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Ausgabe:

1925 Nr. 3

Spalte:

66-67

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Barth, Karl

Titel/Untertitel:

Das Wort Gottes und die Theologie. Gesammelte Vorträge 1925

Rezensent:

Niebergall, Friedrich

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Theologische Literaturzeitung 1925 Nr. 3.

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Die einzelnen Systeme werden also unter dem Gesichtspunkt
ihres Wahrheitsgehaltes beleuchtet. Nirgends
erscheint die Wahrheit in hüllenloser Reinheit, aber
nirgends ist sie ganz unerkannt geblieben. „Als absolute
Wahrheit verkündet werden darf kein philosophisches
System, als ideelle Annäherungsweltkonstruktion ist
deren keines ohne Wert." Selbstverständlich leitet bei
einer derartigen Durchleuchtung der Geschichte der
Philosophie den Verfasser ein eigener eigentümlicher
Standpunkt, den wir vielleicht zusammenfassend als phänomenologischen
Realismus bezeichnen können.

Mit dieser Gesamteinstellung hängt eine starke
Hochschätzung der aristotelischen und der thomistischen
Gedanken zusammen, während an Kant einschneidende
Kritik geübt wird. „Der sog. kopernikanische Umsturz
des Weltbildes ist nicht gelungen. Die erkennbare Welt
hängt nicht von der Wissenschaft ab, sondern die
Wissenschaft von der Welt." Trotz dieser durchgreifenden
Kritik wird doch Kants Leistung für die Grundlegung
der Wissenschaft anerkannt: „Von ausschlaggebender
Bedeutung wird einem künftigen kritischen
Realismus die transzendentale' Frage nach den Voraussetzungen
, unter denen allein Wissenschaft zutrifft."
Sehr ungünstig wird der Protestantismus beurteilt. Der
„geistige Bannkreis des protestantischen Denkens" ist
Schuld an Leibnizens Einseitigkeit, der Protestantismus
war „philosophisch dürr". Er zieht sich ganz auf das
Gemüt zurück, um Welt und Wirtschaft ihrem Eigenregiment
zu überlassen. Die Romantik ist eine „Katastrophe
", in ihr vollendet sich die „Anarchie des neuesten
Geisteslebens".

Das Buch schließt mit Ausblicken in die Zukunft.
Der Verfasser bekennt sich zur Phänomenologie, aber
er warnt sehr ernst vor den Gefahren ihres Mißbrauches
. „Die Krisis in der Erkenntnistheorie verdanken
wir Husserl und dem uns zu früh entrissenen
Külpe, die uns erwiesen, daß wir mehr vom Wesen der
Dinge wissen, als Kants Kritik uns verstatten wollte."
„Einsichten aus Wesensschau können nur verkündet
werden, wenn sie fraglos evident sind. Wehe nun, wenn
voreilige Schüler in Streit geraten und ein jeder seine
Lieblingsmeinung als evidentes Wesensgesetz verkün- I
det." Ausdrücklich wird die Wesensschau gegenüber
dem empirisch Erforschbaren abgewiesen: „Es ist vernichtend
Wesensschau zu treiben, wo man beobachten
muß; nichts läßt sich durch Wesensschau erkennen,
was es mit den Methoden der Einzelwissenschaften
auszumachen gilt." Aber innerhalb dieser Begrenzungen
wird Wesensschau zu den Gestalten und zum Former
der Gestalten vordringen, und die Krisis der Metaphysik
führt uns notwendig zu den Quellen der Rel-
ligion.

Man wird bei der Beurteilung die Gesamteinstellung
und die einzelnen Behauptungen unterscheiden müssen.
Die letzteren enthalten sehr viel Anfechtbares. So die
kurze Darstellung der Gnadenlehre Augustins: „Kein
Grund, um jansenistisch oder calvinisch in ihm immer
nur den Gegner des Pelagius zu sehen, man muß ihn
auch als den Überwinder des Manichäismus lesen."
So die schiefen oder doch mindestens recht einseitigen
Urteile über den Protestantismus, die sich an Einzelheiten
oder Einseitigkeiten hängen und dabei das Ganze
aus dem Auge verlieren. So die Ungerechtigkeit gegenüber
der Romantik. Aber auch hier steht doch manches,
was zu denken geben sollte: Was darüber gesagt wird,
daß der Protestantismus das weltliche Leben zu sehr seiner
Eigengesetzlichkeit überlassen habe, ist doch nicht ganz
von der Hand zu weisen. Man denke an die Forderung
der Religiös-Sozialen, die Autonomie der Kultur
theonom zu begründen. Bei einem Buch wie dem vorliegenden
werden aber solche Einzelurteile, zumal bei
der Kürze ihrer Begründung — wenn solche überhaupt
geboten wird — immer sehr diskutabel bleiben, sein
Wert und seine Bedeutung liegen in seiner Gesamteinstellung
.

Hinsichtlich dieser scheint mir die energische Absage
an allen bloßen Historismus äußerst anerkennenswert
. Das energische Dringen auf den Wahrheitsgehalt
der Geschichte und der sichere Blick, um nicht zu
sagen: Instinkt, für den Einheitszug des Geistes bieten
ein ertreuliches Gegengewicht gegen allen Kulturpessimismus
unserer Tage. Es gibt eine Wahrheit, die siegreich
durch die Geschichte schreitet und Anerkennung
heischt, und Bücher wie das Belms können dieser Überzeugung
zur starken Stütze werden. Daß der orthodoxe
Kritizismus solcher Tiefenbetrachtung nicht fähig ist, hat
der Verfasser richtig gesehen, und seine Wendung zur
Phänomenologie scheint mir der einzig mögliche Weg
zu sein, um weiter zu kommen. Freilich lauern hier
ernste Gefahren, Behn hat sie klar erkannt. Wenn aber
der Phänomenologe sich in der von Behn geforderten
Weise beschränkt, wird die Bedeutung der Phänomenologie
, auch für die theologische Wissenschaft, immer
deutlicher werden. Allerdings: auch Behn ist der Gefahr
, vor der er warnt, keineswegs immer entgangen,
Lieblingsmeinungen für Wesensurteile zu setzen. Darum
wird sein Buch ernstester Nachprüfung bedürfen.
Minden i. W. Kurt K e s s e 1 e r.

Barth, Karl: Das Wort Gottes und die Theologie. Gesammelte
Vorträge. 1.—3. Tausend. München: Chr. Kaiser 1024. (III,
212 S.) gr. 8°. Gm. 3.80; geb. 5—.

Loew, Wilhelm: Goethe als religiöser Charakter. München:
Chr. Kaiser 1924. (87 S.) 8°. Gm. 1.50.

Dem Zufall, der diese zwei Bücher auf einem
Schreibtisch zusammengebracht hat, soll damit Sinn abgewonnen
werden, daß sie als Ausdruck der beiden Extreme
, durch die heute viele ihren Weg suchen, die theologische
Lage beleuchten. Es gibt keine mehr verhandelten
Probleme auf dem systematischen Gebiet als
die Frage nach dem Recht der Barthschen Theologie
und nach dem des Idealismus.

Mit zwei Fragen geht man am besten an B. heran:
Was ist es, das ihm für viele jüngere und auch reifere
Theologen diese Anziehungskraft verleiht, und wo sind
die Stellen in der gegenwärtigen Theologie, wo ein
Mangel empfunden wird, dessen Abstellung man von
ihm erwartet? Denn nur so stellt man sich zu jeder
neuen und kritischen Bewegung aus dem Ja, und das ist
besser, als wenn man auf Fehler und Widersprüche in
ihr fahndet.

B. vereinigt hier acht Vorträge, die zum Teil durch
die Chr. Welt schon bekannt geworden sind, so z. B.
den Tambacher „Der Christ in der Gesellschaft" und
den Elgersburger „Das Wort Gottes und die Aufgabe
der Theologie". Überall wird man von der überaus
dichten Fülle der Gedanken gepackt; die einseitige
Wucht der Sprache, die nicht ohne kräftige Pointen und
auch ein bißchen Ironie daherstürmt, vermag auch auf
festere Geister eine suggestive Wirkung auszuüben. Geht
man dieser Wirkung nach, dann findet man bald, was
B. den starken Eindruck und Einfluß verschafft: es ist
die staunenswerte Sicherheit und Parrhesie, mit der er
die Vokabeln gebraucht, die für uns bisher die größten
Probleme darstellten. Gott, Wort Gottes, OffenDarung,
Vergebung, Auferstehung Christi, Jenseits — er wirft,
wenn der Ausdruck nicht zu gewagt ist, mit dieser,
schwierigen Dingen um sich, als wenn sie die größter
Selbstverständlichkeiten von der Welt wären. Damit verbindet
B. ein solch souveränes Herabschauen auf dir
historisch - psychologische Betrachtungsweise und au;'
alles, was Menschenwerk sei, daß man wohl verstehen
kann, wie gerade Pfarrer im Amt, die verkündigen
müssen, ohne kritisch fragen zu können, sich
glauben auf diese Insel vor dem Gewoge der theologischen
Problematik zurückziehen zu dürfen. Dazu
kommt dann noch die Modestimmung der Kulturgegnerschaft
, um das Maß voll zu machen. — Ohne Zweifel
hat B. damit Punkte angerührt, wo Versäumnisse liegen.
Es hat an dem absoluten Ton, es hat auch wohl an dem