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1925 Nr. 12

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283

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(ohne Kategorisierung)

Titel/Untertitel:

Schmitz, Das geistige Leben der Grenzmark Posen-Westpreußen 1925

Rezensent:

Schian, Martin

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283

Theologische Literaturzeitung 1925 Nr. 12.

284

bedingungslos zu. Er stimmt auch nicht in die oft gehörten
einseitigen Anklagen gegen die Theologie ein,
vielmehr erkennt er alle neu erarbeiteten historischen
Anschauungen und Erkenntnisse von der Schrift mutig
und tapfer an (S. 79). Die Darlegung gipfelt darin,
daß das Qotteserlebnis der Bibel wieder das Erlebnis
des Volkes auf dem Lande werden müsse. Dieses
Gotteserlebnis der Bibel aber bringt er in enge Beziehung
zum eschatologischen Moment. Das Eschato-
logische bedeutet den allerletzten, endgültigen, unbedingten
Charakter der Religion Jesu. Dem Volk auf
dem Land muß wieder etwas Unbedingtes, Letztes, Endgültiges
geschenkt werden. Es sind ernste und feine
Gedanken, in denen Th. das näher ausführt; ihm liegt
Barths dialektische Geistreichigkeit ebenso fern wie sein
Gepolter gegen alles, was Kirche ist. Im letzten Grund
scheint er mir auf etwas sehr einfaches hinauszukommen
: auf die Notwendigkeit des Erlebnisses des
richtenden und vergebenden Gottes. Nur daß diese Gedanken
z. T. in Formen gekleidet werden, die an jene
seine Lehrer erinnern. Sofern ich den Grundinhalt
richtig bestimmt habe, bin ich ganz seiner Meinung,
ohne daß ich diese Meinung erst von Barth oder Go-
garten gelernt habe; ich habe sie aus dem reformatorischen
Christentum und sonst nirgends her. Es bleiben
aber allerhand Fragen: so betr. des „eschatologischen"
Charakters dieses Erlebnisses. Im Übrigen bleibt natürlich
auch für Th. die Hoffnung auf dieses große Gotteserlebnis
des Landes eine Sache des Glaubens: Gott
„kann auch aus dürrem, steinigem Land einen fruchtbaren
Acker machen" (S. 3).

Breslau. M. Schi an.

Schmitz, Dr.: Das geistige Leben der Grenzmark Posen-
Westpreußen. Langensalza: J. Beltz 1925. (44 S.) kl. 8°.=
Grenzmark-Hefte 2. Km. —,50.

Eine bei aller Knappheit reiche Schilderung des geistigen
Lehens der Grenzmark Rosen-Westpreußen, dieses „Notgebildes"
jüngster Zeit. Volkslied, Sagen und Märchen, Heimatdichter, Künstler,
Volkshochschulen werden besprochen; geschichtliche und zusammenfassende
Momente fehlen nicht. Das Religiöse, vollends das Kirchliche
ist fast ausgeschaltet; eigentlich begegnet man dieser Seite
der Sache nur beim Geschichtlichen (z. B. V. Herberger). Gehört
sie nicht in diesen Zusammenhang? Oberhaupt überwiegt das
Literarische in dem sonst sehr dankenswerten Heftchen wohl zu sehr.
Breslau. M. Schi an.

Schwartz, Haupt-Pastor, Propst Otto: Die Anteilnahme der
Schleswig-Holsteinischen Geistlichkeit am Weltkriege. Kiel:
Verlag d. Vereins f. Schlcswig-Holsteinische Kirchengeschichtc 1924
(zu beziehen durch Buchdruckereibesitzer J. M. Hansen in Preetz
[Holst.]). (85 S. m. 6 Taf.) 8°. = Schriften des Vereins f. Schleswig
-Holsteinische Kirchengeschichte, 3. Sonderheft. Rm. 2—.
Das Heft behandelt nicht etwa die Kriegsarbeit der evangelischen
Geistlichen Schleswig-Holsteins, sondern lediglich ihre unmittelbare
Anteilnahme am Krieg selbst: im Dienst mit der Waffe
(18 Pastoren, 6 Vikare, 18 Kandidaten), als Feldgeistliche und im
Sanitätsdienst. Abschn. 1 bringt tabellarische Zusammenstellungen,
Ahschn. 2 Lebensbilder von 7 gefallenen Geistlichen mit Beigabe
von Tagebuchblättern, Briefen, Predigten, Bildern. Dieser 2. Teil zeigt,
„wer sie waren und was sie dachten". Das Ganze ist ein würdiges
Ehrenmal. Gerade weil unsere Zeit so völlig anders eingestellt ist
als die von 1914, muß dem neuen Geschlecht eingeprägt werden,
wie unsere Besten damals gedacht und gefühlt haben.

Breslau. M. Schi an.

Schlatter, Prof. D. Adolf: Erlebtes. Berlin: Furche-Verlag 1924.
(1()7 S. mit einem Bildnis.) 8". Rm. 2—; geb. 2.80

Es ist nicht leicht, über diese kleine Schrift Adolf
Schlatters zu berichten. Denn die Kritik an dem Buch
könnte zugleich eine Kritik an der Persönlichkeit werden,
die sich darin gibt, wie sie ist — mit bestem Recht. So
kann der Berichterstatter nur sagen, was in dem Büchlein
steht und was nicht darin steht — und er kann hinzufügen
, worin nach seiner bescheidenen Meinung der
Wert dieser Publikation für die theologische Welt besteht
. Zuerst also — es ist keine „Selbstbiographie"
noch weniger eine systematische Darstellung von Ad.

Schlatters Anschauungen. Wäre ein Fremdwort erlaubt,
so könnte man sagen es handelt sich um „Apercus" zu
seinem Lebensgange — subjektiv, sprunghaft, große
Probleme berührend ohne doch auch nur den Versuch
zu machen, etwas irgendwie Erschöpfendes auch nur anzudeuten
. Die Überschriften der Abschnitte: Mein Anteil
am Staat — Mein Anteil an der Kirche — Wie die
Bibel zu mir sprach — der Gast am Tische Jesu — der
Schüler und der Lehrer — Mein Anteil an der Forschung
— Natürliche Wurzeln, zeigen ja eine gewisse Gruppierung
der Erinnerungen in Anknüpfung an eine sachliche
Anordnung. Aber mehr anekdotenhaft sind isolierte
Einzelerinnerungen aneinander gereiht. Da wo man den
Erzähler in etwas kontrollieren kann, wie ich an den
Stellen, wo er über Greifswald und Pommern spricht,
könnte man fast erschrecken über das Maß von Subjektivität
des Urteils wie über viel zu weitgehende Ausnutzung
zufälliger Einzeleindrücke. Aber das tut nichts.
Der Historiker würde freilich die allergrößte Vorsicht
I üben müssen in der Benutzung der Schlatterschen Mit-
j Teilungen, wenn er ein Bild geben wollte von den da-
j maligen Verhältnissen in Greifswald, Pommern, Berlin,
Preußen usw. Was man kennen lernt, ist immer nur
| Schlatter selbst und die Art, wie er früher oder später
urteilte oder empfand.

Der außerordentliche starke Einfluß Schlatters auf
unsere theologische Jugend, ja weit darüber hinaus auf
weite Kreise des evangelischen Volkes ist ja eine unleug-
| bare geschichtliche Tatsache. Sie hat m. E. immer
j mehr beruht auf dem, was er war als in dem, was er
j lehrte und schrieb. Das darf man sagen, ohne dem
sachlichen Gehalt seiner Vorlesungen oder Schriften zu
nahe zu treten. Und das ist es, was in dieser Erzählung
von „Erlebtem" auch deutlich zu Tage tritt. Eine tiefgegründete
christliche Persönlichkeit, die im innersten
Grund nichts anders sein will als ein treuer Jünger und
Zeuge Jesu Christi — das ist seine Kraft. Daher macht
es ihm im Grunde wenig aus, ob er dem „Staat" im
schweizerischen Kanton oder Bundesstaat, oder in
Preußen und Württemberg begegnet. Es kommt ihm
nur darauf an, ob er der Sache Jesu Christi dient oder
nicht. Und die „Kirche", das „Bekenntnis", die Unterschiede
von „lutherisch", „reformiert" oder „uniert" behandelt
er nicht anders. Das Abendmahl feiert er mit
schweizerischen Reformern, mit Lutheranern in Greifswald
, auch mit seinem einer nicht kirchlichen Gemeinschaft
angehörigen Vater. Auch Fragen wissenschaftlicher
und pädagogischer Methoden entscheiden sich
ihm immer an dem, was ihm innerlich die Hauptsache
ist. Das „Alles ist Euer, Ihr aber seid Christi" macht
ihn weitherzig und eng, je nachdem. Das sage ich alles
nicht, um jetzt dem ehrwürdigen Manne einen, Gott sei
Dank, verfrühten „Nekrolog" zu schreiben, sondern um
zu zeigen, wo der Wert des Büchleins liegt, mag der
Leser oft genug den Kopf schütteln zu den offenbaren
Mißverständnissen, denen der Erlebende oft zum Opfer
fiel, sei es bei der Begeisterung für Caprivi oder bei der
Wertung der Aussöhnung Bismarcks oder bei der Beurteilung
damaliger pommerscher Amtsbegriffe. Ob das
alles richtig ist, ist ganz gleichgültig. Aber die innere
treibende Kraft dieser originalen und unwiederholbaren
Persönlichkeit lernt man kennen.

So können wir nur wünschen, daß die studierende
Jugend an diesem Entscheidenden, Persönlichen lernt,
wie groß und stark aber auch wie weit und reich die
Sache Jesu ist. Die Gefahr aber ist nicht zu verkennen,
daß sich aus dieser ganz subjektiven Beleuchtung ganz
falsche Urteile bei der Jugend ableiten nicht nur darüber
was wirklich „positiv" und „christlich" ist (vgl.
S. 13 „der König hatte angeordnet, daß in die theologische
Fakultät von Berlin noch ein Mann ein-
! trete, der die christlichen [sie!] Überzeugungen ver-
I trete") sondern auch darüber, worin die Eigentümlichkeiten
staatlicher und kirchlicher Verwaltung oder die
I Eigenart preußischer oder württernbergischer Kirchlich-