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Ausgabe:

1925 Nr. 4

Spalte:

85-87

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Loesche, Georg

Titel/Untertitel:

Die böhmischen Exulanten in Sachsen. Ein Beitrag zur Geschichte des 30jährigen Krieges und der Gegenreformation auf archivalischer Grundlage 1925

Rezensent:

Walter, Johannes

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Theologische Literaturzeitung 1925 Nr. 4.

8t;

sondern liegt in einer Enge der Organisation, über die ich mich in
Ztschr. für Kirchengesch. 1917 näher aussprach. Daß da noch
mancherlei zu bessern ist,weiß jeder Einsichtige,und Buchwalds etwas
gar pathetisches Widmungswort reizt dazu, einmal wieder darauf hinzuweisen
.

Zürich. W. Köhler.

Böhme, Jakob. - Worte Jakob Böhmes und sein Gespräch einer
erleuchteten und einer unerleuchteten Seele. Hrsg. von Heinrich
Bornkamm. Görlitz: Verlags-Anstalt Görlitzer Nachrichten u.
Anzeiger 1924. (III, 58 S.) 8°. Om. 1.50.

Einführung S. 1. — Böhme über sein Werk S. 7. — Religion
S. 13. — Sittlichkeit S. 31. — Menschliches Leben S. 37. — Gespräch
einer erleuchteten und einer unerleuchteten Seele S. 45.

Von einer trefflichen Einführung und dem Gespräch einer erleuchteten
, einer uncrlcuchteten Seele umrahmt uns der Hauptteil des
Büchleins (S. 7—44) unter den angegebenen Kapitelüberschriften,
welche in eine Reihe von Abschnittüberschriften sich zerlegen, eine
Auswahl von Aphorismen. Diese Auswahl ist geradezu glänzend, aus
wirklicher umfassender Kenntnis Böhmes heraus getroffen und nicht
nur klares theologisches Urteil und ernsten Sinn, sondern auch Verständnis
für die festgeprägte Form verratend. So ist das Ganze wohl
geeignet, von Böhme's Art und Persönlichkeit einen Eindruck zu vermitteln
, in demselben Sinne etwa, wie man Richard Rothe aus seinen
,.Stillen Stunden" kennen lernen kann.
Göttingen. E. Hirsch.

Loesche, Hofr. Prof. D. Dr. Georg: Die böhmischen Exulanten
In Sachsen. Ein Beitrag zur Geschichte des 30jährigen Krieges u.
d. Gegenreformation auf archival. Grundlage. Mit archival. Beigaben
. Wien: Manz—Leipzig: J. Klinkhardt 1923. (XII, 585 S.)
gr. 8°. = Jahrbuch der Gesellschaft f. d. Geschichte d. Protestantismus
in Österreich, 42.-44. Jg.

Den Nöten der Nachkriegszeit ist das Jahrbuch der
Gesellschaft für die Geschichte des Protestantismus im
ehemaligen Österreich glücklich entgangen. In einem,
drei Jahrgänge umfassenden stattlichen Bande hat der
greise Obmann der Gesellschaft, Georg Loesche, der
Forschung ein reiches Material zur Geschichte der böhmischen
Exulanten in Sachsen erschlossen. Nicht in
ihrer Totalität werden die furchtbaren Sünden der vom
Hause Habsburg geleiteten österreichischen Gegenreformation
der Öffentlichkeit bekannt gegeben. Denn in vier
großen Zugrichtungen, „nach Nordwesten bis Holland
und England, nach Norden bis Preußen, Dänemark und
Schweden, nach Osten bis Polen und Rußland, endlich
nach Südosten bis Ungarn und Siebenbürgen" ging der
große Leidensweg der vor der religiösen Gewaltpolitik
flüchtenden Böhmen und „mehr dem Zufall als planmäßiger
Forschung — so urteilt Loesche — kann es gelingen
, die ganze Exulanten-Diaspora zu durchdringen"
(S. 108 f.). Wohl aber war es dem Gelehrtenfleiße
Loesches möglich, nach emsiger Durchforschung einer
großen Zahl sächsischer, österreichischer und tschechischer
Archive, ein zusammenfassendes Bild über die
böhmischen Exulanten Sachsens zu geben. Das Buch
ist übrigens reichhaltiger, als der Titel erwarten läßt.
Denn die ersten 100 Seiten der Darstellung geben eine
Geschichte des Zusammenbruchs des Protestantismus
in Böhmen. Die Gestalten Maximilians IL, Rudolfs IL,
des Matthias und Ferdinands II. ziehen zunächst an
uns vorüber. Es folgt eine Geschichte sowohl der
religiösen Exzesse unter dem kalvinistisch bestimmten Regiment
Friedrichs V. von der Pfalz als auch deren erbitterter
blutigen Fortführung unter den Habsburgern
wahrend des dreißigjährigen Krieges in Böhmen, unter
gesonderter Berücksichtigung der Zustände in dessen
Nebenlandern: Mähren, Schlesien, der Lausitz. Dann
werden die Ursachen des Niederganges untersucht und
schließlich die Gegenreformation von Ferdinand III. bis
auf Maria Theresia einschließlich dargestellt. In steter
Auseinandersetzung mit der tschechischen und katholischen
Historiographie, daneben unter Verwertung gut
charakterisierender Einzelzüge und mancherlei neuen
archivalischen Materials verläuft Loesches Darstellung
teilweise wie eine stark erweiterte Neuauflage der betreffenden
Abschnitte seiner 1921 in 2. Aufl. erschienenen
Geschichte des österreichischen Protestantismus. Mit
ausgesprochener Gerechtigkeitsliebe wird auch dem
Protestantismus nichts erlassen, aber die Generalbilanz
lautet doch: „Unter konfessionell protestantischer Herrschaft
wäre Böhmen nach den offen und unumstößlich
vorliegenden Erlebnissen nicht in solche Nacht der
Knechtung, der politischen und religiösen Unmündigkeit,
der Unwissenheit und des Aberglaubens zurückgefallen"
(S. 62). Hinzugefügt muß werden, daß Loesche bei
dieser Perspektive einen besonderen Nachdruck auf den
Einfluß der Brüder-Unität legt. Mit besonderer Liebe
wird des unter den Einfluß der Brüder geratenen
mährischen Landeshauptmanns Zierotin gedacht. Gin-
delys Urteil, daß er zum politisch toten Mann wurde,
scheint mir doch nicht entkräftet zu sein. '

Mit S. 97 beginnt unter der Überschrift „Im Exil"
die Behandlung des eigentlichen Themas. Eine z. T.
sehr feine Charakteristik der sächsischen Kurfürsten
bildet den Auftakt. Nur da und dort erregen einzelne
zu scharf zugespitzte Urteile den Widerspruch des
Lesers. Daß die Stürzung des Kryptokalvinismus „mittelst
der Freundschaft mit Habsburg" das sächsische
Kurhaus schließlich in die katholische Kirche führte (S.
98), dürfte zu weit gegangen sein. Nach einem Überblick
über Zeiten und Zielpunkte der Auswanderung, wird
die Behandlung der Auswanderer charakterisiert. Ohne
Ausschreitungen seitens der Exulanten ging es nicht ganz
ab, ebensowenig ohne Versuche, die Auswanderungsbewegung
unrechtmäßig oder rechtmäßig in finanzpolitischem
Sinne auszuschlachten, was doch an der Verarmung
der Exulanten scheitern mußte, die vielmehr für
ihre Kirchenbailten stark auf Kollekten angewiesen
waren. Schwierigkeiten mußte auch die Abneigung der
Exulanten höheren Standes bereiten, das Bürgerrecht zu
erlangen, weil die Hoffnung auf mögliche Rückkehr
immer nicht erlöschen wollte; umgekehrt suchten die
geflüchteten Eibuntertanen sich durch Erwerbung des
Bürgerrechts gegen die Ansprüche ihrer früheren
Herrschaften zu sichern. Auch politische Verdachtsmomente
fehlen nicht. Immerhin ist das Bild, das die
Aufnahme der Exulanten in Kursachsen bietet, ein recht
freundliches. Vielerorts gelingt es den Auswanderern,
Kirchen für sich zu bauen, in denen sie den Gottesdienst
in ihrer Heimatsprache abhalten dürfen. Dort, wo, wie
I in Zittau, die Behörden Schwierigkeiten machen, dürfte
! aber nicht nur böswillige Verschleppungstaktik die Ursache
sein. Wenn einem tschechischen Prediger die
Äußerung zur Last gelegt wird, er exkommuniziere solche
Gemeindeglieder, die zu deutschen Geistlichen zur
Beichte gingen, und würde ihnen ein Begräbnis bei Tage
verweigern (S. 164), wenn der Besuch des Gottesdienstes
schließlich auf ein Minimum zusammenschrumpft
(S. 176) und wenn über Bettelei, Schmuggel, Steuerhinterziehung
, Scheu von grober Arbeit seitens der Exulanten
geklagt wird (S. 203 ff.), so dürfte die reservierte
Haltung der Behörden der Grenzstadt nicht ganz
unveranlaßt gewesen sein. Hier lagen die Verhältnisse
besonders schwierig. Im allgemeinen bietet die gerade
hier auf Grund sorgfältigster archivalischer Arbeit
ruhende Darstellung Loesches ein schönes Bild evangelischer
Brüderlichkeit. Die Einwanderung nach Herrnhut
streift Loesche nur ganz flüchtig, wohl deswegen,
weil sie schon oft genug dargestellt worden ist und weil
es sich um mährische Auswanderer handelte. Aber die
'von ihm herausgearbeiteten Gesichtspunkte hätten vielleicht
auch hier manches besser erklären können, z. B.
die Abneigung der Herrnhuter gegen Zinzendorfs (er
war übrigens nicht das Patenkind Speners, wie S. 212
behauptet wird) universalkirchliche Pläne.

So gewinnen wir aus Loesches Darstellung ein
äußerst eingehendes Bild über die Dinge circa sacra bei
den böhmischen Exulanten. Wesentlich zurückhaltender
ist Loesche bei der Schilderung der Dinge in sacra. In
den 10 Seiten, die der Frömmigkeit der Exulanten gewidmet
sind (S. 140—149), wird mehrfach auf die