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Ausgabe:

1925 Nr. 22

Spalte:

523-525

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Vollrath, Wilhelm

Titel/Untertitel:

Das Problem des Wortes. Zur Einleitung in eine Theologie 1925

Rezensent:

Barth, Karl

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Theologische Literaturzeitung 1925 Nr. 22.

624

maine der von ihm sehr eigenwillig abgegrenzten „Religionswissenschaft
" zuweisen wollte (vgl. sein Buch
„Religionswissenschaft. Prolegomena zu ihrer wissenschaftstheoretischen
Grundlegung" Leipzig, Hinrichs
1924), hat einigermaßen schon ein Religionshistoriker
der Zeit der Aufklärung gegeben, der Göttinger Professor
der Philosophie Christoph Meiners (Siehe Herbert
Wenzel, Christoph Meiners als Religionshistoriker.
Frankfurt a. O. 1917, S. 44—86). In neuerer Zeit dann
wieder Chantepie de la Saussaye in der 1. Aufl. seines
Lehrbuchs der Religionsgeschichte S. 48—170, einer Arbeit
, die in der 2. und 3. Auflage dieses Werkes, offenbar
aus der Einsicht heraus, daß sie verfrüht unternommen
war, in Wegfall gekommen ist. Ist das von
vielen bedauert worden, so kommt ihrem Begehr die
noch im Erscheinen begriffene 4. Aufl. entgegen mit
den einleitenden Kapiteln S. 23—130 des 1. Bandes. Ihr
Verfasser ist Edv. Lehmann. Von eben demselben
hatten wir ein Ähnliches seit 1910 bereits in dem ausführlichen
Artikel „Die Erscheinungswelt der Religion"
in Schieies Lexikon „Die Religion in Geschichte und
Gegenwart". Dürftiger ist J. Estlin Carpenter's kleines
Büchlein „Comparative Religion", London 1913. Ausführlich
dagegen erörtert dieselben Stoffe W. Wundt in
seiner Völkerpsychologie, Bd. 4—6: „Mythus und Religion
". Unsere Studierenden sind — ich weiß das — für
Darbietungen dieser Art empfänglich. Sie sehen nicht,
daß recht sie doch nur verstehen kann, wer sich vorher
erst einige tiefer gehende Kenntnis der Einzelreligionen
angeignet hat. Daß, wer das getan hat, dieser Zusammenstellungen
oder Synopsen eigentlich nicht mehr
benötigt, weil er ja dann imstande ist, sie selber sich zu
machen, liegt auf der Hand. Das sage ich nicht gegen
van der Leeuw, über dessen Publikation ich mich freue.
Van der Leeuw's Buch schließt mit der aus dem Munde
eines Religionshistorikers etwas seltsam anmutenden
Mahnung, das Unaussprechliche, das ganz Andere, das
Eine, das not tut, wenn man ganz sicher gehen und ganz
selig sich fühlen wolle, zu wissen in der Person Christi:
wahrhaftiger Mensch, eine „Gestalt": „geboren aus der
Jungfrau Maria"; wahrhaftiger Gott, heilig und ganz
anders als alles Geschaffene: „geworden und nicht gemacht
". Ich weiß doch nicht, ob der Greilinger Herr
Kollege, wie ihm das der Herausgeber anerkennend imputiert
, damit gerade das Ergebnis aller in die Tiefe
bohrenden vergleichenden Religionsforschung hat aussprechen
wollen: genitum non jactum, consubstantialcm
patri per quem omnia facta sunt, qui propter nos homi-
nes et propter nostram salutem descendit de coelis.

Der inhaltreiche Band, der einen geist- und kenntnisreichen Autor
bekundet, wird der zweiten Auflage sicher sein können. Für sie sind
die nachfolgenden paar Monita vermeint, die geflissentlich absehen von
stilistischen Unebenheiten (wie z. B. Haas, Bilderatlas, in Erscheinung
begriffen: S. lü) des sonst in glattem, klarem Deutsch geschriebenen
Buches, ad S. 10: Tieles Kompendium liegt nicht vor in 2. Aufl. 1022,
sondern in 5. Aufl. 1020; ad S. 11: Auch wenn Verf. laut Vorwort in
den Literaturangaben sich auf das durchaus Empfehlenswerte beschränken
will, darf doch wohl Girgensohn mit seiner Religionspsychologie
nicht ganz, totgeschwiegen werden; Wach's „Religionswissenschaft
" wäre wohl bei den Literaturangaben für die Methodologie genannt
worden, wenn v. d. L. das Buch gekannt hätte; ad S. 17: Zu
Brahman mache ich aufmerksam auf Johannes Hertel's neuerliche einschlägige
Arbeit (in Indogerman. Forschungen XL1, 185—200); ad p.
23 (bis): statt Dunamis lies Dynamis, S. 85 statt kuklos lies kyklos,
S. 131 statt Aduton lies Adyton; ad p. 62 mag mir verstattet sein, zu
verweisen auf Lehmann-Haas, Textb. z. Relgcsch. S. 61, Anm. 2; ad
p. 85: Jataka ist nicht t= haec fabula docet; a«l p. 123: Hier weiß
ich nichts rechtes anzufangen mit dem Opfer Nr. 2, wobei dem
Qotte Speise und Trank vorgesetzt werden, und der Mensch also in
gewissem Sinne das göttliche Leben erhält. (Ähnlich wie mir, wird's
da doch wohl auch anderen ergehen); ad p. 128: „Arbeiten am Sonntag
gilt, trotz der ethisch-religiösen Begründung schon im Alten
Testament, noch immer vielen als ein Tabu. (?); ad p. 128 unten:
Was measa ist, wäre dem Leser zu sagen.

Leipzig. H. Haas.

Vollrath, Prof. Lic. Dr. Wilhelm: Das Problem des Wortes.
Zur Einleitung in eine Theologie. Gütersloh: C. Bertelsmann 1025.
(274 S.) 8°. Rm. 7—; Oanzl. geb. 0—.

Zwischen den durch die Begriffe „Leben", „Gemeinschaft
", „Wort" bezeichneten Größen besteht nach
dem Verf. eine „organische Systematik" (S. 160). Das
„Leben" wird nämlich nur „erfaßbar" als „Verhältniswirklichkeit
zwischen Personen" (S. 125) d. h. eben als
Gemeinschaft. „Ein (sie) Soziologikum ersten Ranges",
das „Pontifikale" d. h. die Aktualisierung der Gemeinschaft
ist aber das „Wort" (S. 169). Ist nun Religion
allgemein als „Leben" zu definieren (S. 160), so ist das
Christentum, der Protestantismus insbes., die „Religion
des Wortes" (S. 243). Das Wort in diesem speziellen
„Verhältnis", ist in den zwei Modalitäten des Gotteswortes
( Verheißung und Gebot) und des Menschenwortes
(= Gebet und Bekenntnis) eines (S. 180),
immerhin unter Primat der ersten (S. 141, 178, 235,
237). Es ist das zeitlos konstante „Ereignis zwischen
menschlichem und göttlichen Geist, Endlichem und Unendlichem
, Relativen und Absoluten" (S. 234) vor allem
! aber die „Synthese von Geschichte und Übergeschichte"
j (S. 245). Sinnlicher und konkreter als „Begriff" und
„Lehre", leichter und beweglicher als die „Heilstat-
| Sachen" und doch vorwärts und rückwärts auf beide
hinweisend (S. 231) bildet es zugleich Prinzip und
Gegenstand der Theologie (S. 233 f.), wobei seine
„Schriftlichkeit" als Bibel Siegel und Symbol ist für
seine Ewigkeit (S. 272). So die Konzeption des Verf.'s
in ihren Grundzügen.

Daß Theologie dort anfangen muß, wo Psychologismus
und Historismus (S. 142 f. 150 f.) endigen und
daß der Anfang evangelischer Theologie im
„Wort" zu suchen ist, darin werden heute mehr und
verschiedenere Mitarbeiter mit dem Verf. einig gehen, als
dies noch vor 10 Jahren der Fall gewesen wäre. Sein
Beitrag ist schon wegen des darin sich bekundenden
Wollens, aber auch wegen so mancher wertvollen phänomenologischen
Einzelfeststellung dankbar zu begrüßen
. Darüber hinaus würde ich aber ernstlich in
Frage stellen, ob er einen glücklichen Blick hat, wenn
er seine Absicht im Rahmen einer „Metaphysik des
Lebens" meint durchführen zu sollen und zu können.
Ist wirklich von der Aktualität des Wortes Gottes
die Rede, wo, wie es bei Anwendung eines solchen
Oberbegriffs unvermeidlich ist, die Offenbarung neben
„Kunstwerk, Vaterland, sittliches Ideal...." (S. 158,
175) zu stehen kommt? Ist wirklich das „Verhältnis zu
Gott" nur ein „spezifischer Fall" (S. 235) des „Verhältnisses
" überhaupt? Oder ist nicht zu sagen, daß
es überhaupt kein „Fall" ist, der unter die soziologische
! oder irgend eine andre Regel fällt, sondern allen, welcher
Regel immer entsprechenden „Fällen" gegenüber,
formal und inhaltlich das Novum und Unicum? Und
kann das „Wort" anders als in diesem Verhältnis gesprochen
und vernommen Gegenstand und Prinzip der
Theologie sein? Der Fehler der hier vorzuliegen
scheint, wiederholt sich sichtbarer, wenn in der Schlußabhandlung
das Schriftprinzip durch eine besondere
„Metaphysik des Buches" (S. 249) zu begründen versucht
wird mit dem Ergebnis: „So ist für die Offenbarung
eine literarische Dauerform besorgt in Gestalt
der Schrift auf Papier gedruckt und obendrein in Leder
gebunden" (S. 267). Das geht eben nicht. Der Fehler
rächt sich darin, daß es durch das ganze Buch hin zu
keiner Klarheit kommt darüber, was es nun eigentlich mit
jenem zugegebenen Primat des allein von Gott gesprochenen
und zu sprechenden Wortes in diesem
Verhältnis auf sich hat. Folgerichtig auch darin, daß
die empfohlene „organische Systematik" keine konkrete
theologische Mitte hat, von der aus
Fragen und Antworten zu überblicken wären. Schmerzlich
aber ebenfalls folgerichtig endlich darin, daß das
Zentralproblem, das in diesem Zusammenhang das Feld
beherrschen müßte, die T r i n i t ä t s lehre, kaum in einigen
Andeutungen zur Sprache kommt. Ausführbar
dürfte die gute Absicht des Verf.'s erst dann werden
, wenn er die Kritik der psychologischen und histo-