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Ausgabe:

1924 Nr. 2

Spalte:

511-513

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Hammer-Jensen, Ingeborg

Titel/Untertitel:

Die älteste Alchemie 1924

Rezensent:

Peterson, Erik

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Theologische Literaturzeitung 1924 Nr. 23/24.

512

Hammer-Jensen, Ingeborg: Die älteste Alchemie. = Danske
Videnskabernes Selskab. Historisk-Filologiske Meddelelser IV, 2.
Kopenhagen: A. Host & Son 1921. (159 S.) 8°.

Das Korpus griechisch alchemistischer Schriften, das
Berthelot herausgegeben hat, hinterläßt bei der Lektüre
den Eindruck einer unüberwindbaren Verwirrung. Ganz
abgesehen davon, daß Berthelot der philologischen Aufgabe
bei der Edition sich nicht gewachsen zeigte, ist
das, was an Resten aus der älteren alchemistischen
Literatur vorliegt, z. TL nur so fragmentarisch oder überarbeitet
(von alexandrinischen oder byzantinischen Gelehrten
) vorhanden, daß es vielleicht nie möglich sein
wird, über die vorbyzantinischen alchemistischen Schriftsteller
anders als in Form von Vermutungen zu reden.
Dazu kommt dann weiter die dunkle in Bildern und
Allegorien schwelgende Sprache der Alchemisten, die
ein sachliches Verständnis erschwert und nicht selten
unmöglich macht. In der Schrift von Hammer Jensen
wird versucht auf dem Wege der inneren Kritik die ältere
Alchemie entwicklungsgeschichtlich darzustellen. Das
Hauptgewicht fällt dabei auf die vorbyzantinische Zeit,
denn die Linie von Olympiodor bis Stephanos und die
byzantinischen Dichter der Alchemie bietet ein sehr viel
geringeres Interesse. Hammer Jensen bemerkt S. 5, wie
mir scheint mit Recht, daß sich beim Durchblättern des
alchemistischen Korpus die &voixa xat Mvotlaü des
Demokrit als das eigentliche Kernstück der Sammlung
präsentieren. Trotzdem gibt die Verfasserin nun nicht
dem ersten Eindruck nach, denn sie bemerkt — auch
dies, wie mir scheint, wieder mit vollem Recht — daß die
Demokritfragmente teils in Rezeptform, teils in Lehrform
vorliegen. Sie folgert daraus, daß die Demokritfragmente
eine ältere alchemistische Literatur voraussetzen
, aber dieser Schluß scheint mir nicht zwingend
zu sein. Ich halte es für bedauerlich, daß die Verfasserin
nicht von den Demokrit-Schriften ausgegangen ist und
diese analysiert und in ihre Bestandteile zerlegt hat, denn
ich meine, ihr erster Eindruck ist der richtige gewesen.
Stattdessen hat Hammer Jensen im 1. cap., das von den
Allegorischen Schriften handelt, zunächst den Komarius-
Kleopatra Dialog behandelt. Über diesen Dialog hatte
Reitzenstein zwei Jahre früher in den Nachr. Gött. Ges.
der W. Philol. Histor. Kl.l 919 S.l sq. gehandelt, was die
Verfasserin übersehen hat. Da Reitzenstein a. a.W. und in
der 2. Aufig. seines Buches über die Hellenist. Mysterienreligionen
aus seiner Auffassung des Komarios
Dialogs zu weitreichenden religionsgeschichtlichen Konsequenzen
fortgeschritten ist, so muß ich hier kurz darauf
eingehen. Reitzenstein hat a. a. O. S. 6 wahrscheinlich
gemacht, daß Theodoras der Verfasser der großen
alchemist. Anthologie ist, auf die im wesentlichen unsere
Kenntnis der griechisch alchemist. Literatur zurückgeht,
aber die Behauptung, es wären hier noch drei ältere Anthologien
verwebt (Heraclius, Justinian und Kleopatra
Sammlung) scheint mir nur in Bezug auf Heraclius
wahrscheinlich, während sich für die beiden andern
der Beweis m. E. aus den vorliegenden Quellen nicht erbringen
läßt und von Reitzenstein auch nicht erbracht
ist. Reitzenstein sagt, Heraclius, Justinian und Kleopatra
waren Herrscher, die sich über die Alchemie äußern,
aber Heraclius hat wohl tatsächlich über Alchemie geschrieben
, dem Justinian sind alchemistische Schriften
untergeschoben worden, Kleopatra ist aber in dieser
Literatur gar keine historische, sondern eine mythische
Größe, man hätte ebenso gut Moses oder Salomon
dafür wählen können. Dazu kommt, daß im Inhaltsverzeichnis
des Marcianus xopiiQiog oder die ipih'jootpoi
die eigentlichen Träger der dtukeBtg sind, während
Kleopatra nur Staffagefigur ist. Sie wird daher auch
nur durch das Beiwort oorpij charakterisiert, nur in der
Liste der Goldmacher (Berthelot: Texte S. 25, 11) erscheint
sie als Gattin des Ptolemaios. Reitzenstein hat
nun aus der Tatsache, daß xoftägios das aramäische
Wort für Priester ist, weitgehende Folgerungen gezogen.
Er redet S. 21 davon, daß ein aramäischer alchemistischer
Text nach Alexandrien gekommen und dort ins
Griechische übersetzt und bearbeitet worden sei; es
scheint mir aber kühn, daß ein einzelnes aramäisches
Wort zu solchen Folgerungen Anlaß gibt. Reitzenstein
wird freilich sagen, nicht dies Wort allein, sondern auch
die inhaltliche Verwandtschaft mit mandäisch manichä-
ischen Texten lege das nahe, aber damit wird zur Voraussetzung
gemacht, was noch erst bewiesen werden soll.
Mit andern Worten, ich glaube nicht, daß Reitzenstein
den Beweis erbracht hat, daß wir in der Komarios
Schrift eine im wesentlichen heidnische Schrift aus dem
iranisch chaldäischen Religionskreis vor uns haben. Zunächst
ist mir weder sicher, daß das Anfangsstück
(Reitzenstein a. a. O. S. 14 f. Z. 1—23) von Kleopatra
gesprochen wird, noch daß es zu dem eigentlichen
Komarios Dialog gehört, denn der Anfang, über die
Schwierigkeit der alchemist. Terminologie handelnd,
sieht eher wie ein ganz spätes Stück alchemistischer
Literatur aus. Für den Schluß S. 19 Z. 165—195
nimmt auch Reitzenstein christliche Überarbeitung an.
Das Mittelstück aber kann recht wohl auch christliche
Terminologie verraten. S. 16, 67 f. wird gesagt, daß die
Toten aus dem Grab wie aus dem Mutterleib hervorgehen
. Das ist ein in der christlichen Literatur von
Syrien geläufiges Bild. Ich verweise auf Braun: Moses
Bar Kepha S. 145 f. und Ephraem. Carmina Nisibena
ed. Bickell. 65. 71. 73. Auch das (päQfxaxov Cwfjg ist in
Syrien häufig, wie sich aus Aphrahat und Ephraem, von
Ignatius zu schweigen, zeigen ließe. Und weisen endlich
nicht auch die väuru evkopjfiiva auf das Taufwasser
zurück? Der Zusammenhang von Taufe und
Eschatologie (Hadesfahrt) ist vielleicht nirgends so
stark, wie grade in Syrien empfunden worden, darauf
haben die englischen Erklärer der Oden Salomos aufmerksam
gemacht, und aus dieser Symbolik verstehe ich
das Komarios Fragment, das die Spekulation, die sich
sonst an die piscina knüpft, auf den alchemistischen
Destillierapparat überträgt. Es wird stets Reitzenstein's
Verdienst bleiben, daß er die syrische Herkunft des
Komarios Fragments erkannt hat, man sieht sofort,
welch einen Fortschritt das bedeutet, wenn Hammer
Jensen im Unterschied von Reitzenstein den Versuch
macht (S. 7) die Monadenlehre, die sie doch erst durch
Textverbesserung aus einem garnicht ursprünglich zum
Komarios Fragment gehörigen Stück (bei Berthelot S.
290, 14) gewonnen hat, als charakteristisch für das
Komarios Fragment hinzustellen. Im weiteren Verlauf
ihrer Ausführungen kommt Hammer Jensen dann auf ihre
These zu sprechen, daß die älteste Alchemie in den
Kreisen der Gnosis entstanden sei. Wie mir scheint, hat
sie ihre These aber nicht bewiesen. Dafür wäre es
nötig nachzuweisen, daß irgendwo den Gnostikern diese
Tätigkeit zugeschrieben würde, aber wo geschieht das?
Bei Hammer Jensen ist viel von judenchristlicher Gnosis
die Rede, aber die Verfasserin versteht unter judenchristlich
meist etwas anderes, als was wir in der Kirchengeschichte
so nennen. Jüdische Geheimliteratur in
christlicher Bearbeitung ist für sie judenchristlich. Man
wird Hammer Jensen darin vielleicht Recht geben, daß
jüdische Gnostiker an der alchemistischen Literatur ihren
Anteil gehabt haben. Das Fragment bei Berthelot S. 213
scheint mir sicher jüdisch zu sein. Für seinen Zusammenhang
mit der Gnosis mache ich auf den Ausdruck
dßuallevrog avTwv f) yeved Berthelot S. 213,13 f.
aufmerksam, der seine Parallele bei den Naassenern hat:
j dßaailevrog yeveä Hippolyt Refest. 89, 122 vgl.
aßaailevrog vom Aion Jerusalem im Unbekannt, alt-
gnost. Werk. Schmidt S. 352,11. — In c. 2 behandelt
Hammer Jensen dann die Schriften mit Symbolen. Es
handelt sich um die Moses, Maria, Hermes, Agatho-
daimon usw. Fragmente. S. 74 kommt die Verfasserin
auf den Brief der Isis an Horus zu sprechen, über den
Reitzenstein einst im Poimandres gehandelt hat. Ich
möchte bei dieser Gelegenheit vorschlagen, statt des
sonst nie vorkommenden Engelnamens Apvarj/. das viel