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Ausgabe:

1924 Nr. 3

Spalte:

61

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Grisar, Hartmann

Titel/Untertitel:

Luthers Trutzlied. “Ein feste Burg”, in Vergangenheit und Gegenwart 1924

Rezensent:

Scheel, Otto

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61

Theologische Literaturzeitung 1924 Nr. 3.

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in Priebus bietet einen Auszug aus einer bisher nicht gedruckten
Berliner philosophischen Doktordissertation
unter Fortlassung von Einzelheiten und Stellennachweisen
. Thema: U. von Huttens Charakter und Bedeutung
im Licht seiner inneren Entwicklung. Diese Arbeit
steht zu Kalkoffs Buch in Urteil und Beleuchtung m
scharfem Gegensatz. Daß sie, vor dessen Erscheinen geschrieben
(1918) keine Beziehung zu ihm hat, ist freilich
schade Für die nicht fachlich unterrichteten Leser
wäre eine redaktionelle Bemerkung über das Verhältnis
der beiden so kräftig auseinandergehenden Aufsatze doch
wohl wünschenswert gewesen. Daß das Jahrbuch ernste
Studien bietet ohne sich in Einzelforschung zu verlieren,
ist sehr anzuerkennen; manchem Mitglied der Luthergesellschaft
wird das Gebotene doch wohl schon zu gelehrt
erscheinen.

Oicßen. M Schi an.

Grisar, Hartmann, S. J.: Luthers Trutzlied. „Ein feste Burg",
in Vergangenheit u. Gegenwart. Freiburg i. B.: Herder & Co. 1Q22.
(57 S.) 8° = Luther-Studien 4. Heft. Gr.. 2,10.

Im ersten Heft seiner Studien über Luthers Kampfbilder hatte
Grisar das Passional Christi und Antichristi behandelt, ohne freilich,
wie hier seiner Zeit ausgeführt wurde, die von ihm angenommene unmittelbare
Mitarbeit Luthers nachgewiesen zu haben. Das zweite Heft
befaßt sich mit dem Bilderkampf in der deutschen Bibel (1522 ff.).
Auch hier muß des öfteren ein „gewiß" und „offenbar" in die Bresche
des Beweises springen. Auch will mich bedünken, daß Grisar weniger
als Historiker denn als Polemiker den Gegenstand behandelt. Waren
die Kampfbilder, die er hier bespricht, wirklich etwas Ungewöhnliches
? Wenn schon die literarische Auseinandersetzung jener Tage
auf beiden Seiten absolute Urteile und Verurteilungen kannte, so ist es
immerhin verständlich, daß auch der Griffel vor drastischen Zeichnungen
nicht zurückschreckte. Daß man damals anders empfand als
heute, zeigt doch schon die Tatsache, daß selbst katholische Bibclaus-
gaben die Kampfbilder der Luther'schcn Bibel übernahmen. — Grisar erörtert
zunächst die Bibelausstattung des Septembertestamentes, die
vermutlich auf Wunsch des Kurfürsten erfolgte Milderung in der Dezemberausgabe
und den Folioausgaben von 1524 und 1526, die Rückkehr
zur ursprünglichen Schärfe in der deutschen Gcsamtbibel seit
1534, die Kampfbilder in den Bibeldrucken des übrigen Deutschlands
, in protestantischen wie katholischen Bibeldruckcn, und die Verwendung
der Kampfmotive der Luthcrschen deutschen Bibelübersetzungen
außerhalb der Bibeln. Der Bilderanhang enthält 8 Bilder aus
der ersten Ausgabe von Luthers Übersetzung des Neuen Testamentes
und einen Ausschnitt aus dem Titelblatt der Wittenberger Gesamtbibel
des Jahres 1541, die ersten Bilder verkleinert aus dem Folioformat, das
letzte Bild in Originalgröße.

In der Studie über Luthers Trut/.licd „Ein feste Burg" in Vergangenheit
und Gegenwart stellt Gr. fest, daß Luther die hohen allgemeinen
Gedanken des Psalmisten (Ps. 46) in die Sphäre der
eigenen Kämpfe herabziehe, in der sattsam bekannten Weise wider
alle Gegner sich aufbäume, wider die kirchliche Obrigkeit wie gegen
die christlichen Stimmen aller früheren Jahrhunderte, auch wider die
eigenen beunruhigenden inneren Stimmen, sodaß das Lied mit Recht
ein „Trutzlicd" (Trotzlied) genannt werde. Während der Psalmist
sich frei und mächtig über alles Irdische erhebe, poche Luther auf
sein eigenes Recht und schaffe er einen Gedankeninhalt, der tief unter
dem des 46. Psalms stehe. Entstanden ist das Lied um die Wende
1527/28. Die Studie schließt mit der Analyse der „Fabel vom Lutherlied
in katholischen Heeresteilen" während des Weltkrieges. Was Grisar
hier ausführt, erscheint mir sehr beachtenswert. Ich glaube in der Tat,
daß wir es mit einer protestantisch-patriotischen Fabel zu tun haben.
Auch ich wüßte aus meiner allerdings begrenzten Erfahrung heraus
keinen Fall zu nennen, wo katholische und protestantische Heeresteile
sich im gemeinsamen Gesang des Luthcrliedcs zusammen gefunden
hätten. Ich hätte es auch nicht begrüßen mögen. Denn es hätte das
Lied um seinen religiösen Ernst gebracht und zu einem Diener von
Wünschen und Zielen gemacht, denen es nicht dienen will. Wir sollten,
weine ich, das Lied weniger oft, dann aber mit stärkerem, auf das
Überweltliche gerichteten Ernst singen. Die kindlichen Bemerkungen
Qrisars über den religiösen Gehalt des Liedes lasse ich gern unwidersprochen
.

Tübingen. Otto Scheel.

Ritsehl, Dr. I laus: Die Kommune der Wiedertäufer in Münster.

Ursachen und Wesen des täuferischen Kommunismus. Bonn: Kurt
Schroeder 1923. (66 S.) 8° Gz. —50.

Ritsehl erklärt (gegen Kautsky) die Gütergemeinschaft, die Vielweiberei
und die Schreckensherrschaft in Münster aus religiösen Ideen,
besonders Bernhard Rothmanns, und dem Wesen der Theokratie,

wie sie dort durch Jan Mattys und Joh. von Leyden — unter dem
äußeren Druck der Belagerung (darum ist sie aber nicht — gegen
Kautsky — als Kriegsmaßnahme zu fassen) — eingerichtet wurde.
Seit dem Vertrage vom 27. März 1526 tritt die wirtschaftlich-soziale
Seite der Bewegung (wurzelnd in dem Widerstand der Handwerker
gegen die gewerbliche Konkurrenz der Klöster) zurück und seit de«
lutherischen Predigten Rothmanns 1531 (der durch die Wassenberger
Prädikanten Sommer 1532 und Mattys' Sendboten Januar 1533 ins
schwärmerisch-radikale Fahrwasser getrieben wird) die religiöse Seite
hervor. Besonders einleuchtend ist der Nachweis, daß der Kommunismus
in Münster durch Mattys und Joh. von Leyden wirklich durchgeführt
wurde (Besitzausgleich in Bezug auf Lebensmittel, Kleider,
Betten, Einziehung des Geldes und Edelmetalls, Abschaffung des
Handels, staatliche Organisation des gesamten Gewerbes usw.); den
Ausgangspunkt aber bilden die Predigten und Schriften Rothmanns,
der nur Gütergemeinschaft nach urchristlichem Vorbilde gefordert hatte,
wobei es jedem überlassen bleiben sollte, ob und wieviel er zum
Besten der Armen hergeben wollte. — Als Versuch, unter Beiseiteschiebung
der aus gegnerischen Federn geflossenen Darstellungen
quellenmäßig die eigentlich treibenden Kräfte aufzudecken, ist die
Schrift sehr zu begrüßen.

Zwickau i. S. O. C lernen.

Amrhein, Pfarrer Dr. August: Reformationsgeschichtliche Mitteilungen
aus dem Bistum Würzburg 1517—1573. Münster
i. W.: Aschendorffsche Vcrlagsbchh. 1923. (VIII, 188 S.) gr. 8°
= Reformationsgeschichtl. Studien u. Texte Heft 41 u. 42. Oz. 6.15.
Amrhein hat aus den Protokoll- oder Rezcßbüchern des Würzburger
Domkapitels exzerpiert, was sie enthalten über den Weihbischof Joh.
Pettendorfer, über Würzburger Domprediger 1517—1567, über Würzburger
Domherren — es handelt sich besonders um die Verhandlungen
mit Jakob Fuchs d. A. u. d. J., Friedrich Fischer u. Joh. Apel —, über
die Stellung des Domkapitels zu Ablässen 1515—1518 und zu den
Reformdekreten des Konzils von Trient, endlich über einzelne Pfarreien
. So ist eine reformationsgeschichtlich wertvolle Quellensammlung
zustandegekommen. Im übrigen vermißt man aber in diesem
Bande der „Reformationsgeschichtl. Studien u. Texte" zum ersten Male
die nachbessernde Hand des Begründers des Unternehmens, des verstorbenen
Joseph Greving. Die Literatur ist nicht genügend benutzt.
Z. B. ist gleich der Abschnitt über Pettendorfer (der am 25. Dez.
1525 als rechtgläubiger Katholik gestorben und in der Domkirche beerdigt
sein soll) zu korrigieren nach Beiträge z. bayer. Kg. 3,49—52;
6, 89—91. Ferner ist das Register mangelhaft (guter Montag doch
nicht a» blauer M., sondern M. vor Ostern!). Endlich läßt der Stil zu
wünschen übrig. Sollte über den Hofkaplan und Pfarrer Joh. Sil-
vanus S. 91 und 166 nicht mehr zu ermitteln sein? Die Zwickauer
Ratsschulbibl. besitzt in einem Sammclbande, der zuerst einem gewissen
Joh. Pontanus aus Haßfurt, dann dem Würzburger Jesuitenkolleg gehört
hat, eine gegen ihn von jenem Pontanus verfaßte, 1559 (und zwar
von Albert Groß in Rothenburg o. T.) gedruckte Dichtung: Dialogus,
in quo ecclesia seu sponsa Jesu Christi, primum sc ab hostibus verbi
Dci indigne premi ac lacerari conquesta, spei deinde dulcissimis verbis
consolatur, crigitur atque confirmatur.

Zwickau i. S. o. Giemen.

Bach, Adolf: Goethes Rheinreise mit Lavater und Basedow
im Sommer 1774. Dokumente. Mit 19 Vollbild. (Taf.) Zürich-
Verlag Seldwyla (K. Hönn) 1923. (238 S.) gr. 8° Oz. 9—.

Die Einleitung und die Anmerkungen des Bandes sind für die
Geistesgeschichte der Sturm- und Drangperiode nicht besonders ergiebig
, zumal sie nicht durchweg die neuesten Forschungen heranziehen
; um so willkommener ist die Zusammenstellung der Texte, die
freilich in der Abfolge der Reiseerlebnisse Goethes und der beiden
„Propheten" aus den verschiedensten Quellen ancinandergeklebt sind.
So wird Goethes Bericht in „Dichtung und Wahrheit" zerrissen
und durcheinander mit seinen Gedichten, mit zahlreichen Briefen
des Oeniekreises, mit Auszügen aus Lavaters u. a. Tagebüchern mitgeteilt
: wir werden also fortwährend aus einer späten, rückschauenden
Betrachtung in die unmittelbare Gegenwart der Ereignisse, aus einer
Stimmungslage in die andere hineingerissen; doch bleibt zuletzt ein
starker Eindruck von dem inneren Leben und den äußeren Beziehungen
Lavaters, Goethes und Jacobis und der Ihren zurück. Die Ausstattung
des Buches ist vortrefflich.

Hamburg. Robert Petsch.

Karoline von Günderode, Gesammelte Dichtungen. Herausgegeben
von Dr. Elisabeth Salomon. München: Drei Masken Verlag (492S)
8° Gz. 9-; Hlbld. 15-.

Karoline von Günderode, die unglückliche Geliebte Creuzers, ist
neben Hölderlins Diotima wohl die berühmteste und gewiß eine der
edelsten unter allen romantischen Frauen; nicht mit Unrecht fühlt sich
die Herausgeberin von ihren poetischen Selbstzeugnissen der geistigen