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Ausgabe:

1925 Nr. 4

Spalte:

87

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Loesche, Georg

Titel/Untertitel:

Zwei Wiener evangelische Stammbücher. Ein Kulturbild aus dem dreißigjährigen Kriege 1925

Rezensent:

Walter, Johannes

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Theologische Literaturzeitung 1925 Nr. 4.

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unzureichenden Quellen hingewiesen. Wenn aber im
Schlußabschnitt eine Reihe von Persönlichkeiten aus
den Exulantenkreisen namhaft gemacht werden, die hervorragende
Stellungen in Sachsen zu gewinnen vermochten
, so mag die Frage gestattet sein, ob nicht aus
der von ihnen herrührenden Literatur sich ein deutlicheres
Urteil hätte gewinnen lassen. Jedenfalls tritt
das Schlußurteil einigermaßen abrupt auf: „Ganz besonders
erfolgte durch das Exulantentum in Sachsen mit
seiner ertötenden Lehrstarrheit die segensreiche Auflockerung
des engsinnigen und die Heuchelei züchtenden
Konfessionalismus und gewann allmählich die religiöse,
kirchliche und politische Duldung Andersgläubiger
Raum" (S. 215).

Sehr wertvoll sind die archivalischen Beilagen, die
den zweiten Teil des Buches ausfüllen. Mit Recht werden
sie vom Verfasser im Vorwort als Schatzkammer für
orts- und familiengeschichtliche Sonderforscher bezeichnet
, die freilich nur für „besinnliche kulturgeschichtliche
Feinschmecker und Genießer altertümlicher Kleinbilder"
gedacht sind. Unter den Obertiteln: Interzessionen (S.
293-503), Gewalttaten von Exulanten (S. 504—515),
Zurückforderung aus Böhmen entwichener evangelischer
Untertanen (S. 516—542) werden in chronologischer
Reihenfolge Auszüge aus den Akten geboten, deren Auffindung
, Sammlung und Bearbeitung die Früchte jahrzehntelanger
sorgsamster Gelehrtenarbeit sind, ein Stück
Lebensarbeit, die in die Unermüdlichkeit eines deutschen
Forschers einen zum Staunen veranlassenden Einblick tun
lassen. Gute Register sowie ein von Oberlehrer A. Bergmann
verfertigtes Exulanten-Verzeichnis vervollständigen
das schöne Werk.

Rostock. v. Walter.

Loesche, Georg: Zwei Wiener evangelische Stammbücher.

Ein Kutturbild aus dem dreißigjährigen Kriege. (S. 28—38.) 4°. =
Sonderabdruck aus den „Mitteilgn. d. Vereins f. Geschichte der
Stadt Wien".

Nach kurzem Überblick über die Geschichte der
evangelischen Gemeinde zu Hernais bei Wien veröffentlicht
Loesche Mitteilungen über zwei im Kunsthistorischen
Museum und in der Nationalbibliothek zu Wien
befindliche evangelische Stammbücher aus der Zeit des
30jährigen Krieges. Das erste gehörte David Steudlin,
einem Adoptivbruder Joh. Val. Andreaes, der von
1620—25 in Hernais, dann kurze Zeit in Inzersdorf bei
Wien Pfarrer war, von wo er 1627 vertrieben wurde.
Er wurde dann in Schwaben Pfarrer und starb 1637.
Das glänzend erhaltene, reich, aber ohne hohen künstlerischen
Wert illustrierte Stammbuch weist 203 aus
den Jahren 1621—35, meist aus 1628 und 29 datierte,
durchweg ernst gehaltene Eintragungen von Freunden
und Bekannten Steudlins auf, in denen indessen auf die
schweren Verhältnisse der Zeit wenig Rücksicht genommen
wird. Steudlin dürfte sich die Einzeichnungen
seiner österreichischen Freunde ausgebeten haben, nachdem
er vertrieben worden war. Das zweite Stammbuch
gehörte dem evangelischen Schulrektor Burkhardt Brö-
dersen zu Hernais. Von ihm begegnet, ebenso wie von
der Hernalser Schule, sonst keine Spur. Die 114 Eintragungen
, die meistens von Akademikern ihrem jugendlichen
Freunde zwischen 1613 und 1629 gewidmet
worden sind, ergeben wenig historisch Bemerkenswertes.
— Bemerkenswerter ist das aus cod. 7409 der Wiener
Nationalbibliothek veröffentlichte Abschiedslied Steudlins
, als er Hernais verließ. Es findet sich auf S. 32
Anm. 41.

Rostock. v. Walter.

Kamphausen, D. theol. H.: Geschichte des religiösen Lebens
in der deutschen Evangelischen Synode von Nord-Amerika.

St. Louis u. Chicago, Eden Publishing House 1924. (344 S.)

Eine der beachtenswertesten evangelischen Kirchengemeinschaften
der Vereinigten Staaten ist die „Deutsche

Evangelische Synode von Nordamerika". Im Unterschied
von den lutherischen und reformierten Kirchen
vertritt sie den Unionsstandpunkt. Der „Deutsche Evangelische
Kirchenverein des Westens", gegr. 1840, der
den Anfang dieser Kirche bildet, ist eine Schöpfung des
neueren Pietismus. Er bekannte sich streng zum
Kirchenglauben, stellte sich aber neutral zu den konfessionellen
Unterscheidungslehren. Dieser Standpunkt
ist bis heut festgehalten worden; er darf als konstititiv
für die Synode gelten. Gerade durch diese Haltung hat
die DES eine eigentümliche Bedeutung erhalten. Zum
deutschen Protestantismus hat sie in der Nachkriegszeit
engere Beziehung gewonnen; sie hat ein „Deutsches
Hilfswerk" ins Leben gerufen; deutsche Theologen
haben eine enge Mitarbeit an der führenden Zeitschrift der
DES, dem vom Verf. des vorliegenden Buchs herausgegebenen
„Magazin für evangelische Theologie u. Kirche",
begonnen. So darf eine Darstellung der geschichtlichen
Entwicklung dieser Kirche auf lebhaftes Interesse rechnen
. Sie lag bei K. in den besten Händen. Er verfügt
über eine treffliche Gabe klarer, übersichtlicher Schilderung
; sein Stil ist glatt; er schreibt ein reines Deutsch.
K. verfügt über eine weitreichende theologisch-wissenschaftliche
Bildung, die ihn befähigt, die tieferen Gründe
der Entwicklung herauszuheben und die Beziehungen
zur deutschen Theologie und Kirche festzustellen. Immer
wieder begegnet die energische, an die eigene Kirche
gerichtete Mahnung zu „größerer Liebe zur Wissenschaft
". Wichtig ist vor allem, daß K. bei dieser Geschichte
seiner Kirche sich nicht entfernt an der Zusammenstellung
der äußeren Ereignisse, Daten und Personen
hat genügen lassen. Überall sucht er das innere
Werden zu erfassen; immer ist sein Bestreben, eine
Geschichte des kirchlichen Lebens zu geben. Je ein
besonderes Kapitel ist dem gottesdienstlichen Leben,
dem Jugendunterricht, der Stellung zu wichtigen Fragen
der modernen Zeit (Frauenfrage, Logenfrage, Prohibition
, soziale Frage) gewidmet. Diese Kapitel sind
ganz ausgezeichnet geeignet, deutsche Leser in die
inneren Zustände deutsch-amerikanischen Kirchenlebens
(natürlich in der bestimmten Begrenzung des Themas)
einzuführen. Auch über die Arbeit der DES in der
Inneren und Äußeren Mission wird ausführlich gehandelt
. Gelegentlich hat man den Wunsch nach noch
eingehenderer Darstellung, nach reichlicherem Detail;
besonders lebhaft war bei mir dieser Wunsch bei den
Abschnitten über Predigt und Liturgie. Das kirchen-
kundliche Moment konnte in dieser Hinsicht zu noch
schärferer Herausarbeitung kommen. Aber auch was
geboten wird, ist von hohem Wert. Wir haben m. W.
bisher über keine einzige deutsch-amerikanische Kirche
eine derart eingehende, anschauliche und gediegene
Schilderung. Von besonderem Interesse sind die Ausführungen
über die Sprachenfrage. Es macht freilich
Herzweh, lesen zu müssen, daß der Prozeß der Augli-
sierung in unaufhaltsamem Fortschreiten ist: die
Sprachenfrage ist im englischen Sinne entschieden. Wer
K.s Buch liest, begreift, warum das so kommen mußte.
Es läßt auch erkennen, daß die einzige Möglichkeit, die
deutsche Sprache zu halten, in einem kräftigen deutschen
Schulwesen lag. Es ist tragisch, daß diese Arbeit der
DES wie unter einem Verhängnis stand. Die Gemeindeschulen
sah sie in den letzten Jahrzehnten mehr und
mehr eingehen. Der Konfirmandenunterricht wird kräftig
betont, „doch wird es von Jahr zu Jahr schwerer,
die im entsprechenden Alter stehenden Kinder zu bekommen
." — Aber ich breche ab. Man kann der
DES zu dieser Darstellung ihrer Geschichte von Herzen
Glück wünschen. Der Verf. hat in höchst anerkennenswerter
Weise bewiesen, daß er die Würde eines Doktors
der Theologie, die Gießen ihm vor wenigen Jahren verliehen
hat, verdient.
Breslau. M. Schi an.