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Ausgabe:

1924

Spalte:

115-117

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Cassirer, Ernst

Titel/Untertitel:

Studien der Bibliothek Warburg. - Die Begriffsform im mythischen Denken 1924

Rezensent:

Tillich, Paul

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Theologische Literaturzeitung 1924 Nr. 6.

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haltlich nicht berücksichtigt); auch Frenssen durfte nicht
fehlen. Die Behandlungsweise sucht überall die Probleme
zu zeigen; doch geschieht das etwas schematisch,
manchmal fast in registrierender Manier. Der Stil zeigt
erhebliche Mängel. Im Ganzen eine Arbeit, deren 2. Teil
für den Theologen von Interesse ist, weil er viel Material
bietet und für das Titelproblem manche wertvolle
Gesichtspunkte aufstellt. Aber das seelische Eindringen
in die besprochenen Romane müßte sehr viel
tiefer gehen, und die Darstellung müßte die Typen, die
die Literatur zeigt, viel plastischer herausarbeiten.
Gießen. M. Schi an.

Windelband, W.: Geschichte der abendländischen Philosophie
im Altertum. 4. Aufl. bearbeitet von A. Goedeckemeyer.
München: C. H. Beck 1923. (IX, 305 S.) gr.8°. = Handbuch der
Altertumswissenschaft, hrsg. v. Walter Otto, Bd. V, 1. Abt., 1. Teil.

Gz. 7—; geb. 10,50.

Wie schon die von Bonhöffer besorgte 3. Auflage
des Windelbandschen Werkes, so bedeutet auch die
4. Bearbeitung durch Goedeckemeyer eine Bereicherung.
Wurde dort der historisch-philologische Stoff dem inzwischen
vorgeschrittenen Wissen angepaßt, so wird
hier wieder mit Nachdruck das philosophische Problem
in der Beleuchtung, in die es die Forscherarbeit seitdem
gestellt, in den Vordergrund gerückt. Die daraus sich
ergebende dauernde Auseinandersetzung des Herausgebers
mit Windelband und der Gegenwartsphilosophie
macht das Buch zu einer Neuschöpfung. — Dabei bleibt
die Grundnote, die Windelband seinem Werke gab,
unangestastet. Was das Vorwort zur 2. Auflage als
Endzweck der Schrift bezeichnete: einer edlen Sache verständnisvolle
Freunde zu werben und das Bewußtsein
von dem unvergänglichen Wert lebendig zu erhalten,
welchen die Gebilde des griechischen Denkens für alles
menschliche Geistesleben besitzen, das ist auch das
Leitmotiv der neuen Auflage geblieben. In erster Linie
für den philologischen Leser bestimmt und geeignet,
wird sie auch weiteren Kreisen, sofern sie über eine gut
fundierte Bildung verfügen, eine Hilfe zur eigenen Weltanschauung
sein, für deren Aufbau nun einmal eine geeignetere
Grundlage nicht denkbar ist als die Orientierung
an dem „ersten Anlauf des menschlichen Geistes j
zur wissenschaftlichen Bewältigung von Welt und Leben
", wie er in der antiken Philosophie des Abendlandes
vorliegt. — Geblieben ist auch die historisch-kritische
Methode Windelbands, also die strenge Beschränkung
auf den objektiven Stoff unter Ablehnung aller Gestaltung
durch subjektive, gedachte oder erfühlte Deutung.
Keine Frage, daß der Leser auf solche Weise den Vorzug
einer unantastbar-exakten Grundlage gewinnt, auf die er
nun selber seine zusammenschauende Deutung aufbauen
mag. Immerhin mag fraglich erscheinen, ob dem Leser
hiermit des Vertrauens nicht reichlich viel geschenkt
wird und ob er nicht Gefahr läuft, in der Fülle des
Materials stecken zu bleiben, ohne zu der Geschlossenheit
zusammenfassender Erlebnisse zu gelangen, ohne die
wiederum ein Selbst-Aufbauen kaum denkbar ist. Abgesehen
von der Frage, ob überhaupt selbst die objektivste
historisch-philologische Akribie, zumal einem fragmentarischen
Stoff gegenüber, in der Lage sein kann, des
Einfühlens und Deutens zum Zweck der zusammenzubiegenden
Linien ganz zu entraten, würde es in dem
pädeutischen Sinne, der dem Buche ja mitgegeben wird,
jedenfalls fruchtbarer wirken, wenn der Forscher selbst
durch seine Zusammenschau dem Leser die seinige zwar
nicht abnähme, aber erleichterte.
Kiel. W. Brunn.

Probleme des Mythos.

Zwei Schriften über den Mythos von Autoren neu-
kantischer Schule liegen vor mir: Die Tatsache an sich
schon bemerkenswert und für unsere Zeit charakteristisch
. In den „Studien der Bibliothek Warburg" (Teub-
ner, Leipzig 1922) spricht Ernst Cassirer über „die

Begriffsform im mythischen Denken". Er stellt die
Frage, ob auch in der sprachlichen, mythischen und religiösen
Denkform Kategorien enthalten sind, die sich
zwar wesentlich von den wissenschaftlichen unterscheiden
, die aber dennoch jene Gebiete von bloßer willkürlicher
Fantasie scheiden. Cassirer geht aus von der
Sprache und der Einteilung der Nomina in Geschlechter
und andere Klassen, die sich nicht rational erklären
lassen, sondern aus einer eigentümlichen Beziehung des
sprachlichen Bewußtseins zu den Dingen hervorgehen.
Am Totemismus zeigt er dann ein besonders hervorragendes
und fundamentales Beispiel universaler mythischer
Dingerfassung auf, die völlig gesetzmäßig ist und
dennoch nichts mit rationaler Arteinteilung zu tun hat.
In der Astrologie vollends kommt das mythische Bewußtsein
zu einer klaren Systematisierung. An ihm läßt
sich darum am deutlichsten das eigentümliche Apriori
des mythischen Denkens aufweisen. Es ist die Struktur-
einheit aller Dinge im einheitlichen Universum, die dem
astrologischen Denken seine Kraft gibt. Aber diese
Struktureinheit hat nichts zu tun mit modern biologischen
Strukturbegriffen, die immer genetisch sind und dem
funktionellen Denken des Abendlandes zugehörig. Der
astrologische Weltzusammenhang ist gänzlich funktionslos
, geht von einer substantiellen Identität aller Teile des
Universums aus. Nicht das zeitliche Nacheinander der
naturwissenschaftlichen Kausalität, sondern ein substantiell
-räumliches Nebeneinander und Ineinander ist für die
Astrologie charakteristisch. Auch in das religiöse Bewußtsein
dringen die Motive des mythischen Denkens
ein und werden eigentümlich von ihm ausgestaltet, dualistisch
, prädestinatianisch oder dergl. All das sind besondere
Richtungen, in denen der Geist die Wirklichkeit
erfaßt und deren Mannigfaltigkeit für die idealistische
Auffassung des Verhältnisses von Sein und Bewußtsein
spricht. — Es ist nur ein Punkt, der in diesen höchst
fruchtbaren und anregenden Ausführungen Bedenken erwecken
könnte, die Definition des Mythos und die Bestimmung
seines Verhältnisses zu Wissenschaft, Sprache,
Religion. Es scheint mir nicht angängig zu sein, all diese
Dinge gleichsam in einer Ebene zu sehen. Auch Cassirer
tut das im Grunde nicht, wenn er einerseits die Einwirkungen
des Totemismus auf die Klasseneinteilungen
der Nomina in der Sprache hervorhebt, andererseits zeigt,
wie das mythische Denken auch von der Religion ergriffen
wird. In diesen Ausführungen erscheint doch
die Sprache als Ausdrucksform und die Religion als
richtunggebende Kraft des Mythos. Was ist nun Mythos
? Wir erfahren es von Cassirer nicht. Vielleicht
kann man sagen, es ist das vorwissenschaftliche Weltbewußtsein
, das auch da, wo es systematisiert wird, wie
in der Astrologie, noch vorwissenschaftlich bleibt. Aber
wie verhält sich diese Definition zu der üblichen, daß
Mythologie es mit Göttern zu tun habe und Mythen
Göttergeschichten seien? Es wird noch sehr viel Arbeit
nötig sein, um das Verhältnis der religiösen Symbolik
und der vorwissenschaftlichen Weltbetrachtung klar zu
stellen. Auf keinen Fall aber darf von vornherein eine
Identität beider unter dem Begriff des Mythos behauptet
werden.

Ganz auf die entgegengesetzte Seite stellt sich in
dieser Beziehung Artur Liebert, Kantstudien Band 17,
Heft 3—4 in seinem Aufsatz über „Mythos und Kultur".
(Berlin 1922, Reuther und Reichard). Er faßt den Mythos
als Erhebung eines Gegebenen zum Reich des Absoluten
. Und er behauptet, daß in diesem Sinne Mythos
Substanz und Lebenskraft jedes Zeitalters ist. Auch der
antimetaphysische Positivismus hat einen Mythos, den
der Tatsache und des Gesetzes. Und nur weil er einen
Mythos hat, hat er die Gewalt und Kraft über den Geist
erreicht, durch die er zum Lebensprinzip des letzten Jahrhunderts
geworden ist. Welche Sphäre, ob Wissenschaft
oder Kunst oder Religion oder Philosophie den Mythos
liefern, das ist grundsätzlich gleichgültig. Doch hat die
Religion insofern einen Vorrang, als sie die unmittel-