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Ausgabe:

1925 Nr. 11

Spalte:

257-258

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Hofer, Clara

Titel/Untertitel:

Das Schicksal einer Seele. Die Geschichte von Kaspar Hauser unter Berücksichtigung der neuesten Feststellungen 1925

Rezensent:

Hirsch, Emanuel

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257 Theologische Literaturzeitung 1925 Nr. 11. 258

Hof er, Clara: Das Schicksal einer Seele. Die Geschichte von
Kaspar Hauser unter Berücksichtigung der neuesten Feststellungen.
Nürnberg J. L. Schräg [ 11251.

Striedinger, Oberarchivrai D. Ivo: Wer war Kaspar Hauser?
(Münchencr Neueste Nachrichten, Unterhaltungsbeilage vom 25.
III. 1925.)

Seitdem H. v. Treitschke (Deutsche Geschichte IV 7 3öl ff.) sich

liehe Augustin zur Zeit seiner Taufe mehr Christ war,
als R. zugibt, wenn auch das von R. noch nicht verwertete
gelehrte Buch des Dänen Nörregard, das die
Darstellung der Konfessionen als durchaus glaubwürdig
erweisen möchte, nach der andern Seite übers Ziel hinausschießen
dürfte.

Nur kurz kann auch der andern Vorträge gedacht
werden. Ebenso feinsinnig wie großzügig bringt E.
Cassirer in dem ersten „Eidos und Eidolon. Das Problem
des Schönen und der Kunst in Piatons Dialogen"
zur Darstellung, wie Piaton trotz innerlichsten Kunstverständnisses
von seiner Ideenlehre aus zur grundsätzlichen
Abweisung der Kunst, der spielenden Nachahmung
des selbst wesentlich scheinhaften Sinnenfälligen
, gelangen muß. Nur Ansätze zur Umbildung dieses
radikalen Standpunktes lassen sich nachweisen. Einerseits
dämmert dem alternden Weisen auf, daß sinnliche
Anschauung doch nicht wertlos sein kann, da sie für die
Geometrie, ja selbst für die Logik unentbehrlich ist, und
andrerseits erkennt er im Eros eine mächtige ideale
Kraft, die auch die verpönte Kunst als schöpferisches
Gestalten zu Ehren zu bringen berufen ist.

Im dritten, kürzesten Vortrag berichtet H. Li etzmann
über den 1917 entdeckten unterirdischen Kultraum
von Porta Maggiore in Rom, dessen Stuckreliefs
uns erkennen lassen, daß er „sakrale Bedeutung hatte
und zu rituellen Zusammenkünften einer Gesellschaft
hochkultivierter Menschen der Augusteischen — andre
meinen der Hadrianischen — Zeit diente", eines Zirkels
, der einem Jenseitsglauben huldigte und sich durch
mystische Riten auf den Raptus in Coelum vorzubereiten
suchte.

Endlich behandeln A. D o r e n und P. E. S c h r a m m
in grundgelehrten und durch treffliches Bildmaterial veranschaulichten
Darlegungen zwei verwandte Probleme,
nämlich wie einerseits die Gestalt der antiken Fortuna,
andrerseits das antike Herrscherbild von der frühmittelalterlichen
Kunst festgehalten und den christlichen Ideen |
gemäß umgebildet wurde. Führt die erste Abhandlung
die Untersuchung weiter, nämlich bis zur Renaissance,
in der die alten Reize der Glücksgöttin wieder erwachen,
so leistet die zweite, die sich auf den kurzen Zeitraum
des frühen Mittelalters von den Karolingern bis zu den
sächsischen Kaisern beschränkt, um so mehr in gründlicher
Aufhellung verwickelter Zusammenhänge.

Iburg. W. T Ii i m m e.

tungen weiter zu führen gesucht. Hier ist der Punkt, an dem der
ausführliche und an sich glänzend orientierende Aufsatz von Striedinger
(der ohne irgend neue Momente zu bringen die Betrügerhypothese
vertritt) seine Stärke hat. Er zerstört einige der gar zu luftigen politischen
Kombinationen der Verf. So bleibt hier der Wissenschaft,
solange bis sie, vielleicht durch einen zweiten Zufall unterstützt, auch
den andern Zipfel des Schleiers von dem dunklen Geschehnis hochheben
kann, die Aufschrift des Grabsteins stehen: Ignota nativitas.

Das mit sehr großem Takt geschriebene, alle Härten des Urteils
meidende und die Personen schonende Buch Hofers verdient,
alles in allem, gleichwohl einen aufrichtigen Dank.
Göttingen. E. Hirsch.

Lamm, Martin: Swedenborg. Eine Studie über seine Entwicklung

zum Mystiker und Geisterseher. Aus dem Schwedischen von Ilse
Meyer-Lüne. Leipzig: Felix Meiner 1922. (VIII, 377 S.) 8°.

In einer Zeit, in der die Probleme des Okkultismus
so stark im Vordergrund stehen wie in der heutigen,
ist es sehr zu begrüßen, daß dies schwedische Werk
über Swedenborg der deutschen Wissenschaft in deutscher
Übersetzung zugänglich gemacht worden ist. Der
Verfasser läßt Swedenborgs innere Entwickelung vor
uns vorüberziehen, wie er vom materialistischen Weltbild
zur spiritualistischen Weltanschauung, von da zu
einer religiös gefärbten Naturphilosophie und schließlich
zu Okkultismus und Theosophie gelangt ist. Die
psychologischen und historischen Faktoren, die Swedenborgs
Entwicklungsgang bestimmten, werden vom Verfasser
beleuchtet und vorsichtig bewertet. Eine Darstellung
und Würdigung der Swedenborgschen Theologie
bildet den Abschluß des Buches. Es hinterläßt den
bestimmenden Eindruck, daß die wissenschaftliche Theologie
über Theosophie und Okkultismus nicht zur Tagesordnung
übergehen darf, sondern sich ernstlich um ihr
Verständnis bemühen muß. Hier liegt ein Problem vor,
das der Theologie, zumal der systematischen Theologie,
noch viel zu schaffen machen wird.

Minden i. W. Kurt Kessel er.

Lüdemann. Prof. D. Dr. Hermann: Christliche Dogmatik.
Erster Band: Grundlegung. Bern: Paul Haupt 1924. (XI, 610 S.)
gr. 8°. Rm. 16—; geb. 20—.

Das, auf alle Fälle gerade in der Gegenwart sehr
beachtenswerte, Buch will auf seine Weise das leisten,
was im „Schulbetrieb" die sogenannte Dogmatik I zu
leisten pflegt. Es gestaltet sich zu einer „Prinzipienlehre
" und „Apologetik", das letztere Wort im vornehmsten
Sinne genommen.

Es setzt ein mit einer allgemeinen Einleitung, die
der Definition der Dogmatik und einer genaueren Bestimmung
ihrer Aufgabe gilt. Danach läßt sich die Dogmatik
definieren als die Wissenschaft, die es neben der
Ethik mit dem „Wesen des Christentums" zu tun hat,
und das heißt, „derjenigen Religion, welche dem Theologen
als Gegenstand seiner Forschung dadurch ge-

seitdem H. v. ireitscnice (ueuts.-ne uescinciite iv ' joi tt.) sich Y ; t u-iß er selbst sie hat oder daß er sie -d« Re
für die Betrügerhypothese entschieden hat, ist Kaspar Hauser für SJ; J* Üdl.} er ;5 . , , , '• ■ u !• , alS.iL3?"

die historische Wissenschaft tot; Dahlmann-Waitz hält es nicht für stimmtheit seines Geisteslebens in sich vorfindet mithin

nötig, die Literatur über ihn zu notieren. Nun ist die Betrügerhypo- j sich zu ihr bekenrd . Das Wesen eben ^dieser Religion

these für den, der auch nur ein wenig in die Literatur geguckt hat,
war eine psychologische Ungeheuerlichkeit; aber sie war nicht zu
entwurzeln, solange Kaspar Hauser's Kerker nicht gefunden war.
Das ist durch Gunst des Zufalls, die verständig ausgenutzt wurde, der
Verfasserin des hier an erster Stelle genannten Buchs doch gelungen
. In ihm ist — zusammen mit den Artikeln in der Täglichen
Rundschau vom 21. und 22. 2. 1925 — der mich überzeugende Beweis
geführt, daß Kaspar Hauser's Kerker auf dem Leknsgut Pilsadi
bei Neumarkt, an der alten bayrischen Grenze gegen Nürnberg gewesen
ist; so gut wie alle Angaben Hausers haben sich verifizieren lassen.
Der Historiker wird freilich die Verknüpfung dieses Nachweises mit
psychologisch-poetischen Darlegungen keineswegs lieben; man soll nicht
zugleich der Wissenschaft und der Poesie, dem Fachmann und weiten
Kreisen, dienen wollen. Wer sich aber durch diese Form der Darbietung
nicht abschrecken läßt, wird dem kombinatorischen Scharfsinn
der Verfasserin allerhöchste Achtung zollen und nur bedauern,
daß sie sich selber den Eindruck auf die Wissenschaft durch die gewählte
Form so sehr abgeschwächt hat.

Damit kommt die Frage, wer Kaspar Hauser war, wieder ins
Köllen. Auch an sie hat sich die Verf. gewagt. Sie neigt zu der bekannten
Theorie Feuerbachs und hat sie durch selbständige Beobach-

will der Dogmatiker erforschen; er will sie nicht nur
als „normatives Ergebnis" der gesamten Religionsgeschichte
dartun, sondern auch als „allgemeingültige
Wahrheit" erweisen. Somit fällt der Dogmatik einerseits
eine „religionswissenschaftliche" Aufgabe zu, sofern
sie das Wesen der Religion und das Verhältnis des
Christentums zu den übrigen Religionen festzustellen
hat, anderseits eine „erkenntnistheoretische" Aufgabe,
die bei der Ausführung selbst vorangestellt wird. Es
sind ja doch zunächst Erwägungen über Folgendes
von nöten: einmal darüber, ob eine objektive, unbefangene
wissenschaftliche Betrachtung des Christentums
für denjenigen möglich ist, für den das Christentum eine
„tatsächliche Bestimmtheit seines Geisteslebens" ist; ferner
und vor allem darüber, ob das menschliche' Erkennen
überhaupt fähig ist, „eine Gesamtanschauung
vom Dasein und seinem Ziele, wie sie das christliche
Bewußtsein in sich trägt, zum Gegenstand einer wissenschaftlichen
Ausgestaltung zu machen."