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Ausgabe:

1925 Nr. 11

Spalte:

255

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Grabmann, Martin

Titel/Untertitel:

Neu aufgefundene Werke des Siger von Brabant und Boetius von Dacien 1925

Rezensent:

Soden, Hans

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255

Theologische Literaturzeitung 1925 Nr. 11.

25(1

the Fathers of the Church" (p. VI), so erfreulich und
achtbar es für einen solchen ist „to have read all the
writings of Augustine" (p. V).

Marburg. H. v. Soden.

Grabmann, Martin: Neu aufgefundene Werke des Siger von
Brabant und Boetlus von Dacien. Vorgetragen am 1. März
1924. München: G. Franz in Komm. 1924. (48 S.) 8°. = Sitzungs-
ber. d. Bayer. Akad. d. Wissensch. Jahrg. 1924, 2. Abh. Rm. 1—.

Gr. gibt uns Kunde von zwei ungewöhnlich wichtigen
Handschriftenfunden, die seinem unübertroffenen
Fleiß und seiner umfassenden Kenntnis der scholastischen
Literatur geglückt sind. Unter den Häuptern des
lateinischen Averroismus im 13. Jahrhundert werden
uns Siger von Brabant und Boetius von Dacien genannt.
Ersterer war schon eine einigermaßen deutliche Gestalt
geworden, nachdem ihn Delisle von Siger von Courtrai
zweifelsfrei geschieden und Mandonnet (1899) mehrere
bedeutsame Werke seiner Hand herausgegeben hatte. Es
hatte sich jedoch bereits auf Grund der Polemik des
Thomas gegen Siger die Vermutung begründen lassen,
daß von diesem noch weitere Schriften existiert haben.
Gr. hat nun in einer Münchener Hs. (Clm. 9559 s.
XIV/XV) gleich eine ganze Reihe bisher verschollener
Bücher des angesehenen und selbständigen averroisti-
schen Lehrers aufgefunden, die den Umfang des bisher
von ihm Bekannten um mehr als das Zehnfache vermehren
. Da darunter vor allem große Kommentarwerke
zu Aristoteles sind, so wird nach ihrer vollständigen
Veröffentlichung „sich uns das Bild des lateinischen
Averroismus in viel schärferen und bestimmteren Zügen
und viel reichhaltiger und voller zeigen, als dies aufgrund
der bisher bekannten Schriften möglich war". Für
eine genauere Beschreibung der einen so unerwarteten
Schatz erschließenden Hs. und nähere Mitteilungen über
den philosophie-geschichtlichen Ertrag seines Fundes,
den Gr. in seiner Akademievorlesung nur andeuten
konnte, verweist der Verfasser auf seinen Beitrag zur
Ehrle-Festschrift 1924, den ich noch nicht einzusehen
vermochte. — Zwei neue Schriften des Boetius von
Dacien entdeckte Gr. zunächst ebenfalls in zwei Münchener
Hss. und konnte sie dann in noch weiteren identifizieren
. Die eine ist eine größere metaphysische Abhandlung
,de summo bono', während die andere kenntnisreich
und kritisch sich ,de somno et vigilia' oder ,de
divinatione somnium' verbreitet. Da bisher nur sprachlogische
Schriften des Boetius bekannt waren, erweitern
die neuen Funde unsere Kenntnis von seiner Lehre in
wesentlichen Beziehungen und geben der Entscheidung
mancher mit seiner Person und seinem Schrifttum verknüpften
Frage einen sicheren Boden. Möchten die
neu entdeckten Schriften in nicht zu ferner Zeit vorgelegt
werden können und mit den früheren Arbeiten Gr.s
dazu helfen, dem weithin noch immer herrschenden
schematisch flachen Bild einer in Wahrheit höchst bewegten
und reich differenzierten Periode europäischer
Geistesgeschichte Farbe und Relief zu geben.

Marburg. H. v. Soden.

Vorträge der Bibliothek Warburg, herausgegeben von Fritz
Saxl. II.: Vorträge 1922—1923, 1. Teil. Leipzig: B. G. Teubner
1924. (V, 239 S. m. 40 Abb. auf 16 Taf.) gr. 8°. Rm. 10—.

Theologen interessiert am meisten der zweite der
Vorträge: ,,R. Reitzenstein, Augustin als antiker und
mittelalterlicher Mensch", worin der Verf. in seiner gewohnten
energischen, um Tradition unbekümmerten
Weise das Problem der Bekehrung Augustins behandelt.
Die Bekehrung desselben, oder wie R. sagt, sein „Umbruch
", ist nämlich sein Übergang vom antiken zu
mittelalterlichem Menschentum, der sich in den Jahren
390—97 vollzog. Von der Darstellung der Bekenntnisse
hat man dabei nach R. gänzlich abzusehen. In den
ersten unmittelbar vor und bald nach der Taufe verfaßten
Schriften bleibt Augustin noch im Wesentlichen
antiker Mensch, wissensdurstig, schönheitshungrig,

selbstzufrieden, in Cicero lebend, dem Christentum
äußerlich zugewandt, innerlich wenig von ihm berührt,
auch von den neuplatonischen Einflüssen nicht eben
tief ergriffen. Seine Eigentümlichkeit ist, daß er wie
kein Mensch des Altertums zwei Jahrzehnte lang um verstandesmäßige
Erkenntnis der höchsten Wahrheiten rang,
und seine Erstlingsschriftstellerei zeigt ihn uns in seinem
letzten kühnen Sturmlauf. Es ist eine Tragödie. Der
Versuch scheitert. Augustin konnte nicht anders als die
Sünde dafür verantwortlich machen, die nun erst als

| knechtende Macht hervortritt. Alte manichäische Einflüsse
werden damit wirksam. Nun erst sucht und findet
er wirklich im Schoß der katholischen Kirche das Heil,
da Gott allein durch sie aus Gnade dem Glaubenden
Wahrheitserkenntnis und Gewißheit schenkt. So schreibt
er seine Konfessionen. Jetzt ist er in der Tat ein neuer
Mensch geworden. Seine auch späterhin berühmte Dialektik
ist nicht so sehr griechisch wie augustinisch, seine
Mystik weniger neuplatonisch als allgemeinhellenistisch
und iranisch, im Grunde genommen ebenfalls autonom
augustinisch, Gegenstand seines Erkenntnisstrebens, soweit
es nicht durch Unterwerfung unter die Kirchenautorität
lahmgelegt, nicht im Sinn der Antike die äußere
Welt, sondern das aeternum internum. (Diese kurzen
Bemerkungen auf S. 47 f., nicht minder die auf S. 41
über den manichäischen Charakter der Grundvorstellung
des Gottesstaates, scheinen mir sehr beachtenswert
.) Natürlich kann ein noch so tiefgehender Umbruch
nicht alle Reste des alten Menschen wegfegen,
wie sie sich z. B. an der nachbleibenden Literateneitelkeit
, an einer gewissen Zuneigung zu Cicero und einer
bis zuletzt festgehaltenen, wenn auch abgeschwächten
Wertschätzung der „Disziplinen" zeigt. Wie weit Augustin
in seiner Abkehr von dem antiken Ideal des
freien, unvoreingenommenen Forschens geht, wird zum
Schluß in einem längeren, mit Harnack sich auseinandersetzenden
Exkurs an seiner Kapitulation vor dem
vulgären Wunderglauben dargelegt, wobei R. auch die
Annahme einer unbedingten Wahrhaftigkeit Augustins in
Zweifel zieht.

Diese Ausführungen bewegen sich auf der Linie
meiner von R. benutzten Studie über Augustins geistige
Entwicklung von 1908, sind freilich weit radikaler. Aber
Neigung zum Radikalismus ist eine für einen Historiker
gefährliche Mitgift. Daß die sogenannte Bekehrung
im Mailänder Garten nicht so sehr den Abschluß
wie den Anfang einer Entwicklung zum Christentum

| darstellt, daß Augustin in Cassiciacum mehr Hellenist
als Christ war, glaube ich auch. Aber daß in dieser Zeit
Ciceros Stern bereits im Erbleichen ist, während das
Doppelgestirn Plato-Plotin strahlend emporsteigt, kann
nicht bestritten werden, obwohl ich mir den Satz R.s:
„Ehe ich Plotins Einwirkung annähme, würde ich immer
fragen, was aus Anregungen Ciceros hervorgegangen
sein kann", unbedenklich aneignen kann. Ferner ist
das Sündengefühl, ja die Sündenangst des Katechu-
menen weit größer, als R. wahr haben will, wofür
manche Belegstellen aus De ord. und Sohl, anzuführen
wären, die nichts weniger als konventionell klingen.
Charakteristisch für den damaligen Augustin ist ein
psychologisch wohl begreiflicher, oft schroffer Stimmungswechsel
. Eine außerordentliche Übertreibung stellt
vollends R.s Hauptsatz dar, daß das Mißlingen des
krampfhaften Versuchs, sich der Wahrheit verstandesgemäß
zu vergewissern, ihn in den Arm der Kirche getrieben
habe. Denn das Bewußtsein eines Mißerfolgs
hat Augustin nicht gehabt, sich im Gegenteil ein glückliches
Gelingen zum mindesten einzureden gesucht, und
es ist obendrein seine lebenslängliche Überzeugung gewesen
, daß die überzeitliche Wahrheit der Vernunft zugänglich
sei. Haben doch bekanntlich nach den Konf.
auch die Platoniker jene Wahrheit erkannt, wenn sie
auch den Weg zu den hohen Gipfeln nicht zu zeigen
wußten. So kann nicht bezweifelt werden, daß, wie der
reife Augustin mehr Neuplatoniker, so auch der jugend-