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Ausgabe:

1925

Spalte:

407

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Wanke, Georg

Titel/Untertitel:

Psychoanalyse. Geschichte, Wesen, Aufgaben und Wirkung 1925

Rezensent:

Weber, Wilhelm

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Seite 1

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407

Wanke, San.-Rat Dr. Georg: Psychoanalyse. Geschichte, Wesen,
Aufgaben und Wirkung. Für Ärzte, Geistliche und Juristen, sowie
für Eltern, Lehrer und Erzieher dargestellt. Halle: C. Marhold
1924. (XVI, 304 S.) gr. 8°. Rm. 6.50; geb. 8—.

Auch dieser ärztliche Verfasser hat für die Kreise der Erzieher
, Seelsorger und Richter geschrieben. Nach einer Darstellung
der Geschichte der Psychoanalyse spricht der Hauptteil des Buches
über ihr Wesen, ihre Aufgaben und Wirkung.

Der Definitionsversuch durch Äußerungen von Ärzten, Laien und
Kranken ist neu, nur mitunter unklar und durch Wiederholungen ermüdend
, wie es dieser Weg notwendig mit sich bringen muß. Vielleicht
ist er überhaupt nicht glücklich, denn man wird das peinliche
Gefühl der Presseurteile bei Anspreisung irgend eines Heilmittels
nicht los.

Aufgaben der Ps. sind für den Verf. Psychagogik, eine auf
psychoanalytischen Grundsätzen sich aufbauende Erziehung, und Sexua-
gogik, eine psychoanalytische Aufklärung und Beeinflussung im Bereiche
des Geschlechtslebens. Viel Wahres ist hier mit warmen
Herzen und dem ehrlichen Willen, zu helfen und zu bessern gesagt,
aber man soll nicht vergessen, daß dieselbe Ps., die hier Krone der
Wissenschaft und Kultur genannt ist, leicht zur bequemen Zufluchtsstätte
aus Kampf und Härten des Lebens und schließlich ein Werkzeug
werden kann, das von jedem und überall angewandt, mehr
Schaden wie Nutzen stiftet.

Die Wirkung der Ps. wird durch Urteile von Ärzten und
Kranken erläutert; besonders bei dem Abschnitt „Ein Wunder" sind
die Berichte den üblichen Anerkennungsschreiben ähnlich.

Im Schlußabschnitt wird die Anwendungsmöglichkeit der Ps.
besprochen und ein feines Essay über „Das Recht auf den Tod"
gegeben.

Im Ganzen ein Buch, das nicht Hypothesen, sondern Erfahrungen
verwertet und damit allen Jugenderziehern Wertvolles zu sagen
hat. Immer wieder muß aber darauf hingewiesen werden, daß die
ausgedehnte Anwendung der Ps. schon in der Hand des Arztes, noch
mehr des ärztlichen Laien, sei er Geistlicher, Lehrer, Erzieher oder
„Heilpädagoge" bedenklich ist; denn sie führt leicht zu einer seelischen
Verweichlichung und zu einer Selbst-Beobachtung, die entweder
unnötige Wichtigtuerei oder hypochondrische Selbstquälerei ist.
Namentlich Jugendliche, die von Lehrern und Erziehern immer wieder
darauf hingewiesen werden, ihre Träume, kleine Tageserlebnisse, gelegentliche
Entgleisungen zu „analysieren", laufen diese Gefahr, auch
den letzten seelischen Regungen nachzuspüren und sie vor anderen
bloßzustellen. Es gibt auch eine seelische Schamlosigkeit, die mit
dem Geschlechtsleben nichts zu tun hat.

Chemnitz. Wilh. Weber.

Mitteilung.

Eine neue Halbmonatsschrift: „Die Altchristliche Kirche, j
Blätter zur Erneuerung und Pflege des Urchristentums, amtliches I
Organ der Altchristlichen Mission, erster Jahrgang, erstes Heft, Sept.- !
Oktober 1924" (Verlag der Altchristlichen Mission für Deutschland
, Waldheirn-Breithülen, Post Ennabeuren, Württemberg, 48 S.)
rückt eine eigenartige Bewegung auf katholischem Gebiete in das
Licht der Öffentlichkeit. Man wird ihr m. E. keine solche Ausbreitung
und kein so langes Leben zutrauen können, daß die künftige Kirchengeschichte
von ihr zu reden hat. Aber die Zeitgenossen können von ihr
als einem Zeichen der gegenwärtigen religiösen Gärung Kenntnis
nehmen. „Die altkirchliche Mission" hat sich das Ziel gesetzt, „das
Urchristentum zu erneuern", und betont an diesem das individuell
selbstverantwortliche Christsein, die Erwachsenentaufe, die
Bedeutung der Kirche, die bischöfliche Sukzession (die nachweislich
legitim sein muß), die „Feier der heiligen Sakramente", insonderheit
der Eucharistie, die zentrale Stellung des Kreuzsymbols (nicht des
„mittelalterlichen" Kruzifixes), das Katechumenat sowie die Notwendigkeit
einer (modernisierten) Kirchenzucht und geht in ihrer
Auffassung der Lehre im Gegensatz zu allem Papsttum und allem
„Mittelalterlichen" (soweit man es erkennt) anscheinend noch weiter,
als konservativer Altkatholizismus. Eine neue „Sekte" will sie nicht
gründen, sondern will „Sauerteig" werden für die zerfallende Christenheit
, indem sie durch ihre „Missionsarbeit" die Gleichgesinnten zu

Kreisen sammelt, die denen der neben den Kirchen stehenden
evangelischen Gemeinschaftsbewegung vergleichbar sind. Sie arbeitet
„schon seit einigen Jahren" im Österreichischen und in Süddeutschland
und ist bereits jetzt in das Entwicklungsstadium aller
nicht vorher im Sande verlaufenen „antidenominationellen" Bewegungen
eingetreten, das zur Entstehung einer neuen „Denomination
" führt. Denn mit Hilfe französischer Altkatholiken der
Gironde hat sie am 3. Juni v. J. in der „amerikanisch-bischöflichen"
(baptistischen?) Kirche zu Bern sich einen Bischof weihen lassen,
einen „apostolischen Missionar und Wanderbischof" (der zu diesem
1. Hefte ihres „amtlichen Organs" einen Artikel über das „Mysterium
crucis" und einen über die Kirche beigesteuert hat). Man hat auch
„die Errichtung einer Missionszentrale in Deutschland mit altchristlichem
Seminar zur Ausbildung der Diakonats- und Pres-
byterats-Kandidaten (bezw. Missionäre)" beschlossen. Die „Administration
für Deutschland" liegt in den Händen des Schriftleiters der
Zeitschrift, Dr. G. A. Müller in Waldheim-Breithülen.

Halle a. S. F. Loofs.

Soeben erschien:

Die hellenistische Gestirnreligion

Von

D. Dr. Hugo Greßmann

Professor an der Universität Berlin
Als Einleitung gibt Verf. einen kurzen Überblick über den
Sieg des wissenschaftlichen Geistes in der babylonischen
" Astronomie; Kidinnu (um 314 v. Chr.) entdeckt
die Präzession der Tag- und Nachtgleichen. Er wendet sich
dann seiner Hauptaufgabe zu, das allmähliche Vordringen
der chaldäischen Weltanschauung und Gestirnreligion im
Bereich der hellenistischen Kultur an ausgewählten Beispielen
zu erläutern. Da sind zunächst griechische Wahrsagebücher
, in denen einzelne chaldäische Bestandteile
bisweilen noch wörtlich weiter überliefert werden. Dazu
kommt die ebenfalls der Kleinliteratur angehörende Apo-
kalyptik, wie sie in den hellenistisch gebildeten unteren
Schichten der Juden und der Ägypter gepflegt wurde. Aber
dasselbe gilt für die Literatur der höheren Kreise; auch die
Philosophie der Griechen wird im Laufe der Zeit mehr
und mehr von der chaldäischen Weltanschauung beherrscht.
Ebenso wandeln sich die orientalischen Religionen
unter dem Einfluß der babylonischen Kultur fast sämtlich in
Gestirnreligionen um. Diese ganze Entwicklung hat im
ersten Jahrh. v. Chr. ihren Abschluß erreicht. Ein letzter
Abschnitt versucht die hier wirksamen religiösenTrieb-
kräfte zu erfassen. Neue Bildbeigaben veranschaulichen
Einzelheiten des Textes.
32 Seiten. Mit 10 Abb. auf 4 Tafeln,
gr. 8°. Rm. 2 —,

Beihefte zum „Alten Orient"

Herausgeber: Prof. Dr. Dr. Wilhelm Schubart-Berlin
5. Heft

J. C. Hinrichs'sche Buchhandlung/Leipzig

Die nächste Nummer der ThLZ erscheint am 5. September 1925.
Beiliegend Nr. 17 des Bibliographischen Beiblattes.

Verantwortlich: Prof. D. E. Hirsch in Göttingen, Bauratgerberstr. 19.
Verlag der J. C. Hinrichs'schen Buchhandlung in Leipzig, Blumengasse 2. — Druckerei Bauer in Marburg.