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Ausgabe:

1924

Spalte:

87

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Baeumker, Clemens

Titel/Untertitel:

Des Alfred von Sarashel (Alfredus Anglicus) Schrift de motu cordis 1924

Rezensent:

Scheel, Otto

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87

Theologische Literaturzeitung 1924 Nr. 4/5.

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Untersuchung beschäftigt sich mit dem Rechtfertigungsschreiben
Johanns von Mirecourt. Aus drei neuen Handschriften
läßt sich die ganze lectura Johanns über die
vier Bücher der Sentenzen zusammenstellen. Seine de-
claratio, von der man bisher nichts wußte und die im
Zusammenhang mit der lectura und der Verurteilung
Johanns im Jahre 1347 steht, wird kritisch abgedruckt.
Die letzte Untersuchung führt in die Zeit des beginnenden
Humanismus und seiner Auseinandersetzung mit der
Scholastik. Der bekannte Streit des Alonso von Carta-
gena mit Leonardo Bruni Aretino über die alte lateinische
Übersetzung der aristotelischen Ethik wird behandelt, das
Urteil von G. Voigt über Alonso mit Erfolg korrigiert
. Abgedruckt werden: a) die Vorrede Leonardos
zu seiner Übersetzung der Ethik, b) die Schrift des
Alonso, c) die erste Antwort Leonardos, d) der Brief
des Florentiners Poggio, e) die Duplik Leonardos, f) Leonardos
Brief an Alonso. — In dem in meinen Händen
befindlichen Exemplar fehlt Bogen 13, Bogen 12 erscheint
zwei Mal. Solche technischen Fehler sollten
nicht möglich sein.
Tübingen. Scheel.

Baeumker, Clemens: Des Alfred von Sareshel (Alfredus
Anglicus) Schrift de motu cordis. Zum ersten Male vollständig
herausgegeben und mit kritischen und erld. Anmerkungen
versehen. Münster, Westf.:. Aschendorffsche Verlagsbuchh. 1023.
(XIX, 144 S.) gr. 8°. = Beiträge zur Geschichte der Philosophie
des Mittelalters. XXIII, 1—2. Gz. 4,25.

Eine vollständige Ausgabe dieser Schrift besaßen
wir noch nicht. Und was veröffentlicht war, war mangelhaft
veröffentlicht. Baeumker, der sich schon seit
langem mit Alfred von Sareshel beschäftigt und auf
seine Stellung im beginnenden Kampf des entdeckten
ganzen Aristoteles mit dem bisherigen Piatonismus aufmerksam
gemacht hat, legt nun eine vollständige und
kritisch zuverlässige Ausgabe dieser über die Hauptfragen
der physiologischen Psychologie des Mittelalters
unterrichtenden Schrift Alfreds vor. Sie ist zugleich einer
der ältesten Zeugen für die Rezeption der realphilosophischen
Schriften des Aristoteles und zeigt, daß
„eine Anzahl'der neuen aristotelischen Schriften schon
um 1215 in griechisch-lateinischer Übersetzung vorhanden
war". Daß die wirtschaftliche Not unserer Tage
B. verhindert hat, seiner Ausgabe eine fast fertig vorliegende
biographisch-literarische Abhandlung über Alfred
mitzugeben, ist bedauerlich. Hätte nicht eine Zeitschrift
Platz? Etwa die Zeitschrift für Kirchengeschichte,
wenn andere keinen Raum haben?

Tübingen. Scheel.

Schwarz, Bernhard: Kardinal Otto Truchseß von Waldburg,

Fürstbischof von Augsburg. Sein Leben und Wirken bis zur Wahl
als Fürstbischof von Augsburg (1514—1543). Hildesheim: Franz
Borgmeyer 1023. (VIII, 108 S.) gr. 8». = Geschichtliche Darstellungen
und Quellen, herausg. von L.Schmitz-Kallenberg, Nr. 5.

Gz. 7—.

Der Fürstbischof von Augsburg Kard. Otto Truchseß
von Waldburg, in den Wirren der deutschen Kirchenspaltung
eine der Hauptstützen des Katholizismus,
hat bis jetzt noch keine eingehende Lebensbeschreibung
erfahren. Diese Lücke hat nun Sch., ein Priester der
Diözese Ermland, auszufüllen begonnen, indem er zunächst
die Jugendjahre Ottos und seine Tätigkeit bis
zum Antritt des bischöflichen Amtes auf Grund gedruckter
und handschriftlicher Quellen behandelt. Mit
zehn Jahren wurde der Adelssproß 1524 in Tübingen
immatrikuliert, erhielt 1525 ein Kanonikat an der Augsburger
Domkirche, bezog 1527 die Hochschule zu Dole
in der Franche Comte, erhielt 1529 eine zweite Domherrnpfründe
'in Speyer, zog 1531 zu juristischen Studien
nach Padua, wo er mit Christof Madruzzi, dem nachmaligen
Fürstbischof von Trient und Kardinal innige
Freundschaft schloß. 1535 vertauschte er die Universität
Padua mit Bologna, und diese bald mit Pavia, wo er eine

Zeitlang das Rektorat der Universität führte. Ein Brief
aus dieser Zeit an Madruzzi verrät, daß auch die ,junck-
frewlin' den jungen Domherrn und Studenten beschäftigten
(S. 31). Wie mit Madruzzi, so war er auf den
verschiedenen hohen Schulen noch mit zahlreichen andern
Persönlichkeiten bekannt geworden, die dann auf
die Gestaltung seines Lebenswegs von Einfluß waren.
1537 ging er nach Rom, um dort ,praktik zu sehen' d. h.
die oberste Kirchenverwaltung und ihre leitenden Männer
kennen zu lernen. Er wurde denn auch in Bälde von
Paul III. zum Geheimen Kammerherrn ernannt und mit
verschiedenen Sendungen betraut, die er offenbar zur Zufriedenheit
seines hohen Auftraggebers erledigte. Pfründen
und Anwartschaften waren damals der Lohn für
solche Dienstleistungen. Sie wurden auch Otto zu teil.

! So wurde er nach der Erhebung Madruzzis auf den
Bischofsstuhl von Trient Domdechant an der dortigen
Kathedrale. 1541 war er unter den Teilnehmern des
Regensburger Reichstags, 1542 päpstlicher Abgesandter
auf dem Reichstag zu Nürnberg. Nachdem er als Nuntius
dem Könige und dem Episkopat von Polen die Einladung
zum Trienter Konzil überbracht hatte, vertrat er
die päpstliche Sache wieder auf dem Nürnberger Reichstag
von 1543. Als der Augsburger Fürstbischof Christof
von Stadion am Schlagflusse starb, galt Otto sofort fast allgemein
als dessen Nachfolger. Sch. erzählt diese Frühzeit
des Waldburgers in recht ansprechender Weise. Er
schreibt naturgemäß als Katholik, aber wissenschaftlich
ruhig, ohne verletzenden Ausfall auf die Gegenseite.
Die Arbeit verrät wohl da und dort den Anfänger, läßt
aber auch für die Zukunft gute Fortschritte erhoffen.

S. 1 muß es statt ,Die rückläufige Bewegung . . . lag einerseits
im deutschen Protestantismus' heißen ,Dcr Grund der rückläufigen Bewegung
usw.' Daß die Söhne ,Dic Anwesenheit des Vaters enthehren'
(S. 10) hesagt das Gegenteil von dem, was gesagt sein will. In A. I
heißt es von Christof von Waldburg in einem Atemzug: ,Er hatte den
berühmten Reuchlin zum Lehrer und ruht neben dem Grafen Eitel
Friedrich von Zollern in der Augustinerkirche zu Pavia.' Wenn S. 83
nach der Anführung einer Mitteilung Verallos fortgefahren wird mit
.Nähere Einzelheiten erfahren wir von Vochezer usw.', so könnte man
meinen, auch der letztgenannte sei eine alte Quelle, nicht der Qc-
schichtschreibcr des Hauses Waldburg im 10. Jahrhundert. In der

' Literatur vermisse ich Dittrichs Contarini (1885), Stcicheles Werke
zur Geschichte des Bistums Augsburg, Duhr im Hist. Jahrb. 1890.

! 71 ff., Allg. deutsche Biog. XXIV, 634 ff.

München. Hugo Koch.

Gebhardt, Carl: Die Schriften des Uriel da Costa. Mit

Einleitung, Übertragung u. Regelten hrsg. Heidelberg: Carl Winter
i. Komm. (XL, 285 S.) 8° = Bibliotheca Spinozana curis Societatis
Spinozanae tom. II. Gm. 7—.

Die vorliegende wissenschaftliche Monographie
Uriel da Costas nimmt in der Geschichte der Monographien
überhaupt eine epochemachende Sonderstellung
ein: sie fragt über die historische Besonderheit des ßlog
hinaus nach dem „Sinn des Schicksals", sie erhebt das
Geschick des einzelnen zur Problematik der Gesamtbewegung
eines Volks, sie erfaßt die Tragik seines Lebens
als Schnittpunkt tief im Allgemeinen verwurzelter Motivationen
; kurz sie verleiht dem Augenblick und seiner
Vergänglichkeit durch Herausarbeiten seines Sinngehaltes
ewige Dauer.

„Das Geschick da Costas verkörpert die Problematik
der Sephardischen Gemeinde in Amsterdam, deren Gründung
durch flüchtige portugiesische Juden auf ein dreifaches
Motiv zurückzuführen ist: Furcht vor der Inquisition
, Wille zum Judentum, Initiative des Kaufmanns.
Gebhardt hebt hervor, daß diese Marranen „ohne die geringste
jüdische Tradition, Juden nur durch das Bewußtsein
, Söhne Israels zu sein, nach Holland kamen und daß
sie, Sephardim, sich an einen Aschkenas (in Emden!)
wandten, um mit den Regeln und Ordnungen der göttlichen
Observanz bekannt gemacht zu werden". „Der
Marrane ist Katholik ohne Glauben und Jude ohne
Wissen, doch Jude im Willen." Daher die Spaltung
seines Bewußtseins: (Das Marranenproblem ist ein reli-