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Ausgabe:

1924

Spalte:

40-41

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Poschmann, Bernhard

Titel/Untertitel:

Kirchenbuße und correptio secreta bei Augustinus 1924

Rezensent:

Koch, Hugo

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bedürfnisse regelt und befriedigt — die Gliederung der
beiden ersten Gebiete scheint mir glücklicher als die
des letzten.

In allen drei Abschnitten kommt es dem Verf. nun vor allein auf
die „Anwendung" an. Ich lasse dahingestellt, ob seine Darstellung
der „orthodoxen", „liberalen" und „pietistischen" Verkündigung zutreffend
und ob die richtige Art der Verkündigung hinreichend und
überzeugend gezeichnet ist — auch wer nicht der Meinung ist, daß
die Verkündigung der Urgemeinde in ihrer ganzen Struktur für die
heutige Zeit vorbildlich sein kann, wird hier manchen fruchtbaren Oedanken
finden. Die wertvollsten Ausführungen betreffen die Verwirklichung
des urchristlichen Bekenntnisgedankens in der Gegenwart
. Schm. tritt mit warmen Worten für sein urchristliches Stamm-
bekenntnis „Herr ist Jesus" ein, und bei der relativ weitherzigen Auslegung
, die er wenigstens zulaßt, (denn ein „Jesuidealismus", die
Bereitschaft sich innerlich von Jesus bestimmen zu lassen, ist darin
eingeschlossen, so sehr diese Haltung für den Vf. doch nur ein Anfang
ist) kann man wünschen, daß recht Viele auch aus den dem Verf.
nahe stehenden Kreiselt auf diese Grundlage treten möchten. Ebenso
verdient die Forderung allen Beifall, daß die Verfassungsformen der
Volkskirche so gestaltet werden möchten, daß sie für die Entfaltung
eines intimeren Gemeinschaftslebens nach Art des urchristlichen innerhalb
der kirchlichen Organisation freie Bahn schaffe — gewiß will
der Verf. die freie Verwaltung der Gnadennlittel nicht nur den sog.
kirchentreuen Kreisen zugestehen, sondern auch freier gerichteten
Kreisen. Da die Schrift so ganz auf die brennenden Kirchenfragen
der Gegenwart eingestellt ist, will ich hier üher einzelne Punkte in der
Darstellung der neutestam. Gemeinden nicht streiten. Mir scheint der
Charakter der paulinischen Gemeinden und die Haltung des Paulus
nicht immer ganz richtig gezeichnet; das Totalhild würde ein anderes
geworden sein, wenn der Verf. auch die Sendschreiben der Offb. mit
veiwertet hätte.

Leiden. H. Windiscil.

Goodenough, Erwin R-, B. D„ D. Phil.: TheTheology of Justin

Martyr. Jena: Frommannsche Buchh. 1923. (IX. 320 S.) S"

Gz. 6 ; geb. 9 .

Drei Hauptprobleme stellt uns die Theologie Justins:
sein Anteil an dem christlichen Gemeindeglauben (1),
sein Verhältnis zu der vorausgegangenen christlichen
Lehrentwicklung (2) und das Mali seiner philosophischen
Bildung bzw. der Einfluß der Philosophie auf
sein Denken (3). Die mir vorliegende neue Schrift ist
vornehmlich aut das dritte Problem eingestellt und bedeutet
eine wesentliche Förderung desselben; aber die
Gesamtwürdigung würde befriedigender ausgefallen sein,
wenn der Verf. dem zu zweit genannten Gedankenkreis
noch größere Aufmerksamkeit gewidmet hätte. Es ist
eine einseitige Betrachtung, wenn man die Frage, ob J.
Philosoph war, lediglich abhängig macht von dem Umfang
philosophischer Schriften, die er gelesen, und von
dem Umfang richtig und vollständig reproduzierter
philosophischer Traditionen. Man muß ihn auch mit den
christlichen Theologen, die vor ihm gewesen, vergleichen
, und dann ergibt sich, daß bei ihm ein viel stärkerer
Einfluß philosophischer Ideen und Termini vorliegt als
je zuvor und daß er der erste christliche Theolog ist,
an dem wir nachweisen können, daß er philosophische
Schriften oder Kompendien gelesen und philosophische
Termini mit Bewußtsein in die christliche
Theologie übernommen hat. Auch ü. sucht mir den
„Philosophen" in J. noch zu sehr zu verkleinern. Jeden-
talls scheint mir der Beweis, daß die Erzählung von den
verschiedenen Schulen, die J. durchlaufen haben will
(Dial. 2) ohne biographischen Wert sei, nicht geglückt;
es spricht dagegen, daß sie ungleich persönlicher gehalten
ist, als die Stelle in Lucian's Menipp, womit
sie schon Helm verglichen hat, um ihren „konventionellen
" Charakter zu beweisen. Im Übrigen liegt der
Wert des Buches gerade in dem reichlichen Aufweis
philosophischer Traditionen bei J. und zwar vor allem
solcher Traditionen, die J. mit Philo gemeinsam hat. Die
These, daß der jüdische Hellenismus eine wichtige Voraussetzung
für J.'s Theologie ist, ist in gründlichster
Weise erwiesen und erläutert, und zwar vor allem für die
Lehre von Gott, vom Logos, von den Engeln, von der
Schöpfung und dem Menschen. Das Maß der Christianisierung
dieser Lehren wird nirgends übersehen und

namentlich gegen M. v. Engelhardt glücklich verteidigt.

So wird z. B. mit Recht betont, dal! J.'s Gott nicht der absolute
Gott der platonischen Philosophie ist, sondern der transzendente und
persönliche Züge verbindende Gott des hellenistischen Judentums, und
dal! J. die Transzendenz Oottes beton! im Klick auf die Offenbarung in
Christus. Größere Aufmerksamkeit hätte hier wohl der Erörterung
Dial. 12$ gewidmet werden können: die Logos- und Engellehre, auf
die J. hier verweist, und die er in dieser Form nur teilweise 'anerkennt,
ist wahrscheinlich bei jüdischen, nicht bei christlichen Hellenisten
zu suchen; dann haben wir hier einen ausdrücklichen Hinweis auf
hellenistische Lehrer (Philo und andere, die ihm nahestehen), die J.
gekannt haben muß. Auch die jüdischen ünostiker, die Philo in
de migr. Abrami bestreitet, hätten in ihrer Bedeutung für J. noch
stärker herausgestrichen werden müssen.

Wenn somit gezeigt wird, daß J.'s Philosophie hauptsächlich vom
jüdischen Hellenismus vermittelt ist, so fehlt doch auch die direkte
Konfrontierung J.'s mit den älteren und den zeitgenössischen Philosophen
nicht. Sehr gut ist in dem einleitenden Abschnitt üher die
„philosophische Umgebung" J.'s die besondere Hervorhebung des
Platonikers Albinus und seiner Logoslehre und Anthropologie (vgl. über
ihn auch Obcrweg-Prächter I 553 ff.).

Für die Umsicht, mit der G. gearbeitet hat, zeugt auch, daß er
auch dem palästinischen Judentum einen Einfluß auf J.'s Denken zuweist
. In der Skizze S. 33 ff. hätte freilich auch auf die Konsolidierung
und Umbildung, die das Judentum nach 70 erfahren hat, hingewiesen
werden müssen. Über die Frage, ob J.'s Lehren mehr hellenistisch oder
mehr palästinisch von Art seien, wird man verschieden denken können.
G. weist /. B. richtig darauf hin, daß die Willensfreiheit schon im
vorhcllcnistischcn Judentum und Christentum gelehrt sei (229f.); dein
steht entgegen, daß die Formulierungen J.'s durchaus griechisch sind
(vgl. vor allem das große platonische Leitmotiv (drin ihiiiivnv xtL).
Nicht ganz zureichend ist die Erörterung üher J.'s Lehre von der
fitttivota, in der sich jüdisch-hellenistische und christliche Elemente
mischen (204 f.), s. Hl. Buch: Taufe und Sünde 387 ff. Zu J.'s
Lehre vom Abendmahl ist jetzt noch G. P. Wetter, Altchristliche Liturgien
I 142 ff. zu vergleichen.

Wenn G. gegen Engelhardt die Heilslehre J.'s verteidigt
, unter Berufung auf Judentum und synoptische
Tradition (S. 26°), so ist hier ein Problem angedeutet,
das wohl noch tiefer hätte behandelt werden können,
nämlich die Beziehung J.'s zu den verschiedenen und
oft auseinan derstreben den Richtungen des neutest.
Christentums. Namentlich für die Weise wie J. den
jüdischen Nomismus überwindet, wäre eine solche Betrachtung
sehr fruchtbar gewesen; beachte wie von paulin.
Gedankengängen nur die von Köm. 2 für J. in Betracht
kommen. Daß wenig Mystisches in den Schriften J.'s
vorkommt, will G. mit dem apologetischen und exote-
rischen Charakter der uns erhaltenen Schriften erklären
(S. 277); mir scheint diese Auffassung nicht begründet.
J. war seiner Anlage und Bildung nach im wesentlichen
Moralist und Rationalist; als solcher hat er vor allem
die rationalen und moralistischen Elemente der hellenistisch
-christlichen Tradition entwickelt 'm übrigen wollte
er Katholik sein und ist er als solcher Traditionalist, was
G. richtig betont.

In dem mehr zur Einleitung gehörigen Abschnitt über die
Schriften J.'s verwirft J. die Hypothese, daß Ap. II ein Appendix zu
I sei (eher Fragment einer selbständigen Apologie) und gibt er auch
dem Dialog eine Bestimmung auf die Heiden; der Beweis, daß letzterer
keine Bestreitung des Judentunis darstelle, scheint mir indes sehr
künstlich (S. Wf.). Die vortreffliche Analyse der Schriften J.'s bei
Bousset, Jüdisch-christlicher Schulbetrieb in Alex, und Rom (1915)
S. 282ff. (durch die auch J. Oeffcken's Kritik in Zwei Apologeten
überholt ist) scheint dem Vf. nicht bekannt gewesen zu sein. «

Sehr dankenswert ist die umfassende Bibliographie (488 Nrn.!).
Obersehen ist die holländische Obersetzung von H. U. Meyboom
(Oudchristelijkc geschritten in Nederlandsehe Vertaling V 1908 p.
72—205 und XXV 1917) Leiden; weiter A. Hauck, Apologetik in der
alten Kirche, Leipzig 1918; W. Bousset, Kyros Christos »304 ff. (?).
S. 13 '3. 5 1. Horten; S. 96 «3. 5 1. 1920 (f. 1950). Ein (ausführlicher
) Sacliindex wäre sehr erwünscht gewesen.

Leiden. HeWindisch.

Poschmann, Prof. Dr. Bernhard: Kirchenbuße und correptio
secreta bei Augustinus. Brannsberg: Frmländische Zeitungsund
Verlagsdruckerei (85 S.) 8°.

In dem zwischen den beiden katholischen Dogmatikern
Adam in Tübingen und Poschmann in
Brannsberg schwebenden Streit (vgl. darüber Scheel
in dieser Ztg. 1922, 131 u. 220 f.) handelt es sich da-