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Ausgabe:

1924

Spalte:

63

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Müller, J.

Titel/Untertitel:

Die Polen in der öffentlichen Meinung Deutschlands 1830-1832 1924

Rezensent:

Völker, Karl

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63 Theologische Literaturzeitung 1924 Nr. 3.

Richtung nach an Hölderlin erinnert. Über ihrem literarischen Nachlaß
(sie hatte bei Lebzeiten Dichtungen unter dem Namen Tian herausgegeben
) hat lange ein Unstern gewaltet; erst 1825 erschien eine noch
dazu ganz unvollständige Ausgabe, später hat sich u. a. E. Rohde ihres
literarischen Andenkens angenommen. Die vorliegende, sehr sauber ausgestattete
, mit philologischer Treue hergestellte Ausgabe bringt sämtliche
bisher erreichbaren Dichtungen der Günderode mit einer kurzen
Einleitung und Varianten, doch ohne weitere Erläuterungen. Eine
wichtige Quelle romantischen Geistes ist damit erschlossen, religiöse
Motive wie der Konflikt zwischen Mannes- und Gottesliebe, die Gestalten
von Propheten und Magiern oder jede Art von heiliger
Schwärmerei, alles in frauenhafter, aber nicht femininer Auffassung
können hier ausgiebig studiert werden.

Hamburg. Robert Petsch.

Müller, Dr. J.: Die Polen in der öffentlichen Meinung
Deutschlands 1830—1832. Marburg a. L.; N. G. El wert 1923.
(101 S.) gr. 8°. Gz. 2—,

M.s Schrift ist zur rechten Zeit erschienen. Die
deutschen Minderheiten und damit die evangelische
Kirche in Polen haben schwer zu leiden. Da ist es gut,
daß dem neu erstandenen polnischen Staat wieder in
Erinnerung gebracht wird, mit welcher Anteilnahme
die öffentliche Meinung Deutschlands den Freiheitskampf
der Polen gegen Rußlands Übermacht 1830/32
gefördert hat. Zeitungen wie „Der Komet" und „Die
Tribüne" haben sich in den Dienst der Polensache gestellt
, namhafte Dichter, wie Platen, Holtey, Lenau begeisterte
Polenlieder geschrieben, Schriftsteller und Politiker
, wie Spazier, Raumer, Wirth, Rotteck, Harro
Harring die polnische Frage zu der ihrigen gemacht, besonders
in Süddeutschland sind Polenvereine zum Zwecke
der Unterstützung der polnischen Emigranten entstanden.
Die preußische Regierung hat mit Rücksicht auf Posen
entgegen den Bestrebungen des deutschen Liberalismus
die Partei Rußlands ergriffen, Friedrich Wilhelm III.
trotz alledem den polnischen Flüchtlingen nach dem Zusammenbruch
des Aufstandes ausgiebige Hilfe zuteil
werden lassen. Die Schwärmerei für „das Heldenvolk"
wurzelte auch in der religiösen Erwägung, daß die Aufteilung
Polens ein Verstoß gegen die göttliche Ordnung
gewesen und das polnische Volk nunmehr von der Vorsehung
dazu ausersehen sei, der Freiheit Europas den
Weg zu bahnen. D. V. zeigt, wie durch das Aufkommen
der schleswig-holsteinischen Frage die Polenbegeisterung
, die er aus der politischen Unreife des Liberalismus
erklärt, zurückgetreten sei.

Wien. Karl Völker.

Hönigswald, Richard: Die Philosophie von der Renaissance
bis Kant. Berlin: W. de Gruyter & Co. 1923. (X, 300 S.)
gr. 8° — Geschichte der Philosophie Band 6. Gz. 7—.

„Das vorliegende Buch untersucht die Entfaltung
der Probleme in der Zeit zwischen Renaissance und
Kant" (IX). Man kann der so gestellten und im Grunde
für eine philosophie-geschichtliche Darstellung allein
wertvollen Aufgabe entweder so gerecht werden, daß
man die Probleme aufsucht und in ihrer Entwicklung
verfolgt, auf die die Philosophen selbst den Hauptwert
gelegt haben, oder so, daß man von einem bestimmten
Standpunkte aus an die Sache herangeht. Ich halte den
ersten Weg für den richtigen. H. hat den zweiten gewählt
. Die ganze Periode findet für ihn in der Frage
Kants ihren sachlich geforderten Abschluß. Da die
Frage Kants für ihn die erkenntnistheoretische ist, ist es
dieses Problem, das das beherrschende Motiv seiner Darstellung
bildet. Die Stellung der einzelnen Philosophen
zu ihm oder besser noch zu seiner sachlichen Entwicklung
— ihre „problemgeschichtliche Stellung" — zu
charakterisieren, ist sein Bestreben. Darum kommt es
ihm auch nicht darauf an, ob die Interpretationen, die er
ihren Überlegungen zuteil werden läßt, ihre eigene Meinung
wiedergeben. „Es kommt für die problemgeschichtliche
Analyse nicht darauf an, wie weit Hobbes selbst
diese Gedanken formuliert oder ausgesprochen habe"
(137 vgl. 16. 29 u. ö.). Ja, es kommt ihm auch nicht da-

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rauf an, Bruno auf Galilei oder Hobbes auf Spinoza
folgen zu lassen, oder von Einflüssen Lockes auf Herbert
v. Che.rbury zu sprechen (220). Ich halte das in einer
Darstellung, die unter dem Titel einer Geschichte der
Philosophie erscheint, nicht für richtig, will aber ausdrücklich
hervorheben, daß das Werk so genommen, wie
es sich gibt, von allerhöchstem Interesse ist, wie man das
bei Arbeiten H.'s nicht anders erwarten kann.

Königsberg i. Pr. G o e d e c k em e y e r.

Mehlis, Prof. Georg: Spinozas Leben und Lehre. Freiburg
LB.: E. Guenther 1923. (103 S. m. 1 Abb.) 8° Gz. 4—,

Diese geschmackvolle Darstellung des Lebens und der Lehre
Spinozas ist offenbar für weite Kreise bestimmt. Ob freilich die
Deutung überall richtig ist, wage ich zu bezweifeln. Es fehlt z. B.
oder ist nicht genügend gewürdigt dem Judentum gegenüber die Schöpfung
eines neuen „Mythos", der Zusammenhang mit der Scholastik,
der Renaissance, die Beziehung zur mathematischen Naturwissenschaft
, das „Lebensgefühl und die Lebensfülle" u. a. m.; verfehlt erscheint
es mir, das Komplexe der „Lehre" Spi nozas unter eine
Formel (Naturalismus) zu zwängen. 1 las irrationale kommt zu wenig zur
Geltung. Der Vergleich mit der „Mystik" Eckharts ist ohne Zweifel
schief. Der „Unterschied" Eckharts ist nur vom Transccndenzproblem
aus zu erfassen. Die Attributcnlehre in der Deutung von Aaehlis (in
Gott unendlich viele Attribute; nur zwei Im Menschen wirksam (!))
kehrt das Verhältnis um (zunächst Begriffe, aber in Gott gegründet).
Immerhin kann die fleißige, etwas kurzatmige Darstellung wohl als
erste Einführung nützlich sein.

Bremen. Bruno Jordan.

Buchenau, Dr. Artur: Kants Lehre vom kategorischen Imperativ
. Eine Einführung in die Grundfragen der Kantischen Ethik.
2., unveränderte Aufl. Leipzig: Fei. Meiner 1923. (X, 125 S.)
8° <m Wissen und Forschen. Bd. 1. Gz. 2,50; geb. 4,50.
Diese „Einführung in die Grundfragen der kantischen Ethik" soll
den Leser vor allem in die Gedankengänge der Grundlegung zur
Metaphysik der Sitten einführen. Sieht man von der Einstellung des
Verfassers ab, der doch wohl zu einseitig das „Logische" und
„Theoretische" betont, so muß die klare, wirklich „klärende" Analyse
der Gedankengänge gerühmt werden. Die Schlußworte des Vorworts
der 2. Auflage sind versehentlich ans Ende des Vorworts der 1. Auflage
geraten.

Bremen. Bruno Jordan.

Apel, Dr. Max: Kommentar zu Kants Prolegomena. Eine
Einführung in die kritische Philosophie. 2., vervollständigte
Aufl. Leipzig: Felix Meiner 1923. (XI, 236 S.) 8° Wissen und
Forschen, Bd. 16. Oz. 4—; geb. 6—.

Der bekannte Kommentar Apels ist in der 2. Auflage durch
Erläuterung auch der Dialektik vervollständigt worden. Er ist gewiß
in mancher Beziehung geeignet, in die Probleme „einzuführen", aber
es wäre entschieden zu wünschen, daß er alles ausmerzte, was nicht
unmittelbar der Erläuterung und dem Verständnis des vorliegenden
Textes dient. Historische Bemerkungen (z. B. die lange Erörterung über
den Zeitpunkt des Anstoßes durch Hume), kritische Auseinandersetzungen
mit anderen Deutungen, Polemik gegen Kant, weit hergeholte
Beispiele scheinen mir für solche Zwecke ungeeignet. Außerdem
fällt trotz der Erweiterung eine ungleichmäßige Behandlung der
ersten drei Hauptfragen auf (r. M. S. 1—151; r. N. S. 152—211;
M. u. S. 212—227). Die letzten Paragraphen werden nur ganz kurz
gestreift. Das widerspricht sowohl der Ökonomie bei Kant selbst als
auch vor allem der Bedeutung der betreffenden Abschnitte. Gegen
die Gesamtdeutung habe ich starke Bedenken. Auch von Irrtümern
und Mißverständnissen ist das Buch nicht frei (z.B. S. 158/159, wo
der Unterschied von Wahrnehmungs- und Erfahrungsurteilen verwischt
wird; S. 194/95, wo Noumena als „Verstandeswesen" als
Rest dogmatischen Philosophierens bezeichnet werden usw.). Der
Kommentar enthält überwiegend Reflexionen über Kants Schrift
statt einer sich einschmiegenden, unterordnenden Deutung der Lehre,
die nur oder zunächst doch Verständnis will, nicht aber, wenigstens nicht
in erster Linie Kritik und Beurteilung erstrebt vgl. den Kommentar
Buchenaus, der trotz seiner Einseitigkeit die „Grundlegung" besser
weil „entsagungsvoller" deutet). Ein wirklicher „Kommentar" aber
erfordert straffere Konzentration und entsagungsvollere Deutung.
Bremen. Bruno Jordan.

Holstein, Priv.-Doz. Dr. Günther: Die Staatsphilosophie
Schleiermachers. Bonn: Kurt Schroeder 1923. (VIII, 205 S.)
4° m Bonner Staatsw. Untersuchungen, Heft 8. Oz. 5—.

Aus der Feder eines Juristen stammt diese wichtige und gediegene

Schleiermacherstudie, die uns mit einer bisher weniger gewürdigten