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Ausgabe:

1925

Spalte:

186

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Fichte, Johann Gottlieb

Titel/Untertitel:

Werke. Ausgew. u. eingel. v. Franz Gottwald 1925

Rezensent:

Hirsch, Emanuel

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186

material zur Befruchtung ihrer Phantasie und zur Belebung
ihrer Vorträge zu liefern. Es werden daher mit
Vorliebe Lobeszeugnisse aus protestantischen Quellen
oder aus dem Munde hoher Kirchenfürsten beigebracht
oder auch rührende Geschichten erzählt. Leidet darunter
die Brauchbarkeit des großen Sammelwerkes für wissenschaftlich
interessierte, nicht katholische Leser, so ist doch
rühmend anzuerkennen, daß zumal das 7. und 8. Heft
sich über die anderen erheben und eine Fülle wertvoller
Nachrichten über die wissenschaftlichen Arbeiten und
Bestrebungen der katholischen Missionen, zum Teil aus
entlegenen Quellen zusammentragen.

Berlin. J. Richter.

Müller, Dr. Aloys: Einleitung in die Philosophie. Berlin: F.
Dümmlers Verlh. 1925. (178 S.) 8". = Leitfäden d. Philosophie,
Bd. 1. geb. Gm. 3—.

Einige Dozenten von Bonn und Köln haben sich zusammen-
getan, um die jetzt in Deutschland im Neuwerden begriffene Philosophie
zu zeichnen und die Richtung zu weisen, in der sich nach den
verworrenen Schulkämpfen der letzten Jahre und bei den in weitesten
Kreisen herrschenden Unklarheiten über philosophische Dinge die
Weiterentwicklung voraussichtlich bewegen wird. Daraus ergeben sich
die Tendenzen dieser neuen Sammlung von philosophischen Handbüchern
: 1. scharfe Abgrenzung gegen alles Nichtphilosophische und
2. Klärung der Grundbegriffe nach ihren inneren Merkmalen.

Die Einleitung muß eine enzyklopädische Übersicht über alle
Bereiche des philosophischen Denkens geben. Daher behandelt sie:
I. Logik, Erkenntnistheorie, Ethik, Ästhetik, Religion, diese als den
Kreis der .geltenden' Werte und Gegenstände zusammenfassend, II.
Metaphysik als den Kreis der übersinnlichen Inhalte. Es wird die Vermutung
ausgesprochen, daß diese in der Zukunft die Philosophie im
präzisen Sinne ausmachen werden, nachdem die Entwicklung aus dem
Problemkreise der Philosophie die Gebiete ausgeschieden haben wird,
die sich mit dem Objekte der Metaphysik nicht zu einem einheitlichen
Gegenstandsgebiete zusammenfassen lassen. Im Interesse der
reinlichen Scheidung heterogener Einzelwissenschaften von der Philosophie
wird man diesen Gedanken wohl zustimmen müssen. Die
heute so dringend gewünschte Klarstellung des Begriffes: ,.Kultur"
und der in ihr enthaltenen Bereiche: materielles Leben, soziale Schichtung
, Politik, Recht, Sitte, überhaupt das gesamte Kulturleben in
seinem logischen Aufbau und seinen zeitlichen Phasen kommt leider
nur als „Zwischenstück" unter dem Titel: „Geschichtsphilosophie und
Rechtsphilosophie" zur Sprache. Vielleicht könnte man auf diese so
dringenden Desiderata der Jetztzeit wenigstens mit einigen Worten in
einer zweiten Auflage eingehen, auch ohne den Umfang des Buches
erheblich zu vermehren.

Die Stärke des Verfassers sind seine klaren, knappen, entschiedenen
Abgrenzungen der Gebiete. Zu begrüßen ist, daß Gegen-
standstheorie, Transzendenzfrage, Wahrheitsfrage, Ursprung des Erkennens
und Außenweltproblem deutlich getrennt werden, ebenso die
Werte (die logischen, ethischen, ästhetischen, religiösen) und die
seienden Dinge (die sinnlichen, übersinnlichen-metaphysischen und
idealen-mathematischen). In einem kritischen metaphysischen Realismus
werden diese als die Außenwelt bildende Bestandteile nachgewiesen
. Manche Behauptungen werden zur Diskussion anregen, so,
wenn Aristoteles als ein naiver Realist bezeichnet wird, obwohl er
doch den wesentlichen Grundgedanken des kritischen Realismus S. 134
Nr. 2 zu einem Grundprinzip seiner Auffassung macht. Die Erkenntnistheorie
bildet den 3. Teil der Logik als : „Leistung des logischen
Wertes", dem vorausgehen: I. Gegenstandstheorie und 2. die Struktur
des logischen Wertes. Im Zentrum der Logik steht nicht mehr der
Begriff sondern das Urteil. Die „Phänomenologie der Erkenntnis"
ist ein Kapitel, das in diesem anregenden und mannigfache neue Begriffe
bringenden Buche den Lesern besonders empfohlen werden darf

M. vermeidet peinlichst den für die scholastische Erkenntnistheorie
wesentlichen Begriff und Terminus: Abstraktion, sogar in der Darstellung
dieser Theorie 76. Er ist Phänomenologe, allerdings mit einer
sehr wesentlichen Einschränkung: „Wir lehnen ab, daß sich Wesen erschauen
lassen". Seine Stellung muß als eine platonisierende bezeichnet
werden, was die begrifflichen Inhalte angeht, im Vergleich zu
der Aristoteles sicherlich als „kritischer Realist" zu bezeichnen ist.
Die Wesen „existieren wahrhaft"; aber „sie gehören nicht zu den
realen Gegenständen". Nach der Gegenstandstheorie bedeutet das:
sie sind keine sinnlichen, wohl aber übersinnliche oder ideale Gegenstände
. Wohltuend wirkt ein solcher erkenntnisfreudiger und zuversichtlicher
Realismus nach und neben so vielen Versuchen skeptischer
Standpunkte. Eine Richtungsandeutung für die nächste Zukunft mag
hier liegen. Dies „Erschauen unsinnlichcr Gegenstände" bleibt dabei,
so sympathisch es uns sein mag, ein ebensolches Rätsel wie die
aristotelische Abstraktion.

Bonn a. Rh. M. Horten.

Fichte, Johann Gottlich: Werke. Ausgew. u. eingel. von Dr. phil.
Franz Gottwald. Geschmückt mit 8 Vollbildern in Kupfertiefdruck
. 1.—5. Tausend. Berlin: G. Grosser 1924. (414 S.l
8°. = Deutsche Denker, I. Bd. geb. Gm. 5—.

Diese 414 S. fassende Auswahl bietet nach einer kurzen Einleitung
folgende Schriften Flehtet, meist gekürzt und um größerer
Verständlichkeit willen mit Teilüberschriften durchsetzt: Erste und
zweite Einleitung in die W. L., Bestimmung des Menschen, Wesen
des Gelehrten ISO-/, Reden an die deutsche Nation. Das Verdienstliche
ist der Versuch, die beiden Einleitungen in weiteren Kreisen
zum Gehör zu bringen; das Bedenkliche die Beschädigung von
Fichtes eigener literarischer Gestaltung. Gibt man das Verfahren
einmal zu, so wird man die Anwendung im einzelnen meistens geschickt
finden müssen. Das Schönste an dem Buch sind die acht
Bildbeilagen, hier ist auf einen Ort gesammelt, was man bisher Hinüber
viele zerstreut fand.

üöttingen. E. Hirsch.

Hasse, Heinrich: Schopenhauers Religionsphilosophie und
ihre Bedeutung für die Gegenwart. (Vortr.) Frankfurt am M.:
Englert u. Schlosser 1924. (49 S.) gr. 8°. — Frankfurter gelehrte
Reden u. Abhandlungen, Heft 2. Gm. 1.60

Die Abhandlung bildet den "Niederschlag eines in
edler Sprache gehaltenen Vortrags, der mit reichern
wissenschaftlichen Rüstzeug versehen worden ist. Diere-
ligionsphilosophischen Ansichten Schopenhauers werden
von einem genauen Kenner in übersichtlicher Zusammenstellung
vorgeführt. Freilich, diese Ansichten machen
einen merkwürdig veralteten Eindruck. Die Religion
wird grob intellektualistisch als Volksmetaphysik aufgefaßt
, in der Wahres und Falsches kritiklos gemischt
sind, Phantastik und mythenbildender Wahnglaube sich
breit machen. Auch als Volksmoral für den großen
Haufen wird sie gewürdigt. Als Bändigungsmittel der
„primitiven Gemüter der Menge" hat sie eine gewisse Berechtigung
, ist aber sittlich keineswegs einwandfrei. Sie

I muß geläutert werden von der Philosophie. Diese prüft
sie auf Wahrheitsgehalt und ethische Reinheit, wobei
ganz naiv die Schopenhauer'sche Metaphysik als
höchster Maßstab erscheint. So treten denn die verschiedenen
Religionen zur Kritik an. Selbstverständlich
erhält der Buddhismus den ersten Preis: wegen seiner
pessimistischen und atheistischen Elemente. Diese heute
überholten Gedanken werden dargeboten in der treff-

| sicheren, bildhaft belebten und mit Unverschämtheiten
gewürzten Sprache des großen Stilisten. — Hasse nennt
Schopenhauer einen „großen Wegbereiter geläuterter
Frömmigkeit". Aber tatsächlich biegt er dessen Ansichten
an allen entscheidenden Stellen um. Die Religion
wird von ihm nicht mehr intellektualistisch, sondern als
emotionale Wertfunktion aufgefaßt. Sie steht auch nicht
mehr unter der Philosophie, sondern neben ihr; allerdings
unter Verzicht auf eigene theoretische Leistungen
und in Beschränkung auf wertende Bearbeitung des von
der Philosophie Erkannten. Die „Befreiertat" Schopenhauers
soll nach dem Verf. darin bestehen, daß er der
„atheistischen" Frömmigkeit den Weg bahnte, die das
„erlösende Wort" in der religiösen Krise der Gegenwart
ist. Für die neuere theologische Fragestellung wirft das
Werkchen kaum etwas ab. Doch bildet der Anhang
eine Fundgrube für die Theorien Schopenhauers, besonders
seine Kritik am Theismus und Pantheismus.
Gießen. H. Adolph.

Vollrath, Wilhelm: Vom Geist der Gegenwart in Kunst und
Leben. Leipzig: A. Deichen: 1924. (103 S.) gr. 8*. Kart. Gm. 4 .
Verf. skizziert zunächst die Wendung im Geistesleben der neuesten
Zeit, in der Materialismus von Idealismus (dem die Augen aufgehen
für Geist, Idee, Persönlichkeit, Zweck, Absolutheit), Naturalismus
von Symbolismus, Impressionismus von Expressionismus zurückgedrängt
wurde. Sodann bietet er in dem Hauptkapitel „vom Ethos der
modernen Kunst" eine eingehende, auf den Grund dringende, von
feinem Verständnis zeugende Darstellung des Wesens und geistigen
Gebalts der deutschen expressionistischen Dichtung, besonders ihrer
ethischen Ideale und metaphysischen Hintergründe, ihrer Leistungen,
die in den Werken v. Unrubs, Werfeis und Lissauers gipfeln, und
ihres Versagens gegenüber dem Höchsten, dem religiösen Erleben,