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Ausgabe:

1925

Spalte:

310-311

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Niebergall, Friedrich

Titel/Untertitel:

Christliche Jugend- und Volkserziehung. Eine Religionspädagogik auf religionspsychologischer Grundlage 1925

Rezensent:

Schuster, Hermann

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309 Theologische Literaturzeitimg 1925 Nr. 13. . 310

sie ihrem Begriffe nach für nichts anderes als angewandte
Philosophie. Dabei wird allerdings übersehen,
daß der konkrete Inhalt dieser Pädagogik nicht aus der
Idee deduziert, sondern unbewußt der Wirklichkeit entnommen
wird. Diesen Gegensatz von Psyche und
Logos, von Mechanismus und Determinismus einerseits
, von Rationalismus und Formalismus andererseits,
versucht die Lebensphilosophie (Dilthey, Simmel, Spengler
) zu überwinden. Ideen der Jugendbewegung, Theo-
rieen der Arbeitsschule ziehen die Linien von der
Lebensphilosophie zur pädagogischen Praxis. Aber diese
Synthese mißlingt, denn die Lebensphilosophie ist doch
dem Psychologismus zu nahe verwandt, und der ihr entsprechende
„pädagogische Expressionismus" wird den
Forderungen nach bleibenden Ideen und Werten nicht

Setzung nicht nur unsere Not, sondern auch unseren
Reichtum erblicken. „Der dialektische Gegensatz von
Mensch und Objekt ist in keiner Bildungswirklichkeit so
sehr zum unentrinnbaren Gesetz geworden, wie in derjenigen
, in der das deutsche Volk seine innere Existenz
zu wahren hat. Für den Harmonieglauben der Humanitätsidee
ist in dieser harten Welt keine Statt." „Mir
scheint, uns Deutschen kann nichts anderes helfen, als
die Liebe zu unserem inneren Schicksal, die dieses Auseinandergehen
in eine Mehrheit nicht nur neben — sondern
widereinander stehender Gestalten des Geistes bejaht,
weil sie in ihm nicht nur ihre Not und ihr schmerzliches
Ungenügen, sondern auch ihren von keinem über-
troffenen Reichtum erkennt."

Es wäre eine reizvolle Aufgabe, diese tapferen und

gerecht. Das unbedingte Vorrecht, das hier der Be- i kraftvollen Gedanken auf die Lage unserer christlichen

wegung des Lebensprozesses eingeräumt ist, hindert das
Verständnis für den Wert objektiver Institutionen und
Ordnungen. Es entsteht eine „Pädagogik des Wachsenlassens
", gegründet auf einen optimistischen Aberglauben
an eine von selbst sich herstellende Harmonie
aller Dinge, Kräfte und Bewegungen. Die schlechthin

Konfessionen und die Aufgabe des Religionsunterrichtes
anzuwenden. Bei voller Würdigung der Bedeutung der
Religionspsychologie wäre es doch ein verhängnisvoller
Aberglaube, den Religionsunterricht als „erfahrungswissenschaftliche
Pädagogik" von allen festen Grundlagen
lösen zu wollen. Bei aller Wertung des Arbeitsentscheidende
Frage ist vielmehr diese: „Wie können die ; schulgedankens darf es uns nicht genügen, mit dem geObjektivität
der geistigen Gehalte und die Realität leben- ! schichthchen Stoff die Seele nur in Bewegung zu
diger Bewegung so zusammen bestehen, daß weder die j setzen, ohne ewige Ziele aufzurichten, nach denen sie
seelische Wirklichkeit zum Schattenbild ideeller Ord- sich bewegt, und ohne feste Wahrheiten zu legen, auf
nungen verblaßt, noch das Reich der Idee in der zu- die sie sich gründen kann. Deshalb darf der Religionsfälligen
Fülle der gegebenen Wirklichkeit untergeht?" Unterricht auch nicht in kulturkundlichem Relativismus
Die stärkere Betonung des Ideengehaltes ist aus den untergehen, sondern muß aus der kirchlichen Überliefe-
Kreisen der Lebensphilosophen selbst zuletzt gefordert ' rung den Glauben an ewige Ideen sich schenken lassen,
worden. Simmel hat den glücklichen Ausdruck „die Dnd für die Auseinandersetzung der Konfessionen im he-
Wendung zur Idee" geprägt. Es hilft uns deshalb nur sondern gilt, was Litt allgemein für die Auseinandereine
dialektische Lösung, die auf phänomeno- Setzung der Bildungsideale fordert, nämlich Erziehung-
logischer Grundlage das Recht beider Thesen an- zu der Fähigkeit, die Treue zu der eigenen Glaubensart
erkennt. Dabei richtet sich die Kritik Litts mit und Glaubensweise mit innerlichem Verständnis der
Recht vorwiegend gegen einen pädagogischen Ex- Andern zu vereinen.

pressionismus, dem es nur darauf ankommt, daß Hannover-Kleefeld._H. Schuster.

irgend ein seelischer Tatbestand ausgedrückt wird Nlebergall, Prof. D. Friedrich. Christliche Jugend-und Volks-
aber nicht auf die Schaffung bleibender Werte und erziehung. Eine RelißionsPädaßoßik auf religionspsychologischer
die Durchsetzung gültiger Forderungen. „Es Sind Grundlage Güttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 1924. (IV, 152
schlechthin gültige Prinzipien der geistigen Wirklichkeit, s.) 8°. Rm. 5_.
in deren Namen diese Philosophie Einspruch erhebt Die vorliegende Arbeit vertritt mit großer Kraft
gegen einen Expressionismus, der, indem er das Subjekt und Eindringlichkeit den Leitgedanken, daß Religionsund
seine wechselnden Erlebnis-Bedürfnisse zum souve- pädagogik und Religionswissenschaft, genauer Religions-
ränen Herren über die Forderungen der Gegenständ- psychologie, aufs engste zusammengehören. Hinter aller.
Iichkeit erhebt, in Wahrheit sich zum Anwalt ästheti- praktischen Religionspflege steckt, bewußt oder unbe-
sierender Weichlichkeit und romantischen Selbstgenusses wüßt, irgend eine Theorie, irgend eine bestimmte Aufmacht
". Dieser tapfere Glaube an die Notwendigkeit fassung von Religion und Christentum. Dann aber ist es
und den Segen eines harten Kampfes, sowohl in der eine berechtigte Forderung, diesen tatsächlichen Zu-
philosophischen wie in der pädagogischen Gedanken- sammenhang auch ins helle Licht des Bewußtseins zu
bildung, trennt den Verfasser auch von den Vertretern heben. Das ist nicht nur ein wissenschaftliches Be-
unseres eigentlich klassischen, deutschen Bildungsideals, dürfnis, sondern dient auch der Praxis. Die religions-
wie es sich bei den Verkündern der Humanitäts- ; psychologische Theorie, von der Niebergall ausgeht, ist
idee ausprägt. Er möchte stattdessen als Zeugen und i emotionaler Art. Es handelt sich in der Religion um
Eideshelfer seiner Gedanken den Geist Hegels herauf i Emotionen, um Gefühle, Affekte, genauer gesagt um
beschwören, der in der Zeit seiner Vollendung der | Wertungen. Im Anschluß an die neuere Wertpsychologie
Lebensstimmung des Humanitätsideales am fernsten will N. feststellen, was als Wert empfunden und erstrebt
steht. Er sieht auch in der modernen Arbeitspädagogik j wird. Er will wissen, welches die Güter sind, an denen
erfreuliche Ansätze zu einer Überwindung des Spiele- dem Menschen liegt, und zumeist, welches das Summum
rischen und Richtungslosen, dem nur an der Funktion, S bonum ist, an dem ihm vor allen andern liegt. Da der
aber nicht am Resultat gelegen ist, und meint, daß auch j Religionspädagoge aber nicht die zufällig vorhandene,
h" o ■ Jugendbewegung die Erkenntnis sich durchsetze, ; empirische Frömmigkeit, sondern normative Fröm-
daß einzig die entschlossene Hingabe an wirkliche Auf- j migkeit pflanzen und pflegen soll, muß er sie vor
gaben, das Aufgehen in einer Sache, der man mit ! allem kennen lernen. Deshalb befragt er Urkunden
ganzem Herzen dient, dem Menschen die Erlösung i christlicher Frömmigkeit aus klassischer Zeit, um die

bringt. Die dialektische Methode muß aber noch ein
anderes, schmerzlicheres Problem lösen. Die Wendung
zur Sache, zum Logos, kann, zumal bei unserer deut-
nnen Lage» nicht so gemeint sein, als ob das gewertetc
Gbjektive ein Allgemeingültiges sein müsse, als
ob es möglich sei, einen bestimmten Ideenschatz allen
einzubilden und einen deutschen Normalmenschcn
heranzubilden. Wir müssen uns damit abfinden, daß wir

gewünschte Antwort zu bekommen. Die hier geübte
Auswahl beruht nun freilich schon auf einer gewissen
Grundvoraussetzung. Dieser Zirkel ist unvermeidlich
aber berechtigt, wenn man sich seiner bewußt ist und
Stücke auswählt, die als klassische Urkunden anerkannt
sind. So beginnt N. damit, klassische Stücke aus
A.T. und N.T. und dem evangelischen Gesangbuch zusammenzustellen
und religionspsychologisch zu analy-

jn den Kampf verschiedener Ideengruppen und Ideale sieren. Die Reihenfolge ist durch den Gesichtspunkt der
hineingestellt sind und in der dialektischen Auseinander- Höhenlage des erlebten oder erstrebten Gutes bestimmt.