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Ausgabe:

1925

Spalte:

571-572

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Schreiner, Helmuth

Titel/Untertitel:

Der Ruin der freien Wohlfahrtspflege durch ihre Freunde 1925

Rezensent:

Heyne, Bodo

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571

bole nicht gemacht. Wir können nur Wegbereiter
der neuen Kirche und der neuen Gesellschaft sein. —
T. kommt also zu ähnlichen Hauptergebnissen, wie
die auf Rothe fußende Strömung der neueren Theologie
sie vertreten hat. Neu ist seine Art der Beweisführung
, die ganz und gar in der ihm eigenen Begriffsbildung
verankert ist. Ohne hier ausführlich Stellung
nehmen zu können, möchte ich doch sagen, daß T.s Gedankengang
zwar ebenso gewiß ernste Wahrheitsmomente
enthält wie frühere theologische Versuche mit
gleichem Ziel, daß er aber in seiner reinen Begrifflichkeit
noch gewaltsamer wirkt als jene. Am wenigsten
überzeugt die Ableitung der mehr praktischen Folgerungen
, die an sich vielleicht ganz richtig sind.

Breslau. M. Schi an.

Schreiner, Pastor Dr. Helmuth: Der Ruin der freien Wohlfahrtspflege
durch ihre Freunde. Schwerin: F. Bahn 1925.
(30 S.) 8°. Rm- —80.

Unter dem nicht gleich verständlichen Titel verbirgt sich ein
auf einem Kursus für Wohlfahrtspflege (Wpfl.) gehaltener Vortrag,
der mehr gibt, als das Thema sagt. Der Verf. geht aus von der bekannten
Unterscheidung zwischen öffentlicher und freier Wpfl., die
er mit Recht nicht als Gegensatz, sondern als Unterschied zweier
sich ergänzender Arten faßt. Für die innere Struktur der öffentlichen
Wpfl. ist die Pflicht des Staates zur Sorge für seine Glieder und
zur Selbsterhaltung, verkörpert im Gesetz, maßgebend; für das Wesen
der freien Wpfl. ist es die opferbereite Gesinnung. Der Staat ist
in der ständigen Gefahr um der Neutralität willen, die er in Gesinnungsfragen
üben muß, die Gesinnung, ohne die keine Wpfl. möglich
ist, zurücktreten zu lassen. Die Folge davon ist Schematismus
und Erstarrung. Dieser Gefahr entgeht die freie Wpfl. dank ihrer
Freiheit von allen rechtlichen Bindungen, die der Persönlichkeit
weitesten Spielraum läßt und ihr die schnellere Initiative vor
Staat und Gemeinde bei der Inangriffnahme von neuen Aufgaben
ermöglicht. Die Kehrseite dieser Freiheit ist allerdings oft Unterschätzung
der Ordnung und sachkundigen Ueberlegung zugunsten
des sogenannten „guten Willens"", der unter Umständen durch die
Wahllosigkeit seiner Mittel das Gegenteil des Gewollten erreicht.
Auf jeden Fall hat die freie Wpfl. vor der staatlichen voraus,
daß in ihr der Quell aller echten Wpfl. ungehinderter sprudeln
kann: der Geist des Opfers. Von diesem Gesichtspunkt aus
macht der Verf. dann auf die großen der freien Wpfl. durch ihre
Förderer drohenden Gefahren aufmerksam. Die erste ist jenes eudä-
monistische Verständnis der Wpfl., als. als deren letztes Ziel das
größtmöglichste äußere Glück der größtmöglichsten Zahl ansieht und
die Bestimmung des Menschen auf einen letzten, unbedingten Wert hin
vergißt. Die zweite Gefahr erwächst aus der Notwendigkeit strafferer
Organisation angesichts der ungeheuren Ausdehnung der sozialen
Nöte; sie besteht darin, daß das Mittel zum Zweck Selbstzweck wird
— eine allem Organisieren innenwohnende Tendenz. Als dritte und
bei weitem größte Gefahr wird in schärfster Form gegen die Verknüpfung
von Barmherzigkeit und Vergnügen gekämpft, wie sie jene
rauschenden „Wohltätigkeitsfeste zum Besten der..." mit Tanz und
Sekt darstellen, deren Reinertrag im Verhältnis zu den Unkosten kümmerlich
ist und die den Menschen erziehen, nur da zu helfen, wo er
Vergnügen und Vorteil davon hat.

Trotz seines geringen Umfanges ist das Schriftchen allergrößter
Beachtung wert, und zwar nicht nur als tapferer Mahnruf, sondern
wegen der die erste Hälfte einnehmenden Erörterungen über das Wesen
aller Wpfl. Wir sind an tiefen, grundsätzlichen Ausführungen darüber
arm. Auf 15 Seiten bietet der Verf. darüber viel. Wie viel
ist vielleicht nur für den Fachmann ganz erkennbar. Wenn man bedauern
muß, daß manches nicht breiter ausgeführt ist, so liegt dieser
Mangel in der durch den Umfang gesetzten Grenze, nicht aber in
einer oberflächlichen Betrachtung der Probleme, die vielmehr recht gesehen
sind.

Der Verf. läßt keinen Zweifel darüber, daß die Wurzel aller Wpfl.
tiefer hinabreichen muß als nur zu der humanitären Gesinnung, die
religiös neutral bleiben will. Sonst versagt die Wpfl. gerade angesichts
der schwersten Not (S. 19). Diese Erkenntnis gewinnt ja
auch außerhalb der konfessionell bestimmten Wpfl. immer mehr Raum
und wird namentlich für die Gcfährdetenfürsorge anerkannt. Damit
hängt als zweites zusammen: die Wpfl. darf nicht vergessen, daß es
sich bei ihrer Arbeit um den ganzen Menschen handelt. Sie
kann Teilnöte — mögen sie wirtschaftlicher, gesundheitlicher, geistig
-sittlicher Art sein — nie heilen, wenn sie die Wechselwirkungen
zwischen der äußeren Lage und der inneren Haltung des Menschen
vergißt. Wertvoll ist die Bemerkung über eine noch zu findende
bessere Einordnung der Wpfl. in den staatlichen Organismus (S.8).

Die Innere Mission hat über die Fülle der praktischen Aufgaben

die wissenschaftliche Durcharbeitung ihrer Prinzipien in den vergangenen
Jahrzehnten zurücktreten lassen. Die Theologie hat bis jetzt
hier keine Aufgabe für sich gesehen. Daß sie da ist, kann 'an ihrem
bescheidenen Teil die vorliegende Schrift zeigen.

Bremen. Bodo Heyne.

Rendtorff, Lic. Past., Heinrich: Pflüget ein Neues! Von d.

Sendung d. evang. Kirche an d. deutsche Volk. Ein Beitrag zu
den Fragen kirchl. Volksmission. Hamburg: Agentur d. Rauhen
Hauses 1924. (158 S.) 8°. Rm. 2.50; geb. 3,—.

Niebergall, Prof. D. Friedrich: Moderne Evangelisation.

Gießen: A. Töpelmann 1924. (47 S.) kl. 8°. = Aus der Welt der
Religion, Doppelh. 2/3. Rm. 1—,

Das Problem der Volksmission steht im Mittelpunkt
des Interesses der praktischen Theologie. Das
Buch R.'s und das Heft N.'s beweisen es.

R. setzt, freilich in durchaus selbständiger Weise,
die Hilbert'sche Linie fort. Der Einfluß von Althaus und
Brunstäd in der systematischen Gesamthaltung ist unverkennbar
. Die Notwendigkeit der Volksmission wird
abgeleitet aus dem Wesen der Glaubensbewegung als er-
weckungswirkenden Handelns und herausgelöst aus dem
individualistischen Mißverständnis, dem die frühere Evangelisation
teilweise unterlag. Besonders verdienstvoll ist
die Erfassung des Wesens der Volksmission in dem
Zusammenhang des Volkstumes:

„Es gibt nicht nur eine Bekehrung aus dem vollen
Nein des Unglaubens mit einem Schritt in das volle Ja
des Glaubens, sondern es gibt ein Werden und Wachsen.
Es gibt nicht nur wirkliche Christen auf der einen und
Heiden auf der anderen Seite, sondern auf dem Boden
eines Volkes mit einer Geschichte, wie das deutsche Volk
sie hat, gibt es Menschen, die in einem sozusagen vor-
persönlichen Christentum leben, bei denen Erkenntnisse
und Worte und Kräfte vorhanden sind, die zu kennen,
an die anzuknüpfen, auf die aufzubauen einfach
Pflicht ist."

Aber gerade darum wird für Rendtorff nicht Entwicklung
, sondern Entscheidung zum Wesen der Volksmission
. Auf der anderen Seite wird das volksmissionarische
Handeln vor allem dadurch als eine Forderung
erkennbar, die an das Wesen und den gesamten Bestand
der Kirche rührt, daß die kirchliche Not der Gegenwart
viel größer ist, „als die Mehrheit der Glieder es bis
heute ahnt". Wer Volkskirche sagt, muß auch Volks-
mission sagen. Auch hier liegt ein Verdienst R.'s, überzeugend
darzustellen, daß alles kirchliche Handeln dem
Tode verfällt, solange nicht auf seinem Grunde die Bewegung
der Mission lebt.

N. hebt aus eiern Umkreis der Volksmission das
Problem der Evangelisation heraus und stellt es bewußt
in den Gegensatz zur Evangelisationsmethode des Pietismus
. Auf einen kurzen Bericht über die von ihm veranstalteten
religiösen Wochen in Braunschweig, Plauen,
Wiesbaden und Weimar folgt eine kurze grundsätzliche
Erörterung über die Eigenart der Evangelisation; danach
einige praktische psychologische Winke und eine
skizzenhafte Darstellung des inneren Aufbaues einer
Evangelisationswoche dieser Art. Gerade gegenüber
dieser Skizze wird man sich fragen müssen, ob der Individualismus
der pietistischen Evangelisation wirklich
überwunden oder vielleicht nur verdrängt ist. Mindestens
schief ist auch ein Satz wie der: „Man muß wissen, was
man als Evangelium zu verkünden hat. Das ist vor
allem ein Ergebnis des Studiums." (?) Die Darstellung
des inneren Gehaltes der modernen Evangelisation vermag
den Zweifel nicht zu überwinden, ob sie wirklich
der Tiefendimension der reformatorischen Glaubenserfahrung
zum Durchbruch verhelfen kann. Auch praktisch
theologisch geht der Weg zum Herzen des modernen
Menschen durch die Psychologie des Kontrastes,
durch Umkehr und Entscheidung. Die „Freundschaft
mit Gott", der Friede und die Freude sind kein Anfang,
sondern ein Ende, sonst droht die Verkündigung ein
verheerender Kurzschluß zu werden.

Erfreulich ist der Hinweis Niebergalls auf die Un-
wirklichkeit der heutigen Sonntagsfeier und Predigt