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Ausgabe:

1924

Spalte:

516

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Pastor, Ludwig Frhr. von

Titel/Untertitel:

Charakterbilder katholischer Reformatoren des XVI. Jahrhunderts. Ignatius von Loyola, Teresa de Jesus, Filippo Neri, Carlo Borromeo 1924

Rezensent:

Seeberg, Erich

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515

i heologische Literaturzeitung 1924 Nr. 23/24.

516

heit letztlich auf die antike Unterscheidung einer begrifflichen
und wahren Weltanschauung der Philosophen
und einer bildhaften, teilweise unwahren, aber praktisch
wertvollen und daher als Fiktion zu erhaltenden
Weltanschauung des gemeinen Volkes zurückgeht, und
daß diese Unterscheidung nicht bloß in der arabischen,
sondern auch in der christlich-patristischen und -mittelalterlichen
Philosophie fortlebte." Zum Erweis führt
er uns die Gedanken des Averroes und Avicennas vor,
gibt einige Stichproben aus Aristoteles, Plato, der Stoa
und dem Neuplatonismus und einen Längsschnitt von
Philo über die Apologeten und Origenes bis Erigena,
um daran einige Bemerkungen über die Dialektiker und
Antidialektiker der Frühscholastik anzuschließen. Ich
kann nicht finden, daß diese Linien richtig gezogen
sind, glaube vielmehr, daß B. zwei ganz verschiedene
Dinge mit einander vermischt. Freilich kennt schon
die Antike den Gegensatz zwischen der Religion des
Philosophen und der des Volkes, und richtig ist natürlich
, daß er auch im System des Origenes wiederkehrt
(S. 56). Aber ich bezweifle schon, daß Origenes hier
von einer „doppelten Religion" geredet haben würde,
geschweige von einer doppelten Wahrheit. Es handelt
sich überall um die gleiche Wahrheit, nur daß sie
nicht in gleichem Gewände erscheint; selbst von einem
„Gegensatz" kann man nur beziehungsweise reden. Anders
die Averroisten. Ihre Auffassung wird in dem
Schreiben Tempiers (1277) richtig gekennzeichnet, wenn
es heißt: dicunt enim ea (nämlich die von den Averroisten
vorgetragenen Lehren) esse vera secundum philosophiam,
sed non secundum fidem catholicam, quasi sint duae
contrariae veritates. Diese Lehre ist aus der Zwangslage
erwachsen, in die sich freidenkende Geister im
Laute des 13. Jahrhunderts versetzt fanden angesichts der
Unmöglichkeit, das Joch des kirchlichen Dogmas ohne
Gefahr für Leib und Leben abzuschütteln. Es handelt
sich um eine doppelte Buchführung, für die der me-
phistofelische Grundsatz: das Beste, was du wissen
kannst usw., maßgebend gewesen sein mag. Origenes
würde sich davor bekreuzigt haben, ich meine sogar
der gläubige Averroes, so wenig ich natürlich die Anknüpfungspunkte
verkennen möchte, die der Averroismus
— daher der Name — in seiner Philosophie gefunden
hat.

Unter den Büchern, die Betzen dörfer vor seiner
Arbeit als von ihm benutzt angibt, vermisse ich Reuters
Geschichte der religiösen Aufklärung im Mittelalter.
Das ist sicher kein Zufall, sondern ein Zeichen, daß
dieses bedeutende Buch allmählich in Vergessenheit zu
geraten Gefahr läuft. Ich glaube B. keinen besseren
Dienst tun zu können, als daß ich ihn bitte, Reuters
Darstellung der Entwicklung im 12. und 13. Jahrhundert
unbefangen auf sich wirken zu lassen; sie ist in
den wesentlichen Grundzügen von keinem Späteren erreicht
oder gar übertroffen worden. Durch Reuter wäre
B. auch auf Ibn Tofail (f 1185) hingewiesen worden
, der den Unterschied der esoterischen und exote-
rischen Betrachtungsweise — das ist natürlich keine
doppelte Wahrheit, sonst wären wir alle in gleicher
Verdammnis — besonders klar empfunden hat.

Gießen. O. Krüger.

Löffler, Klemens: Die Wiedertäufer zu Münster 1534/35.

Berichte, Aussagen u. Aktenstücke v. Augenzeugen u. Zeitgenossen
. Mit 4 Taf. u. 5 Abb. Ausgew. u. übers. 1.—3. Tsd.
Jena: E. Diederichs 1023. (271 S.) 8°. = Das alte Reich.

Gm. 7—; geb. 8.50; Hldr. 11—.

Klemens Löffler legt ein Quellenbuch zur Geschichte
des Täuferreiches in Münster vor, dem Leser so einen
Einblick in diese eigenartige Ideenwelt und christliche
Vergesellschaftung ermöglichend; außer einer ganz kurzen
Einleitung und knappen Verbindungsstücken zwischen
den Quellenstücken da wo es nötig ist, wurde auf
Erläuterung verzichtet, die Geschichte soll in ihren
Zeugen selbst reden. Natürlich kommt an erster Stelle
Kerssenbroch zum Wort, der nach der kritischen Ausgabe
von Detmer neu übersetzt wurde, da die alte
deutsche Übersetzung fehlerhaft ist. Daneben sind Heinrich
Gresbeck, dessen Niederdeutsch umgeformt werden
mußte, und von Cornelius und Niesert mitgeteilte Dokumente
herangezogen worden. Als neu erhalten wir
einige bisher ungedruckte Protokolle, z. B. die wertvollen
Geständnisse des Dieners des Malers Ludger to
Ring (S. 188 ff.), oder die Relation eines westfälischen
Edelmanns, so kurz verschiener Zeit in Münster gewesen
(S. 209 ff.), und das Bekenntnis des Sybbeken
Frese (S. 211), auf die die wissenschaftliche Forschung
aufmerksam gemacht sei. Die Gruppierung ist sehr geschickt
, ein anschauliches Bild wird erzielt.

Die Verlagsbuchhandlung hat dem Werke eine Binde
umgehängt, auf der zu lesen steht: „ein Spiegel unserer
Zeit! Schon einmal erlebte Deutschland eine religiös-
kommunistische Bewegung". Den Zeitspiegel lasse ich
gelten, nur in anderer Beziehung als Eugen Diederichs.
In der modernen kommunistischen Bewegung ist das
religiöse Moment, wo es sich überhaupt findet, ein
äußerst verdünntes Ingredienz, in Münster ist es schlecht-
' hin Alles. Das bestätigt die Lektüre des Buches auf
Schritt und Tritt, auch bei Vielweiberei u. dgl., nicht zuletzt
auch die Standhaftigkeit, mit der Johann v. Leiden
den qualvollsten Tod erduldete. Antonius Corvinus
schreibt dazu: „es ist gewiß, daß der Satan denen, die
er in seinen Schlingen verstrickt hält, Kraft und Standhaftigkeit
zu geben pflegt" — so urteilte eine Zeit, die
in solchen Fällen nur mit negativen Vorzeichen arbeiten
konnte, wo eine starke religiöse Positivität, wenn auch
eine ungesunde, vorlag. Nein, ich sehe den Zeitspiegel
in einem doppelten: 1. in der verabscheuenswerten
Furchtbarkeit der Blockade, deren Grausamkeit geradezu
grauenvoll zutage tritt, und doch kaum schrecklicher
als während — und nach dem Weltkriege. „Wie ich sie
dann gesehen habe, die Weiber, Männer und Kinder,
die sahen alle so weiß aus unter den Augen wie ein
gewaschenes Tuch, und die Leiber sind ihnen aufgeschwollen
, sie haben große Bäuche und Beine" (S. 266),
2. in dem Verhängnisvollen einer von der Geschichte
sich ablösenden Theologie des Unmittelbaren; denn die
haben wir in Münster vor uns. Das mag zu dem Gedanken
herüberleiten, die theologische Gedankenwelt
dieser Täufer einmal genauer zu untersuchen. Die Soziologie
, über die v. Schubert und H. Ritsehl uns unterrichteten
, tut es nicht allein. Gedanken Luthers, Zwingiis
u. a. tauchen auf, und die These, die ich s. Z. Schrenk an
die Hand gab von der Bedeutsamkeit des Täufertums
für die Bundesvorstellung, findet erneute Bestätigung, so
gewiß der Begriff „Bund" sehr Verschiedenes bei den
Münsterschen Täufern bedeutet. Das bedürfte einer eingehenden
Untersuchung, die lohnen würde.
Zürich. W. Köhler.

Pastor, Ludwig Frhr. von: Charakterbilder katholischer
Reformatoren des XVI. Jahrhunderts. Ignatius von Loyola,
Teresa de Jesus, Filippo Neri, Carlo Borromeo. Mit e. Gcdcnkw.
zum 70. Geburtstag d. Verf. u. 5 Bildern. Freiburg: Herder 8i Co.
1024. (VII, 167 S.) gr. 8°. Om. 4.70.

Das Büchlein bringt keine originalen Aufsätze Pastors, sondern
es ist eine Zusammenstellung der betreffenden Abschnitte aus seiner
„Geschichte der Päpste", die zu seinem 70. Geburtstag vorgenommen
worden ist, und mit der ein Verzeichnis der Schriften Pastors, eine
biographische Skizze aus der Feder Max Schermanns und das
Facsimile einer Widmung Pius XI. verhunden ist. Eine Würdigung
der Aufsätze kann füglich unterbleiben, da ihnen das Abgerundete
selbständiger Arbeiten schließlich doch fehlt — man lese etwa die
Charakteristik der h. Theresa — und da die Vorzüge und Mängel der
P. Werke an diesen selbst, nicht an einer Epitome, aufgezeigt werden
müßten.

Breslau. E. Seeberg.

Cardauns, Ludwig: Von Nizza bis Crepy. Europäische Politik
in den Jahren 1534 bis 1544. Rom: W. Regenberg 1023. (XVI,
370 S.) gr. 8°. = Bibliothek d. Preuß. Histor. Instituts in Rom.
Bd. XV. Gm. 10—.

Einen Einblick in den Inhalt des Buches, das keine

fortlaufende Darstellung, sondern einzelne, innerlich frei-