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Ausgabe:

1925

Spalte:

349

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Luther, Martin

Titel/Untertitel:

Briefe. Ausgewählt von Georg Buchwald 1925

Rezensent:

Clemen, Otto

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Seite 1

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34!)

350

Mystik, besonders die Meister Eckeharts, das religiöse Sehnen vieler
befriedigt. Die 2. Aufl. ist um einige Bilder und Gedichte bereichert.
Zwickau i. S. 0. Giemen.

Luther, D. Martin : Briefe. Ausgewählt von D. Georg B u c h w a 1 d.
Mit e. Bildnis u. e. Handschrift. Leipzig: B. G. Teuhner (1924),
(IV, 337 S.) 8". geb. Rin. 7-.

Nachdem die Enders-Kawerau-Flemming-Albrechtsche Ausgabe
von Luthers Briefen mit dem 1923 erschienenen 18. Bande ihren
Abschluß gefunden hat, lag es nahe, eine Auswahl aus den deutschen
und lateinischen Briefen dem deutschen evangelischen Laienvolke darzubieten
. Daß G. Buchwald, dessen populäre Lutherbiographie im
gleichen Verlage vor kurzem in 3. Auflage herausgekommen ist, dabei
eine glückliche Hand beweisen würde, war vorauszusehen. Er
läßt uns an der Hand der Briefe das Leben des Reformators durchwandern
und vergegenwärtigt uns die liebenswürdigen und die heroischen
Züge in seinem Charakter. Die Erläuterungen am Schluß
sind zu knapp. Willkommen ist das Lutherbild, ein Ausschnitt aus
einer Federzeichnung von 1543, und das Facsimile des Briefes Enders
15 Nr. 3383. Wissenschaftlichen Wert beansprucht die Ausgabe nicht,
die Obersetzungen sind nicht immer ganz richtig und genau.

Zwickau i. S. 0. Giemen.

Waubke, Pfarrer Arnold: In Luthers Spuren. Unser Christenglaube
auf Grund des Lutherschen Kleinen Katechismus in der
Sprache Untrer Zeit für Pfarrer, Lehrer u. andre Freunde der
Jugend dargest. 2, umgestalt. Aufl. Gütersloh: C. Bertelsmann
1924. (XI, 45ö S.) gr. 8°. Rm. 9—; geb. 11—.

Die 1917 erschienene erste Auflage dieses Werkes ist von mir
in der Theol. Litztg. vom 2ö. Juli 1919 eingehend besprochen worden
. Die vorliegende zweite Auflage hat die meisten der damals von
mir gemachten Ausstellungen verständnisvoll berücksichtigt. Auch die
(im Vorwort . aufgezählten) sonstigen nicht unwesentlichen Veränderungen
sind wohl durchweg Verbesserungen. So kann die 1919 ausgesprochene
Empfehlung dieser vielseitigen, frischen und fruchtbaren Arbeit
mit doppelter Freudigkeit wiederholt werden.

Frankfurt a. Main. D. Bornemann.

Köster, Albert: Die deutsche Literatur der Aufklärungszelt.

Fünf Kapitel aus d. Lit.-Gesch. des 18. Jahrb. mit e. Anhang: Die
allgemeinen Tendenzen der Geniebewegimg. Heidelberg: Carl
Winter 1925. (XI, 298 S. mit c. Bildnis.) gr. 8".

Rm. 10-; geb. 12—,

Mit tiefer Wehmut nehmen wir diesen Abschieds-
j>ruß eines zu früh aus unsrer Mitte Abgerufenen in die
Hand: seit Jahrzehnten hat Köster in stiller und doch
kraftvoller, von hohen Gesichtspunkten aus geleiteter
Redaktionstätigkeit mit einer auserlesenen Schar von
Fachgenossen eine neue Gesamtdarstellung der deutschen
Literaturgeschichte vorbereitet, die etwa an die
Stelle von W. Scherers klassischer Darstellung treten
und den Ertrag der neueren Forschung, auch eigner Bemühungen
in übersichtlicher, auch der Form nach gefälliger
Darstellung ausbreiten sollte. Nun, nach Kösters
Tode, erscheint der erste Band des großen Werkes: eine
sorgfältige, im Urteil selbständige, wohl abgewogene
Geschichte der ältesten deutschen Dichtung von Hermann
Schneider („Helden-, Geistlichen-, Rittcr-
dichtung"). Und dazu legt uns der Nachfolger Kösters
in der Redaktion, Julius Pertersen, einen Torso von
Kösters Hand, der uns den Verlust dieses meisterlichen
Darstellers nur um so tiefer beklagen läßt. Ihm wäre
innerhalb des Gesamtwerkes das Kernstück, die Darstellung
der klassischen Zeit zugefallen, für die er gerüstet
war wie wenige. Köster war einer der heute
nicht ganz häufigen Literarhistoriker, die da wußten,
worauf es ankam: vor seinem unbestechlichen Blick gab
es keine Auflösung seines Faches in Kultur- und Geistesgeschichte
, in Geschichte des Stils oder der ästhetischen
Theorien; noch weniger war er bereit, sich durch die
voreilige Herübernahme von Gesichtspunkten und Fragestellungen
der Nachbargebiete, der Kunst- und Musikgeschichte
den freien Blick für das Wesentliche
seiner Arbeit verbauen zu lassen. Freilich will dieses
Wesentliche immer von neuem erlebt sein: das, was die
Literatur eben zur Literatur macht und was mit allen
jenen andern Strömungen eng zusammenhängt, aber
doch eigner Art und eignen Wertes ist. Wie die Erfassung
des ganzen Gebietes, so ist diejenige der „Entwicklung
" der Dichtung Sache der Persönlichkeit.
Köster war auch hier ganz selbständig und vielleicht
um so bedeutsamer für die Zukunft, je weniger er „modern
" sein wollte. Er hielt sich fern von allen verführerischen
Konstruktionen und voreilig-phänomenologischen
Vergewaltigungen des Tatbestandes. Er strebte nicht
nach der kahlen Formel und der „ausgiebigen" Antithese
, sondern suchte das ungeheure Gewirr als solches
in seiner Lebendigkeit zu fassen. Das ist nicht möglich
auf rein rationalem Wege, es erfordert das Auge des
Künstlers, dessen Arbeit aber nachher wieder den strengen
Forscher zu immer neuen Zweifeln herausfordert.
Ein erschütterndes Bekenntnis Kösters, das Petersen im
Vorwort zum Abdruck bringt, wirft überraschendes Licht
auf diese Sachlage. Köster, einer der besten Kenner des
neueren Theaters, faßt die ganze literarische Bewegung
dramatisch auf, aber sein eignes Herz ist dabei drama-
| tisch bewegt von inneren Widersprüchen:

„Ich mußte", schreibt er, „das bunte Kräftespiel fühlen und
sehen, die einzelnen Mitspieler in dem großen Drama mir bald näher,
bald ferner wissen, jeder seine sonderliche Rolle verkörpern und
doch keinen zu selbständig aus der Gruppe der Artverwandtheit und
j dem gemeinsamen Volksschicksal der Erschaffung einer National-
litcratur heraustreten lassen. Mag sein, daß ich zu oft meine Ent-
j würfe ins Feuer geworfen, sie zu oft umgeformt, zu oft bereichert und
j wieder vereinfacht habe, das ist wohl deutsche, norddeutsche Zweifel-
j sucht. Mag sein auch, daß Literaturgeschichte nur von einem Ge-
', lehrten geschrieben werden darf und ich keiner bin".

Die starke künstlerische Note, die er in diesen letz-
j ten Worten zu beklagen scheint, hat ihn bei seiner Dar-
j Stellung beflügelt und macht die Lektüre seines fragmentarischen
Buches zu einem hohen Genuß. Wer die
mühselige Kleinarbeit der letzten Jahrzehnte auf dem
Gebiete des Deutschen Idealismus und seiner dichterischen
Ausprägung einigermaßen übersieht, der staunt
| über die Sicherheit und Eleganz, womit hier die Grund-
j linien festgelegt, das Wesentliche herausgehoben, Gehalt
i und Form in gleichem Ausmaß und mit gleich sicherem
Urteil bewältigt werden. Nicht alle einzelnen Lebens-
| gebiete freilich, die auf die Literatur einwirken, kommen
dabei gleich stark zu ihrem Rechte, und vielleicht tritt
; das religiöse Element mit am weitesten zurück. Köster
j war augenscheinlich keine eigentlich religiöse Natur und
daher nicht geneigt, die überaus feinen und verflochte-
; neu Beziehungen der klassischen Dichtung zum Christentum
und zum Gotteserlebnis überhaupt zu entwirren
und genau zu bewerten, etwa mit der Gabe, mit der er
die Entwicklung des Theaters und des Dramas verfolgt
hat.

Das vorliegende Buch führt uns in fünf Abschnitten vom „Französischen
Klassizismus und der Rokokodichtung" bis zur „Aufklärung",
d. h. bis zu Lessing und der Gegenbewegung des neuen Mystizismus.
Angehängt ist ein Leipziger Universitätsprogramm von 1912 über die
Geniebewegung, das sich ungefähr an das Vorhergehende anschließt.
Innerhalb dieser Kapitel kommt Köster verschiedentlich auf religiöse
Literatur zu sprechen, vor allem in dem großen Abschnitt über Klop-
stock (S. 113 ff.). Mit geübter Hand sucht er den Gefühlskomplex
des jungen Messiassängers in seine Komponenten zu zerlegen, aber
dein Grunderlebnis des pietistisch so stark beeinflußten Dichters dem
Ringen nach Erlösung, wird er nicht gerecht; ich darf vielleicht auf
die kurze Behandlung des eigentlichen Messias-Problemes in meiner
Klopstockrede von 1924 (abgedruckt in meiner Sammlung „Gehalt
und Form", Dortmund 1925, S. 403 ff.) hinweisen, wo ich die'innere
Polarität der Dichtung aufzudecken versuchte: der Sänger ringt
nach einem Ausgleich zwischen den beiden Elementen des Tremendum
(des dräuenden Weltenrichters) und des Fasrinosam (der erbarmenden
Liebe Jesu). Dem ekstatischen Stil, der allein das jubelnde Attsglcichs-
erlebnis und seine mehr tragischen Vorstufen wiederzugeben oder doch
anzudeuten vermag, wird Köster besser gerecht als die meisten seiner
Vorgänger. Er weiß, warum Klopstock, seinem ganzen Stil
entsprechend, keine sinnlichen Bilder und Gleichnisse bringen konnte
aber auch er vermißt Handlung und Konflikt bei einer Darstellung'
die sich doch von Anfang an weit über alle irdischen Komplikationen
erhebt und die von dem inneren Konflikt, von der Problematik in
I der Seele des Dichters lebt, also eigentlich lyrisch ist. Aber
! Klopstocks Lyrik ist mit den alten Formen nicht zufrieden; auch die
I Ode genügt nicht zur Darstellung eines Erlebens, das immer wieder zu
| Frage und Antwort drängt. Daher die an seine Bardiete gemahnende