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Ausgabe:

1925 Nr. 1

Spalte:

17-18

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Sturm, Paul

Titel/Untertitel:

Das evangelische Gesangbuch der Aufklärung 1925

Rezensent:

Graff, Paul

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Seite 1

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17

Theologische Literaturzeitung 1925 Nr. 1.

18

Entfernung oder bemessen sie wenigstens zu gering.
Und die Reformationsjubiläen nähren diese Selbsttäuschung
und die allgemeine Unklarheit.

Zwickau i. S. O. C lernen.

Sturm, Prof. Lic. Paul: Das evangelische Gesangbuch der

Aufklärung. Ein Beitr. z. dtschen. Geistesgesch. des 17. u. 18.

Jahrh. Bannen: E. Müller 1923. (IV, 76 S.) gr. 8°. Gm. 1.50.
Die vorliegende Arbeit will es zum ersten Mal unternehmen
, das Aufklärungsgesangbuch im Großen und
Kleinen aus seinen geschichtlichen Wurzeln und aus
der Aufklärungszeit selbst zu verstehen und hofft, damit
eine empfindliche Lücke zu schließen, die bisher in der
Geschichte des evangelischen Kirchenliedes und des
Gesangbuches bestand.

St. geht aus von dem alten Gesangbuch und seinen
„Anstößigkeiten", die aus der Zeit vor Opitz hauptsächlich
sprachlicher Art seien, wie mangelhafter metrischer
Versbau, Wortverstümmelung, unreine Reime, daneben
aber seien auch inhaltliche Anstöße vorhanden, wie
Zweideutigkeiten, Derbheiten, tändelndes Wesen und
eine dem 18. Jahrh. unverständliche Kampfesstimmung.
Es wird dann auch kurz auf die früheren Verbesserungsversuche
eingegangen und mit Recht festgestellt, daß
das Ändern und Bessern so alt war wie das Gesangbuch
selbst.

Aber die Gesangbuchverbesserung der Aufklärung
ist etwas völlig Neues. Zunächst verschwindet die alte
Einteilung im Anschluß an das Kirchenjahr. Alle
sprachlichen und inhaltlichen Anstöße werden beseitigt,
die ästhetischen Forderungen der Zeit (Geliert, Sulzer):
Gedankeneinfachheit, Entfernung der Bildsprache, Verstandessprache
, Gefühlswärme und Empfindung sucht
man durchzuführen, aber zumeist, wie auch St. nachweist
, mit dem Erfolg, daß künstlerische Einfühlig-
keit, Wohllaut, Rhythmus und viele andere Schönheiten
schwinden.

Diesen Mängeln ständen ja auch gewisse Früchte
<ler Kritik am alten Gesangbuch entgegen: Anbahnung
einer freieren Stellung zum alten Kirchenlied, Beseitigung
einer Reihe tatsächlicher ästhetischer Mängel, Vorwegnahme
wichtiger grundsätzlicher Erkenntnisse, die
auch die Orthodoxie nach Jahrzehnten nachzuholen
sich gezwungen gesehen hätte, Ermöglichung des heutigen
Gesangbuches, Lieferung eigener einzelner bis
zur Gegenwart lebendig gebliebener Beiträge. Im ganzen
betrachtet, urteilt St., war der Verlust groß, der Gewinn
mehr theoretisch als praktisch. „So war das Aufklärungsgesangbuch
für kommende Geschlechter mehr
Aufgabe als Gabe. Wie es ein Werk der Kritik war,
mußte es wieder ein Gegenstand der Kritik werden.
Es war die Frucht eines bestimmten Zeitgeistes ... sobald
er entschwand, waren seine Tage gezählt!" Beschleunigt
wurde dieses noch dadurch, daß man auch
die rationalistische Dogmatik eingetragen hatte. Ein
ausführlicher Nachweis füllt fast die Hälfte derSturm'-
schen Schrift. Er zeigt, wie die Lieder von Gott vermehrt
wurden, die Welt vom Standpunkt der Weltfreude
betrachtet wird, wie die veränderte Vorstellung
vom Menschen, Welt, Teufel, von der Person Christi
zum Siege kommt, wie die Lieder von der Dreieinigkeit
oft ganz fortgelassen, dagegen die moralischen bedeutend
vermehrt sind, die von den letzten Dingen
eigentlich nur Unsterblichkeit und Wiedersehen behandeln
.

Aus allem ergibt sich, welch wertvollen Beitrag St.
zur Kenntnis des 18. Jahrhunderts geliefert hat. Bislang
fehlte eine solche Untersuchung noch völlig. Ihr Vorhandensein
an sich wiegt in gewisser Weise den Umstand
auf, daß einige wichtige Punkte fast garnicht
berührt sind.

Dazu gehört besonders auch, daß St. die gottesdienstliche
Seite des Gesangbuches zu wenig hervorgehoben
hat. Er hätte darauf hinweisen müssen, daß
jetzt im 18. Jahrhundert die Noten endgültig verschwanden
. Er spricht von der neuen Einteilung der

Lieder. Aber nicht dies an sich ist das Wichtige, sondern
daß sich im Umsturz der alten Einteilung aufgrund
des Kirchenjahres die Gleichgültigkeit der Aufklärung
dagegen, gegen die christlichen Feste, Festzeiten, überhaupt
gegen das eigentlich Gottesdienstliche und Liturgische
zeigt, und daß das neue Gesangbuch vielmehr als
ein moralisches Lehrbuch als ein Buch für die Gottesdienste
der Gemeinde anzusehen ist. St. sieht die ganze
Frage fast nur von der dogmatischen und ästhetischen
Seite an. Gewiß, vom Standpunkt der Aufklärung
könnte man das gelten lassen. Aber bei einer Untersuchung
des Gesangbuchs darf auch als drittes die
gottesdienstliche Seite nicht fehlen. Darum ist auch die
Stellung Klopstocks, dessen Anschauung vom Gottesdienst
als Anbetung von der des Rationalismus so
grundverschieden ist, nicht ganz klar gestellt.

Klopstock, obwohl er selbst Lieder in mehr als
nötiger Form verbessert hat, gehört jener Richtung
nicht an. Als guter Kenner der Literaturgeschichte des
18. Jahrhunderts, ohne deren Beherrschung die vorliegende
Schrift ja überhaupt nicht in Angriff genommen
werden konnte, faßt St. die Frage von der
rechten Seite an, aber er geht zu wenig darauf ein, daß
die Richtlinien der Dichtkunst für die Gesangbuchserneuerung
, die erst um 1770 ff. so recht begann, noch
die von 1700—1750 waren, während um 1770 schon
die klassische Zeit anbricht, daß also das ganze so zeitgemäß
scheinende Auftreten der Rationalisten in Wirklichkeit
rückständig war, daß die Stelle der bis dahin
Deutschland beherrschenden Diagonale Hamburg-Leipzig
(-Wien) schon eine neue Berlin-Weimar einzunehmen
begann.

Das wäre noch deutlicher geworden, wenn St. nicht
nur die ihm vorliegenden Gesangbücher, sondern die
gesamte religiöse Literatur der Zeit herangezogen hätte,
z. B. Lavater und Chr. Fr. D. Schubert. Es hätte sich
dann noch deutlicher gezeigt, warum dem Aufklärungsgesangbuch
ein baldiges Ende bereitet war, zumal wenn
auch die englischen Einflüsse, die sich nicht nur auf
den common sense beschränkten, sondern jene anderen
ebenso wirkungsvollen, von Young über Ebert-Klop-
stock-Novalis herangezogen wären, natürlich auch die
Kritik Lessings dazu.

Das soll aber nun nicht etwa bedeuten, als urteile
St. nicht sachlich. Im Gegenteil, abgesehen von einigen
Wendungen, die dem orthodoxen Gesangbuch doch nicht
ganz gerecht werden, ist die Beurteilung der Aufklärung
gegenüber so vielen andern, die sie vorwiegend
nach den bekannten lächerlichen Auswüchsen kennzeichnen
, erfreulich sachlich.

Alle weitere Forschung auf diesem Gebiete wird
jetzt Sturm zur Grundlage nehmen müssen.

Kleinfreden/Leine. Paul Graft.

Doeberl, Anton: Die bayerischen Konkordatsverhandlungen
in den Jahren 1806 und 1807. Mit einem Anhang im gedruckter
Aktenstückc. Auf Grund der vatikanischen Archivalien dargestellt.
Freising: Dr. F. P. Datterer 8t Cie. 1924. (VIII, 211 S.) gr. 8°.
== Historische Forschungen und Quellen, 7. u. 8. Heft.

Gm. 14-.

Der bayerische Staat schickt sich an, mit der römischen
Kurie ein neues Konkordat abzuschließen; ebenso
auch — und das ist wohl zum erstenmal im Lauf der
Geschichte der Fall — mit der ev. luth. Landeskirche
r. d. Rheins und der prot.-ev.-christlichen Kirche der
Pfalz. Dieses neue Konkordat, das dritte, seitdem es
einen bayrischen selbständigen Staat gibt, ruht offenbar
auf dem vom Jahre 1817. Sind die schwierigen
Verhandlungen über seine Gestaltung jetzt verhältnismäßig
schnell und glatt von Statten gegangen, so hat
es um so länger gedauert, bis das 2. Konkordat, das von
1817, abgeschlossen werden konnte. Bereits 1802 hatte
Montgelas dem bayerischen Gesandten in Paris, Freiherrn
von Cetto, die Weisung gegtben, unter Zuhilfenahme
französischer Vermittlung Konkordatsverhandlungen
einzuleiten. Aber erst mußte die Frage „Reichs"