Recherche – Detailansicht

Ausgabe:

1925

Spalte:

49-55

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Wernle, Paul

Titel/Untertitel:

Der schweizerische Protestantismus im XVIII. Jahrhundert. 2. Bd 1925

Rezensent:

Staehlin, Ernst

Ansicht Scan:

Seite 1, Seite 2, Seite 3, Seite 4

Download Scan:

PDF

Theologische Literaturzeitung

Begründet von Emil Schürer und Adolf von Harnack

Herausgegeben von Professor D. Emanuel HirSCh unter Mitwirkung von

Prof. D. Wilh. Heitmüller, Prof. D. Dr. 0. Hölscher, Prof. D. Arthur Titius, Prof. D. Dr. G. Wobbermin

Mit Bibliographischem Beiblatt, bearbeitet von Priv.-Doz. Lic. theol. Kurt Dietrich Schmidt, Göttingen
Jährlich 26 Nrn. — Bezugspreis: vierteljährlich Gm. 8.—. — Verlag: J. C. Hinrichs'sche Buchhandlung, Leipzig.

50 lolii-fr Mt. 2 Manuskripte und gelehrte Mitteilungen sind ausschließlich an Professor D. Hirsch in Göttingen, H Ephriiar I02.1?

OU. Jdlirg. VST. 0. Bauratgeberstr. 19, zu senden, Rezensionsexemplare ausschließlich an den Verlag. ' • " »^fw«

Wernle, Der schweizerische Protestantismus

im XVIII. Jahrhundert II (Staehelin).
Noyes, The genius of Israel (Grelimann).
Rüther, Gott ruft die Seele (v. Harnack).
Freiburger Diözesan-Archiv (Bossert).
Zwingliana (Ders.).

K a s 11, Wie man Gott anhangen soll (Clemen).

Ruisbroeck, Die Zierde der geistlichen Hochzeit
und die kleineren Schriften (Ders.).

Ferrer, Die Lehre vom geistlichen Leben
(Koch).

Smith, Wichtiges aus der Kirchengeschichte
(Kattenbusch).

Hillner, J.G.Hamann und das Christentum I Schreyvogl, Katholische Revolution (Schian).
1 u. 2 (v. Schrenck).

Kierkegaard, Reinheit des Herzens (Hirsch).

Ritzert, Die Religionsphilosophie Ernst
Troeltschs (Schmidt).

Wunderle, Grundzüge der Religionsphilosophie
(Kesseler).

Belm, Die Wahrheit im Wandel der Weltanschauung
(Ders.).

Barth, Das Wort Gottes und die Theologie
(Niebergall).

Loew, Goethe als religiöser Charakter (Ders.).

Messer u. Pribilla, Katholisches lt. modernes
Denken (Kattenbusch).
Kerstan, Das Erstarken des Katholizismus
(Schian).

Brentano, Der wirtschaftende Mensch in d.

Geschichte (Andr. Walther).
Eberhard, Neuzeitlicher Religionsunterricht

(Niebergall).
Mayer, Katechetik (Ders.).

Engcrt, Psychologie und Pädagogik der religiösen
Begriffe (Ders.).

Wernle, D. Paul: Der schweizerische Protestantismus im
XVIII. Jahrhundert. 2. Bd.: Die Aufklärungsbewegung in
der Schweiz. Tübingen: J. C. B. Mohr 1924. (XVI, 623 S.) 4°. Gm.18.50.

Rasch ist dem ersten Band von Wernles großem
Werk der zweite Band gefolgt. Er stellt die Aufklärungsbewegung
in der Schweiz dar und zerfällt in drei
Teile. Der erste befaßt sich mit der Aufklärung im allgemeinen
Geistesleben; er ist weit umfangreicher als
die beiden übrigen zusammen und deutet schon dadurch
an, daß die Aufklärung in der Schweiz wie überall erstlich
und hauptsächlich als eine saeculare Bewegung
verstanden werden muß. Der zweite Teil behandelt sodann
das Eindringen dieser saecularen Bewegung in die
Theologie und die Kirche, während der dritte die Aufklärung
als Emanzipation darstellt, von ihren negativen
Wirkungen auf die Kirchlichkeit und Sittlichkeit des
Volkslebens spricht.

Der erste Teil setzt nach einer Zeichnung der
Grundlinien der Aufklärung mit der Aufdeckung der
Rolle ein, die die Antike bei den führenden Männern der
schweizerischen Aufklärung, beim Bodmerkreis, bei
Isaak Iselin, Jakob Wegelin, Johannes Müller und Cesar
Laharpe gespielt hat, und führt dann zu der breitangelegten
Darstellung der französischen Aufklärung auf
Schweizer Boden: vorbereitet wurde sie durch Montaigne
, Pierre Bayle und die naturrechtliche Schule, nicht
zuletzt unter Vermittlung von Refugianten, in Übergangsstadien
ist sie vertreten durch Beat Ludwig von
Muralt und Marie Huber, in epochemachender Weise
durch Voltaire und Rousseau. Mit Recht warnt W. davor
, „auf Voltaires verführerischen Einfluß eine Menge
Dinge zu setzen, die auch ohne Voltaire bei uns selbst
früher oder später sich so entwickelt hätten"; schon
vor ihm war „der Altprotestantismus unsrer Westschweizer
im Großteil der Bevölkerung untergegangen,
ohne Schwertstreich, ohne theologische Revolution",
indem „einfach die neuen Menschen" gekommen waren,
„denen das calvinische Lebensideal absolut fremd, in
jeder Weise widerwärtig und unnatürlich erschien, und
die das Leben genießen wollten". Rousseau betrachtet
W. vornehmlich unter der Fragestellung, was er dem
schweizerischen Protestantismus verdanke, und was er
ihm gegeben oder genommen habe; die Antwort lautet
'r .^ezu£ au^ die erste Frage: „Rousseau bedeutet den
Beitrag des Protestantismus zur französischen Aufklärungsbewegung
", indem er „in den klaren Augenblicken
seines Lebens" die Religion des Gewissens als den

Kern des Evangeliums erkennt, und indem sein Auftreten
und seine Kampfführung gegenüber der jesuitisch
verlogenen und fanatischen Art Voltaires etwas
Ehrliches behält; in Bezug auf die zweite Frage aber:
„es war tatsächlich ein neuer Protestantismus, den
Rousseau verkündete, ein gänzlich undogmatischer und
unkirchlicher Laienglaube, Freiheit für das religiöse
Individuum, sich aus der Bibel auszuwählen, was ihm
paßt, sich Jesus so zurecht zu legen, wie es ihm gemäß
ist, dabei Freiheit, alle modernen Bildungselemente, moderne
Staatsraison, moderne Wissenschaft, auch Erotik
und unbeschränkte Toleranz mit diesem Laienevangeiium
zu verschmelzen." Daß die beiden Gestalten Voltaire
und Rousseau allenthalben in der Schweiz die Geister
zwangen, sich mit ihnen auseinanderzusetzen und in
größerer oder geringerer Selbständigkeit von ihnen zu
empfangen, zeigt ein weiteres Kapitel in einer fast unerschöpflichen
Reihe von Bildern individueller Entwicklungen
und Durchgänge; etwas vom Merkwürdigsten
ist vielleicht, daß es „idealistische Pfarrer und Laien in
unserm Lande gegeben hat, die Rousseau nicht ertrugen
und sich zu Voltaire hin gezogen fühlten, so
schwer uns das heute begreiflich sein mag." Mit
Rousseau war aber die Produktivität Genfs keineswegs
erschöpft; noch am Ende des 18. Jahrhunderts treffen
wir ein paar prächtige Gestalten, die aus dieser Stadt
stammen: Charles Bonnet mit seinem an Leibniz erinnernden
System — „die Bonnetsche Literatur übertraf
an Großartigkeit im Erbaulichen alles, was von
schweizerischen Theologen dieses Zeitraums geleistet
worden ist" —, Abraham Trembley mit seinen „Instructions
d'un pere ä ses enfants" in sechs Bänden, der
Minister Jacques Necker mit seiner am Vorabend der
französischen Revolution verfaßten Schrift „Über die
Wichtigkeit der religiösen Meinungen", seine Frau, Su-
zanne Curchod, mit ihrer Rousseauschen Religiosität
„mitten in Paris, im Hotel Leblanc, in der Umgebung
frivoler Weltkinder. Es ist doch ein Unikum, das ich
nicht missen möchte: ähnlich wie bei Necker, dem
Mann, ein Hauch von Schweizerluft, Gesundheit, Reinheit
in der verworfensten Kultur jener Zeit."

Nach einer kurzen Darstellung des englischen Einflusses
(Newton, Locke, Deismus, Hume, Gibbon, Shaf-
tesbury, Freimaurerei, Addison , Pope , Richardson ,
Young, Milton, Shakespeare) geht die Darstellung über
zu den zwei umfassenden Abschnitten: Deutsche und
deutsch-schweizerische Aufklärung. Der erste von ihnen

50