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Ausgabe:

1924 Nr. 7

Spalte:

124-126

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Meyenberg, A.

Titel/Untertitel:

Leben Jesu-Werk. I. Bd 1924

Rezensent:

Jülicher, Adolf

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Theologische Literaturzeitung 1924 Nr. 7.

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Roman vom weisen Haiqär (Achiqar) und Motive des
Gilgameschepos, die gewiß erst durch den Alexanderroman
vermittelt sind. Unter den jüdischen Legenden
haben besonders die Zaubergeschichten von Salomo
gewirkt. In Syrien tritt uns seit den Kreuzzügen der
Haß gegen das Christentum entgegen, am krassesten in
dem Ritterroman von 'Omar ibn Nu'män. Für Ägypten
bezeichnend sind die vielen humoristischen Diebes- und
Schelmenstreiche; ein sehr interessantes altägyptisches
Motiv ist der schreibende Affe, in dem Spiegelberg
den oft als Affen dargestellten Schreibergott Thot erkannt
hat. Besonders ausführlich werden zum Schluß
die echtarabischen Bestandteile besprochen: die Reiin-
prosa, die Liedereinlagen, die meist dem 12.—14. Jahrh.
angehören, die Motive aus der städtischen Kultur der
jüngeren und aus der Beduinenkultur der älteren Zeit.
Ganz abgesehen von dem Vielen, was man neu lernt,
ist es unendlich reizvoll, an der Hand eines so zuverlässigen
und verständnisvollen Führers wie L. durch den
Wundergarten von 1001 Nacht zu wandern, und darum
sei sein Vortrag weitesten Kreisen aufs wärmste empfohlen
.

3. Das Gleiche gilt von Jacob, dessen Thema noch
umfassender ist. Er will in die Märchenliteratur überhaupt
einführen, besonders in die orientalische, nicht vom
literarischen, sondern vom psychologischen Standpunkt
aus, indem er die Traumerscheinungen zum Verständnis
heranzieht und an ihnen das Werden urtümlicher Dichtkunst
erläutert. Von seiner geistvoll-anregenden Darstellung
läßt man sich gern gefangen nehmen, da sie im
allgemeinen nicht einseitig übertreibt und infolgedessen
überzeugend wirkt, auch wenn man einzelne Folgerungen
ablehnt. Denn er denkt keineswegs daran, die Märchen
restlos auf Träume zurückzuführen, sondern erkennt daneben
auch die mythologischen und historischen Einschläge
und die kunstgemäße Gestaltung des Stoffes als
gleichberechtigte Faktoren an (S. 87 f.). Besonders der
Alttestamentier wird dankbar viel Neues lernen, zumal
da oft ausdrücklich auf das Alte Testament hingewiesen
wird. Nur gegen die „klassischen" Völker machen ihn
Temperament und Abneigung bisweilen ungerecht. So
heißt es z. B. S. 62: „Daß die Möglichkeit ohne Worte
zu sprechen besteht, ist eine wichtige Beobachtung der
Traumphänomene, die beweist, wie ungeeignet für philosophisches
Denken eine Sprache wie die griechische ist,
die für Vernunft und Wort dieselbe Vokabel hat." Aus
geographischen Gründen unverständlich ist mir der Satz
S. 16: „Die Buddhalegende wandert über Turkistan
nach dem Westen und bildete als Barlaam und Josaphat
[lies: Joasaph] während des Mittelalters ein Erbauungsbuch
für Christen, Juden und Muhammedaner."
Kommt denn die Buddhalegende aus China? Oder
hält J. (wie von Le Coq) die Mänichäer Turkistans
für die Vermittler der Buddhalegende? Das ist in der Tat
eine sehr erwägenswerte Hypothese, da die Mänichäer
an der Buddhalegende um ihrer Religion willen unmittelbar
interessiert waren; vielleicht sind mit ihnen
viele orientalische Legenden schon vor den Kreuzfahrern
nach dem Abendland gewandert. Dankenswert ist der
„bibliographische Wegweiser", der die allgemeine und
die besondere Literatur, nach Völkern geordnet, verzeichnet
. Es sollten nicht fehlen Heinrich Günter : Die
christliche Legende des Abendlandes. Heidelberg 1910
und Bin Gorion: Der Born Judas. 6 Bände. Leipzig
[o. J. Die 3. Auflage in Vorbereitung]. Chinesische
Schattenschnitte aus der Sammlung Jacobs schmücken
das vornehm ausgestattete Buch.

Berlin-Schlachtensee. Hugo Greßmann.

Roeder, Günther: Urkunden zur Religion des alten Ägypten.

Übersetzt und eingeleitet. Jena: Eugen Diederichs 1023. (LX,
332 S.) 8°. = Religiöse Stimmen der Völker. Hrsg. v. Walter Otto.

Gz. 7—; geb. 10—.

Die Freude, dieses im Jahre 1915 erschienene Buch, das sich bei
Theologen, Orientalisten, Literaturhistorikern ebenso wie in der für
das alte Ägypten interessierten Laienwelt viel Freunde erworben

hat, nach so kurzer Zeit in neuer Auflage begrüßen zu dürfen, wird
etwas getrübt durch den bescheidenen Zusatz „3. u. 4. Tausend",
den die zweite Titelseite enthält. Bei einer so im Fluß befindlichen
Wissenschaft, wie es die Ägyptologie gottlob noch ist, wäre nach
Verlauf von "8 Jahren ohne Zweifel manches in den Übersetzungen
der Texte zu bessern gewesen, und auch in der Auswahl hätte der
Verfasser vielleicht dies oder jenes geändert. Beim 5. Tausend darf
jedenfalls auf eine eingehende Durchsicht nicht verzichtet werden —
möge sein Druck sich recht bald als nötig erweisen 1

Heidelberg. H. Ranke.

Steindorff, Georg: Kurzer Abriß der Koptischen Grammatik.

Mit Lesestücken und Wörterverzeichnis. Berlin: Reuther & Reichard
1921. (II, 69 S.) gr. 8°. Gz. 3—.

Es ist ein erfreuliches Zeichen für den Aufschwung der koptischen
Studien, daß die „koptische Grammatik" von Steindorff, die
zuerst im J. 1894 erschienen ist, bereits in 3. Neubearbeitung den
Gelehrten vorgelegt werden sollte; aber es ist zugleich ein deutliches
Zeichen der Not der deutschen Wissenschaft, daß wir uns mit einem
kurzen Abriß als notdürftigem Ersatz, begnügen müssen, um wenigstens
ein Hilfsmittel im akademischen Unterricht den Studenten in
die Hand geben zu können. Die Grammatik selbst füllt nur 30 Seiten,
die andere Hälfte ist für die Lesestücke und das Glossar reserviert. Auf
diesem letzten Teil liegt aus praktischen Gründen der Hauptnachdruck.
Aus den Texten der vorgehenden Auflage hat eine Auswahl stattgefunden
, indem einige Stücke wie z. B. die „Festreden auf den heiligen
Viktor" ganz ausgelassen, andere stark verkürzt sind. Dafür erscheint
als neu aufgenommen der Text der Passionsgeschichte, dann
kommen — was besonders wertvoll — einige kleine Abschnitte aus
den Werken des Apa Schenute, des berühmten Nationalschriftstellers
der koptischen Kirche, auf Grund der Sinuthii Opera III von Leipoldt.
Sehr dankenswert ist auch der Auszug aus dem Kambyses-Roman.
Im Glossar vermisse ich eine gewisse Sorgfalt, besonders für die
Schenute-Texte; es fehlt die Angabe für sll als Plural von siel (S.
48, 10), vergebens suche ich kot (S. 49, 2) etc. etc. Im übrigen
ist ja die Grammatik von Steindorff das Standard work der koptischen
Philologie geworden, und deshalb wäre nur zu wünschen,
daß dieser Abriß so bald wie möglich durch eine wesentliche Umarbeitung
des früheren Werkes abgelöst werde. Wir alle warten mit
einer gewissen Ungeduld auf die längst versprochene grammatische
Behandlung des bohairischen und achmimischen Dialektes.

Berlin. Carl Schmidt.

Meyenberg, A.: Leben-Jesu-Werk. 1. Band. Luzern: Räber
& Cie. 1922. (X, 724 S.) 8°.
Der Verf. wollte so etwas wie ein katholisches
Gegenstück zu Pfannmüllers „Jesus im Urteil der Jahrhunderte
" unter starker Betonung des dogmengeschichtlichen
Stoffes schreiben. Die Geschichte der Leben-Jesu-
Fragen möchte er behandeln, um diesem Werk dann ein
„Leben Jesu" folgen zu lassen; aber „Leben-Jesu-
Fragen" sind für ihn nicht wie für Albert Schweitzer nur
die Probleme der Forschung seit Reimarus, sondern dazu
gehören noch alle Fragen und Streitigkeiten der kirchlichen
Christologie. Hier wie dort sieht er einen Kampf,
bei dem es im wesentlichen um die Geltung der „Übernatur
" in der Geschichte geht, und die Stellung der einzelnen
Persönlichkeiten in diesem Kampf hängt in der
alten wie in der neuesten Zeit davon ab, was sie „philosophisch
" von dieser „Übernatur" denken. Das führt ihn
natürlich tief in die Dogmengeschichte hinein, und der
Hauptteil dieses ersten Bandes, der die Zeit von den
apostolischen Vätern bis Thomas von Aquino umfaßt, ist
eigentlich mehr der Christologie als dem Leben Jesu gewidmet
. Ja, auch über diesen Rahmen geht der Verf.
hinaus, wenn er die große Verfolgungszeit der alten
Kirche schildert, weil es „ein Kampf um die größte aller
Leben-Jesu-Fragen" gewesen sei. Unter diesem Gesichtspunkt
dürfte der zweite Band sich fast zu einer Geschichte
des Christentums auswachsen, zumal da Verfasser
und Verleger — beide in der Schweiz — Papier-
und Zeilensparsamkeit nicht zu kennen scheinen. In
diesem Bande beanspruchen Doketismus und Gnosis,
Origenes, der arianische und christologische Streit sowie
Thomas von Aquino den meisten Raum. Der eigentlichen
historischen Ausführung ist noch ein Überblick vorangestellt
, der die Stellung von verschiedenen Männern der
Wissenschaft und der Kunst zu Christus andeutend und
unter ständigem Verweis auf die späteren Ausführungen