herz hält am Bild des Gekreuzigten fest: ein
Choral entsteht noch in der Krise (1862), der —
obwohl ein wenig zu leirig — in jeder Kirche gesungen
werden könnte; die neuen Erkenntnisse und
Gefühle andrerseits empören sich gegen die Bindung
des eigenen Gefühls; ein Jahr später (1863) vergegenständlicht
er sich mit einer Maßlosigkeit, die er

i auch später nicht übertroffen hat, Abgründe des eignen
Herzens in der Gestalt eines ein Kruzifix schändenden
Trinkers. Und in dieser Krise blitzen nun, wie Funken
aus dem Stein geschlagen, die eigentümlichen Gedanken
seiner Philosophie hervor. Das Stichwort „Übermensch"
findet sich schon bei ihrem Ausbruch Herbst 1861;
Byron's Manjr-ed, der auch sonst ein Gärungsferment
ist, hat es ihm eingegeben (womit eine Streitfrage der
Nietzscheforschung erledigt ist). Und ein Aufsatz vom
Frühjahr 1862, wohl das wertvollste Stück beider Bände,
„Fatum und Geschichte", enthält alle Probleme, mit
denen seine Philosophie sich abgegeben hat. Schopenhauer
und die moderne Naturwissenschaft scheinen also
fast unschuldig an ihnen zu sein. Endlich: das Bild vom
spielenden Kinde, das im Zarathustra verwandt ist,
taucht auf. Ungeheure Probleme in sich verschließend,
heimatlos gewordne religiöse Sehnsucht im Herzen,
so verläßt er die Schule.

Ich breche meine flüchtige Skizze ab vor dem Niedergang
der ersten Studentenzeit, in der die Sprache unreinlich
, der ganze Mensch gröber wird. Nur soviel
sei noch gesagt: auch der Sinn und die Grenze, die
die Hinwendung zur Schopenhauerischen Philosophie
gehabt hat, — im wesentlichen die Rückkehr zu
einer idealen Lebenstiefe auf dem Boden der zerstörenden
Erkenntnisse und der Einsatzpunkt zur Lösung der
eignen Probleme — läßt sich nun zeichnen, — mit
Hilfe von ganz wenigen Fragmenten, die doch alles
Wünschenswerte verraten.

Und all das lernen wir nun erst jetzt richtig kennen,
— dank den seltsamen Irrwegen der Pietät einer
Schwester.

Göttingen. E. Hirsch.

Pichl er, Hans: Zur Logik der Geineinschaft. Tübingen: J.
C.B. Mohr 1024. (IV, 74 S.) gr. 8°. Gm. 2.80.

Diese kleine Schrift bemüht sich zu zeigen, daß
die formale Logik über sich auf eine Gemeinschaftslogik
weise und diese selbst zur Aufgabe mache. Wohl
zweifelt der Relativismus jede Wertlchre an, aber durch
die Idee der Gemeinschaft wird es möglich, zum Sachlichen
einer Welt der Werte vorzudringen. „Das Wahre,
Gute und Schöne läßt sich als ein objektives Verhältnis
der Verbundenheit verstehen." Leibniz hat der formalen
Logik den Satz vom Grunde hinzugefügt, aber
sie wußte nichts Rechtes mit diesem anzufangen, da er
in Wahrheit zur Logik der idealen, der „sinnvollen"
Gemeinschaft führt. Im Begriff der Gemeinschaft steht
nicht die Beziehung des Allgemeinen zum Besonderen,
sondern die des Ganzen zu den Gliedern im Vordergrund
. Der Satz vom Grunde bestimmt also vor allem
das Wesen der Koordination, Subordination usf. Alsbald
erhalten auch die Sätze der Identität, des Widerspruchs
, des ausgeschlossenen Dritten einen tieferen
Sinn (S. 30 ff., vgl. 57 f.), letzterer kann sogar nur in
der Gemeinschaftslogik, nicht in der formalen Logik
Geltung beanspruchen. — Ein neuer Abschnitt redet
der Erweiterung der Induktion zu einer allgemeinen
Lehre von der Gemeinschaftsbildung das Wort. Die
induktive Forschung wird erst wissenschaftlich und
fruchtbar, wenn sie Verhältnisse der Gemeinschaft feststellt
. „Wer das wissenschaftlich Wesentliche als bloße
Gleichartigkeit auffaßt, kommt nur zu unklaren Begriffen
. Logisch wesentlich an den Dingen ist dasjenige,
was sie der Gemeinschaft des Seins oder Wirkens eingliedert
." Auch die Geschichtsforschung bezieht sich
auf Gemeinschaften, statt deren leider „immer nur die
Rede vom Allgemeinen war". — Es ist kein schlechtes
Zeichen, daß Verf. endlich auch von den Grenzen einer
Gemeinschaftslogik spricht und es nicht vergißt, dem
Sinn die Gesinnung, dem Satz vom Grunde den Satz
vom Ziel, der Verbindung die Verbindlichkeit als notwendige
Ergänzung gegenüberzustellen.

Die Absicht dieser Ausführungen verdient alle Anerkennung
; es ist Zeit, daß wir aus der Vorherrschaft