Recherche – Detailansicht

Ausgabe:

1925

Spalte:

403-404

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Much, Hans

Titel/Untertitel:

Vom Wesen des Lebens. Eine Skizze und Anregung 1925

Rezensent:

Titius, Arthur

Ansicht Scan:

Seite 1

Download Scan:

PDF

403

404

gegenüberstellen, weil ihm Sinn der Wissenschaft die
„absolute Ergründung", Philosophie also die „Urwissen-
schaft" ist, ohne deren Arbeit es keine Basis der Kulturwissenschaft
gibt (III 240, 252, 287f.), dessen Arbeit
muß bewußt oder unbewußt auf Religionsphilosophie
hinauslaufen. Für das Überseiende war neben dem
Nichtseienden (Geltenden) ein Platz im Begriff des
Übersinnlichen von vornherein frei gehalten; alle logischen
Kategorien wie die der Wahrheit sollten von
diesem wie von Geltenden an sich freigehalten, es in
seiner Reinheit als Alogisches aufgefaßt werden. Die
Möglichkeit des Agnostizismus d. h. der faktischen Un-
erkennbarkeit der Gottheit (stumme unerleuchtete Anbetung
) wird im Sinne der Mystik offengehalten (ohne
definitive Erledigung der Frage), die prinzipielle Uner-
kennbarkeit (Alogismus) abgelehnt (203 ff. 207. 219ff.).
Jedenfalls bleibt die Spekulation auf den materialen
Glaubensgrund angewiesen. Vielfach versuchte Zusammenordnung
der Religion mit der Theorie (unter dem
Gesichtspunkt der Kontemplation) und mit dem Ethos
führt zu dem Ergebnis, daß Religion sich nicht auf eine
Seite schlagen läßt, sondern das Übergeordnete zu Kontemplation
und Praxis ist (III 231). Die Personalität steht
nicht im Zentrum (wie bei der Sittlichkeit), fehlt aber doch
auch nicht völlig (wie bei der Theorie). Ferner ist nur
in ihr das bloße Nichtsinnliche Objekt (229). Alle
nichtreligiösen Gebiete des Übersinnlichen sind Formgebiete
, das Objekt des religiösen Verhaltens dagegen
überformal, weil überseiend. Damit ist gegeben, daß die
transcendental-apriorische Subjektsform nicht auf das
Religiöse auszudehnen ist, es also ein formal-religiöses
Apriori nicht geben kann, weil damit die abstrakte Wertartigkeit
auf den Thron gesetzt würde (III 181., 183f.).
Es läßt sich ahnen, daß der göttliche Urwert, der in
der Religion erlebt wird, es ist, aus dem die Vielheit
der Werte (differenziert durch „Materie") stammt und
daß ein „überdualistischer" Standpunkt die letzte Konsequenz
des Denkens bildet (253. 283). Diese sehr interessanten
Gesichtspunkte haben freilich die erforderliche
Begründung noch nicht gefunden, aber sie bilden ohne
Frage nicht momentane Einfälle, sondern Konsequenzen
des von Lask eingenommenen Standpunkts, der von
ihm so eindrucksvoll begründet ist.

Berlin. A. Titius.

Much, Prof. Dr. Hans: Vom Wesen des Lebens. Line Skizze
und Anregung. Leipzig: C. Kabitzsch 1924. (36 S.) 8°. = Moderne
Biologie, Heft 7. Rm. —90.

Ehrenberg, Prof. Dr. med. Rud.: Leben und Tod. Gütersloh:
C. Bertelsmann 1925. (78 S.) gr. 8°. = Studien des apologet.
Seminars in Wernigerode, Heft 11. Rm. 2—.

Much, Direktor des serologischen Instituts und Prof.
in Hamburg, redet manch kräftiges Wort wider den
Tiefstand der wahren Wissenschaft vom Leben; gegen
die „Schwärmerei des Mechanomaterialismus", aber auch
gegen die „Irrtümer des Vitalismus" spricht er sich
vom Standpunkt des Kritizismus aus. Das Wesen des
Lebens gilt ihm als unerkennbar, den Wahrnehmungen
unserer Sinne für immer entzogen; statt das Leben der
Maschine zu vergleichen, stellt er es mit v. Baer im
Analogie zur Melodie; Melodie und Instrument sind
gleich notwendig, wenn anders ein Organ zu Stande
kommen soll. Die Lebenstätigkeiten beziehen sich auf
die Ganzheit, die Gesamtheit, und das Gesetz von Ursache
und Wirkung ist darauf nicht ohne Weiteres anwendbar
. Neben der „ungeheuerlichen Mannigfaltigkeit
des Kräftespiels", das wir schon in der einzelnen Zelle
annehmen müssen, sind es besonders erstaunliche Ergebnisse
aus dem Gebiet seiner eigenen Fachwissenschaft,
der „pathologischen Biologie", die M. für die Unzulänglichkeit
aller bisherigen „Erklärungen" des Lebens anführt
. Ob alle seine Behauptungen bis ins Letzte erweisbar
sind, mögen Medizin und Biologie ausmachen.
Daß aber auch in der biologischen Forschung die Atmosphäre
eine ganz andere zu werden beginnt, als vor
dein Kriege, darf mit Dank festgestellt werden.

Andern Schriften nach zu urteilen, ist Much Vertreter
eines „arisch-buddhistischen Denkens"; als „offenbarungsgläubiger
" Christ hat Ehrenberg seine Helm-
städter Vorträge gehalten; in der antimechanistischen
Richtung ihres biologischen Denkens stimmen aber beide
durchaus überein. Mit großer Gründlichkeit und beneidenswerter
Anschaulichkeit führt E. seine Hörer in
das Wesen der „belebten Substanz" und ihrer wichtigsten
Funktionen ein. Wenn es wohl den Lesern nicht überall
gelingen wird, ihm bis ins letzte zu folgen, so gehört
doch diese Einführung zum Besten und Lebensvollsten
, was zur Einführung in die biologischen
Probleme gesagt werden kann. E.s Grundgedanke geht
dahin, daß die Assimilation nicht, wie vielfach angenommen
, ein periodischer, sondern der kontinuierliche
Prozeß ist, der den Fortgang des Lebens trägt, ja recht
eigentlich damit identisch ist, und daß er wie mit den
Formbildungen, so mit den Formentwirkungen unlöslich
verbunden ist. Individualität ist nichts Ruhendes,
sondern ein Geschehendes, eine Geschichte; indem das
Leben Gestalt wird, lebt es. Diese letzten Gedanken über
das Leben lenken zurück zu dem ersten Vortrag, mit dem
sehr wirkungsvoll eingesetzt wird, über den Tod. Gegenüber
der geläufigen Auffassung des Todesproblems
(das übrigens in der Biologie recht stiefmütterlich behandelt
wird), wonach der Tod im Grunde ein zufälliger
, wenn auch unvermeidlicher Ausgang des Lebens
ist, führt E. die Annahme durch, daß es gerade die geformte
Materie, die zunehmende Strukturerfüllung ist,
die den Fortgang des Lebens hemmt und notwendig
zum Tode führt; die Beurteilung dieser neuen Hypothese
ist selbstverständlich Sache der Fachwissenschaft,
aber jedenfalls paßt sie gut zu der unbestreitbaren Tatsache
, daß das Leben ein historischer Prozeß ist und
E. hat ihr ein tiefgehendes Symbol für die geistige Tatsache
abgewonnen, daß Wiedergeburt notwendig durch
Tod hindurchführt.

Berlin. A. Titius.

Herrmann, Wilhelm: Dogmatik. Mit einer Gedächtnisrede auf
Wilhelm Herrmann von Martin Rade. Gotha: Fr. A. Perthes
1925. (XXIV, 103 S.) 8°. Bücherei d. Christi. Welt. Rm. 2.50.

Die Diktate der dogmatischen Vorlesungen Herrmanns
sind, auf Grund guter Nachschriften, erstmalig
in der „Christi. Welt" 1923 und 1924 erschienen. Für
den vorliegenden Sonderdruck ist der Text nachgeprüft
und wesentlich verbessert. Die Schwierigkeit einer Herausgabe
der Diktate bestand darin, daß H. an ihnen in
jedem neuen Jahrgange änderte. Da sich eine kritische
Ausgabe, die durch Darbietung wenigstens der wichtigsten
Varianten H.s theologische Entwicklung belegen
könnte, der Verhältnisse wegen gegenwärtig kaum lohnen
würde, hält sich die Ausgabe für den ersten Teil
an H.s Diktate vom S.S. 1913, für den zweiten an die
vom W. S. 1915/16, sodaß man es mit einem Text aus
Herrmanns letzter Hand zu tun hat.

Durch die Zusammenfügung von Teilen zweier verschiedener Jahrgänge
bieten die §§ 21—26 einige störende Wiederholungen. Es wäre
wohl richtiger gewesen, in § 26 den mittleren Abschnitt über das
Schriftprinzip, der nicht zu der Überschrift paßt und durch § 21 und
22 überflüssig wird, zu streichen.

Die Herausgabe von Herrmanns Diktaten ist zu
begrüßen. Allerdings bieten sie dem, der von H.s
Büchern und Aufsätzen herkommt, nirgends Überraschungen
und kaum irgend etwas Neues. Der Marburger
Theologe gab schließlich in jedem Aufsatze, den
er schrieb, seine ganze Theologie. Immerhin ist es
von Wert, an den Diktaten zu beobachten, wie H. seine
unermüdlich wiederholten Forderungen für die evangelische
Dogmatik nun an dem überlieferten Stoffe im
Einzelnen durchführte.

Die Dogmatik zerfällt in zwei Teile. Im ersten („Die Religion")
gibt H. seine Theorie der Religion und des Christentums, in ständiger
Auseinandersetzung insbesondere mit der altprotestantischen Orthodoxie.
Der zweite Teil entfaltet „die Glaubensgedanken des evangelischen
Christentums" in der für H. bezeichnend formulierten Anordnung: