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Ausgabe:

1925

Spalte:

439-441

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Jensen, Hans

Titel/Untertitel:

Geschichte der Schrift. Mit 303 Abb 1925

Rezensent:

Fick, R.

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religiösen Geschichtsphilosophie im Rahmen der Dogmatik
I ein hohes Verdienst.

Seebergs Buch liest sich leicht und angenehm. Viele glänzende Satz-
prhgungcn, gute Obersichten und Zusammenfassungen inachen das
Werk pädagogisch besonders brauchbar. Auch für gebildete Nicht-
theologen ist es durchaus zugänglich und, mindestens in großen
Particen, eindrucksvoll.

Wir stehen überall, nicht zuletzt in der Theologie,
an einer Zeitwende. Daher ringen wir um die Grundfragen
, um Möglichkeit und Sinn der Theologie überhaupt
, daher kommt die systematische Arbeit der
Jüngeren gegenwärtig über Programme und bloße
Losungen kaum hinaus. Das ist in unserer Lage tief begründet
, aber es bedeutet zugleich, je länger es währt,
eine wirkliche Not. Es ist eine Schicksalsfrage für die
gegenwärtige Theologie und für die Kirche, ob die
Systematiker bald über die leidenschaftliche Verhandlung
der Programme hinaus zu einer neuen Dogmatik
kommen. Was an neuen Einfällen und Grundsätzen
nicht die Kraft in sich trägt, eine ausgeführte Dogmatik
zu bilden, hat keinen bleibenden Wert. Daran nachdrücklich
zu erinnern ist nicht der geringste Dienst, den
das Erscheinen eines so geschlossenen und ausgearbeiteten
Werkes wie der Dogmatik Seebergs heute den
Jüngeren tun soll. Und gerade wer die systematische
Unfertigkeit der neuen theologischen Verheißungen sich
ehrlich eingesteht, wird dieser Leistung die hohe Ach- j
tung nicht versagen. Wir Jüngeren ringen um Neues —
aber eben dabei werden wir im Gegensatze wie im
unmittelbaren Lernen denen, die jetzt den reifen Ertrag
eines ganzen Lebens zusammenfassen dürfen, immer
wieder schuldig bleiben. Das sichert auch R. Seebergs
Buche den bleibenden Dank.

Rostock. P. A 11 h a U s.

Jensen, Piiv.-Doz. Dr. phil. Hans: Geschichte der Schrift.
Mit 303 Abb. Hannover: Orient-Rnchb. H. Lafaire 1025. (VIII,
231 S.) 4°. geb. Rin. 40—.

Kurz vor dem Erscheinen von Jensens Buch sind
wichtige Entdeckungen gemacht worden, die möglicherweise
unsere Anschauungen über die älteste Geschichte
der Schrift und die Zusammenhänge der Schriftentwickelung
stark beeinflussen werden. Dahin gehört vor
allem die durch Pierre Montet bei seinen Ausgrabungen
in Syrien im Grab Ahiram's, des Königs von Byblos,
entdeckte phönizische Inschrift, die er für 400 Jahre
älter hält als die mit ziemlicher Sicherheit dem ersten
Viertel des 9. vorchristlichen Jahrhunderts zugewiesene
Inschrift von Mesa. In eine um Jahrtausende zurückliegende
Zeit führen uns ferner die im oberen Industal
bei Harappa und stromabwärts bei Mohenjo Daro gefundenen
Siegel, deren Schriftzeichen zweifellos die
Form sumerischer Hieroglyphen tragen, wie sie in Mesopotamien
um 3000 v. Chr. im Gebrauch waren.

Jensen hat diese Entdeckungen nicht mehr berücksichtigen
können, und bei der vorsichtig abwägenden,
das Gesicherte von dem Hypothetischen scheidenden
Art, die seine Arbeit auszeichnet, ist nicht anzunehmen,
daß er die Entzifferung, die Waddell in seinem kürzlich
erschienenen Buche (Indo-Sumerian seals deeiphe-
red. London 1925) versucht hat, übernommen hätte;
ich möchte glauben, daß Jensen die Erklärung der sumerischen
Königsnamen durch den Veda oder gar aus den
genealogischen Listen des Mahäbhärata und der Puranas
und die daran geknüpften Folgerungen Waddells als unhaltbar
abgelehnt haben würde.

Die Entdeckungen von Montet, die Rene Dussaud
in der Zeitschrift Syria (T. 5. 1924, S. 135 ff.) besprochen
hat, hängen zusammen mit der von Jensen
S. 99 ff. behandelten Frage von der Herkunft der semitischen
Buchstabenschrift aus der sog. „Sinaischrift"
und mit den namentlich von Sethe und Gardiner aufgestellten
Theorien, die das phönizische Alphabet aus
den ägyptischen Hieroglyphen herleiten wollen. Jensen
läßt die Frage, ob die Sinaischrift die tatsächliche Vorläuferin
der altsemitischen Schrift ist, offen, hebt aber
(S. 114) zugunsten des ägyptischen Ursprungs der altsemitischen
Schrift die sog. „innere" Schriftform hervor;
wenn er andererseits darauf hinweist, daß „der zeitliche
Abstand zwischen den Sinaiinschriften und dem ersten
Auftauchen rein altsemitischer Schriftdenkmäler mit seinem
völligen Mangel an Zwischenstufen eine große
Schwierigkeit bietet", so ist jetzt durch die Entdeckungen
von Montet das Alter des phönizischen Alphabets, das
mindestens seit dem 13. Jahrh. existierte, näher an die
Zeit der Sinaischrift herangerückt.

Wie diesem Problem gegenüber, so zeigt sich Jensen
auch sonst bei Beurteilung der vielen schwierigen
und umstrittenen Fragen, die in den letzten Jahrzehnten
durch die Ausgrabungen in Kleinasien, Turkestan, auf
der Sinaihalbinsel und anderswo aufgerollt sind, als besonnener
Kritiker. Er hebt die Probleme klar und scharf
heraus, stellt die widerstreitenden Ansichten einander
gegenüber und trifft nur da eine Entscheidung, wo ihm
eigene oder nachgeprüfte fremde Forschung die Ergebnisse
als gesichert erscheinen lassen. Zu den bisher feststehenden
Tatsachen der Scliriftgeschichte können wir
mit Jensen den Charakter der Maya-Schrift als Wort-
Bilderschrift, den vollzogenen Übergang von der Ideenschrift
zur Wortschrift im Chinesischen, die direkte
Herleitung der Keilschriftzeichen aus Bildzeichen, den
! frühzeitigen Übergang zu einer Phonetisierung der
Schrift bei den Ägyptern und Sumerern, den semitischen
Ursprung der indischen Brahml-Schrift, die Herkunft
der griechischen Buchstaben aus dem altsemitischen
Alphabet u. a. mehr rechnen. Als vorläufig unentschieden
dagegen haben Fragen zu gelten wie das Vorhandensein
eigener Schriftzeichen in Japan vor Einführung
der chinesischen Schrift, das Alter der altkretischen
Bilderschrift, die Hypothese vom kretischen
Ursprung des semitischen Alphabets, die Zeit des ersten
Auftretens der Schrift in Indien, die Datierung der Entstehung
der Runenschrift usw.

Die hier aus dem mit der Geschichte der Schrift zusammenhängenden
Fragenkomplex nur andeutungsweise
aufgeführten Einzelprobleme geben eine ungefähre,
wenn auch keineswegs erschöpfende Vorstellung von der
Fülle des Materials, das Jensen zu bewältigen hatte.
Daß ihm dies auf dem verhältnismäßig knappen Raum
eines Quartbandes von mäßigem Umfang gelungen ist,
haben wir der zweckentsprechenden Anordnung des nach
Vorstufen, Ideen-, Wort-, Silben- und Buchstabenschrift
gegliederten Stoffes sowie der klaren und präzisen Aus-
drucksweise des Verf. zu danken.

Die Literaturangaben sind, soweit ich sie nachgeprüft
habe, durchweg zuverlässig. Bei der Arbeit von
R. Campbell Thompson, A New Decipherrnent of the
Hittite Inscriptions. Oxford 1913, ist hinzuzufügen, daß
es ein Sonderabdruck ist aus der Zeitschrift „Archaeo-
logia" Vol. 64. Ebenso hätte S. 86 Anm. 2 erwähnt
werden müssen, daß F. E. Forbes die Ergebnisse seiner
Arbeiten über die Schrift der Vai-Neger zusammen mit
E. Norris im Journal of the Roy. geographical Society
of London. Vol. 20. 1851, S. 89 ff. veröffentlicht hat.

Wie zu erwarten ist, hat Jensen bei den Literaturangaben
keine Vollständigkeit erstrebt, sondern sich beschränkt
auf Belege zu den Behauptungen im Text und
auf Hinweise, die dem Interessenten den Weg zu eingehenderem
Studium eröffnen sollen. Diese an sich
durchaus berechtigte Beschränkung legt aber den
Wunsch nahe, es möchte als Ergänzung zu dem Werke
von Jensen eine Bibliographie zur Geschichte der Schrift
geschaffen werden — eine freilich entsagungsvolle, aber
verdienstliche Aufgabe, so recht geeignet, unserem bibliothekarischen
Nachwuchs die eigentlichen und höchsten
Ziele seines Berufes vor Augen zu führen.

Die erwähnten Vorzüge machen das Buch von
Jensen zusammen mit den zahlreichen und vortrefflichen
Schriftproben zu einem Nachschlagewerk, das nicht bloß
die längst veralteten deutschen (Wuttke, Faulmann),