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Ausgabe:

1925 Nr. 9

Spalte:

210-211

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Starcke , C. N.

Titel/Untertitel:

Baruch de Spinoza 1925

Rezensent:

Jordan, Bruno

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209

Theologische Literaturzeitung 1925 Nr. 9.

210

(S. 22), wobei vor allem die Einheit von Religion und
Kirche erst zu begründen und das Wesen der angeblich
religiösen Gesetze erst zu erforschen wäre, und wobei
vor allem die Aufgabe verkannt ist, die doch darin hätte
bestehen müssen, zwar im Gegensatz zu dem soziologischen
und sonstigen Positivismus dem Staate ein
sittliches Fundament zu geben, ihm aber neben der
Kirche sein eigenes Recht und seinen eigenen Sinn zu
belassen. Dieses Versagen des Verf. vor seiner Aufgabe
beruht in letzter Linie darauf, daß er die historische und
die metaphysische Begründung der empirischen Welt
verquickt, wie vor allem auch sein Exkurs über die
Entstehung des römischen Weltstaates beweist: Solche
Probleme, wie das vom Verf. angegriffene, lassen sich
vielleicht historisch beleuchten, aber nicht historisch
lösen, ganz abgesehen davon, daß die Zurückführung
des Staates auf einen zugestandenermaßen fiktiven Akt
der Staatsgründung auch keine historische Lösung des
Problems bedeuten kann. Diese Methodenvermengung
rächt sich an dem Verfasser, und das kann ja auch nicht
anders sein. Der Historiker kann nur zeigen wollen,
wie etwa religiöse oder ethische Gesichtspunkte auf die
Gestaltung dieser oder jener geschichtlich gegebener
Staaten eingewirkt haben, nicht aber, welcher Wesenszusammenhang
zwischen Religion und Recht besteht.
Die Aufgabe des Verf. bestand aber darin, das übergeschichtliche
Wesen von Staat und Rechtsordnung zu
erfassen, und dazu mag die Geschichte das Material beisteuern
, die Lösung des Problems wird immer der
Philosophie vorbehalten bleiben müssen. Es ist dies
eine Frage, die nur mit dem ganzen Rüstzeug der Erkenntnistheorie
in Angriff genommen werden kann; also
auf dem Wege, den ich in meiner „Philosophie des
Rechts" eingeschlagen habe. Dieser Weg würde dann
freilich zu dem vom Verf. erstrebten, wenn auch nicht
erreichten Ziele führen: zu der Erkenntnis, daß der
Positivismus, sei es der Juristen, sei es der Soziologen,
das Wesen von Staat und Recht überhaupt nicht zu erfassen
vermag, weil er von den Ideen nichts weiß, die
die historisch-politische Welt konstituieren.

Göttingen. Julius Binder.

Die Verhandlungen des einunddreißigsten Evangelisch-
Sozialen Kongresses in Reutlingen am 10.-12. Juni 1924.
Nach den Manuskripten u. Stenograph. Niederschriften hrsg. v.
Generalsekr. Pfarrer Johannes Herz. Göttingen: Vandenhoeck
& Ruprecht 1924. (129 S.) gr. 8°. Rm. 2.50.

Dieser Bericht gibt denen, die wie ich nicht in der
Lage waren, der Reutlinger Tagung des Ev. sozialen
Kongresses persönlich beizuwohnen, die Möglichkeit,
seinen reichen geistigen Inhalt sinnend nachzuerleben.
Zum ersten Male ist die Eröffnungspredigt (von Mah-
ling) mitgedruckt worden; sie verdient es, sie hat tiefen
Eindruck gemacht. Für das Wertvollste halte ich die
beiden Vorträge über ,die Wirkungen der Industrialisierung
auf die Gemeinde' (Cordes-Wilhelmsburg und
Springer-Stuttgart), an die sich freilich eine Aussprache
nicht angeschlossen hat; sie gewähren einen ausgezeichneten
Einblick in die Verhältnisse und Probleme.
Auch der Vortrag von Frau Glaue-Jena über .Gegenwartsnöte
und ihre Wirkungen auf das Familienleben',
ergänzt durch eine lebhafte und vielseitige Diskussion,
ist ergreifend und fruchtbar. Die Debatte zum ersten
Vortrag (Raab-Gießen) über ,Ethik und Sozialpolitik'
ist etwas zerfahren gewesen, wohl, weil der Vortragende
innerlich nicht zu den Kongreßkreisen gehört, einen
ganz andern Gottesgedanken vertreten und sich wesentlich
in theoretischen Gedankenkreisen und lediglich formalen
Begriffsbestimmungen bewegt hat, sodaß weder
eine praktische Anknüpfung noch eine fruchtbare Auseinandersetzung
möglich war. Das Studium des ganzen
Heftes ist lohnend, eine zahlreiche und aufmerksame
Leserschar dringend wünschenswert. — Sollte der Ev.
soziale Kongreß nicht einmal über das Fordsche Buch
xi « ein"im Ar°eitgeber, einem Arbeitnehmer, einem
iNationalokonomen und einem Theologen reden lassen?

Frankfurt a. Main. D. Borne mann.

Starcke, Prof. C. N.: Baruch de Spinoza. Ins Deutsche übertragen
von Karl Hedwig. Kopenhagen: Gyldendalske Boghandel
1923. (392 S.) gr. 8°.

„Es ist nicht die Absicht dieses Buches, eine ausführliche
Schilderung von Spinozas Lebenslauf oder dem

philosophischen Inhalt seiner Lehre . . zu geben.....

Was den Verfasser interessierte, ist der Versuch, aus all
dem, was man Sicheres über Spinoza, sein Leben und
sein Denken weiß, ein Gesamtbild zu gewinnen, daß
allein uns verständlich machen kann, daß er dachte wie
er dachte, und der Menschheit so große Werte übermittelte
" (aus dem Vorwort). In der Tat läßt der Verfasser
die Lehre Spinozas mit überraschender Konsequenz
aus der Grundstruktur seines Wesens hervor-
vvachsen. Alle Gedankenbewegungen, die Spinoza in
sich aufnimmt, habe er in Beziehung zu seiner religiösen
Leidenschaft gebracht; im Streben nach einer mathematisch
rationalen Weltauffassung habe er den adäquaten
Ausdruck für seine eigene mathematische Denkweise
gefunden: Spinoza ein religiös bewegter Mensch,
der in Gott lebt und wirkt, ein religiöser Denker, dessen
Sprache die der Erkenntnis ist, der Erlösung sucht, aber
die Gedankenwelt für sein Verhältnis zum Göttlichen
in der Wissenschaft sucht. Dabei wird besonders stark
das tiefe Gepräge seines Denkens durch den jüdischen
Geist betont. Sein Gott ist Jehova, der Gott der Macht.
Aber Spinoza fühlt, daß die unermeßliche Kraft dieses
Daseins auch ihn durchströmt. Der vollkommene Gehorsam
dem mächtigen Gott gegenüber kann nicht auf
emotionelle Gewaltsamkeit der Affekte, sondern nur auf
der Macht des Gedankens als eines Übersubjektiven aufgebaut
werden. Von diesen Grundgedanken aus entwickelt
der Verfasser in geschlossenem Ideenaufbau ein
zwingendes Bild von der Systematik der Lehre Spinozas.
Aus Charakter, Grundeinstellung zum Leben und weltanschaulichen
Elementen erwächst eine Gesamtschau
seines Denkens und seiner Lebensgestaltung. „Eine tief
menschliche Auffassung aller Verhältnisse, eine lebendige
Freude am Leben und Wirken und an der Mannigfaltigkeit
und Freiheit der fruchtbaren Kräfte, eine unüberwindliche
Abneigung gegen alle Unordnung und
Sklaverei: das ist Spinoza". So erscheint Spinoza „als
jüdischer Prophet in moderner Gestalt".

Ohne Zweifel war es berechtigt, den Gott Spinozas
wieder als „Realität", als sein Denken und Leben beherrschende
Wirklichkeit und Wirksamkeit hinzustellen,
und doch ist dieser Gott, jedenfalls für die Erkenntnis,
zugleich Prinzip des Seins, der aus Prinzipien begriffene
j Sinngehalt des Seins, kurz der Sinngehalt der Methode
selbst. Ebenso wird man die „Rationalität" des Denkens
Spinozas durchaus zugeben können, aber wird doch dem
Verfasser gegenüber stärker die glutvoll bewegte Intuition
als tragenden Urgrund betonen müssen. Es genügt
dazu nicht, in Spinozas Metaphysik nichts zu sehen als
eine Intuition, durch die er das Dasein als die verwirklichte
Erkenntnis sieht. Spinozas Metaphysik gedeutet
als durchgeführte Objektivierung von dem, was im Begriff
der Erkenntnis liegt, stellt die tatsächlichen Zusammenhänge
auf den Kopf und rückt das System
Spinozas bedenklich nahe an die Problemstellung Kants.
Der Verfasser übersieht zu sehr die Problematik der
analytischen Methode und ihren Unterschied von der
Synthese: Seine Deutung der synthetischen Intuition, zu
der Spinoza auf dem Boden der ratio gelangt sei und
nur auf ihm, scheint mir nicht haltbar. Vielmehr muß
die Seligkeitssehnsucht im religiösen Sinn bei Spinoza
wenn auch nicht im Sinn der Mystik so doch irrational
gefaßt und so als letztes Motiv der Gedanken gewertet
werden; zugleich erscheint mir der rationale Begriffs-
apparat, die mathematische Methode weniger als Versuch
des Ausdrucks dieser Gotteserlebnisse sondern
vielmehr als Mittel der Bändigung, Läuterung und Beruhigung
seiner gluterfüllten Grundstimmungen. Auch
die analytische Struktur der Ableitung aller Einzelerkenntnisse
aus dem in sich gewissen Absoluten, das
erschaut, erlebt, nicht rational gewonnen ist, die dadurch