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Ausgabe:

1925

Spalte:

489-490

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Brandes, Georg

Titel/Untertitel:

Die Jesus-Sage 1925

Rezensent:

Dibelius, Martin

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Seite 1

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48!)

Theologische Literaturzeitung 1925 Nr. 21.

490

seine Briefe geschrieben hat. Es ist selbstverständlich,
daß diese Briefe manche Parallele zum N.T. liefern;
Olssons Kommentar nimmt auch beständig darauf Rücksicht
. Es sind SO Briefe, die O. S. 24—211 abdruckt,
übersetzt und sprachlich und sachlich erklärt; die Sammlung
will abgesehen von kleinem Bruchstücken vollständig
sein. Die Verwendung des Materials ist durch
reichhaltige Indices (S. 215—239, der Wortindex S. 219
bis 234) bequem gemacht.

Nützlich ist auch die Einleitung (S. 1—22), die
Über Inhalt, Material, Datierung usw. der Briefe das
Wissenswerte mitteilt; neu ist dabei fast nur S. 2ff. die
Vermutung über die Entstehung der Eingangsformel
(Typus KÄavdiog Avalag /<•» xQatlOTqi iy/eudn, 'I>iu/.i yjaQtiv
Act. 23, 26, vgl. 15, 23, Jk. 1,1): die orientalische Formel
Afiaotq üokvxoävtl ilde Mye$ (Herodot III 40) bezw. Jcgeiog
I'aduru lüde '/.eye (Dittenberger Sylloge :1 22; Anfang des
5. Jahrh. v. Chr.) wurde von den Griechen übernommen
(so schon Gerhard, Philologus 04, 1905, S. 54); damit
wurde der mündliche Gruß '/«ige verbunden (vgl. im
ältesten griechischen Briet Mnyn'igyog hclotsüe zolg
oixoi yitigtiv y.ui lyialvnv Witkowski epist. priv.2
S. 135); dann wurde das regierende Verbum weggelassen
. Beachtenswert sind auch die Versuche S. 5 f.,
außer der Fürbitteformel noch weitere Briefformeln aus
dem Ägyptischen abzuleiten.

So weit ich die Einzelheiten genauer geprüft habe,
ist die Obersetzung und Erklärung zuverlässig, der
Druck korrekt. Es wäre erfreulich, wenn der Verfasser
auch die spätem Briefe, die für das nt. Schrifttum
ebenso wichtig sind wie die hier herausgegebenen, entsprechend
behandeln würde.

H"rn A. Dcbrunncr.

Brandes, Georg: Die Jesus-Sage. Autoris. Übers, v. Erwin
Magnus. !.—5. Taus. Berlin: E. Reiss 1925. (155 S.) 8«.

Rm. 4—; geb. 6—.

Nun setzt sich auch der große nordische Schriftsteller
für die These von der mythischen Herkunft des
Christentums ein; und er tut es im allgemeinen mit
den oft diskutierten Gründen, wie ich sie in dieser Zeitung
bei vielen Gelegenheiten charakterisiert und kritisiert
habe. Der Leser von Drews, Lublinski und W. B.
Smith wird bei Brandes sachlich nichts wesentlich Neues
finden und wird auch von der Darstellung des längst
Bekannten wenig befriedigt sein, denn B. geht nirgends
in die Tiefe und schreibt ohne die ehrliche Leidenschaft
von Drews und ohne die künstlerische Phantasie von
Lublinski. So brauche ich zunächst nur die bekannten
Argumente zu registrieren: Abhängigkeit der Passionsgeschichte
vom Alten Testament, Abstand des Apostels
Paulus von Jesus, Schweigen der Profanhistoriker,
transzendente Christologie, religionsgesclvichtliche Parallelen
, wunderhafter Charakter der Evangelien, geringe
Beziehung der meisten urchristlichen Schriften zu einer
geschichtlichen Jesusgestalt. Dies alles wird ohne erkennbare
Gliederung und ohne rechten Zusammenhang
in einer Art leichtem Plauderton vorgetragen, der aber
— zum mindesten in dieser Übersetzung von Erwin
Magnus — Grazie und Feinheit einer künstlerischen
Plauderei von ernsten Dingen völlig vermissen läßt.

Bezeichnend für diese Art der Darstellung ist vielmehr
eine gewisse lässige Blasiertheit, die in etwas ge-
langweiltcm Ton von Dingen redet, die höchst fremdartig
, sehr fernliegend und eigentlich reichlich uninteressant
sind. Das soll der Standpunkt des modernen Menschen
sein, dem I. Kor. 14 „die leersten Redensarten"
enthält, der im Evangelium neben „schnurrigen" Gleichnissen
„die sonderbarsten Dinge" rindet, dem die jüdische
Apokalyptik schon wegen ihres barbarischen Stiles
herzlich unsympathisch ist und der sich den Zugang
zu all diesen sonderbaren Dingen nur durch Vergleiche
aus der Gegenwart zu erschließen vermag. „Man denke
sich einen Reformator, der die Frauen vertriebe, die
vor der Notre-Dame-Kirche sitzen und Wachskerzen

! denen verkaufen, die sie zu Ehren Verstorbener brennen
wollen!" Daß Brandes ein solcher Reformator unmöglich
vorkommt, liegt wohl mehr an seiner Stellung zu
den Dingen als an diesen selbst. Er diskreditiert auch
eher seine eigene Position als die antiken Vorstellungen
von der jungfräulichen Geburt, wenn er von ihr und
„ähnlichen Wundern" sagt: „das sind Gespenster, die
wir nie gesehen haben, denen wir nie einen Gedanken
schenken". Wie unmodern diese ganze angeblich moderne
, in Wirklichkeit geistesgeschichtlich um 2 bis
3 Jahrzehnte rückwärts weisende Teilnahmlosigkeit
gegenüber dem Stoff des Historikers in Wahrheit ist,
das braucht man mindestens deutschen Lesern heut
nicht erst zu sagen.

Manches in B.s Darstellung der chronologischen,
kulturgeschichtlichen und literarischen Verhältnisse ist
unrichtig oder wenigstens schief ausgedrückt: Paulus
soll im Jahre 38 bekehrt sein, er soll fast seine ganze
Bildung „dem Talmud" verdanken, die Didache (oder ihr
erster Teil?) soll „eine Art offizieller Akte" darstellen,
„die der Hohepriester für die im Römischen Reiche
verstreuten Juden verfaßt hat". Aber weit mehr als
solche Stellen, an denen B. vermutlich Gelesenes mißverstanden
hat, belastet das Buch, das unter so berühmtem
Namen ausgeht, seine schwunglose und ziel-

I lose Art. Eine nicht eben gute Sache wird hier schlecht
vertreten, und man schämt sich als Kritiker etwas, daß
man gerade dieses Urteil über einen solchen Autor
fällen muß. Jedenfalls wird die Nachwelt aus diesem angeblichen
Beweis, daß Jesus nicht gelebt hat, niemals
schließen können, daß Georg Brandes gelebt und was er
geleistet hat.

Heidelberg. Marlin Di bei ins.

Kampers, Eranz: Vom Werdegange der abendländischen
Kaisermystik. Gedruckt m. Unterstützung d. Bibl. Warburß/Hant-
burg. Leipzig: B. O. Teubner 1921. (VII, 178 S. m. 4 Tat.) gr. 8°.

Rm. 12—; geb. 15—.
Dieses, Konrad Burdach gewidmete, Buch verfolgt
den Werdegang der abendländischen Kaisermystik, der
Mystik des allumfassenden Herrschaftsgedankens, der
universalen Herrschaft des Weltkaisertums, von ihren
ältesten Anfängen an bis zu der Zeit, da sie von Kaiser
Friedrich IL, dessen Kaiseridee ganz mittelalterlich war,
zu Grabe getragen wurde. Ihre Ursprünge liegen in
Babylonien. „Weltenwebe und Weltbild, so wie sie hier
im Zweistromlande gedacht und geformt wurden, sollten
bis in die hohe Zeit des Mittelalters in den Gedanken
und Gleichnissen eines kosmischen, das gesamte Welt-
I geschehen und dessen ewige Triebkraft umfassenden
I Denkens fortleben." Wie sie fortlebten und wie sie sich
gestalteten, unter der Einwirkung der verschiedensten
Faktoren der mannigfachsten Kulturen, welchen Anteil
daran Ägyptisches, Persisches, Hellenistisches, Römisches
, Christliches gehabt hahen, wird hier mit einer
verblüffend weiten Kenntnis des einschlägigen Materials
und der es behandelnden Literatur durchgeführt.
Selbstverständlich ist nicht vergessen aufzuzeigen, welchen
Anteil an diesem Prozeß große Herrscherpersön-
lichkeiteu wie Alexander und das Bild, das man sich
von ihm machte und die Gedanken, die ihn bewegt
haben, gehabt haben. Man staunt immer wieder von
Neuem über die Fülle der Entlehnungen und über die
Dürftigkeit der menschlichen Gestaltungskraft, und man
erhält reiche Belehrung. Wer weiß z. B. gewöhnlich
etwas davon, daß alle mittelalterlichen Reichsinsignien
Nachfolger alter babylonischer kosmischer Symbole sind,
daß ein Zusammenhang besteht zwischen de'm Ordo der
Krönung des deutschen Kaisers in Rom und dem Ritus
der Krönung des neuen Pharao in Ägypten. Man bekommt
eine Vorstellung davon, welche große Rolle
die Mysterien, namentlich die Mithras- und Isismysterien
auf diesem Wege gespielt haben. Was über Adamsund
Heilandsmystik im 3. Abschnitt gesagt wird, ist
ein anziehender Beitrag zu einer Reihe von jetzt so viel
behandelten religionsgeschichtlichen Fragen, immer ab-