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Ausgabe:

1925

Spalte:

100-102

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Weber, Otto

Titel/Untertitel:

Assyrische Kunst 1925

Rezensent:

Pieper, M.

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Auf die weitverbreitete Vorstellung; von der Multi-
plizität und speziell von der Trinität den Entwicklungsgedanken
anwendend, untersucht S. zunächst, was die
vergleichende Religionsgeschichte uns aus der antiken
religiösen Vorstellungswelt in dieser Frage für Lehren
erteilen kann (die etruskisch-altrömische Gottheit
Janus; -EVjm?;c dcxicpalog; Argos und verwandte griechische
Göttergestalten; weibliche griechische Gottheiten),
um darauf auch in der ägyptischen, babylonischen
, indischen, präkolumbisch - amerikanischen
, keltischen, germanischen u.
slawischen Mythologie Umschau zu halten. Und
nun: „Den Dichter sieht man aus der Nacht der Eichen
selig wanken; er taumelt heim mit einer Tracht unsterblicher
Gedanken", Gedanken, die dem Schluß der Betrachtung
zugute kommen. Diesen bildet die Erklärung
des christlichen Trinitätsdogmas.

Auch die christliche Religion ist natürlich wie alle anderen antiken
Religionen nur ein Seitensproß der allgemeinen Sonnenreligion.
Als deren Symbol ist das allüber den Erdball gefundene Kreuz anzusehen
, in dessen Zeichen seit dem Erwerb des Sonnenkultus alle
Kulturreligionen stehen. Ober die Beziehung des Ritus der Taufe, des
Untertauchens also, mit dem Sonnengott — sei doch das noch anzuführen
verstattet! — hat S. sich die folgende Auffassung gebildet:
Für küstenbewohnende Völker taucht die Sonne, also der Sonnengott,
am Abend in das Meer, um am Morgen daraus emporzutauchen. So
wird — vgl. den babylonischen, zum Jona-Mythos überleitenden Fischgott
Oannes — der Sonnengott zum ivfhvg, zum Fische, und mit ihm
der christliche Erlösergott. Mit diesem aber sind auch „die Christen
Fische, weil Jesus seine Jünger zu Mens:henfischern macht und weil
sie in der Taufe aus dem Wasser gezogen werden" (Calwer Bibellexikon
1885, 223). Der Täufling wird so durch diese Initiations-
zeremonie zum Sohne des Sonnengottes und damit wieder zu diesem
selbst. Aber auch für Christus tritt schon früh der Fisch als Symbol
auf — als Kronzeuge hierfür wird nicht Dölger, an den etwa unsereiner
hier zunächst gedacht haben würde, sondern Didron's
Iconographie chretienne (Paris 1843) angezogen! —; der mythologische
Christus ist der Sonnengott, die junge Sonne, die in der Gestalt
des Oannes-Jona zum Fische wird. Da nun die Verehrung des
Sonnengottes im wesentlichen darin besteht, daß man durch Nachahmung
seiner Schicksale und Handlungen ihm möglichst gleich zu
werden suchte, so erscheint die Taufe als ein Symbol des Untertauchens
des Gottes unter das Gewässer und des Herauftauchens zum
Anstieg auf seine himmlische Bahn. Der Täufling wird so dem Gott
geweiht. — Unmittelbar nach dem Auftauchen aus dem Ozean steht
oder wandelt der Sonnengott zunächst auf dem Wasser, bis er den
Aufstieg beginnt, eine Vorstellung, die sich außer in der christlichen
auch in nichtchristlichen Mythologien erhalten hat, z. B. in der
buddhistischen. (Hier Verweis auf R. Seydel, Das Evangelium Jesu
in seinen Verhältnissen zu Buddha-Sage und Buddha-Lehre, 1882).
Aus vergleichend rcligionsgeschichtlichen Gründen glaubt S. nicht
nur diesen Versuch einer Erklärung des Wandeins auf dem Wasser
wagen zu dürfen, sondern weiter einflechten zu müssen, daß Christus
indem er dem Sturm und den Wellen gebietet, auch als Windgott
erscheint, nicht anders als der S. 169, Fig. 58 abgebildete preußische
Wejopattis, zu dem sein Verehrer ebenso stehend die Hände erhob,
„wenn es ungestüm Wetter war", wie die Jünger zu ihrem Gotte;
„damit ist dieser aber auch Gewitter- und Blitzgott" (Kerau-
nos, donnernder Logos, schaffendes Wort Gottes, Demiurg im Gegensatz
zum still und selig in sich ruhenden, körperlich gedachten
Sonnengott).

Nur eine Bemerkung noch zum Schluß. S. 147 steht zu lesen:
„In der Monogamie der Wedda und der ihnen kulturell gleichwertigen
Stämme erkenne ich aber das ihnen von außen her, von höheren
Kulturvölkern in alter Zeit aufgeprägte Siegel der Sonnenreligion."
Ist mir nicht, als wären es zwei Forschungsreisende Sarasin gewesen, die
eben diesen Weddas auf Ceylon voreinst alle und jede Religion meinten
absprechen zu müssen? So ganz kann das also 1892/3 doch nicht
gestimmt haben. Jedenfalls nicht mehr als viele, viele Behauptungen,
Deutungen und Schlußfolgerungen des vorliegenden Werkes, dem damit
doch nicht aller Wert aberkannt sein soll. Dankbar muß man
schon für die beigegebenen Bilder sein.

Leipzig. H. Haas.

Gemser, Berend: De beteekenis der persoonsnamen voor
onze kennis van het leven en denken der oude Baby-
lonigrs en Assyriers. (Diss.). Wageningen: H. Veenman &
Zonen 1924. (XX, 234, 3 S. u. 1 Taf.) gr. 8°.

Der alttestamentliche Forscher wird für dieses wertvolle
Hilfsmittel zum Verständnis der akkadischen (bab.-
assyr.) Personennamen sehr dankbar sein, da hier der

gesamte Stoff in systematischer Zusammenfassung verarbeitet
ist nicht nach den philologischen, sondern nach
den religiös-kulturellen Gesichtspunkten der Namenbildung
. Besonders erfreulich ist, daß den ausgewählten
Beispielen stets die Belegstelle hinzugefügt wird und
daß infolgedessen eine Nachprüfung leicht möglich ist.
Die hauptsächlich in Betracht kommende assyriologische
Literatur ist sorgfältig verzeichnet in einer allgemeinen
Übersicht und bei einzelnen wichtigen Fragen; die Polemik
gegen andere Auffassungen ist auf ein Mindestmaß
beschränkt. Ausführliche Register (S. 221—233) erleichtern
die Benutzung. Zum ersten Male veröffentlicht ist
eine kleine Tontafel (mit Photographie und Text) aus
dem Besitz von Professor Böhl (Groningen 797), die
16 Namen enthält, sämtlich mit i-li beginnend. Der
Verfasser hat sich im allgemeinen, seinem Thema entsprechend
, streng auf die akkadischen Namen beschränkt;
nur in Kap. I (S. 20—42) gibt er eine Übersicht über
die sumerische Namenbildung und stellt ihr die akka-
dische gegenüber, wobei er nicht nur auf die Übereinstimmungen
, sondern auch auf die Unterschiede achtet.
Amurritische (westsemitische) und hebräische Namen
dagegen werden nur hier und da gestreift.

Was man in dem Buche findet, lehrt im übrigen am besten eine
Inhaltsübersicht. Kap. II: Gedanken über die Gottheit als solche.
1. Inhalt und nähere Bestimmungen des Gottesbegriffes (Die Gottheit
im allgemeinen; ihre Eigenschaften; göttliche Hypostasen; Anthro-
pomorphismen; Wohnung der Gottheit); 2. Verhältnisse in der Götterwelt
(Eigen-Charakter; gegenseitige Beziehungen und Identifikationen;
monarchistische Bestrebungen). Kap. III: Die Gottheit im Verhältnis
zu Welt und Mensch. 1. Die natürlichen Beziehungen (Schöpfer;
Unterhalter; Herrscher); 2. Familien-Beziehungen (Die Gottheit als
Vater und Mutter; als Ohm; als Ehegatte; als Bruder und Schwester);
3. Sittliche Beziehungen (Der Gott des Menschen; der Richter; der
Erlöser und Helfer; der Allgute). Kap. IV: Der Mensch in seinem Verhalten
zur Gottheit. 1. In natürlicher Beziehung (Der Mensch als
Geschöpf Gottes; als Knecht Gottes); 2. In Familien-Beziehung (als
Kind Gottes); 3. In sittlicher Beziehung (Der Gottsucher; Sünder
und Begnadigter; Beschirmter und Freund; der gesegnete Gläubige).
Kap. V: Der König und die Königsvergötterung. Kap. VI: Das Kind
als Individuum (Namen betreffend die Geburt und das neugeborne
Kind; Tag und Monat der Geburt; Ausdrücke für „Kind"; Kosenamen
; Körperliche Gebrechen und Eigenschaften; Charakter). Kap.
VII: Das Kind als Glied der Gemeinschaft (Kinderzahl; Benennung
nach Verwandtschaft; Amts- und Berufsnamen; Herkunftsnamen).
Kap. VIII: Tempel und Stadt. Kap. IX: Das Reich der Natur
(Himmel, Erde und Wasser; Tier- und Pflanzennamen von Personen
; Stein, Zierrate und Metalle; Werkzeuge, Gegenstände und
Anderes).

Berlin-Schlachtensee. Hugo Greßmann.

Weber, Otto: Assyrische Kunst. Berlin: E. Wasmuth. (19 S.
u. 48 Abb.) 4°. = Orbis Pictus, Bd. 19. geb. Gm. 2.10.

Die Assyrer sind lange genug das Stiefkind der
Wissenschaft gewesen, die doch nach ihnen den Namen
trägt. Alles Gute, das im Zweistromlande zutage kam,
wurde den Babyloniern (oder Sumerern) zugeschrieben
, die Assyrer erscheinen als das rohe Kriegervolk,
das das Erbe der babylonischen Vergangenheit übernahm
. Wunderbar blieb freilich, daß diese rohen Krieger
eine so eindrucksvolle Reliefplastik geschaffen
haben sollten, der die Originalität nun einmal auf
der Stirn geschrieben stand. Mit altbabylonischer
Plastik war, von wenigen einstweilen rätselhaften Ausnahmen
abgesehen, nicht allzuviel Staat zu machen.
Wo kam die assyrische Kunst her? Man kann sich
heute gar nicht mehr wundern, daß Heinrich Brunn
die Kunstwerke von Ninive kurzerhand den Griechen
zuschrieb. Sein feiner künstlerischer Instinkt hatte eben
herausgefunden, daß hier etwas geschaffen war, das
in Vorderasien einstweilen ohne Beispiel dastand. Die
Assyriologie hat diese Seite ihrer Wissenschaft lange
genug sträflich vernachlässigt und die Würdigung der
assyrischen Kunst außenstehenden wie Gottfried Semper,
Julius Lange und Ludwig Curtius u. a. überlassen. Die
Tätigkeit der deutschen Orient-Gesellschaft hat hier
Wandel geschaffen. In den langjährigen Ausgrabungen
in Assur gelang es, bedeutende Überreste assyrischer Kul-