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Ausgabe:

1925 Nr. 12

Spalte:

285-286

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Snethlage, J. L.

Titel/Untertitel:

Proeve eener Kritische Godsdienstphilosophie 1925

Rezensent:

Siegfried, Theodor

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Seite 1

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285

Theologische Literaturzeitung 1925 Nr. 12.

286

keit liegen. Auch die „Buße" unter den Eindrücken des j verbinden. Anstelle der Predigtkirche trete die Arbeits-
Weltkrieges ist mindestens mißverständlich. Doch ich j kirche!

breche ab — ich möchte nicht durch Kritik von Einzel
heiten die Charakteristik des wertvollen Ganzen abschwächen
. Das geschriebene Wort ist ebenso originell
wie das dem Buch beigegebene Bildnis des verehrten
Verfassers.

Greifswald. Ed. von der Goltz.

Snethlage, Dr. J. L..: Kerk-Cultuur-Arbeid. Amsterdam: H.

J. Paris 1923. (160 S.) gr. 8°. A- 1 90.

Ders.: Proeve eener Kritische Godsdlenstphilosophie. Amhem :

van Loghuin Slaterus en Visser 1924. (XI, 206 S.) 8". fl. 3.95; geb. 4.95.
Die beiden vorliegenden Werke, deren zweites die
kritischen und systematischen Voraussetzungen des ersten
religionsphilosophisch entwickelt, gehören aucn

nach dem Urteil des Verfassers eng zusammen, so eng, j \smus konsequent zum praktischen Realismus führt. In

Verf. weist besonders auf das Federal Council of
the Churches of Christ in Amerika und seine Beteiligung
bei der „Trockenlegung" der Ver. St. und fordert
die kirchliche Stellungnahme auch zu den politischen
Problemen. Besondere Aufmerksamkeit verdient die
historische Analyse des Christentums, mit der er diesen
seinen „Realismus" stützt. Die Sakramentslehre der
katholischen Kirche deutet innerhalb einer transzendent
gerichteten Religion solchen Realismus an. Kräftiger,
urwüchsiger, aktiver findet er sich in der lirchristlichen
Eschatologie. Nicht das Heil der Einzelseele, sondern
die Realität des hereinbrechenden Gottesreiches, das die
Realität dieser Welt ablöst, war der zentrale Glaubensinhalt
des Urchristentums. Selten wird es so klar als bei
dem ersten Werk des Verfs., wie der theoretische Idea-

daß eine gemeinsame Besprechung von I und II verstauet
ist. Das erste Werk entwickelt aus der philosophischen
Grundlegung die praktisch-kirchliche Zielsetzung
; das zweite erweitert die philosophisch-prinzipielle
Grundlegung und ergänzt sie durch eine umfassende
Kritik des theologischen Historismus und Psychologismus
.

Der philosophische Ausgangspunkt des Vfs. ist der
kritische Idealismus, als dessen reinste Vertreter Cohen
und Görland erscheinen. Die Kultur ist der Inbegriff
der Wissenschaften, die Philosophie der letzteren methodologische
Grundlegung. Die Wissenschaftsgebiete unterscheiden
sich nicht durch ihren Gegenstand, sondern
lediglich durch die Methode. Die Methode konstituiert
erst den Gegenstand. (II) Das Wirkliche ist nichts als
Konkretion („condenseering") verschiedener Gesetze (I,
18). Wie die Naturwissenschaft erst die Natur schafft,
so die Religionswissenschaft die Religion (II, 51). Religion
ist nur in Form von Urteilen, also als Religions-

dieser Verbindung liegt Snethlages zentrales Interesse.
Die Abwehr gegen die ontologische Metaphysik hat
darum für ihn auch praktische Bedeutung.

Unbeschadet der Frage, ob der kritische Idealismus
nicht eine neue Metaphysik des Geistes im Grunde voraussetzt
und darum auch fordert, steht fest, daß hier das
Zwei-Weltenschema konsequent überwunden ist. Sn. unternimmt
es, auch das religiöse Denken in die Koper-
nikanische Wendling hineinzuziehen, den Mythos durch
den Logos zu überwinden. Auch wer in diesem letzten
Ziel eine volle Verkennung der Struktur des religiösen
Denkens sieht, wird es philosophisch nur begrüßen
können, daß hier die religiös-metaphysische Vorstellungswelt
dem gewohnten halbschlächtigen Vegetieren
am Rande einer betont unmetaphysischen philosophischen
Einstellungsweise entrissen und der philosophischen
Kritik unterzogen wird. Denn nur von solcher
Kritik her wird sich ihr Eigenrecht begründen lassen.

Es wäre ein schiefer Vorwurf, daß diese Theorie das religiöse
Objekt zu einer Illusion oder einer menschlichen Erfindung machte. Der
Panlogismus, den Vf. vertritt, löst den substanzhaften Charakter nicht
nur des Objekts, sondern ebenso des Subjekts, auch des religiösen auf

Wissenschaft Gegenstand der Erfahrung (II, 58 f.). ... Zu de" bedeutsamsten Teilen des ersten Werks geSelbst
die Mvstik kennen wir nur in Form von Urteilen. horen E. die kritischen Analysen über das Verhältnis
von Gesinnung und Werk sowie die religionspsychologische
Deutung und philosophische Auswertung
der urchristlichen Eschatologie. Einer Zersetzung des
religiösen Gehalts und einer Auflösung des religiösen
Vf. spricht" von Funktionalisierung der Wirklichkeit. Subjekt und Kerygma in reine Sozialethik wird freilich nur zu weh-
Objekt werden erst durch die wissenschaftliche Methode geschaffen. ren sein, wenn die Spannung zwischen Gott und Mensch,

die Transzendenz Gottes — auch der kritische Idealismus
will sie ja nicht auflösen — um so reiner herausgearbeitet
wird. Daß Sn. diese Tendenz hat, wird
pirischen wissenschaftlichen /trogressus und regressus erzeugt (U, 64 an der weitgehenden positiven Würdigung, die neben
u. i, 34); Persönlichkeit ist das Qesetz des unendlichen Strebens 1 Barth und Gogarten vor allem Brunner erfährt, deutlich.
(1, 49f.). Zu diesen Thesen tritt — vom Verf. beifällig hervorgehoben, | yuf die starke Verwandtschaft mit Kutter kann hier nur

aber nicht systematisch verarbeitet — die Cohen-Görlandsche ethisch-
religiöse Ableitung der Gottesidee als Sein und Einheit; durch diese
Ideen werde der Mensch von seiner sündhaften Vereinzelung erlöst
(II, 180f).

Mit dem transzendenten Gott ist auch ein transzen

Ebenso sind Gott und Persönlichkeit nicht Realitäten, sondern
„Ideen", durch die die Erfahrungswirklichkeit geordnet wird. Die
Gottesidee ist die Idee des Logos, der die Unendlichkeit des em-

eben aufmerksam gemacht werden. Die transzendental
-logische Kritik am Historismus und Psychologismus
führt zu einer theologischen Grundlegung, die vom Verf.
panlogistisch im Sinne Cohens durchgeführt wird, mit
, der sich aber heute eine Wendung in der christlichen
dentes Heilzie abgewiesen; mit der an Natorps allge- Theologie derart kreuzt, daß zu fruchtbarer Auseinan-
meine Psychologie angelehnten Funktionalisierung des | dersetzung der Boden bereitet ist
Verhältnisses von Subjekt und Objekt wird die tradi- „, , „„,.,arti„„„ o,„ i u h,

tionell christliche Unterscheidung des inneren und äuße- inter5«t"^

weise, sondern eine weitgehende kritische Darstellung finden. Umgekehrt
wäre gewiß auch den holländischen Lesern, aber nicht nur
ihnen, durch eine merkwürdiger Weise fehlende Auseinandersetzung
mit Kutter und mit Albert Schweitzers Kulturethik gedient gewesen.
Jena Theodor Siegfried.

ren Menschen, der Gesinnung und des Werks ebenfalls
„funktionalisiert". Wie Subjekt und Objekt nicht starre
Realitäten sind, sondern methodische Unterscheidungen
innerhalb des einen Erfahrungszusammenhangs, so darf
auch die kirchliche Verkündigung sich nach Sn. nicht
auf die Pflege der Seele beschränken, sondern hat das
äußere Handeln zu normieren. Die Unterscheidung von

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Zielpunkt des unendlichen Strebens, der unendlichen Kulturverwirk
lichu ng ist, so hat innerhalb der Kultur die
Kirche die Aufgabe, das Leben der Gesellschaft einer
auf die Idee gerichteten Kritik zu unterwerfen und mit
der Scharfe der Kritik die Beförderung (nicht nur Verkündigung
!) fest umrissener sittlich-kultureller Ziele zu

Rm. 1-.
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Die Verlieißung des Amtes. Die Haitun"
ist nicht die der wissenschaftlichen Problemerörterung, sie ist auch
nicht eigentlich pastoraltheologisch, sondern rein pastoral-reli"iös ge
wissenanfassend. Das kleine Heft ist sehr geeignet, zur ernsten Selbstbesinnung
auf das tiefste Fundament des Pfarramts zu helfen.

Brcsla" M. Schi an.