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Ausgabe:

1925 Nr. 3

Spalte:

67-68

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Schreyvogl, Friedrich

Titel/Untertitel:

Katholische Revolution 1925

Rezensent:

Schian, Martin

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Seite 1

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Theologische Literaturzeitung 1925 Nr. 3.

68

Blick, dem naiven Blick von Gott und von dem Ewigen
her gefehlt. Vielleicht waren wir auch zu freundlich
mit unserer Verkündigung von Gott, sodaß diese
schweren Töne von dem Gericht, von dem Nein Gottes
zu all unserm Wesen kommen mußten. Aber — wenn
die Anhänger einmal aus ihrer Hypnose erwachen und
fragen: Warum soll ich denn das alles einem Göttinger
Professor glauben? — dann wird die theologische Not
wiederkehren. Nirgends sieht man nämlich, worauf B.
sein Zeugnis baut. Die Bibel — ja, er behauptet in ihr
die Offenbarung zu haben und er fordert eine Neugestaltung
des Schriftprinzips; aber zu sehen ist noch
nichts davon. Eigene Erfahrung — man hat nicht den
Eindruck, daß hier der Grund läge. Es ist alles gedacht
, erdacht, auf dialektischem Wege gewonnen. Gott
ist eben das Andere, das da anfängt, wo die Welt aufhört
; mehr wissen wir nicht. Davon kann man die
Kosten der Verkündigung nicht bezahlen. — Es wird
vieler Arbeit bedürfen, um die B.sche Denkweise mit
all dem in ein Verhältnis zu setzen, was uns an historisch
-kritischer, an religionsphilosophisch-apologetischer
Erkenntnis und vor allem an Verständnis des Evangeliums
als einer Frohen Botschaft geläufig ist.

L. bringt unter sechs Stichwörtern bekanntes Material
: Weltweisheit, Ehrfurcht, Sachlichkeit, Geist und
Form, Stirb und werde, Welt und Gott. Er will Goethe
als religiösen Charakter darstellen, indem er seine Religion
von innen heraus sich entfalten läßt, indem er
wesentliche Linien innerhalb des G.sehen Lebensgesetzes
verfolgt, die als religiös angesprochen werden
können, weil sie eine Beziehung zu Überweltlichem enthalten
. Das Neue, das er bringt, scheint in dem Aufweis
einer Linie zu liegen; sie führt aus der Immanenz
der lyrisch-unmittelbar in der Allbeseelung der Natur erlebten
Gottheit über die heidnisch-diesseitige Periode,
da sich Goethe das Göttliche als die Ganzheit des Lebendigen
im beschränkten Raum der Erscheinung darstellt,
zu der transzendenten Gottheit, die nur in Widersprüchen
gedacht werden kann. — Welch andere Welt
ist dies! Die Gottheit ganz gebunden an die Welt der
lebendigen Natur statt an ein Stück der Geschichte; eine
Urreligion, die in allen Religionen sich offenbart und
darum das Nebeneinander der vielen Weisen erfordert,
weil sie alle doch nur je eine Seite an der Gottheit erfassen
können; die Ausgestaltung des Lebens in Übereinstimmung
mit dem Makrokosmos nach den ewigen
Gesetzen der Verselbstung und Entselbstung; das Soll
dem Sein immanent; alles ein Durchgang — wenn
man sich diese Gedanken klar vor Augen stellt, dann
fängt man an zu begreifen, wie stark wir in unserem
Denken von diesem Geist beherrscht sind, mögen wir es
als eine Rettung oder als eine Versuchung empfinden.
An dieser Gesamtanschauung bekommt aber die Theologie
von B. erst ihre Folie; sie will offenbar mit aller
Kraft von dieser Klippe wegsteuern nach der entgegengesetzten
Seite hin. Nicht jeder kann mit B. gehen,
nicht jeder kann sich mit Goethe zufrieden geben. Der
eine ist zu weltlich und der andere zu überweltlich. So
müssen wir denn unsern Weg weiter suchen, von jedem
der beiden Pole gleichmäßig angezogen und abgestoßen
.

Marburg. F. Niebergall.

Schreyvogl, Friedrich: Katholische Revolution. Leipzig:
Der Neue Geist-Verlag 1924. (39 S.) gr. 8°. Gm. 1.20.

Verf. verweist selbst darauf, daß er den hier „zu der Übersichtlichkeit
einer kurzen These gedrängten" Ausführungen in früheren
Schriften, namentlich in den Aufsätzen „Katholizismus als Aufgabe"
(Jahrbuch 1924 der Leogesellschaft) und „Katholizismus und Jugend"
vorgearbeitet habe. Was er hier gibt, sind wirklich nur allgemeine
Grundlinien, die dadurch nicht deutlicher werden, daß sie, der Mode
der Zeit Rechnung tragend, in gesucht hochgespannten Ausdrücken,
in gleichsam philosophischem Gewände vorgetragen werden. Die
Methode des Verf.s, (die auch keineswegs neu ist; ich mußte an
Schells Katholizismus als Prinzip des Fortschritts denken) ist die, daß
er den Revolutionären von heut gleichsam die Waffe aus der Hand

nimmt: Der Katholizismus selbst hat die Revolution zum Lebensinhalt
! Natürlich nicht die politische Revolution, die nebenbei recht
abschätzig behandelt wird, sondern die religiöse Revolution, „die
jeder Katholik der Erscheinung und sich selbst gegenüber jeden
Augenblick zu entfesseln hat", also m. a. W. die Aktivität auf das
ewige Ziel hin. Da nun „die Kirche die ewige Formel für Religion
und Wirklichkeit" ist und ihre Aufgabe in dem Satz beschlossen ist:
Sie muß die Wirklichkeit lenken, so ist es für den Katholiken „weit
mehr als eine politische Angelegenheit", ob die Kirche in der Wirklichkeit
herrscht. Wir wundern uns nun gar nicht mehr, daß das
mittelalterliche römische Reich deutscher Nation für Sehr, „der geglückteste
politische Ausdruck einer geistigen Gegebenheit" ist, und
daß er als allgemeinen geistigen Grundsatz proklamiert, daß eine Erlösung
immer schon deshalb von Rom ausgeht, weil sich in Rom
überhaupt keine Inkongruenz zur Wirklichkeit zeigen kann. Sonst ist
noch bemerkenswert die taktische Forderung, jedesmal am Gegensatz
das Wahrheitsmoment anzuerkennen und keine en bloc-Ablehnungen vorzunehmen
. Sehr, will „nur für die Jugend und aus ihr" gesagt haben,
was er sagt. Die Jugend wird ihn kaum richtig verstehen, aber leider
gibt es heut Jugend, die dem Unverstandenen gerne folgt, wenn es nur
recht tief klingt. Wir Anderen verstehen: katholisches aktives Selbstbewußtsein
wechselt die Form, inhaltlich bleibt es dasselbe.

Breslau. M. Schi an.

Messer, Prof. Dr. August, u. Max P r i b i 11 a, S. J.: Katholisches
und modernes Denken. Ein Gedankenaustausch über Gotteserkenntnis
und Sittlichkeit. Stuttgart: Strecker & Schröder 1924.
(XI, 210 S.) kl. 8°. Gm. 2.40; geb. 3.20.

Der Nebentitel bezeichnet das kleine Buch als „Ein Gedankenaustausch
über Gotteserkenntnis und Sittlichkeit". Die sich „austauschen
" sind beide Katholiken. Pribilla wird ja durch das
S. J. hinter seinem Namen für jeden als Jesuit gekennzeichnet,
Messer hat natürlich keinerlei Anlaß auf dem Titel bemerklich zu
machen, daß er katholischer „Universitätsprofessor" ist; er ist Ordinarius
für Philosophie in Gießen und wissenschaftlich in Ehren bekannt
. Er war einmal streng kirchentreuer Katholik, ist das
nicht mehr, aber immer noch der katholischen Kirche, der er
ja wohl auch noch angehört, freundlich gesinnt, zumal —
wie er hervorhebt — der jetzigen katholischen Jugendbewegung.
Seine Lebensentwicklung hat ihn zu Kant geführt, und er ist in
seiner Weise (in ihr mitbestimmt durch O. Külpe) „Kantianer",
tauscht als solcher seine Gedanken über Gotteserkenntnis (man
betone das ,,-e r k e n n t n i s") und über Sittlichkeit(sittliche Autonomie
der Person und Anschluß oder Untergebung unter eine [die
göttliche, — die kirchliche wird kaum gestreift — ] Autorität) aus
mit Pribilla, der natürlich den Standpunkt des Heil. Thomas verficht.
Man. kann der Unterredung der beiden nur bis an's Ende gern zuhören
. Beide Männer vergessen im Tone keinen Augenblick, was sie
einander schulden, streiten mit einander als gleichhochgebildete
Männer und wirkliche „Denker". Beide bleiben bei ihrem Standpunkt
, das ist auch im Grunde selbstverständlich. Indem ich zuhörte,
sagte ich nur immer wieder bei mir: wenn die beiden sich doch nur
vorab aussprechen würden über ihren bestimmten Gedanken
von „Gott" und vom Inhalte des „Sittengesetzes'', das konkrete
Wesen dessen, was ihnen Gott und „das Gute" ist!. Die bloßen
Worte verbinden allzuleicht im Anschauen, nämlich in einer
stimmungsmäßigen Begegnung. Das ist für den Verkehr von Person
zu Person auch von Wert. Katholiken und Protestanten
dürfen, ja sollen wissen, daß sie im Gedanken an „Gott" und „das
Gute" viel gemein haben, daß sie sich beide als Christen begegnen
können. Aber in den beiden Gedanken stoßen sie auch auf trennende
Abgründe, sobald sie von ihren eigentlichen „Anschauungen" begrifflich
genau zu reden beginnen. Und oft wird da der Spalt so groß,
daß man herüber und hinüber die Stimmen kaum noch hört, geschweige
versteht. Pribilla und Messer würden sich d a vielleicht
länger verstehen, als unsereiner im Gespräch zu dreien es mit-
vermöchtc.

Halle a.S. F. Kattenbusch.

Kerstan, Pfarrer Lic. Dr.: Das Erstarken des Katholizismus

und die Aufgaben des Protestantismus in unserer Zeit. Elbing:
Evangel. Buch- und Kunsthandlg. 1924. (40 S.) 8°. Gm. —50.

Die allgemeinverständlich und sehr übersichtlich
geschriebene Broschüre zeichnet das Erstarken des
Katholizismus im politischen, kulturellen, kirchlichen
Leben Deutschlands und (viel kürzer) in anderen Ländern
Europas, das steigende Ansehen des Papsttums
und die wachsende Anziehungskraft des Katholizismus.
Daß sie dann einen Abschnitt einfügt, der genau nach
Heiler und leider ohne Kritik an dessen Buch das Wesen
des Katholizismus schildert, ist eine merkwürdige Ab-