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Ausgabe:

1925 Nr. 15

Spalte:

358-359

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Titel/Untertitel:

Evangelischer Gottesdienst und kirchliche Kunst 1925

Rezensent:

Stuhlfauth, Georg

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Theologische Literaturzeitung 1925 Nr. 15.

358

t e r" des Sittlichen zieht dann ein dritter Abschnitt
in Betracht. Läßt sich, ist da die Meinung, alle
Sittlichkeit ihrem Inhalt nach auf die Natur, die Menschennatur
, als höchste sittliche Norm zurückführen, so
ihrer Form, ihrem „Pflichtcharakter" nach nur auf einen
göttlichen Oesetzgeber, auf eine „Kundgebung eines
höchsten persönlichen Willens"! Im Zusammenhang
damit setzt sich der Verfasser besonders mit verschiedenen
Vorkämpfern des Prinzips der Autonomie auseinander
. Der vierte Abschnitt beschäftigt sich mit dem
Thema „Moral und Glückseligkeit". Aller religiös begründeten
Moral droht nämlich immer wieder der Vorwurf
des Eudämonismus. Er ist aber als unberechtigt
zurückzuweisen, wofern die religiöse Moral die
„Glückseligkeit" nicht außerhalb der Sittlichkeit,
sondern i n dieser selbst sucht, sie auch nicht als „Prinzip
", sondern lediglich als „Begleiterscheinung" des
Sittlichen wertet. Ein fünfter und letzter Abschnitt gilt
noch der Frage nach der „Willensfreiheit". Diese wird
an der Hand einer längeren Besprechung des Gegensatzes
von Indeterminismus und Determinismus im Sinne
des Indeterminismus gedeutet als die Möglichkeit zu
„Handlungen, die auf Grund vernünftiger Überlegung
und freier Überlegung ausgeführt werden, so zwar, daß
es der Mensch in seiner Gewalt hat, zu handeln oder
nicht zu handeln, so oder anders zu handeln". Sie bilde
einen unentbehrlichen integrierenden Bestandteil des sittlichen
Bewußtseins; woraus noch einmal erhellt, daß
„das reale objektive Dasein eines göttlichen Welturhebers
als Voraussetzung der Sittlichkeit anzuerkennen
ist." „Nur ein Theismus vermag die Sittlichkeit begreiflich
zu machen." Damit schließt sich der Kreislauf
der Ausführungen.

Faßt man deren Gesamtresultat in dem Satz zusammen
, daß alle Sittlichkeit letzterdings in einer religiösen
Weltanschauung gründet, so ist gegen dies Ergebnis
nach dem Urteil des Unterzeichneten schlechterdings
nichts einzuwenden. Es wird dazu an und für sich
auch nichts Neues beigebracht durch das Zurückgreifen
auf den Begriff des „Naturgesetzes", wie er vom Verfasser
gedeutet wird; denn die Vorstellung eines
Zwecke setzenden und wollenden „Naturgesetzes
" ist ja auch nur eine verkleidete religiöse Vorstellung
. Indessen sei nicht verschwiegen, daß der Autor
selbst damit doch noch etwas Besonderes zum Ausdruck
bringen wollte, dies nämlich, daß der göttliche
Gesetzgeber kein willkürlich schaltender, sondern,
entgegen den Anschauungen des theologischen Moral-
Positivismus ein an eine feste Ordnung, das Gute, gebundener
ist: eine These, die freilich durch die betreffende
Argumentation nicht ganz ausreichend begründet
erscheint. Im übrigen kennzeichnet sich die
Denkungsart, in der sich der Verfasser gern bewegt,
noch etwas genauer durch die häufige Berufung auf
Ethiker wie Aristoteles und Suarez.

Das ändert allerdings nichts daran, daß auch diejenigen
, die auf die genannten Autoritäten nicht schwören
, dem sorgfältig und gründlich ausgearbeiteten Buch
ihrerseits Interesse entgegenbringen können. Speziell
die zahlreichen kritischen Auseinandersetzungen mit älteren
und neueren Philosophen, wie Kant und verschiedenen
ausgesprochenen Neukantianern, mit Hartmann,
Messer, Wentscher, Guvan, M. Scheler, E. Zeller sind
nj ua Falle der Beachtung und unter Umständen des
Nachdenkens sehr wert. Das werden selbst solche zugeben
, die geneigt wären, an der geübten Kritik einzelnes
zu bemängeln oder zu vermissen. So wird, um nur ein
Beliebiges Beispiel aufs Geratewohl herauszugreifen,
Bei der Auseinandersetzung mit Kant der, doch auch-
kantische, Gedanke augenscheinlich nirgends gebührend
Herangezogen, daß das Sittengesetz eigentlich auf eine
transzendente Größe zurückgeht, den intelligibeln Willen
oder aber eine überindividuelle, überempirische Normalvernunft
.

Gießen. E. W. Mayer (Straßburg).

The Prymer. The Little Office of Our Lady, the Office for the Dead
(noted), the Seven Panitential Psalms, the Litany of the Saints,
Oraces at Meals, the Way of the Cross, etc. With an Intro-
duction by Herbert Thürs ton, S. J. London: Bums Oates r>
Washbourne 1023. (XXIX, 24 S. Kai., II u. 288 S.) 16°.

Die vorliegende Neuausgabe des alten englischen
Prymer oder Primer (spr. Preimer) enthält im wesentlichen
die bekannten Anhänge des römischen Breviers,
nämlich eine Tabelle der beweglichen Feste bis 1941,
Kalendarium, Gebete vor und nach dem Officium, das
kleine Officium unserer lieben Frau, das Totenamt mit
Noten noch im mittelalterlichen Vierliniensystem, die
Bußpsalmen, die Allerheiligenlitanei und lauretanische
Litanei, Tischgebete, Kreuzwegandacht, die 15 „Oes" (15
mit den Worten „O Jesu" anfangende Gebete aus den
Schriften der hlg. Brigitta), das Bußsakrament, das
kl eine Officium des hlg. Geistes, Gebete zur Erregung
der Andacht, Segnungen und Hymnen.

Sie bietet also, abgesehen von der englischen Übersetzung
der Gebete etc., nichts Besonderes. Dagegen
sind die Ausführungen des Herausgebers über Namen
und Geschichte des Prymer recht bemerkenswert.

Das Prymer (primarium) war erstes Buchstabierbuch
und Lesebuch, ABC Buch, also Fibel für den
Leseunterricht im englischen Mittelalter. Da der Inhalt
dieser Fibel religiöser Art war, diente sie auch zugleich
als Gebetbuch für die Laien. Es gab zahllose
Ausgaben, die erste uns bekannte wurde bereits 1477
gedruckt. Durch Vergleich und manche Zeugnisse der
englischen mittelalterlichen Literatur ergibt sich, daß die
in Westeuropa vielfach gedruckten „Horae" und das
Prymer gleichen Inhalts sind.

Die Frage ist nun, ob Prymer = Prayerbook ^ Andachtsbuch
die ursprüngliche und die Bedeutung als Elementarschulbuch
nur abgeleitet ist, wie Murray in seinem
großen englischen Wörterbuch meint, oder ob es sich
umgekehrt verhält, wie der Herausgeber nachweisen
will. Jedenfalls wird schon bei Chaucer (1386) Prymer
als Lehrbuch erwähnt, wobei zu beachten ist, daß die
Kinder damals, wenn sie überhaupt lesen lernten, nicht
englisch, sondern lateinisch lesen lernten, und daß das
von Jugend auf bekannte Buch, dessen Inhalt mit
seinen Psalmen etc. ja ursprünglich für die Kloster-
horen bestimmt war, dann auch Gebetsbuch der Laien
wurde. Es hatte sich so eingebürgert, daß es nach dem
Bruch mit Rom von Heinrich VIII. noch weiter in
entsprechender Umarbeitung unter dem gleichen Namen
„Prymer" bzw. „Primer" herausgegeben wurde mit der
ausgesprochenen Bestimmung für den Unterricht, und
zwar nicht etwa nur in der Muttersprache, sondern
zweisprachig, damit die Knaben die Gebete auch in lateinischer
und so die lateinische Sprache selbst lernten.

Vor 1535 gab es die Psalmen in England nicht
englisch, wenigstens nicht gedruckt. Aber nachdem nun
einmal das zweisprachige Prymer vorhanden war,
glaubte die später wieder erstarkte katholische Kirche
hierin folgen zu müssen. Daher ist auch das rein katholische
Prymer zweisprachig geblieben, nur daß seit der
Überprüfung der amtlichen katholischen Kirchenbücher
infolge des Tridentinums auch der bis dahin veränderliche
Text des Prymers feststehend wurde.

Es sind dann noch mehrere Ausgaben erschienen,
die letzte bereits 1817. So werden wir es dem Herausgeber
nachempfinden, daß eine neue Ausgabe wohl berechtigt
war, zumal die Einleitung einen so wertvollen
Beitrag zur Geschichte des katholischen Gottesdienstes
enthält.

Zum Schluß sei noch bemerkt, daß die geschmackvolle
Ausstattung des Büchleins, teilweise auch mit
Randleisten nach alten Vorlagen, den Ansprüchen genügt
, die man an ein derartiges Gebetsbuch stellt.

Kit Inf reden._ Paul Oraff.

Evangelischer Gottesdienst und kirchliche KuntTb Vorträge
Mit 26 Abb. Halle: Buclih. d. Waisenhauses 1924 (XVI 109 S)
gr. 8" - Studien /. Oesch. u. Oestaltg. d. evang. Gottesdienstes
ii /. kirchl. Kunst, Bd. I. pp _